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Sunset Beach! ~~~

Die deutsche Seite rund um die beliebte US-Soap!

Freitag, 18. Oktober 2019

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Schatten der Vergangenheit
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Titel: Schatten der Vergangenheit

Autor: Mona


Veröffentlicht: : 2003-2007 (als Websoap unter dem Namen "Radio Sunset")


Inhalt: Die FF basiert auf der US Serie "Sunset Beach", die von 1997-1999 im US TV lief. Teilweise sind die Charaktere aber auch frei erfunden und kamen in der Serie niemals vor.

Status: abgeschlossen!

Disclaimer:

Die Rechte an den Original-Charakteren der Serie Sunset Beach liegen bei Aaron Spelling Productions Inc. Die Rechte an allen weiteren Charakteren sowie der aktuellen Storyline liegt bei mir. Ich hege mit dieser Serie keinerlei kommerzielle Absichten, sie dient allein dem Vergnügen der Fans.






Die Charaktere:


Carmen Torres (47) ... ist die Mutter von Ricardo, Antonio und Maria. Sie ist in Sunset Beach als "Hexe" verschrieen, weil sie behauptet, in die Zukunft schauen zu können und im Ort einen kleinen Laden unterhält, der sich mit Okkultismus und Magie beschäftigt. Als ihr ältester Sohn Ricardo die junge Fotografin Gabi kennenlernt und sich in sie verliebt, versucht Carmen alles, um die beiden wieder auseinander zu bringen. Die Ankunft von Raquel Mendez, der Tochter ihrer einst besten Freundin, kommt ihr dabei sehr gelegen ...

Antonio Torres (23) ... ist der jüngste Sohn von Carmen Torres. Er studiert Theologie in Los Angeles und möchte später einmal Priester werden. Als er die Freundin seines Bruders kennenlernt, ist es Liebe auf den ersten Blick für ihn, und er schwankt daraufhin zwischen Liebe und Berufung ...

Raquel Mendez (20) ... ist eine junge Mexikanerin, die nach dem Tod ihrer Eltern ihre Heimat verlässt, um in Sunset Beach ein neues Leben zu beginnen. Obwohl sie sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst ist, sehnt sie sich im Inneren nach der wahren Liebe ...

Clayton Crosby (28 ... ist Raquels Ex-Freund. Er liebt Raquel nach wie vor und konnte die Trennung von ihr nie verwinden. Als er erfährt, dass sie das Land verlassen will, folgt er ihr heimlich nach Sunset Beach, ohne zu ahnen, dass er damit böse Geister heraufbeschwört ...

Gabriella Martinez (22) ... arbeitet beim "Sentinel" als Fotografin und lernt während der Arbeit den Polizisten Ricardo Torres kennen. Als sie sich in ihn verliebt ahnt sie nicht, welches Opfer sie für diese Liebe bringen muss ...

Cecilia Martinez (24) ... ist Gabis ältere Schwester. Sie arbeitet als Kellnerin im "Deep" und würde alles dafür tun, zu der High Society von Sunset Beach zu gehören ....

Ricardo Torres (27) ... ist der ällteste Sohn von Carmen Torres und Detektive beim SBPD. Er ist in Sunset Beach als Playboy bekannt, weil er keiner schönen Frau widerstehen kann. Erst als er Gabi kennenlernt und sich in sie verliebt, ist er bereit, sein Leben zu ändern. Doch wird er ihr treu bleiben können? ...

Denise Michaels (21) ... Cecilias beste Freundin aus Kanada. Als Cecilia zurück nach Sunset Beach geht, folgt Denise ihr und stiftet dort allerlei Verwirrung...

Kelly Montgomery (25) ... die junge Medizinstudentin freundet sich mit Raquel an, ohne zu ahnen, dass ihr Leben dadurch eine totale Wende nimmt ...






"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF


Dieser Beitrag wurde 14 mal editiert, zuletzt von Mona am 11.05.2017 - 17:52.
Beitrag vom 31.12.2014 - 15:36
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Kapitel 1



Sunset Beach Police Department

Ricardo Torres saß an seinem Schreibtisch im Sunset Beach Police Departement, als das Telefon schellte. Als er abnahm hörte er eine aufgeregte Männerstimme.

"Kommen Sie schnell! Auf dem Dach des Hochhauses an der Central Station steht eine junge Frau. Es sieht ganz so aus, als ob sie runterspringen wollte."

"Nun beruhigen Sie sich erst einmal," sagte Ricardo ruhig. "Wo genau sagten Sie befindet sich das Hochhaus?"

Während der Mann ihm weitere Informationen gab, kritzelte Ricardo die Adresse auf einen Notizblock.

"In Ordnung, wir werden gleich dort sein," versprach er und legte auf. "Ruiz!" rief er seinem Kollegen zu. "Wir haben einen Einsatz an der Central Station."

Die beiden Polizisten verließen eilig das Polizeirevier und stiegen in ihren Streifenwagen. Ricardo setzte das Martinshorn aufs Dach, und mit Blaulicht rasten sie los.

Central Station

Unterhalb des Hochhauses hatte sich bereits eine Gruppe Schaulustiger eingefunden, die alle nach oben starrten und darauf warteten, was als nächstes passieren würde. Ricardo sprang aus dem Einsatzfahrzeug und gab Ruiz Anweisung, zur Verstärkung die Feuerwehr zu rufen. Er schaute nach oben. In schwindelerregender Höhe saß ein junges Mädchen auf der Dachumrandung des Hochhauses. Ihre Beine baumelten über dem Abgrund, und Ricardo hielt für einen Moment den Atem an. Solche Einsätze erforderten ein besonderes Maß an Fingerspitzengefühl, etwas, was ihm so gar nicht lag. Er ging zurück zum Wagen.

"Ruiz, Du hältst hier die Stellung! Ich gehe jetzt nach oben und rede mit ihr," gab Ricardo Anweisung. So ganz wohl war ihm bei der Sache nicht, aber er hatte keine andere Wahl, als dort hochzugehen, um das junge Mädchen davon abzubringen, eine Dummheit zu tun.

Zweifelnd sah der junge Polizist Ricardo an. "Meinst Du nicht, es wäre besser, wenn wir eine Polizistin rufen würden, die eine zusätzliche psychologische Ausbildung hat?" fragte er.

Ricardo schüttelte den Kopf. "Wir können nicht länger warten," sagte er bestimmt. Er schaute wieder nach oben, wo das Mädchen immer noch auf der Dachkante hockte. "Ich fürchte wirklich, dass sie bald springen wird", seufzte er.

"Soweit muss es ja nicht kommen!" hörte er plötzlich eine weibliche Stimme hinter sich. Er drehte sich um und sah sich einer jungen Frau gegenüber, deren Gesicht mit einer Sonnenbrille bedeckt waren.

"Wer sind Sie?" fragte er unwirsch.

Die junge Frau hielt die Kamera hoch, die um ihren Hals hing. "Ich bin Presse-Fotografin beim "Sentinel"," antwortete sie.

Ricardo sah sie missbilligend an. "Immer auf der Suche nach einer guten Story, was?" meinte er sarkastisch. "Hören Sie Miss ..."

"Martinez ... Gabriella Martinez," stellte sie sich vor, während sie langsam ihre Sonnenbrille abnahm. Sie streckte Ricardo ihre Hand entgegen, zog sie jedoch wieder zurück, als er sie scharf ansah.

"Ich kann mir schon denken, weshalb Sie hier sind", sagte Ricardo und verzog säuerlich das Gesicht. "Ihr Pressefritzen seid doch alle gleich!" stieß er verächtlich hervor.

Der Blick, der ihn dann traf war eine Mischung aus Empörung und Fassungslosigkeit.

"Sie irren sich, wenn Sie glauben, dass es mir nur um Fotos für eine gute Story geht!" verteidigte sie sich. "Ich habe vorhin zufällig Ihr Gespräch mit angehört", erklärte sie. "Und da dachte ich, dass ich vielleicht helfen könnte."

Ricardo sah Miss Martinez stirnrunzelnd an.

"Sie wollen helfen?" fragte er überrascht. Ich glaube, ich verstehe nicht, was Sie meinen."

"Ich habe, bevor ich zum "Sentinel" kam, einige Semester Psychologie studiert," erklärte sie. Sie hob den Kopf und sah nach oben. "Vielleicht kann ich mit ihr reden", schlug sie vor.

"Und nur weil Sie Hobby-Psychologin sind denken Sie, dass sie eine Lebensmüde davon abbringen können, sich umzubringen?" fragte Ricardo spöttisch.

"Es tut mir leid, dass ich mich Ihnen aufgedrängt habe!" sagte sie kühl, und an dem Funkeln in ihren braunen Augen konnte Ricardo erkennen, dass sie wütend war. "Es war wohl eine blöde Idee von mir." Sie drehte sich um, um zu gehen, als Ricardo sie aufhielt.

"Warten Sie!" Während sie sich langsam umdrehte, sah er sie entschuldigend an. "Wenn Sie der festen Überzeugung sind, dass Sie qualifiziert genug sind, um diese Aufgabe zu bewältigen, sollten wir es versuchen."

"Sicher bin ich qualifizierter als Sie!" entgegnete sie schnippisch.

Ricardo sah sie verblüfft an. Er erinnerte sich, dass sie dem Gespräch mit Ruiz gelauscht hatte und verkniff sich eine Antwort. Stattdessen fühlte er direkt Erleichterung, dass er nun Unterstützung in dieser Sache bekam.

Das Torres Anwesen

Carmen Torres saß auf der Terrasse ihres Hauses und schaute gedankenverloren in die Ferne. Nachdem ihr Mann vor drei Jahren ganz plötzlich an Herzversagen gestorben war und kurze Zeit später ihre Tochter Maria Sunset Beach verließ, fühlte sie sich in dem großen Haus sehr einsam. Einzig ihr ältester Sohn Ricardo bewohnte noch eines der acht Zimmer. Ihr jüngster Sohn Antonio studierte Theologie in Los Angeles und hatte es vorgezogen, im Studentenwohnheim zu leben. Carmen hatte es nie verstanden, wie ein Kind aus reichem Hause es überhaupt in Erwägung ziehen konnte, in eins dieser primitiven Studentenheime zu ziehen, aber Antonio hatte ihr auf ihren Vorwurf hin geantwortet, dass Bescheidenheit das erste wäre, was die jungen Theologiestudenten lernen würden. Carmen schaute zum Strand hinüber, wo drei Kinder mit einem Ball spielten. Schmerzliche Erinnerungen wurden dabei wach. Sie hatte alles verloren, was ihr lieb und teuer gewesen war, ihren Mann, ihre geliebte Tochter, die nun Tausende von Meilen von ihr entfernt lebte, und nun würde sie auch noch Antonio an die Kirche verlieren und somit auch die Hoffnung auf Enkelkinder! Sollte Maria eines Tages einmal Kinder haben, würden diese in London aufwachsen. Wie sehr hatte Carmen gehofft, dass Maria den Nachtclubbesitzer Ben Evans heiraten würde, doch diese Hoffnung wurde zerstört, als Maria den englischen Bankierssohn Ross Cooper kennen lernte und sich in ihn verliebte. Sie hatte ihre Verlobung mit Ben gelöst und war mit Ross nach England gegangen, wo die beiden nur wenige Monate später heirateten. Seufzend drehte Carmen den Brief in ihren Händen, den das Dienstmädchen vor wenigen Minuten gebracht hatte. Ihre Gedanken waren jedoch ganz woanders. Ricardo hatte damals besonders darunter gelitten, als seine zwei Jahre jüngere Schwester Sunset Beach verließ. Er und Maria hatten ein ganz besonders inniges Verhältnis zueinander gehabt, und Ricardo war noch heute davon überzeugt, dass Ben Evans nicht ganz unschuldig an der Trennung gewesen war. Carmens Blick fiel auf ein eingerahmtes Bild auf ihrem Schreibtisch. Es zeigte ihre drei Kinder, als sie noch glücklich und vereint waren. Eine Sorgenfalte erschien auf ihrer Stirn, während sie über ihren Ãltesten nachdachte. Wieso nur konnte Ricardo sich nicht endlich eine standesgemäße Frau suchen und sesshaft werden? Er war bereits 27 Jahre alt und sicher nicht zu jung, um zu heiraten, wie er immer behauptete. Doch jede Frau, die Carmen ihm vorgestellt hatte, und es waren nicht gerade wenig gewesen in den letzten drei Jahren, war entweder nicht nach seinem Geschmack oder es gab sonst irgendetwas an ihr auszusetzen. Mit einem Ruck riss Carmen das Briefkuvert auseinander und ein Foto fiel dabei heraus. Es zeigte eine junge Frau mit langem, kastanienrotem Haar. Sie trug ein rotes Abendkleid, das einen reizvollen Kontrast zu ihren katzenartigen, grünen Augen bildete. Carmen runzelte die Stirn. Sie konnte sich nicht erinnern, die junge Frau schon jemals gesehen zu haben. Neugierig faltete Carmen den Brief auseinander, der mit im Kuvert gelegen hatte und begann zu lesen ...



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"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 31.12.2014 - 15:51
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Im Appartement der Martinez-Schwestern

Cecilia Martinez stand vor der Kommode in ihrem Zimmer und bürstete ausgiebig ihr schulterlanges, dunkelbraunes Haar, bis es seidig glänzte. Während sie danach in ein flaches bequemes Paar Sandalen schlüpfte fragte sie sich, für wen sie sich überhaupt so hübsch machte. Die Männer warfen ihr zwar bewundernde Blicke zu, doch wer hatte schon ein Interesse daran, mit einer Kellnerin auszugehen? Cecilia nahm ihre Haarbürste und schleuderte sie quer durchs Zimmer. Stöhnend ließ sie sich dann aufs Bett fallen. Wie das Leben sie hier anödete! Ihre Gedanken wanderten zurück ...

Sie war so voller Enthusiasmus und Lebensfreude gewesen, als sie vor 15 Jahren mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester Gabi nach Sunset Beach gekommen war. Ihr Vater Lorenzo, von Beruf Anwalt, hatte damals sogar eine eigene Kanzlei unterhalten und seinen beiden Töchtern jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Gabi hatte Reit- und Klavierunterricht nehmen dürfen und Cecilia Ballettstunden.

Cecilia setzte sich auf und starrte aus dem Fenster. Wie schön hätte das Leben sein können, doch dann wurde ihr Vater ganz plötzlich schwer krank ...

Cecilia kämpfte mit den Tränen, als sie daran dachte, wie er damals von Pflegern abgeholt und ins Sanatorium gebracht wurde. Zwei Jahre lebte Lorenzo Martinez nun schon im Pflegeheim, und Gabi und Cecilia, die aus Kostengründen ein gemeinsames Appartement bewohnten, hatten jeden Pfennig ihres Verdienstes in die Pflege ihres Vaters gesteckt. Cecilia hatte damals ihre klassische Ausbildung zur Tänzerin abbrechen müssen, weil sie einfach nicht mehr die finanziellen Mittel dafür gehabt hatte. Zum Glück wurde damals im "Deep" eine Kellnerin gesucht, und Cecilia hatte sofort zugegriffen, doch tief in ihrem Inneren war dieser Job nicht die Erfüllung ihres Lebens. Missmutig erhob sie sich und griff nach ihrer Handtasche. Es wurde Zeit aufzubrechen. Ihr Boss mochte es gar nicht, wenn sich seine Angestellten verspäteten. Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel verließ Cecilia das Appartement.

Central Station

Zielstrebig ging Ricardo zum Eingang des Hochhauses und drehte sich dann noch einmal nach Miss Martinez um, um zu sehen, ob sie ihm auch folgte. Er hielt ihr die Fahrstuhltür auf, nachdem sie das Gebäude betreten hatten. Während der Fahrstuhl dann in das oberste Stockwerk glitt, hatte er Gelegenheit, sie näher zu betrachten. Sie trug ein hellbeiges, enganliegendes Kostüm, dass ihre zierliche Figur und die langen wohlgeformten Beine sehr vorteilhaft zur Geltung brachte. Ihre Sonnenbrille hatte sie nach oben, in die Mitte ihres Scheitels geschoben, was ihrem kurzgeschnittenen dunklen Schopf ein freches Aussehen verlieh. Es waren jedoch ihre wunderschönen rehbraunen Augen, die ihn vom ersten Augenblick an fasziniert hatten und die ihn nun mit einem fragenden Blick ansahen. Ricardo senkte hastig den Kopf. Er fühlte sich mit einem Mal seltsam befangen, und er räusperte sich, um den Kloß loszuwerden, den er plötzlich in seinem Hals spürte. Die Stille wirkte geradezu bedrückend, und Ricardo war erleichtert, als der Fahrstuhl in der obersten Etage hielt. Er schob die Fahrstuhltür auf und ging die schmale Eisentreppe hinauf, die zum Dach führte. Bevor er die Tür öffnete, drehte er sich noch einmal zu Gabriella Martinez herum.

"Ich hoffe, sie vermasseln es nicht!" sagte er eindringlich.

"Ich werde mir die größte Mühe geben," versprach sie.

Ricardo öffnete vorsichtig die Tür, und beide betraten das Dach.

Gabriella Martinez legte ihre Kamera ab, bevor sie sich vorsichtig dem Mädchen näherte, das mit dem Rücken zu ihr saß. Sie machte Ricardo ein Zeichen, dass er sich im Hintergrund halten sollte. Langsam, Schritt für Schritt, ging sie dann näher auf den Abgrund zu. Anscheinend hatte das junge Mädchen bemerkt, dass jemand hinter ihr stand, denn sie dreht sich erschrocken herum.

"Nein!" wimmerte sie, während sie abwehrend ihre Arme ausstreckte. "Kommen Sie nicht näher, sonst springe ich!"

Gabriella Martinez ging einen Schritt zurück, während sie das Mädchen nicht aus den Augen ließ. Sie schätzte, dass es nicht viel älter als 10 oder 12 sein konnte.

"Ich möchte nur mit Dir reden", sagte sie ruhig. "Sonst nichts."

Das junge Mädchen sah sie misstrauisch an.

"Reden?" fragte sie geistesabwesend. "Worüber denn?"

Die junge Fotografin ging in die Knie und hockte sich auf den Boden.

"Nun vielleicht darüber, weshalb Du hier sitzt."

Sie beugte sich vor und streckte dem Mädchen die Hand entgegen.

"Ich heiße übrigens Gabi", sagte sie lächelnd. "Verrätst Du mir auch Deinen Namen?"

Ãngstlich sah das junge Mädchen Gabi an. "Miranda ..." sagte sie dann schließlich.

"Miranda, was für ein schöner Name", sagte Gabi. "Ich möchte Dir gerne eine Geschichte erzählen. Möchtest Du sie hören?"

Scheu nickte Miranda mit dem Kopf, und Gabi begann zu erzählen.


Das Torres Anwesen

Liebe Madame Torres,

sie kennen mich vielleicht nicht, aber sie kannten meine Mutter, Otilia Mendez. Ich weiß, dass Sie einmal sehr gute Freundinnen waren und sich auch noch einige Jahre nachdem sie Mexiko verlassen hatten, regelmässig geschrieben und telefoniert haben. Nun muss ich Ihnen leider mitteilen, dass meine Mutter vor 14 Tagen verstorben ist. Eine unheilbare Krankheit riss sie mit nur 44 Jahren aus dem Leben. Meine Mutter hat Sie in ihrem Testament bedacht. Sie vermacht Ihnen einige kostbare Schmuckstücke, an denen sie sehr gehangen hatte, u. a. ein kostbares Perlen-Diadem, ein Geschenk meines Vaters zum Hochzeitstag. Da es sich um Familienbesitz handelt, möchte ich die Übergabe des Schmucks gerne persönlich übernehmen. Ich hoffe, Sie finden meine Bitte nicht zu aufdringlich, aber der letzte Wunsch meiner Mutter liegt mir sehr am Herzen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir bald eine positive Nachricht zukommen lassen würden.

Mit lieben Grüssen,

Raquel Mendez


Carmen ließ den Brief sinken. Otilia ... Wie lange hatte Carmen nicht mehr an ihre einst beste Freundin gedacht. Sie und Otilia waren zusammen aufgewachsen, hatten Freud und Leid miteinander geteilt und sich über den ersten Liebeskummer hinweggetröstet. Sie waren wie eineiige Zwillinge gewesen, hatten alles gemeinsam getan. Erst als Eduardo, Carmens Ehemann, in ihr Leben trat, veränderte sich das Verhältnis. Ein Jahr, nachdem Ricardo geboren war, zogen Carmen und Eduardo Torres nach Sunset Beach, und nur wenige Jahre später brach der Kontakt zu Otilia vollends ab. Jede ging ihrer Wege, und sie hatten keine Gemeinsamkeiten mehr.

"Sie hat also eine Tochter bekommen", dachte Carmen laut nach. Sie sah sich das Foto genauer an. Erst jetzt erkannte sie die Ãhnlichkeit mit ihrer Freundin. Schon Otilia war in jungen Jahren eine sehr begehrte junge Frau gewesen, die sich vor Verehrern hatte kaum retten können. Ihre Tochter war nicht minder attraktiv, stellte Carmen fest. Sicher gab es keinen Mann, der ihr widerstehen konnte. Ein vielsagendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, während sie ein Blatt von ihrem Schreibblock abriss und es sorgfältig vor sich ausbreitete. Sie überlegte einen Moment, bevor sie nach ihrem Füllfederhalter griff und anfing zu schreiben:

"Liebe Raquel!

Natürlich sind Sie jederzeit herzlich in meinem Haus willkommen ...!"




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Beitrag vom 06.01.2015 - 20:42
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Kapitel 2

Torres Anwesen

"Clara, würden Sie bitte diesen Brief so schnell wie möglich zur Post bringen,“ gab Carmen Anweisung an das Dienstmädchen.

Die junge Frau nickte. „Natürlich, Seniora. Ich wollte Ihnen noch sagen, dass Ihr Sohn gerade eingetroffen ist.“ Sie nahm den Brief, macht vor Carmen einen Knicks und verließ das Wohnzimmer.

Erstaunt stand Carmen auf. ‚Was wollte Ricardo schon so früh zuhause?’ fragte sie sich.

Der junge Mann, der dann jedoch das Wohnzimmer betrat war nicht etwa Ricardo sondern ihr jüngster Sohn Antonio.

„Antonio! Das ist eine Überraschung,“ rief Carmen, während sie auf ihn zuging und ihn liebevoll in den Arm nahm. „Ich habe nicht vor nächster Woche mit Dir gerechnet.“

Antonio lachte, und zwei Grübchen wurden sichtbar.„Mama, ich glaube, Du wirst vergesslich. Es fangen doch jetzt die Semesterferien an,“ erklärte er der verblüfften Carmen.

Ein freudestrahlendes Lächeln huschte über ihr Gesicht.„Du meinst, dass Du uns etwas länger mit Deiner Anwesenheit beehren wirst?“ fragte sie.

Antonio nickte. „Ja, um es genau zu sagen – 5 Wochen, und ich habe auch eine Überraschung für Euch ...“

Central Station

„Als ich ein kleines Mädchen war, etwa 5 Jahre alt, da ging es mir wie Dir. Ich kletterte auf den höchsten Baum, der auf unserer Plantage stand, weil ich niemanden hören oder sehen wollte, und ich schwor mir, dass ich für immer dort oben bleiben würde.“ Gabi machte eine kurze Atempause, bevor sie weitersprach. „Ich glaubte, dass niemand auf der Welt mich vermissen würde, wenn ich für immer da oben bliebe.“ Sie holte wieder tief Luft und schaute dem jungen Mädchen fest in die Augen. „Ich wollte nie wieder lachen, nie mehr weinen, ich wollte sterben – genau wie Du!“

Eine beklemmende Stille entstand. Miranda sah sie mit großen Augen an, während sie sich langsam und immer weiter zu Gabi herumdrehte.„Was ... ich meine ... wieso ...?“ fragte sie leise.

„Du meinst, warum ich so verzweifelt war?“ fragte Gabi. Sie fuhr sich mit einer Hand durch ihr dunkles Haar und senkte für einen Moment den Kopf.„Meine Mutter war gestorben,“ antworte sie.

Miranda sah sie bedauernd an. „Das tut ... mir leid,“ stammelte sie. Sie senkte ebenfalls den Kopf.

„Jetzt habe ich Dir meine Geschichte erzählt, jetzt möchte ich auch gerne Deine hören. Verrätst Du mir, warum Du so traurig bist?“ fragte Gabi.

Miranda sah sie mit einem starren Blick an, und Gabi sah, wie eine Träne die Wange hinunterlief.„Meine Mom und mein Dad wollen sich scheiden lassen,“ brach es dann aus ihr heraus.

Und während Miranda dann ihre Geschichte erzählte, hörte Gabi ihr geduldig zu.

Ricardo hatte sich die ganze Zeit diskret im Hintergrund gehalten und die Szene aus sicherer Distanz beobachtet. Er konnte nicht umhin, Gabis Mut zu bewundern, und er war erstaunt, wie schnell sie das Vertrauen des Mädchens gewonnen hatte. Nun schien die Gefahr, dass die Kleine vom Dach springen würde, gebannt zu sein, denn sie streckte Gabi gerade in diesem Moment ihre Hand entgegen. Einen Augenblick später lagen die beiden sich in den Armen, während Gabi sanft Mirandas Rücken streichelte.Ricardo kam aus seinem Versteck hervor, und sofort versteifte Miranda sich in Gabis Armen. Diese sah kurz auf und warf Ricardo dann einen flehenden Blick zu. Er verstand auch ohne viel Worte, was sie ihm mit diesem Blick sagen wollte, und langsam trat er den Rückzug an und ging die Eisentreppe hinunter zum Fahrstuhl. Er wusste zwar nicht genau wieso, aber er hatte vollstes Vertrauen in Gabis Handeln. ‚Die Frau hat ihren Beruf wirklich verfehlt,’ dachte er, während der Fahrstuhl langsam das oberste Stockwerk verließ. Als Ricardo auf die Strasse trat, umringte ihn gleich eine kleine Gruppe Reporter.

„Entschuldigen Sie, Officer. Können Sie uns sagen, was da oben passiert ist?“ fragte ein junger Mann.

Ricardo schüttelte den Kopf. Er wusste ja selber nicht so genau, was da oben geschehen war, obwohl er alles hautnah miterlebt hatte. „Kein Kommentar!“ sagte er stattdessen.Er bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge und ging zu seinem Kollegen Ruiz hinüber.„Ich hoffe, Du hast die Feuerwehr noch nicht gerufen,“ sagte er.

Der junge Polizeibeamte schüttelte den Kopf. „Nein, ich wollte eigentlich erst einmal abwarten, was da oben passiert.“ Er sah Ricardo prüfend an. „Was ist denn da oben passiert?“ fragte er neugierig.

Gerade, als Ricardo ihm antworten wollte, kamen Gabi und Miranda aus dem Haus. Gabi hatte beschützend einen Arm um das verschüchterte Mädchen gelegt und versuchte die Reporter abzuschütteln, die es nicht lassen konnten, bohrende Fragen zu stellen. Ricardo machte Gabi ein Zeichen, dass sie zum Einsatzwagen kommen sollte. Schnell bahnte sie sich ebenfalls einen Weg durch die Menge. Sie schob Miranda auf den Rücksitz des Fahrzeugs und setzte sich dann neben sie. Ricardo sprang ebenfalls auf den Beifahrersitz, schloss die Tür und gab Ruiz Anweisung, loszufahren.

Torres Anwesen

Carmen sah ihn stirnrunzelnd an, doch dann erhellte sich ihr Gesicht.„Du hast es Dir anders überlegt und willst nun doch nicht mehr Priester werden?“ fragte sie hoffnungsvoll.

Antonio verzog das Gesicht. „Mama, darüber haben wir doch nun schon oft genug geredet! Mein Entschluss steht fest: Ich werde Priester!“ sagte er energisch.

Carmen seufzte tief. „Du bist genauso stur wie Ricardo,“ sagte sie ungehalten. „Ich weiß, Du willst es nicht hören, aber diese Entscheidung wirst Du eines Tages sehr bereuen,“ fügte sie mahnend hinzu.

Antonios Nasenflügel bebten vor unterdrückter Wut. Sein Gesicht wirkte wie versteinert. „Wenn Du möchtest, dass wir uns die nächsten Wochen gut verstehen, dann lass Deine spitzen Bemerkungen!“

Es war mehr eine Drohung als eine Bitte, und Carmen erkannte, dass sie zu weit gegangen war. Sie schluckte die Bemerkung hinunter, die auf ihrer Zunge gelegen hatte und nickte mit gesenktem Kopf. Man konnte eher Steine erweichen als die Meinung ihrer Söhne. Das wusste sie nur zu gut! „Hast Du Hunger? Soll ich Pilar Bescheid geben, dass sie die Köchin bittet, etwas für Dich zu kochen?“ wechselte sie das Thema.

Antonio schüttelte den Kopf. „Nein danke, Mama, aber ich habe bereits am Flughafen eine Kleinigkeit gegessen. Ich will mich nur schnell frisch machen und dann zu den Stallungen hinüber gehen. Ich glaube, ein kleiner Ausritt täte mir jetzt ganz gut.“

Carmen sah ihn nachdenklich an. Sie hatte ihrem Jüngsten bisher verschwiegen, dass sie vorhatte, das Gestüt zu verkaufen. Wusste sie doch, dass Antonio sehr an den Pferden hing. Ihr Mann war ein eben solcher Pferdenarr gewesen, und ihm zuliebe hatte sie damals zugestimmt, auf dem Anwesen ein Gestüt einzurichten. Sie selber hatte sich weder fürs Reiten noch für die Tiere an sich interessiert, und Ricardo war ähnlich veranlagt. Einzig Maria war hin und wieder mal ausgeritten, aber seitdem auch sie fort war, war der Pferdestall nur noch eine leere Investition. „Tu das,“ sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen. ‚So lange Du es noch kannst!’ fügte sie im Stillen hinzu.

Antonio beugte sich zu Carmen hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange.„Dann bis später!“ sagte er.

Carmen sah ihm nachdenklich hinterher, als er den Raum verließ.

Im Polizeifahrzeug

„Alles in Ordnung?“ Ricardo drehte sich nach hinten um und sah Gabi fragend an.

„Ja, ich denke schon.“ Sie strich Miranda leicht über die Wange. „Wir werden Dich jetzt nach Hause bringen,“ sagte sie sanft zu dem Mädchen. „Und Du weißt hoffentlich, dass wir Deinen Eltern erzählen müssen, was vorgefallen ist?“

Miranda riss entsetzt die Augen weit auf.„Oh nein, bitte, das dürfen Sie nicht!“ flehte sie.

Gabi drückte fest ihre Hand. „Wir schaffen das – gemeinsam,“ sagte sie aufmunternd. „Ich werde mit Deinen Eltern reden. Vielleicht lässt sich ja ein Kompromiss für Euer Problem finden.“

Miranda nickte. Obwohl sie Angst vor einer Aussprache mit ihren Eltern hatte, war ihre Vertrauen zu der jungen Fotografin so groß geworden, dass sie ihr glaubte.„Vielleicht,“ begann sie zaghaft,“ könnten wir ja nur sagen, dass ich ausgerissen bin.“ Sie senkte beschämt den Kopf. „Ich wollte wirklich nicht von da oben runterspringen, ganz ehrlich nicht!“ Verzweifelung klang in ihrer Stimme mit.

„Ich weiß doch,“ beruhigte Gabi sie. „Ich wollte damals doch auch nicht sterben, aber ich fühlte mich so leer und unverstanden, und ich hatte Angst vor der Zukunft.“

Ricardo sah Gabi nachdenklich von der Seite an. Er hatte nur Bruchstücke von der Unterhaltung mitbekommen, weil er einfach zu weit von ihnen entfernt gestanden hatte, aber er hatte gehört, was Gabi zu Miranda wegen ihrer Mutter gesagt hatte. ‚War es nur ein Notlüge gewesen, oder hatte die junge Frau wirklich schon so früh so einen schrecklichen Schicksalsschlag hinnehmen müssen?’ fragte er sich.

„Ich habe auch Angst,“ gestand Miranda. „Wieso können meine Eltern nicht verstehen, dass ich sie beide liebe und dass ich auf keinen von ihnen verzichten möchte?“ fragte sie, während sie Gabi mit Tränen in den Augen ansah.

Gabi legte wieder seufzend einen Arm um sie. „Ich glaube, sie verstehen es, aber sie haben vielleicht keine andere Wahl.“

Miranda streckte die Hand aus und wies mit dem Zeigefinger auf ein Haus am Wegesrand. „Dort wohne ich,“ sagte sie.Ruiz lenkte den Wagen in die Einfahrt und kam vor der Eingangstreppe zum Stehen.

„Wollen Sie nicht mitkommen?“ fragte Gabi, während sie sich zu Ricardo umdrehte.

Obwohl er eigentlich nicht wusste, was er den Eltern des Mädchens erzählen sollte, nickte er zustimmend. Er wusste, dass es alleine Gabis Verdienst war, dass Miranda noch am Leben war.„Ich werde mich im Hintergrund halten,“ versprach er, während er ausstieg und Miranda und Gabi ebenfalls dabei behilflich war. Gemeinsam gingen sie dann die Treppe hinauf und betätigten die Türklingel ...



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Kapitel 3


Anwesen der Torres

Während Carmen mit Antonio beim Abendbrot saß überlegte sie fieberhaft, wie sie ihrem Jüngsten schonend beibringen könnte, dass sie das Gestüt verkaufen wollte. „Schmeckt es Dir, mein Junge?“ fragte sie, um die bedrückende Stille zu unterbrechen.

Antonio nickte. „Ja, danke, sehr gut sogar. Du weißt doch, dass ich vom Studentenwohnheim etwas anderes gewohnt bin,“ fügte er grinsend hinzu.

Carmen verzog das Gesicht. Sie legte ihr Besteck beiseite und stützte ihre Ellenboden auf.„Antonio, ich wollte etwas mit Dir besprechen,“ begann sie zögernd.

Überrascht sah er sie an. „Was denn?“ fragte er neugierig.

Carmen verschränkte ihre Hände ineinander, damit Antonio nicht sehen konnte, dass sie leicht zitterten.„Du weißt, dass ich seit dem Tod Deines Vaters sehr viele Ausgaben gehabt habe,“ sagte sie.

Antonio nickte, während er sich eine Kartoffel auf seinem Teller zerkleinerte.

„Ich wollte Euch Kinder nicht belasten, deshalb habe ich lange geschwiegen, wie schlecht es wirklich um unsere Finanzen steht,“ fuhr sie fort. Sie wagte es dabei nicht, Antonio anzusehen, aber sie fühlte seinen prüfenden Blick.

„Was willst Du damit sagen?“ fragte Antonio mit gerunzelter Stirn.

Carmen atmete tief durch, bevor sie weitersprach. „Ich werde das Gestüt verkaufen!“

Für einen Augenblick war Totenstille im Raum, dann sprang Antonio auf.„Das kannst Du nicht tun!“ sagte er entsetzt. „Papa hat es mit soviel Liebe und seinem ganzen Herzblut aufgebaut. Wie kannst Du nur daran denken, sein Erbe zu verkaufen?“ fragte er. Fassungslos sah er seine Mutter an.

Carmen wich seinem Blick zum wiederholten Male aus. Sie hatte geahnt, dass Antonio ihrem Vorhaben niemals zustimmen würde.„Ich habe mich entschieden,“ sagte sie bestimmt,“ und einen Kaufinteressenten gibt es auch schon.“

Antonio schüttelte fassungslos den Kopf. „Nun gut, Du hast Dich entschieden,“ sagte er kühl. „Das macht es für mich leichter ...“

Misstrauisch sah Carmen ihn an. „Wovon redest Du?“ fragte sie, obwohl sie ahnte, worauf er anspielte.

„Ich wollte es Dir eigentlich erst später erzählen, aber da Du ja auch so direkt warst, will ich nicht länger damit hinter dem Berg halten,“ entgegnete er. Antonio machte ein kurze Pause, bevor er weitersprach. „Ich werde Amerika in Kürze verlassen,“ fuhr er fort. „In Caracas wird für junge Theologiestudenten ein halbjähriges Seminar angeboten, und ich habe zugestimmt, daran teilzunehmen.“

„Nein ...“ stieß Carmen tonlos hervor, während sie ihren Sohn geschockt ansah.

„Doch!“ Antonios Antwort duldete keinen Widerspruch. „Ich weiß, dass Du nie zugestimmt hättest, wenn ich Dich vorher um Erlaubnis gefragt hätte, deshalb habe ich die Entscheidung getroffen.“

Carmen schob ihren Teller von sich. Ihr war mit einem Mal der Appetit vergangen.„Ich habe gewusst, dass über unserer Familie ein Fluch liegt,“ sagte sie leise. „Erst ging Dein Vater, dann Maria und nun auch Du ...“ Sie schlug ihre Hände vors Gesicht und stöhnte leise auf.

Antonio verdrehte die Augen. Er wusste, dass seine Mutter nur eine Show vor ihm abzog, um ihn bei sich zu behalten. So gut kannte er sie bereits. „Du bist nicht alleine,“ sagte er seufzend. „Ricardo ist doch noch hier, und was ist mit dem Personal?“

Carmen hob ruckartig den Kopf. „Das Personal,“ schnaubte sie verächtlich,“ gehört wohl kaum zur Familie, und Ricardo ...“ Sie beendete den Satz nicht, sondern schaute Antonio mit einem traurigen Blick an.

„Ich glaube, ich gehe noch ein wenig am Strand spazieren,“ sagte Antonio in Carmens Gedanken hinein.

Sie nickte stumm. Antonios Mitteilung, dass er Sunset Beach für längere Zeit den Rücken kehren wollte, hatte ihr einen Schock versetzt. Sie hatte immer gehofft, dass sie ihn doch noch von der verrückten Idee, Priester zu werden, abbringen könnte, doch Antonio hatte über ihren Kopf hinweg über sein Leben entschieden – genau, wie auch schon ihre anderen Kinder. Als Antonio gegangen war, ging Carmen die Treppe hinauf in ihr Atelier, um in Ruhe nachzudenken. Sie ging zu einem kleinen Tisch hinüber, in dessen Mitte eine kristallene Kugel – ihre magische Wahrsagekugel – stand. Zart ließ sie ihre Fingerkuppen über das kühle Glas gleiten, während sie mit geschlossenen Augen eine magische Formel sprach. Sie fühlte unter ihren Händen, wie sich das Kristallglas erwärmte und öffnete ihre Augen. Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte dabei ihre Lippen. Sie hatte sie gefunden, die Lösung für all ihre Probleme! Die magische Kugel hatte ihr den Weg gezeigt, und nun würde es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich die Prophezeiung erfüllen würde.

Vor Mirandas Haus

„Ich hoffe, Mirandas Eltern können sich doch noch einigen,“ sagte Ricardo zu Gabi, während sie das Haus verließen.

Sie nickte. „Ja, das hoffe ich auch. Auf jeden Fall haben sie jetzt schon einmal den Anfang gemacht und miteinander geredet.“

Ricardo hielt Gabi die Wagentür auf, und sie rutschte auf den Beifahrersitz, während Ricardo auf dem Rücksitz platz nahm.

„Alles klar?“ fragte Officer Ruiz und Ricardo nickte.

„Ja, wir können zurückfahren,“ bestätigte er. Er beugte sich leicht nach vorne, um Gabi anzusprechen. „Können wir Sie irgendwo absetzen, Miss Martinez?“ fragte er freundlich.

Sie lächelte, als sie sich zu ihm umdrehte.„Sagen Sie Gabi zu mir. „Miss Martinez“ hört sich so steif an,“ sagte sie grinsend.

Ricardo lächelte sie an. „In Ordnung ... Gabi.“ Er räusperte sich. „Da ich mich noch gar nicht offiziell vorgestellt habe, möchte ich dies jetzt nachholen,“ sagte er verlegen lächelnd. „Ricardo Torres,“ sagte er und streckte ihr umständlich die Hand entgegen.

Gabi ergriff sie, und Ricardo war überrascht, dass Gabi für ein so zierliches Persönchen einen so festen Händedruck hatte. „Vielen Dank für ihr Angebot, Mr. Torres,“ sagte sie, doch er verbesserte sie gleich.

„Ricardo ...“ sagte er mit einem gewinnenden Lächeln.

„Vielen Dank für Ihr Angebot, Mr. Tor... ich meine Ricardo,“ sagte sie,“ wenn Sie mich bei meinem Verlag absetzen würde, wäre das sehr nett.“ Sie gab Ricardo die Adresse, und Ruiz startete den Motor.



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"Schatten der Vergangenheit" - FF


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Sentinel

Als sie beim „Sentinel“ ankamen, sprang Gabi aus dem Wagen. „Nochmals vielen Dank!“ sagte sie und sah Ricardo mit einen Blick an, dass ihm ganz warm ums Herz wurde.

„Ich habe Ihnen zu danken!“ sagte er.

„Das ist schon okay,“ wiegelte Gabi ab. „Wo ich helfen kann, helfe ich doch gerne und am liebsten der Polizei,“ fügte sie schmunzelnd hinzu. Sie drehte sich um und ging auf die Eingangstür des „Sentinel“ zu.

Nervös fuhr Ricardo sich durch sein dichtes, dunkelbraunes Haar, während er ihr nachsah. Wenn er sie jetzt so gehen ließe würde er sie vielleicht nie mehr wiedersehen, schoss es ihm durch den Kopf! Schnell sprang er aus dem Wagen.„Gabi!“ rief er ihr hinterher, und abrupt blieb sie stehen und drehte sich zu ihm herum.

Fragend sah sie ihn an. „Ja?“

Ricardo ging ein paar Schritte auf sie zu, die Hände tief in seine Hosentaschen vergraben. ‚Mensch,“ dachte er,’ ich bin doch sonst nicht auf den Mund gefallen, wenn es um Verabredungen geht. Warum denn diesmal?’ Er nahm seinen ganzen Mut zusammen. „Ich würde mich gerne revanchieren, ... ich meine dafür, dass Sie uns geholfen haben,“ stotterte er.

Gabi lächelte ihn spitzbübisch an, und Ricardo dachte nicht zum ersten Mal, wie wunderschön ihr Lächeln war.

„Ich sagte doch schon, dass ich es gerne getan habe. Sie müssen sich also für nichts revanchieren.“

Ricardo sah sie verdattert an. Noch nie hatte eine Frau eine Einladung von ihm ausgeschlagen.„Kennen Sie den Waffelshop?“ versuchte er weiter hartnäckig, sie aus der Reserve zu locken. „Vielleicht kann ich Ihnen einen Kaffee spendieren oder Waffeln oder was sie sonst wollen!“ schlug er vor und sah sie hoffnungsvoll an, doch Gabi schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, aber ich habe die nächsten Wochen ein volles Arbeitspensum zu erfüllen und werde keine Zeit haben, auszugehen,“ sagte sie bedauernd, während ihre schönen braunen Augen ihn entschuldigend ansahen.

„Okay, da kann man nichts machen,“ sagte er leichthin und hoffte, dass sie nicht bemerken würde, wie ihre Absage ihn enttäuschte. Fieberhaft überlegte er, ob es nicht doch eine Möglichkeit gab, Gabi wiederzusehen. Plötzlich fiel ihm etwas ein. „Könnten Sie mir vielleicht noch ihre Adresse geben?“ bat er.

Gabi sah ihn irritiert an.

„Fürs Polizeiprotokoll ...“ fügte Ricardo erklärend hinzu.

Gabi nickte und zog aus ihrer Jackentasche eine Visitenkarte hervor. „Damit auch alles seine Ordnung hat,“ lächelte sie.

Ricardo nahm die Karte dankbar entgegen und steckte sie ein.„So, dann will ich Sie nicht länger aufhalten,“ sagte er. „Es hat mich gefreut, Sie kennen gelernt zu haben.“

Gabi sah ihn mit gemischten Gefühlen an. „Ja,“ entgegnete sie,“ es hat mich auch gefreut.“ Sie drehte sich um und ging zielstrebig auf das Verlagshaus zu.

Ricardo ging zurück zum Einsatzfahrzeug und setzte sich auf den Beifahrersitz.

„Sie gefällt Dir die Kleine, oder?“ fragte Ruiz grinsend.

Ricardo nickte nachdenklich.„Ja,“ gab er zu. „Sie hat irgendetwas an sich ...“ Er schüttelte den Kopf, um Gabi aus seinen Gedanken zu verjagen.

„Los, Ruiz, wir müssen zurück zum Revier,“ sagte er, um vom Thema abzulenken. „Schließlich werden wir nicht fürs Herumsitzen bezahlt!“

Officer Ruiz startete den Motor und lenkte den Polizeiwagen auf die Hauptstrasse zurück.

Nachdenklich betrachtete Gabi in der Dunkelkammer die gerade fertiggestellten Fotos, die sie am Tage geknipst hatte. Ihr Chef hatte sie gebeten, noch schnell einige Bilder für die Wochenend-Ausgabe zu entwickeln. An einem Foto blieb ihr Blick etwas länger hängen als an den anderen. Es zeigte Miranda mit Officer Torres. Gabi lächelte, als sie an die Schlagzeile dachte. >>Police Officer rettet 15-Jähriger das Leben<<. Gabi hatte mit ihm abgesprochen, dass es für sein Image sicher förderlich wäre, wenn man ihn als „Retter in der Not“ namentlich nennen würde. Niemand sollte erfahren, wie es wirklich gewesen war. Gabi befestigte das Foto mit einer Klammer an einer Schnur. Sie erinnerte sich daran, wie er sie im Fahrstuhl von oben bis unten fixiert hatte. Sie hatte sich unter seinem prüfenden Blick fast nackt gefühlt, doch zugleich hatte sie auch eine seltsame Erregung verspürt. So etwas hatte sie zuvor noch nie empfunden und es irritierte sie. Gabi schloss die Augen. Warum hatte sie ihn angelogen? Es war eine reine Schutzbehauptung gewesen, dass sie keine Zeit zum Ausgehen haben würde. Wie er sie angesehen hatte, während er sie um ein Rendezvous bat! Gabi spürte wieder dieses Kribbeln in ihrem Bauch. Ob sie ihn jemals wiedersehen würde? Vielleicht war es besser so, hörte Gabi ihre innere Stimme sagen. Männer wie Ricardo Torres gehörten sicher nicht nur einer Frau. Erschrocken über ihre eigenen Gedanken begann Gabi hektisch, die getrockneten Fotos von der Leine zu nehmen. Sie schaute auf die Uhr und seufzte. Schon wieder so spät! Sicher war sie mal wieder die letzte. Schnell beeilte sie sich damit, die Fotos zu sortierten und verließ dann die Dunkelkammer. Sie klopfte vorsichtig an der Bürotür des Chefredakteurs und ging hinein, als sie keine Antwort erhielt. Sie legte die Fotos auf seinen Schreibtisch und verließ das Büro wieder. ‚Feierabend für heute,’ dachte Gabi. Sie freute sich nach diesem anstrengenden Tag auf ein heißes Schaumbad und einen guten Krimi. Doch während Gabi ihre Sachen zusammenpackte fiel ihr siedend heiß ein, dass sie ihrer Schwester ja versprochen hatte, sie abends im „Deep“ zu besuchen. Gabi hing sich ihre Tasche und ihre Camera über die Schulter. Sie hatte zwar wenig Lust noch auszugehen, aber sie hatte es Cecilia fest versprochen. Gabi sah kritisch an sich herunter. Sie war zwar nicht gerade perfekt für einen Nachtclub-Besuch gekleidet, aber um nach Hause zu gehen und sich frisch zu machen, würde die Zeit auch nicht mehr reichen. Gabi zog einen kleinen Spiegel aus ihrer Tasche und strich mit einer Hand ihr kurzes Haar glatt. ‚Es wird schon gehen,“ dachte sie seufzend. „Auf zum „Deep“!“

SBPD

Ricardo konnte sich den Rest des Tages kaum auf seine Arbeit konzentrieren. Die junge Fotografin ging ihm nicht aus dem Kopf. Nachdenklich drehte Ricardo das Visitenkärtchen zwischen seinen Fingern, dass Gabi ihm gegeben hatte. Es musste doch eine Möglichkeit geben, sie wiederzusehen, überlegte er. Aber welche?

„Ricardo, bist Du am Träumen?“ riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.

Erschrocken sah er zu seinem Kollegen Victor Ruiz auf. „Entschuldige, was sagtest Du?“ fragte Ricardo.

Ruiz konnte sich nur mühsam ein Grinsen verkneifen. „Mann, Dich hat es aber mächtig erwischt, was?“ lästerte er.

Ricardo sah ihn irritiert an. „Wie? Keine Ahnung, was Du meinst,“ erwiderte er geistesabwesend.

Ruiz wies auf die Visitenkarte.„Gabriella Martinez – davon rede ich,“ sagte er schmunzelnd.

Ricardo zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte heftig den Kopf. „Blödsinn!“ sagte er. „Sie ist ganz niedlich aber mehr auch nicht ...“ wiegelte er ab.

Ruiz sah ihn zweifelnd an.„Okay, das ist Deine Angelegenheit, aber Chief Harris fragte mich vorhin nach dem Bericht. Hast Du ihn fertig?“

Ricardo nickte und gab Ruiz das fertig gestellte Protokoll. „Weißt Du was?“ Ricardo sah auf seine Armbanduhr. „Für heute mache ich Schluss,“ sagte er, während er aufstand.

Ruiz nickte.„Ja, ich mache auch gleich Feierabend. Ich will nur dem Chief noch die Unterlagen bringen.“ Er drehte sich um, um zu gehen, als ihm noch etwas einfiel. „Hey Ricardo, vielleicht hast Du Lust, mit ins „Deep“ zu kommen?“ schlug Ruiz vor.

Ricardo schüttelte den Kopf.„Nein, lieber nicht,“ entgegnete er abweisend.

Ruiz sah ihn prüfend an.„Immer noch wegen der alten Geschichte mit Ben Evans und Maria?“ fragte er.

Ricardos Gesicht nahm einen abweisenden Ausdruck an.„Ja,“ gab er zögernd zu,“ ich hasse ihn dafür, dass er meine Schwester vertrieben hat!“

Ruiz sah ihn kopfschüttelnd an.„Das ist doch Jahre her, Ricardo! Wie lange willst Du Dich deswegen noch vergraben?“ fragte er.

Überrascht sah Ricardo ihn an.„Vergraben? Wie kommst Du darauf, dass ich mich vergraben würde?“ fragte er irritiert.

„Na ja, nicht direkt vergraben,“ gab Ruiz zur Antwort. „Aber Du bist schon ewig nicht mehr in Bens Nachtclub gewesen. Ich kann mich an Zeiten erinnern, wo wir jeden Abend nach Feierabend dort waren,“ fügte er hinzu.

Ricardo lachte verächtlich auf. „Ja, da waren Ben und ich auch noch die besten Freunde und ich dachte, dass er mal mein Schwager werden würde ...“ Ricardo fuhr sich nachdenklich durchs Haar.„Okay, ich komme,“ gab er dann seufzend nach.

Ruiz schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Prima, Kumpel! Du wirst es auch nicht bereuen. Die haben dort eine schnuckelige neue Bedienung,“ grinste er.

„Ach so, Du willst mich verkuppeln?“ lachte Ricardo. „Keine Sorge, dafür sorgt meine Mama schon.“

Ruiz sah ihn strafend an. „Nicht für Dich, Mann!“ entgegnete er entrüstet. „Ich dachte da mehr an mich.“

Ricardo sah ihn schmunzelnd an.„Wer weiß, vielleicht hat sie ja eine jüngere Schwester?“ meinte er augenzwinkernd.

Ruiz lachte.„Ja, wer weiß ...“ Er wies auf das Protokoll. „So, und nun will ich mich mal beeilen, meine Arbeit zu beenden,“ sagte er. „Bis später, Ricardo!“

Nachdem sein Kollege gegangen war, begann Ricardo seinen Schreibtisch aufzuräumen. Ein letzter prüfender Blick und er verließ das Policedepartement.



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Kapitel 4




Im Deep


Gelangweilt schob Cecilia den Kaugummi in ihrem Mund von einer Wangenseite zur anderen, während sie schon zum dritten Mal an einem Glas herumpolierte. Sie schaute auf die Uhr. Für die Uhrzeit war es erstaunlich ruhig im „Deep“. Cecilia ließ ihren Blick in die Runde schweifen. An einem Tisch saß ein Mann mittleren Alters, der offenbar nichts anderes zu tun hatte, als ein Bier nach dem anderen in sich hinein zu kippen. An einem anderen Tisch saß ein Pärchen, dass sich verliebte Blicke zuwarf und Händchen hielt. Die beiden schienen nur Augen füreinander zu haben und bemerkten nicht, wie Cecilia sie mit neidischem Blick beobachtete. Wie gerne hätte auch sie in einer festen Beziehung gelebt, doch obwohl sie sich über einen Mangel an Verehrern nicht beschweren konnte, war der passende noch nicht darunter gewesen. Cecilia riss sich vom Anblick des glücklichen Paares los und konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit. Sie hörte, wie jemand die Treppe hinunterkam und sah kurz auf. Wie gebannt sah sie dem attraktiven Unbekannten dann hinterher, wie er an einem Tisch platz nahm und ein Päckchen Zigaretten aus seiner Jackentasche zog. Schnell legte Cecilia das Handtuch beiseite, fuhr sich mit einer Hand durch ihre Haare und strich mit der anderen ihren Rock glatt. Sie griff nach einem Feuerzeug, dass unter dem Tresen lag und schlenderte lässig zum Tisch des Mannes hinüber.

„Darf ich Ihnen Feuer geben?“ fragte sie lächelnd.

Überrascht schaute der Mann hoch. „Ja, vielen Dank.“

Cecilia entzündete die Zigarette, und er nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in kleinen Kringeln in die Luft. „Wie beeindruckend!“ Cecilia konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen.

Grinsend sah der Mann sie an. „Finden Sie? Nun, Sie wären überrascht, was ich sonst noch alles kann.“

Cecilia lachte. „Davon bin ich überzeugt, aber vielleicht fangen wir erst einmal damit an, dass sie mir sagen, was sie trinken möchten,“ sagte sie schmunzelnd.

„Ein Bier, bitte,“ erwiderte der Mann.

Cecilia nickte und ging zurück hinter den Tresen. Während sie den Zapfhahn betätigte, ließ sie den Mann nicht aus den Augen. Er war hochgewachsen und schlank, hatte dunkles, volles Haar und ein unwiderstehliches Lächeln, wie Cecilia fand. ‚Ein richtiger Adonis,’ ging ihr durch den Kopf. Genau der Typ Mann, der Cecilia gefiel. ‚Ob er wohl schon vergeben war,’ überlegte sie. Sie hatte ihn noch nie zuvor im „Deep“ gesehen. Vielleicht war er auf der Durchreise. Cecilia nahm das Bier und brachte es hinüber zum Tisch.

„Bitte sehr, Sir,“ sagte sie,, während sie ihm ein entwaffnendes Lächeln schenkte.

„Danke, Miss ...“ Er sah Cecilia fragend an.

„Nur Cecilia,“ sagte sie lächelnd. Sie beugte sich etwas vor, damit er sie ansehen musste. „Und mit wem habe ich das Vergnügen? Ich kann mich nicht erinnern, Sie schon jemals hier gesehen zu haben,“ meinte sie, während sie ihn mit unverhohlener Neugier musterte.

Der Mann hob amüsiert die Augenbrauen. „Erinnern Sie sich an alle Gäste, die mal hier waren,“ fragte er schmunzelnd.

„Nicht alle,“ gab sie zu,“ nur ganz besondere ...“ Sie warf ihm einen tiefen Blick zu.

Der Mann drückte seine Zigarette im Ascher aus. „Ricardo Torres,“ stellte er sich vor und streckte Cecilia seine Hand entgegen.

Cecilia schüttelte ihm die Hand. „Willkommen im „Deep“, Mr. Torres,“ sagte sie und lächelte dabei.
Ricardo nahm einen Schluck aus seinem Bierglas. „Bei dem guten Service und der netten Bedienung hier werde ich wohl öfter mal vorbeischauen,“ meinte er grinsend.

„Das hoffe ich doch,“ entgegnete Cecilia, während sie ihm tief in die Augen blickte. „Verraten Sie mir, was Sie nach Sunset Beach treibt?“

Ricardo hob belustigt die Augenbrauen. „Ich lebe hier,“ antwortete er schmunzelnd.

„Oh ...“ Cecilia sah in verlegen an. „Tut mir leid, ich bin jetzt davon ausgegangen, dass Sie nur auf Besuch hier sind.“ Sie rollte mit den Augen. „Wer lebt denn schon freiwillig in einem Kaff wie diesem?“

Ricardo zog die Stirn kraus. „Nun ja, freiwillig bin ich wohl damals auch nicht hierher gekommen ...“ Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Ich war damals noch ein Baby, und was ist mit Ihnen?“

Auf Cecilias Stirn erschien eine tiefe Furche, als sie an ihre Vergangenheit dachte. „Ich war ungefähr 9 Jahre alt, als ich nach Sunset Beach kam. Damals war dieser Ort für mich das größte – ein Traum auf Erden ...“ sagte sie traurig. Sie sah, wie Ricardo sie prüfend ansah und zwang sich zu einem Lächeln. „ Genug davon! Ich will Sie nicht mit meiner Familiengeschichte langweilen,“ sagte sie. Sie beugte sich leicht vor. „Außerdem sieht mein Boss es nicht so gerne, wenn ich mich privat mit den Gästen unterhalte.“

Ricardo rümpfte die Nase. „Ben Evans!” stieß er hervor.

„Ja, genau,“ sagte Cecilia überrascht. „Kennen Sie Ben ... ich meine, Mr. Evans?“

Ricardo setzte sein Bierglas an die Lippen und leerte es in einem Zug. „Ja, mehr als mir lieb ist,“ knurrte er. „Er war mal mit meiner Schwester liiert.“

Cecilia riss erstaunt die Augen auf. „Ach tatsächlich? Nun, die Welt ist eben klein.“ Sie zuckte mit den Achseln. „In einem Kaff wie Sunset Beach kennt eben jeder jeden.“

Sie wies auf Ricardos leeres Bierglas. „Möchten Sie noch ein Bier?“

Ricardo schüttelte den Kopf. „Nein, erst einmal nicht.“ Er drehte den Kopf und schaute suchend in die Runde. „Ich warte noch auf jemanden,“ sagte er, als er sah, wie Cecilia seinem Blick folgte.

„Okay.“ Sie wies zum Tresen hinüber. „Ich gehe dann mal wieder an meine Arbeit,“ sagte sie lächelnd. „War nett, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Ricardo Torres.“

Ricardo sah ihr hinterher, wie sie zurück zum Tresen ging. Mit einem Blick hatte er jeden Zentimeter von Cecilias Körper erfasst: Ihre schmale Taille, ihre wohlgeformten Pobacken, die langen, endlos zu scheinenden, von der Sonne gebräunten Beine ... Ricardo war so fasziniert von Cecilias Anblick, dass er nicht bemerkte, wie ein weiterer Gast das „Deep“ betrat. Erst als er hörte, wie jemand leise seinen Namen rief, schaute er auf.

Ungläubiges Erstaunen war aus seinem Gesichtsausdruck abzulesen. „Gabi?! Was tun Sie hier? Sagten Sie nicht, dass Sie keine Zeit zum Ausgehen hätten, weil die Arbeit Sie auffrisst!“

Gabi lächelte verlegen. „Das stimmt normalerweise auch, aber dieses Date steht schon länger fest.“

Ricardo öffnete den Mund, um etwas darauf zu erwidern, schloss ihn dann jedoch wieder. Was sollte er auch sagen? Anscheinend hatte die schöne Miss Martinez bereits einen Freund und war nicht an seinem Angebot interessiert, mit ihm auszugehen.

„Ist der Platz noch frei?“ Gabi wies fragend auf einen Stuhl neben ihm, und Ricardo nickte.

„Wenn Ihr „Date“ nichts dagegen hat,“ meinte er.

Gabi warf kurz einen Blick zum Tresen hinüber, wo Cecilia gerade dabei war, einige Drinks zu mixen. Sie schien völlig vertieft in ihre Arbeit zu sein und hatte wohl noch nicht einmal bemerkt, dass sie hier war.

„Nein, ganz sicher nicht,“ erwiderte Gabi.

Sie zog aus ihrer Umhängetasche einen Umschlag. „Ich habe die Kontaktabzüge fertig. Möchten Sie sie sehen?“

Ricardo runzelte die Stirn und sah Gabi fragend an.

„Ich meine die Fotos, die ich heute morgen von Ihnen und Miranda gemacht habe,“ erklärte sie.

Gabi legte die Fotos auf den Tisch. „Genauso werden sie dann in der morgendlichen Ausgabe erscheinen.“ Sie beugte sich vor, um sich die Bilder noch einmal genau anzusehen.

„Ich finde, dass Sie wirklich gut getroffen sind,“ meinte sie dann lächelnd zu Ricardo.

Er beugte seinen Kopf ebenfalls vor, um die Bilder zu betrachten und stieß dabei mit Gabis Kopf zusammen.

„Autsch!“ Sie griff sich an die schmerzende Stelle an ihrem Kopf.

„Tut mir leid.“ Reflexartig streckte Ricardo die Hand aus und berührte vorsichtig Gabis Stirn.

Ihre Blicke trafen sich und für einen Moment fühlte Gabi sich wie hypnotisiert von seinen sanften braunen Augen.

„Es ... es geht schon, danke,“ stotterte sie verlegen.

Ricardo lächelte sie entschuldigend an. „Darf ich mich denn jetzt mit einem Drink bei Ihnen entschuldigen?“ fragte er.

Gabi nickte. „In Ordnung, aber nur einen.“

Ricardo gab Cecilia ein Zeichen und wandte sich dann wieder Gabi zu.

„Jetzt komme ich doch noch dazu, mich bei Ihnen für die Hilfe von heute morgen zu bedanken,“ meinte er lächelnd.

Gabi machte eine gleichgültige Handbewegung. „Ich habe doch gerne geholfen,“ entgegnete sie. „Da haben sich meine paar Semester Psychologiestudium doch noch richtig gelohnt,“ fügte sie schmunzelnd hinzu.

Ricardo nickte bestätigend. „Sie haben wirklich großartige Arbeit geleistet, Miss Martinez!“ sagte er bewundernd.

Geschmeichelt senkte Gabi den Kopf. „Vielen Dank.“ Sie hob den Kopf, als sie sah, dass Cecilia an ihren Tisch kam.

Gabi lächelte ihrer Schwester zu, doch das Lächeln gefror ihr auf den Lippen, als sie Cecilias verkniffenen Gesichtsausdruck sah. Diese würdigte ihre Schwester keines Blickes, sondern wandte sich gleich Ricardo zu.

„Was darf es sein?“ fragte sie knapp.

Fragend sah er zu Gabi hinüber, die irritiert durch das kühle Verhalten ihrer Schwester die Stirn runzelte.

„Einen Martini, bitte,“ sagte sie.

Cecilia nickte kurz, drehte sich dann um und ging zum Tresen zurück, während Gabi ihrer Schwester verwirrt hinterher sah.

Gabi suchte die Bilder auf dem Tisch wieder zusammen und steckte sie zurück in ihre Tasche.

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick,“ sagte sie und stand auf.

Ricardo nickte und stellte dann überrascht fest, dass Gabi zum Tresen hinüberging.

„Hi Cecilia,“ begrüßte Gabi ihre Schwester.

Unwirsch schob Cecilia Gabi den Drink zu. „Hier, Dein Martini!“ sagte sie kühl.

„Bist Du sauer, dass ich nicht erst zu Dir gekommen bin, um Dich zu begrüßen, oder was ist Dir sonst über die Leber gelaufen?“ fragte Gabi.

Cecilia beugte sich über den Tresen. „Ist ja mal wieder typisch für Dich,“ zischte sie leise. „Kaum erscheint ein attraktiver Mann auf der Bildfläche, für den ich mich interessiere, schon bist Du da und versuchst ihn mir auszuspannen!“

Fassungslos sah Gabi ihre Schwester an. „Wie bitte? Mach aber mal halblang, Cecilia! Erstens habe ich Dir noch nie jemanden ausgespannt, wie Du es nennst und zweitens bin ich Dir keinerlei Rechenschaft schuldig mit wem ich mich treffe!“

Cecilia drehte ihren Kopf in Ricardos Richtung. „Was bedeutet er Dir?“ fragte sie angriffslustig.

Gabi warf einen nachdenklichen Blick zu ihm hinüber, bevor sie antwortete. „Wir haben uns erst heute kennen gelernt,“ antwortete sie wahrheitsgemäß.

Cecilia hob skeptisch die Augenbrauen. „Ach, und da verabredet Ihr Euch gleich?“ bohrte sie weiter. „Er muss ja einen mächtigen Eindruck auf Dich gemacht haben, dass Du gleich seine Einladung annimmst.“ Cecilia holte einmal tief Luft, bevor sie weitersprach. „Ausgerechnet Du, die kleine, süße, naive, keusche ...“

Weiter kam Cecilia nicht, denn Gabi hatte blitzschnell nach ihrem Arm gegriffen. „Es reicht, Cecilia!“ Gabis Augen funkelten vor unterdrückter Wut.

„Lass mich los!“ fauchte Cecilia.

Gabi ließ sie los und schüttelte traurig den Kopf. „Nach all den Jahren bist Du immer noch eifersüchtig,“ sagte sie. „Gib nicht mir die Schuld an Deinem verpfuschten Leben!“ Ohne ihre Schwester noch einmal anzusehen drehte Gabi sich herum und ging zu Ricardos Tisch zurück.

Er hatte offenbar die Szene zwischen den Schwestern beobachtet, denn er sah Gabi mit gerunzelter Stirn entgegen.

Hastig griff sie nach ihrer Umhängetasche. „Ich muss gehen,“ sagte sie knapp.

Als Gabi sich umdrehte, hielt Ricardo sie am Arm fest. „Werde ich Sie wiedersehen?“ fragte er, und Gabi sah den flehenden Blick in seinen Augen.

„Vielleicht ...“ erwiderte sie zögernd. „Leben Sie wohl, Ricardo!“ Gabi umklammerte ihre Tasche, während sie eilig die Treppenstufen hinauf ging.

Mit Genugtuung beobachtete Cecilia vom Tresen aus, wie Gabi sich verabschiedete und das „Deep“ verließ. ‚Eins zu Null für mich,’ dachte sie, während sie mit geschmeidigen Bewegungen und einem gewinnenden Lächeln zu Ricardos Tisch hinüber ging.

„Darf ich Ihnen noch etwas bringen?“ fragte sie liebenswürdig.

Ricardo sah sie geistesabwesend an. „Kennen Sie die junge Frau, die vorhin an meinem Tisch saß?“ fragte er.

Cecilia warf ihren Kopf zurück und lachte zynisch. „So kann man es auch ausdrücken,“ sagte sie. „Sie ist meine Schwester.“



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Beitrag vom 14.05.2015 - 23:38
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Kapitel 5



Im Deep

Erstaunt sah Ricardo Cecilia an. „Na so was,“ entfuhr es ihm. „Das ist eine Überraschung!“

Cecilia presste ihre Lippen fest aufeinander. Sie hätte Ricardo gerne etwas mehr über ihre – ach so liebe – Schwester erzählt, aber sie schwieg.

Ricardo schien Cecilias Gedanken zu erraten. „Sie verstehen sich wohl nicht so besonders mit ihrer Schwester,“ stellte er vorsichtig fest.

Cecilia zwang sich zu einem Lächeln. „Nun ja, die üblichen Geschwisterstreitigkeiten eben,“ sagte sie gleichgültig.

Ricardo hätte gerne noch mehr darüber erfahren, aber als er sah, dass sein Kollege Ruiz die Treppe herunterkam, unterbrach er das Gespräch.

„Hi Victor,“ begrüßte er seinen Kollegen. „Hast Du es doch noch geschafft?“

Cecilia drehte den Kopf herum und stellte erstaunt fest, dass es sich bei Ricardos Verabredung nicht um eine Frau sondern um einen Mann handelte.

Sie begrüßte Victor Ruiz freundlich und nahm die Bestellung entgegen. Seine Flirtversuche im Verlauf des weiteren abends blockte sie jedoch ab. Im Gegenzug dazu versuchte Cecilia ihr Glück bei Ricardo, stellte jedoch sehr bald fest, dass er anscheinend weiblichen Reizen gegenüber immun war. Anders konnte sie es sich nicht erklären, weshalb er so gar kein Interesse an einem Flirt mit ihr hatte. Um kurz nach Mitternacht stand Ricardo auf und verabschiedete sich von seinem Kollegen.

„Mach nicht mehr zu lange,“ sagte er grinsend. „Du weißt, dass wir morgen einen anstrengenden Tag vor uns haben.“

Victor nickte. „Keine Sorge. Ich trinke nur noch mein Bier aus und dann gehe ich auch nach Hause.“

Ricardo schaute sich um. „So wie es aussieht, sind wir auch nur noch die letzten Gäste hier,“ stellte er fest.

Er warf einen Blick zu Cecilia hinüber, die gelangweilt mit einem Lappen den Tresen polierte.

„Dann bis morgen,“ verabschiedete sich Ricardo. Er nickte Cecilia noch einmal freundlich zu und ging dann zum Ausgang hinauf.

Appartement der Martinez-Schwestern

Als Cecilia am nächsten Morgen die Küche betrat, stellte sie erleichtert fest, dass Gabi ihr gemeinsames Appartement bereits verlassen hatte. Cecilia nahm sich den Rest Kaffee, der noch auf der Warmhalteplatte stand und setzte sich dann im Wohnzimmer auf die Couch. Sie fragte sich, in welchem Verhältnis ihre Schwester zu Ricardo Torres stand. So wie es aussah war ihr Zusammentreffen im „Deep“ wohl wirklich nur ein Zufall gewesen. Cecilia nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Irgendwie hatte sie ein schlechtes Gewissen, dass sie Gabi anscheinend ungerechtfertigt angegriffen hatte. Cecilia schloss die Augen, als sie daran dachte, was sie ihr alles vorgeworfen hatte. Sie schüttelte den Kopf. Gabi hatte recht, musste sie sich eingestehen. Sie war wirklich eifersüchtig auf sie! Schon damals, als beide noch Kinder waren, hatte Cecilia immer das Gefühl gehabt, dass ihre Eltern die jüngere Tochter bevorzugten. Vom Charakter her waren sie und Gabi auch wie Feuer und Wasser. Gabi war eher ruhig, ging Streit am liebsten aus dem Wege und war sehr hilfsbereit, was bisweilen sogar bis an Selbstaufopferung grenzte. Cecilia ging in die Küche zurück und goss den Rest Kaffee in den Ausguss. Es war manchmal nicht einfach, mit Gabis sanftmütiger Art klarzukommen. Merkwürdigerweise hatte Cecilia schon als Kind immer ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn sie Gabi im Streit so weit gebracht hatte, dass sie weinte. Ihre Mutter war ähnlich veranlagt gewesen. Vielleicht waren sie und Gabi sich deshalb so nahe gewesen. Cecilia erinnerte sich an den Tag, als ihre Mutter starb. Sie hatte zuvor an einer schweren Virusinfektion gelitten, und durch das hohe Fieber war sie so apathisch geworden, dass sie nur noch wirr redete und selbst ihre Töchter nicht mehr erkannte. Gabi war damals völlig verzweifelt gewesen und hatte auch davon geredet, dass sie sterben wollte. Cecilia ging in ihr Zimmer und starrte in den Spiegel. Der Tod ihrer Mutter hatte ihr Verhältnis zueinander verändert. Von jenem Tag an hatte sie die Beschützerrolle übernommen. Als ihr Vater dann immer mehr dem Alkohol verfiel, waren sie und Gabi noch näher zusammengerückt. Seufzend strich Cecilia sich ihre Haare zurück. Vielleicht war es genau diese Nähe, die sie jetzt wieder trennte. Cecilia band sich ihre schulterlangen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Sie schaute auf die Uhr. Es war Zeit, ihren Vater im Sanatorium zu besuchen. Cecilia griff nach ihren Autoschlüsseln und verließ das Appartement.

SBPD

Ricardo betrat das Polizeirevier und nahm an seinem Schreibtisch platz. Mühsam unterdrückte er ein Gähnen, während er die Liste mit den neuesten Delikten durchging.

„War ja wohl die Nacht wieder mächtig was los,“ stellte er fest.

Einer seiner Polizeikollegen nickte. „Kann man wohl sagen,“ stimmte dieser zu.

Ricardo sah sich um. „Wo ist denn Victor?“ fragte er erstaunt, als er seinen Teamkollegen nicht an seinem Schreibtisch sitzen sah.

„Er hat sich krank gemeldet,“ antwortete der Kollege. „Irgend so eine Magen-Darm-Geschichte ...“

Ricardo verkniff sich eine Bemerkung dazu. Stattdessen grinste er nur.

Sein Kollege wies zum Nebenraum hinüber. „Ach übrigens, da ist jemand, der Dich sprechen will,“ sagte er.

In der Hoffnung, dass es vielleicht Gabi war, ging Ricardo erwartungsvoll hinüber. Als er den Raum betrat erhob sich eine Frau und kam auf ihn zu. Ricardo erkannte sie sofort.

„Mrs. Carpenter,“ begrüsste er sie freundlich,“ was kann ich für Sie tun?“

Sie verschränkte verlegen ihre Hände und lächelte scheu. „Ich möchte Ihnen und Ihrer Kollegin noch einmal ganz herzlich dafür danken, dass Sie meiner Tochter Miranda ...“ Sie schluckte, als sie daran dachte, was ihre Tochter beinahe getan hätte. „ ... beigestanden haben,“ beendete sie den Satz dann.

„Meiner Kollegin?“ Ricardo sah die junge Frau stirnrunzelnd an, bis ihm einfiel, dass sie von Gabi sprach.

„Oh ja, meine Kollegin ...“ sagte er dann lächelnd.

„Mein Mann und ich möchten uns gerne erkenntlich zeigen,“ sagte Mrs. Carpenter. Sie räusperte sich, als Ricardo sie fragend ansah. „Wissen Sie, mein Mann ist doch Koch im „Grenadines“ ...“

„Dem Nobel Restaurant?“ unterbrach Ricardo erstaunt.

„Ja, genau, und es wäre ihm eine Ehre, Sie und ihre Kollegin für einen Abend zu einem mehrgängigen Menü einzuladen.“

Ricardo blies langsam die Luft aus. „Das ist wirklich sehr großzügig von Ihnen,“ sagte er dann. „Aber wir haben wirklich nur unsere Pflicht getan. Dafür müssen Sie uns nicht belohnen!“

Mrs. Carpenter nickte entschlossen. „Doch, mein Mann und ich bestehen darauf!“

Ricardo kratzte sich nachdenklich am Kopf. ‚In der eigenen Lüge gefangen’, dachte er. Wieso nur hatte er vor den Carpenters gelogen und Gabi als Polizeifotografin ausgegeben? Auf der anderen Seite wären Mirandas Eltern vielleicht einer Zeitungsangestellten gegenüber nicht so offenherzig gewesen. Wie er sich auch drehte und wendete, er hatte jetzt ein richtiges Problem! Gabi wäre sicher niemals bereit, mit ihm auszugehen, nachdem sie ihm den Abend zuvor unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sie an keiner weiteren Verabredung mehr interessiert war. Ihr „Leben Sie wohl!“ klang ihm noch in den Ohren. So verabschiedete man sich doch nicht, wenn man Interesse an jemandem hatte! Was war wohl zwischen ihr und ihrer Schwester vorgefallen? Zerbrach Ricardo sich den Kopf. Warum war sie so hektisch aufgebrochen?

„Mr. Torres?“ Mirandas Mutter riss Ricardo aus seinen Gedanken.

„Wie?“ Geistesabwesend sah er sie an.

„Ich fragte, ob Sie Ihrer Kollegin unsere Einladung ausrichten würden?“

Ricardo sah sie einen Moment nachdenklich an, bevor er zögernd nickte.

„Ja, ich werde es ihr ausrichten,“ antwortete er. Wie er das allerdings machen sollte, war ihm zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht so ganz klar.

Lächelnd streckte Mrs. Carpenter Ricardo die Hand hin. „Dann freue ich mich schon auf ihren Anruf,“ sagte sie. „Bitte geben Sie mir Bescheid, wenn Sie sich auf einen gemeinsamen Termin einigen konnten,“ fügte sie noch hinzu, bevor sie das Polizeirevier verließ.

Ricardo sah ihr mit gerunzelter Stirn hinterher, ehe er zurück zu seinem Schreibtisch ging und sich wieder an die Arbeit machte.

Guadalajara/Mexico

Raquel Mendez kniete weinend vor dem Grabstein ihrer Mutter. Sie hielt die Hände gefaltet und schaute in den Himmel, als ob sie von ihm eine Antwort erhalten würde, warum ihre Mutter sie so früh verlassen musste. Vorsichtig strich Raquel über den frischen, mit Blumen geschmückten, Erdhügel. „Lebe wohl, Mama,“ flüsterte sie. Sie stand auf und ging ein paar Schritte weiter zu einem anderen, älteren Grab. „Und Du auch, Papa!“ Während sie noch in ihrem Schmerz vertieft auf die beiden Gräber schaute, trat jemand von hinten an sie heran und berührte vorsichtig ihre Schulter.

„Hier bist Du also! Ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil Du plötzlich verschwunden warst.“

„Tante Josefa!“ Erschrocken wandte Raquel sich um. „Ich habe Dich nicht kommen hören.“

Josefa Domingo nickte. “Entschuldige, ich wollte Dich nicht erschrecken.“

Traurig schaute sie hinab zum Grab ihrer toten Schwester, bevor sie sanft einen Arm um Raquel legte.

„Lass uns gehen, Kind,“ bat sie. „In unserem Herzen werden sie ewig weiterleben.“

Raquel lehnte kraftlos ihren Kopf gegen die Schulter ihrer Tante. „Ja,“ sagte sie leise,“ für immer ...“

Josefa führte ihre Nichte zum Haus zurück, während sie darüber nachdachte, wie grausam ihnen das Schicksal in den letzten Jahren mitgespielt hatte. Erst war Raquels Vater bei einem Bootsunglück ertrunken und nur wenige Jahre später war ihre Schwester an Krebs erkrankt. Josefa, die selber weder Mann noch Kinder hatte, hatte Raquel und ihre Mutter in ihrem Haus aufgenommen. Dort lebte sie bis sie vor zwei Wochen ganz plötzlich verstarb. Und nun beabsichtigte auch Raquel, sie zu verlassen ...

Josefa musterte ihre Nichte kritisch. „Wie Du wieder herumläufst, Kind!“ sagte sie mahnend, während sie auf Raquels nackte Füße wies. „Und dieses Kleid ...“ Sie schüttelte den Kopf. Raquel hatte zwar die Schönheit ihrer Mutter geerbt, aber leider nicht ihren Sinn für Ästhetik. Raquel kleidete sich am liebsten unkompliziert, und am allerliebsten lief sie barfuss durch die Gegend. Auch jetzt trug sich ein einfaches Baumwollkleid, dass ihr bis zu den Fußknöcheln reichte, und ihre hüftlange Lockenpracht fiel ungezähmt über ihre schmalen Schultern.

„Wenn Dich jemand gesehen hätte!“ Josefa verdrehte die Augen.

Raquel nahm sich einen Apfel aus einer der Obstschalen und biss herzhaft hinein. „Wer soll mich denn schon sehen?“ fragte sie gleichgültig.

Josefa schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht verstehen, dass es Dir so gleichgültig ist, was die Leute über Dich reden,“ meinte sie.

Raquel zuckte mit den Schultern. „Es ist mir egal, was sie reden,“ sagte sie und biss erneut in den Apfel.

„War Dir auch die Meinung Deiner Mutter egal?“ fragte Josefa.

Für einen Moment sah Raquel ihre Tante nur an. Sie ahnte, worauf sie anspielte und schüttelte energisch den Kopf.

„Fang bitte nicht wieder davon an!“ sagte sie ungehalten. „Das Thema habe ich schon mit Mama x-mal durchgekaut, und auch ihr habe ich schon gesagt, dass ich mich so früh noch nicht binden will!“

Josefa schüttelte über soviel Unvernunft nur den Kopf. „Aber Du wärst versorgt, hättest ein Heim, einen Mann, der Dich vergöttert ...“

„Schluss damit!“ Raquel sprang sichtlich erbost auf. „Ich will jetzt noch nicht heiraten, sondern etwas von der Welt sehen, Abenteuer erleben, neue Menschen kennen lernen!“ Sie sah ihre Tante flehend an. „Kannst Du mich denn gar nicht verstehen?“

Zögernd nickte Josefa. „Doch, ich kann Dich verstehen, aber es zerreißt mir das Herz, wenn ich mir vorstelle, dass Du viele Tausend Meilen von mir entfernt sein wirst.“

Gerührt nahm Raquel ihre Tante in den Arm. „Ich werde Dir schreiben, Dich anrufen, und vielleicht kannst Du mich ja auch einmal besuchen.“

„Und was ist mit Clay?“ Provozierend sah Josefa ihre Nichte an.

„Was soll mit ihm sein?“ Gleichgültig zuckte Raquel mit den Schultern. „Wir haben Schluss gemacht, und er sollte diese Tatsache allmählich akzeptieren.“

Josefa nickte. „Ja, sollte er,“ seufzte sie,“ aber ich fürchte, dass er es noch nicht aufgegeben hat, um Dich zu kämpfen.“

„Sein Problem,“ sagte Raquel schnippisch. Sie streifte sich ein paar Sandalen über. „Entschuldige mich Tante Josefa, aber ich muss jetzt los zum Postamt. Vielleicht hat Madame Carmen ja schon auf meinen Brief geantwortet.“

Josefa sah ihre Nichte skeptisch an. „Meinst Du, so schnell? Was ist, wenn Sie sich überhaupt nicht meldet? Willst Du dann ohne Einladung nach Sunset Beach fahren?“

Raquel runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht so genau ... vielleicht ja, vielleicht nein, aber ich habe mich über den Ort informiert,“ sagte sie. Sie schloss genießerisch die Augen. „Sunset Beach – „Der Strand der untergehenden Sonne“ ... Hört sich doch gut an, oder?“

Josefa nickte lächelnd. Sie wollte ihrer Nichte nicht den Spaß verderben, zumal Raquel in den 20 Jahren ihres jungen Lebens noch nicht einmal aus Guadalajara rausgekommen war. Sie war so voller Leben, manchmal etwas sprunghaft und wild, aber tief in ihrer Seele war sie verletzlich und sensibel.

„Dann lauf los und schau nach, ob Post angekommen ist,“ sagte Josefa lachend, während sie Raquel einen Klaps auf den Po gab.

„Danke!“ Raquel gab ihrer Tante eine Kuss auf die Wange und rannte dann los.

So schnell ihre Füße sie tragen konnten, rannte Raquel die Landstrasse entlang. In ihren Händen hielt sie einen Briefumschlag auf dessen Vorderseite man als Absender „Carmen Torres“ lesen konnte. Ohne ihren Schritt zu mäßigen stürmte Raquel ins Haus ihrer Tante.

„Er ist da, Tante Josefa, er ist da ...!“ rief sie dabei überschwänglich.

Wie erstarrt blieb sie stehen, als sie sah, dass ihre Tante nicht alleine war.

„Clay ...“ stieß sie überrascht hervor, während sie verärgert feststellte, dass ihr Herz bei seinem Anblick schneller schlug.

Er lehnte lässig im Türrahmen, seine Hände in den Hosentaschen versenkt.

„Hallo Raquel,“ begrüßte er sie lächelnd. „Lange nicht gesehen.“

„Was tust Du hier?“ Mit abweisender Miene sah Raquel ihn an.

„Er wollte mich besuchen,“ mischte Josefa sich ein. Sie wusste, dass es nur Ärger geben würde, wenn Raquel den wahren Grund seines Kommens erfahren würde.

„Tatsächlich?“ Ironie war aus Raquels Stimme herauszuhören.

Clayton stieß sich vom Türrahmen ab und ging langsam auf Raquel zu.

„Warum so feindselig?“ fragte er. „Ich dachte, wir wollten Freunde bleiben.“

Instinktiv wich Raquel ein paar Schritte nach hinten. Sein plötzliches Auftauchen und seine Nähe verwirrten sie. Seit ihrer Trennung von vor nunmehr drei Monaten hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und es beunruhigte sie, dass sie ihn immer noch attraktiv und anziehend fand. Aus sicherer Distanz beobachtete sie ihn.

Clayton lächelte, als er bemerkte, dass Raquel ihn anstarrte und fuhr sich mit einer Hand durch sein dunkelblondes Haar.

„Habe ich mich so verändert?“ fragte er grinsend.

Raquel schüttelte den Kopf, während sie hastig den Kopf senkte.

Clayton ging auf sie zu und hob vorsichtig ihr Kinn, damit sie ihn ansehen musste.

„Freunde?“ fragte er mit sanfter Stimme. Raquel verspürte einen Kloß in ihrem Hals, als sie in seine blauen Augen schaute.

Sie schüttelte seine Hand ab. „Nein,“ stieß sie hervor. „Bitte geh jetzt!“ Sie verschränkte ihre Arme vor dem Körper, um das Zittern zu unterdrücken, dass sie überkam.

Clayton trat einen Schritt zurück und atmete tief durch. „Dann wünsche ich Dir für die Zukunft alles Gute,“ sagte er mit ruhiger Stimme. „Vielleicht findest Du ja eines Tages einen Mann, der Deiner Liebe würdig ist.“ Clayton nickte Josefa, die wie versteinert die Szene beobachtet hatte, noch einmal zu und verließ dann das Haus.

Raquels Erstarrung löste sich. Sie rannte die Treppe hinauf in ihr Zimmer und warf die Tür hinter sich zu. Sie riss ihre Kommodenschublade auf und holte ein gerahmtes Bild hervor. Mit wenigen Handgriffen entfernte sie das Glas und zog das Foto aus dem Rahmen. Nachdenklich hielt sie es in ihren Händen, bevor sie es in kleine Schnipsel zerriss. Langsam fielen die Überreste von Clayton Crosbys Konterfei auf den Fußboden und vermischten sich mit den Tränen, die Raquel die Wangen hinunterliefen. Sie ignorierte sie und riss stattdessen das Briefkuvert auseinander. Mit angehaltenem Atem las sie die Nachricht, die Madame Carmen ihr hatte zukommen lassen, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Sunset Beach – ich komme!“ sagte Raquel laut, während sie sich bückte und die Fotoschnipsel in den Papierkorb flattern ließ.




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.02.2017 - 19:09
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Kapitel 6


Guadalajara/Mexico

Ein Klopfen an der Tür ließ Raquel hochschrecken. Schnell legte sie den leeren Bilderrahmen in die Schublade zurück und schob sie zu.

„Herein!“

Raquel atmete erleichtert auf, als sie sah, dass es ihre Tante war. Für einen Augenblick hatte sie wirklich gedacht, dass Clayton zurückgekommen wäre.

„Darf ich reinkommen?“ fragte Josefa vorsichtig.

Raquel nickte und ließ ihre Tante eintreten. „Wenn Du hergekommen bist, um mir Vorwürfe über mein unmögliches Benehmen zu machen, kannst Du gleich wieder gehen!“ sagte sie angriffslustig.

Josefa hob abwehrend die Hände. „Es ist Dein Leben,“ sagte sie. „Ich werde mich nicht einmischen, auch wenn ich denke, dass Du einen großen Fehler machst ..“ Sie unterbrach den Satz, als sie sah, wie Raquel ihre Stirn in Falten zog. Stattdessen legte sie ein kleines flaches Kästchen auf Raquels Kommode. „Hier ist das Diadem, dass Deine Mutter Carmen versprochen hatte,“ erklärte sie, als sie Raquels fragenden Blick sah.

Vorsichtig hob Raquel den Deckel hoch und schaute hinein. „Wow,“ entfuhr es ihr, als sie die wunderschönen Diamanten sah, mit denen das Diadem besetzt war. Sie nahm das Schmuckstück aus dem Kästchen und setzte es sich wie eine Krone auf den Kopf. „Es muss ein Vermögen gekostet haben,“ sagte sie mehr zu sich selber. Sie drehte sich zu ihrer Tante um. „Ich frage mich, warum Mama Madame Carmen so ein wertvolles Schmuckstück vermacht hat,“ meinte sie mit gerunzelter Stirn.

Josefa knetete nervös ihre Hände. „Sie standen sich eben sehr nahe,“ erwiderte sie knapp.

Doch diese Antwort reichte Raquel nicht. „Ich habe auch gute Freundinnen, die mir sehr wichtig sind, aber ich verschenke doch keine Reichtümer an sie!“ sagte sie kopfschüttelnd. Vorsichtig nahm sie das Diadem vom Kopf und lege es zurück in das Schmuckkästchen.

Josefa lächelte gezwungen. „Sie waren mehr wie Schwestern, wenn Du verstehst, was ich meine?“

Raquel schüttelte den Kopf. „Nein, ich hatte ja keine.“ Nachdenklich sah sie ihre Tante an. „Wie haben sie sich überhaupt kennen gelernt – Mama und Madame Carmen?“ fragte sie neugierig.

Josefa nahm seufzend auf Raquels Bett platz. Gespräche mit ihrer Nichte konnten etwas länger dauern.

„Nun,“ begann sie,“ sie sind hier zusammen aufgewachsen, und daraus entstand eine sehr innige Verbindung.“

„Und warum hat Carmen Torres dann Guadalajara verlassen?“ bohrte Raquel weiter.

„Sie heiratete,“ gab ihre Tante ihr zur Antwort. „Sie verließ Mexico, nachdem ihr Sohn geboren wurde,“ fuhr sie fort.

„Sie hat einen Sohn?“ fragte Raquel erstaunt.

Josefa nickte. „Ja, soweit ich weiß, bekam sie danach noch mehr Kinder ...“ Sie biss sich auf die Lippe, als sie an ihr Versprechen dachte, dass sie Otilia auf dem Sterbebett gegeben hatte ...

Hastig stand sie auf. „Ich muss jetzt gehen, Kind. Du hast mich schon viel zu sehr aufgehalten.“

Verwirrt sah Raquel ihrer Tante hinterher, als diese eilig das Zimmer verließ.

Josefa blieb auf der Treppe stehen und umklammerte das Geländer. Niemals durfte Raquel von dem Geheimnis erfahren, dass Carmen Torres und ihre Mutter miteinander geteilt hatten. Sie hatte Otilia versprochen, für immer darüber zu schweigen, und sie hoffte inständig, dass auch Carmen die Vergangenheit ruhen lassen würde. Seufzend ging Josefa die Treppe hinunter und machte sich dann in der Küche an den Abwasch.

Appartement der Martinez-Schwestern

Cecilia öffnete die Tür zum Appartement und ließ sich müde auf die Couch fallen. Besuche im Sanatorium schlauchten sie immer unheimlich, aber ihr und auch ihrem Vater war dieser feste wöchentliche Besuchstermin wichtig. Schließlich waren seine Töchter für Lorenzo Martinez noch der einzige Kontakt zur Außenwelt. Cecilia ging in die Küche und holte sich eine Flasche Cola, die sie an ihre Lippen setzte und in einem Zug leerte. Nachdenklich schaute sie im Wohnzimmer aus dem großen Panorama-Fenster zum Meer hinüber. Der behandelnde Arzt hatte ihr heute mitgeteilt, dass die Leber ihres Vaters durch den exzessiven Lebenswandel und Alkoholkonsum total zerstört war. Cecilia stöhnte leise auf. Was musste ihr Vater noch alles ertragen? Erst verlor er so früh seine geliebte Frau, dann wurde er alkoholkrank, erlitt einen Schlaganfall, der eine halbseitige Lähmung verursachte, und nun versagte auch noch seine Leber. Cecilia spürte salzige Tränen auf den Lippen und wischte sich übers Gesicht. ‚Sei stark!’ dachte sie. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es schon bald wieder an der Zeit war, zum „Deep“ aufzubrechen. Cecilia zog den Haargummi von ihrem Pferdeschwanz und schüttelte die Haare über dem Kopf aus. Als sie den Kopf wieder schwungvoll hob, fiel ihr Blick auf den Anrufbeantworter. Eine kleine rote Kontrollleuchte blinkte, was darauf schließen ließ, dass jemand vergeblich versuchte hatte, eine der beiden Schwestern zu erreichen. Neugierig, wer der Anrufer gewesen war, spulte Cecilia das Band ab.

„Gabi? Hier ist Ricardo Torres. Es geht um unsere Rettungsaktion von gestern. Würden Sie sich bitte noch einmal umgehend mit mir in Verbindung setzen? Alles weitere erkläre ich Ihnen dann.“

Mit angehaltenem Atem und gerunzelter Stirn hatte Cecilia Ricardos Mitteilung zugehört. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, aber eins stand für sie fest: Sie würde Gabi nicht noch einmal die Möglichkeit geben, sich mit diesem Mann zu treffen! Wenn sich jemand mit ihm treffen würde, dann wäre sie das, Cecilia! Mit entschlossener Miene drückte Cecilia die „Löschen“-Taste.

Guadalajara/Mexico - in Josefas Haus

Raquel saß an ihrem Schreibtisch und las wieder und wieder Madame Carmens Brief. Sie war überrascht, dass eine im Grunde genommen Wildfremde, sie mit so offenen Armen aufnehmen wollte. Anscheinend, was man aus dem Brief so herauslesen konnte, war sie nicht gerade unvermögend, denn sie schrieb etwas von einem „Haus mit 8 Zimmern“. Raquel lächelte, als sie daran dachte, wie bescheiden sie mit ihren Eltern gelebt hatte. Und doch hatte es ihr an nichts gemangelt. Wie würde es wohl sein, in so einem großen Haus zu leben – in einem fremden Land, ohne ihre Tante, ihre Freunde ...? Ein beklommenes Gefühl überkam sie. Sie würde dies alles hier sehr vermissen, aber es wurde auch langsam Zeit, eigene Wege zu gehen. Hier würde sie niemals ein neues Leben beginnen können, nicht mit den ganzen Erinnerungen, und schon gar nicht in Claytons Nähe! Raquel stand auf und tigerte nervös im Zimmer umher. Sein plötzliches Erscheinen hatte ihr bewusst gemacht, dass sie noch längst nicht über ihn hinweg war, und sie spürte auch, dass er ebenfalls noch Gefühle für sie hatte. Raquel stampfte wütend mit dem Fuß auf. ‚Schluss mit diesen Sentimentalitäten!’ rief sie sich zur Ordnung. Sie hatte damals seinen Heiratsantrag abgelehnt und sich somit auch für ein Leben ohne ihn entschieden, obwohl sie wusste, dass es der größte Wunsch ihrer Mutter gewesen war, sie verheiratet zu sehen. Raquel setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und zog einen Bogen Papier aus einer Schublade. Sie griff nach einem Kugelschreiber und begann zu schreiben.

„Liebe Madame Carmen!

Vielen Dank für Ihre freundliche Einladung. Wenn es nicht zu überstürzt für Sie ist, würde ich gerne schon am kommenden Wochenende nach Sunset Beach fliegen ...“

Anwesen der Torres-Familie

Nach der Auseinandersetzung mit seiner Mutter am Vortag, war Antonio ihr aus dem Weg gegangen. Stattdessen hatte er es vorgezogen, den Tag in den Stallungen zu verbringen. Antonio konnte es einfach immer noch nicht fassen, dass seine Mutter es wirklich über sich brachte, die Pferde zu verkaufen. Antonio betrat die Box eines Pferdes und strich ihm sanft über die Nüstern, während er sein bisheriges Leben Revue passieren ließ. Die Entscheidung, Priester zu werden, hatte er schon in sehr jungen Jahren getroffen. Sehr zum Leidwesen seiner Mutter, die eigentlich ganz andere Pläne mit ihrem Sohn gehabt hatte. Umso stolzer war sie auf Ricardo gewesen, der einen „soliden“ Beruf ergriffen hatte und Polizist geworden war. Maria hatte eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht und dann später im Sunset Memorial gearbeitet, dem örtlichen Krankenhaus. Alles Berufe, die Carmen als „würdig“ bezeichnete. Obwohl sie an sich eine gute Katholikin gewesen war, die regelmäßig mit ihren Kindern den Gottesdienst besucht hatte, pflegte sie ein etwas ungewöhnliches Hobby. Antonio seufzte, als er an ihren Magie-Kult dachte, den sie regelmäßig betrieb. Etwas, was ihm sehr missfiel, und das in seinen Augen wenig christlich war. Antonio nahm ein Halfter von der Wand und streifte es über die Ohren des Hengstes.

„Wir zwei werden jetzt ein bisschen ausreiten,“ sagte er, während er auch den Sattel auf den Pferderücken warf und die Gurte befestigte.

Er führte das Pferd aus der Box, in den Hof hinein und stieg in den Sattel.

Sentinel

Gabi war gerade im Begriff Feierabend zu machen, als ihr Boss sie zu sich rief. Neugierig, was er ihr mitzuteilen hatte, betrat sie sein Büro.

„Sie wollten mich sprechen, Mr. Doyle?“

Der Chefredakteur des Sentinel, ein Mann von Mitte fünzig, saß hinter seinem Schreibtisch und blies den Rauch seiner Zigarre in die Luft, während er Gabi mit einer Handbewegung zu verstehen gab, dass sie sich setzen sollte.

Gabi nahm platz und sah ihn erwartungsvoll an.

„Sie arbeiten nun schon fast zwei Jahre für mich,“ begann er, „und Sie haben in dieser Zeit Ihre Arbeit immer ordnungsgemäß erledigt und abgeliefert.“ Er hustete asthmatisch und fuhr dann fort. „Was ich Ihnen jetzt zu sagen haben, fällt mir nicht leicht ...“ Er zog nervös an seiner Zigarre.

Gabis Hände krampften sich um die Stuhllehne, und sie verspürte ein flaues Gefühl im Magen. Noch bevor Mr. Doyle weitersprach ahnte sie, was er ihr mitteilen wollte.

„Sie wollen mir kündigen?!“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, und Gabi war erstaunt, wie selbstverständlich ihr diese Äußerung über die Lippen kam.

Mr. Doyle nickte betreten, während er den Kopf senkte. „Es tut mir wirklich sehr leid,“ bestätigte er ihre Vermutung. Er atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Sie wissen ja selber, dass ich noch zwei weitere Fotografinnen beschäftige.“ Er hustete wieder. „Im Zuge einer Umstrukturierung unseres Verlages, sehe ich mich leider auch dazu gezwungen, den Personalstand herunterzufahren ...“

Er sah Gabis verzweifelten Gesichtsausdruck und stand auf. „Sie sind noch so jung, Miss Martinez! Ich bin davon überzeugt, dass Sie bald wieder eine andere Arbeit finden werden.“ Er legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Ich werde Ihnen ein Zeugnis ausschreiben, dass Sie sich in den nächsten Tagen abholen können,“ sagte er.

Gabis Gesicht wirkte wie versteinert, als sie sich langsam erhob. „War es das?“ fragte sie mit leicht zitternder Stimme.

Mr. Doyle nickte. „Ich würde vorschlagen, dass Sie noch Ihren restlichen Urlaub nehmen,“ schlug er vor. „Vielleicht sollten Sie ein paar Tage wegfahren.“ Er räusperte sich wieder. „Etwas Abstand würde Ihnen jetzt bestimmt gut tun.“ Er gab ihr die Hand. „Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute, Miss Martinez!“

Gabi ergriff seine Hand. „Danke!“ war alles, was sie herausbrachte, bevor sie fast fluchtartig Mr. Doyles Büro verließ.

In Windeseile packte sie ihre Sachen zusammen. Sie legte ihren Presseausweis auf den Schreibtisch und warf einen letzten Blick in die Dunkelkammer, in der sie viele Stunden während ihrer zweijährigen Beschäftigung verbracht hatte. Gabi ignorierte die neugierigen Blicke ihrer Kollegen. Sie hörte Getuschel, doch das kümmerte sie nicht. Sie wollte nur noch fort von hier. Als Gabi alles zusammengepackt hatte, nahm sie ihre Tasche und verließ hocherhobenen Hauptes das Verlagshaus.

Torres Anwesen

„Ihr seid sicher neugierig, weshalb ich Euch hier habe zusammenrufen lassen,“ begann sie, während ein Lächeln ihre Lippen umspielte.

Antonio und Ricardo nickten fast gleichzeitig.

Carmen stand auf und ging zu ihrem Schreibtisch hinüber und zog die Schublade auf. Sie entnahm daraus ein Briefkuvert und ging zurück zu ihrem Platz.

„Wir werden in Kürze Besuch bekommen,“ sagte sie mit einem geheimnisvollen Lächeln. Sie zog aus dem Kuvert ein kleines Foto und hielt es in die Höhe, dass Ricardo und Antonio es ebenfalls sehen konnten.

„Wow ...!“ entfuhr es Ricardo spontan, während er Raquels Portrait betrachtete.

Antonio senkte schmunzelnd den Kopf.

„Wer ist sie?“ fragte Ricardo neugierig, während er seinen Blick nicht von dem Foto wenden konnte.

Carmen nahm das Bild und legte es zurück ins Kuvert. „Raquel ist die Tochter einer sehr guten Freundin,“ antwortete sie. „Sie wird für eine Weile in diesem Haus mein Gast sein, und ich hoffe, dass sie sich hier sehr wohl fühlen wird.“

Ricardo sah seine Mutter stirnrunzelnd an. „Die Tochter einer guten Freundin? Welcher Freundin?“ bohrte er nach.

Carmen holte tief Luft, bevor sie ihrem Sohn die Frage beantwortete. „Wir sind zusammen aufgewachsen,“ erklärte sie. „Otilia – so hieß sie – und ich waren die besten Freundinnen, bevor ich mit Eurem Vater Guadalajara verließ ...“ Sie machte eine Pause und schaute nachdenklich aus dem Fenster. „Unsere Wege trennten sich irgendwann, aber ich werde für immer dankbar sein, sie gekannt zu haben ...“ Carmen stand auf und ging im Raum umher. „Ich erwarte von Euch, dass ihr Raquel wie ein Mitglied unserer Familie behandelt!“ sagte sie, und Ricardo konnte sich nicht so ganz dem Eindruck entziehen, dass es sich mehr nach einem Befehl als nach einer Bitte anhörte.

„Du kannst Dich auf uns verlassen,“ sagte Antonio.

Ricardo beobachtete seine Mutter misstrauisch. Was bezweckte sie wohl damit, die junge Frau hier wohnen zu lassen?

„Wie lange wird sie denn bleiben?“ fragte er.

Carmen zuckte mit den Schultern. „Das werde ich Raquel überlassen. Ich habe ihr geschrieben, dass sie solange bleiben kann, wie sie möchte.“

„Ich glaube es einfach nicht!“ entfuhr es Ricardo aufgebracht. „Du lädst eine Wildfremde in unser Haus ein und gibst ihr quasi auch noch ein lebenslanges Wohnrecht?!“ Fassungslos schüttelte er den Kopf.

„Ich denke, Mama wird schon wissen, was sie tut, nicht wahr?“ mischte Antonio sich ein.

Carmen erkannte die Ironie in seiner Stimme und sah ihn mahnend an. „Ich wollte Euch keinesfalls um Erlaubnis bitten,“ sagte sie mit entschlossener Stimme,“ sondern bloß über die kommenden Veränderungen aufklären, die ja auch Euch beide betreffen.“

Ricardo verdrehte die Augen. Es behagte ihm wenig, dass er bald mit dieser attraktiven jungen Frau unter einem Dach leben würde. Wahrscheinlich erwartete seine Mutter dann auch von ihm, dass er sich ihr gegenüber wie der perfekte Gentleman benahm. Das würde sicher nicht leicht werden!

Antonio warf einen Blick zu Ricardo hinüber und unterdrückte mühsam ein Grinsen, als er Ricardos nachdenkliches Gesicht sah. Nur gut, dass er selber gegen solche weiblichen Reize immun war!

„Ich denke, es ist alles geklärt,“ sagte Carmen, während sie zur Tür ging. „Sobald ich mehr weiß, gebe ich Euch bescheid,“ fügte sie noch hinzu, bevor sie die Bibliothek endgültig verließ.

Antonio ließ hörbar die Luft raus. „Puh, das war Mama, wie sie leibt und lebt,“ entfuhr es ihm. „Entschlossen, herrisch, keinen Widerspruch duldend ...“ Er schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich frage mich, warum ihr der Besuch dieser jungen Frau so wichtig ist?“

Ricardo nickte. „Ja, das würde mich auch interessieren.“ Er schaute auf die Uhr. „Sag mal“ wandte er sich zu Antonio um,“ hat heute zufällig jemand für mich angerufen? Du bist doch den ganzen Tag hier gewesen, oder?“

Antonio schüttelte den Kopf. „Nein, ich war heute die meiste Zeit bei den Pferden. Wer weiß, wie oft ich noch die Gelegenheit dazu haben werde,“ fügte er verächtlich hinzu.

Ricardo sah ihn verwirrt an. „Wie meinst Du das?“ fragte er. „Willst Du uns verlassen?“

Antonio sah ihn unsicher an. „Hat Mama Dir denn nichts erzählt?“ fragte er zögernd.

Ricardo runzelte die Stirn. „Nein, was denn?“

Antonio holte tief Luft, bevor er Ricardo von Carmens Plänen erzählte, das Gestüt zu verkaufen.

Ricardo hörte ihm die ganze Zeit ruhig zu, doch an einer pulsierenden Ader an seiner Schläfe konnte man erkennen, dass ihm die Nachricht übel aufstieß.

„Das ist ja wohl das allerletzte!“ brauste er wütend auf, als Antonio seinen Bericht beendet hatte. „Was fällt Mama denn überhaupt ein, ohne uns zu fragen, solche Entscheidungen zu treffen?“

Antonio schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, aber es muss ihr finanziell wirklich dreckig gehen, wenn sie zu solchen Maßnahmen greifen muss,“ entgegnete er.

Ricardo sah ihn wütend an. „Du verteidigst sie auch noch?“

Antonio holte tief Luft. „Nein, ich verteidige sie nicht, ich will nur verstehen, warum sie so handelt.“

Ricardo fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, während er seufzend ausatmete. „Okay, wo wir schon bei Hiobsbotschaften sind ... Was hast Du mir mitzuteilen?“ fragte er ohne Umschweife und sah seinen Bruder dabei fest in die Augen.

Antonio sah Ricardo erstaunt an. “Woher willst Du wissen, dass es sich um eine Hiobsbotschaft handelt?” fragte er.

Ricardo kratzte sich am Kopf. „Ich weiß nicht ... Mama war heute morgen so schweigsam am Frühstückstisch, und diese Blicke, die sie Dir zuwarf ...“ Er verdrehte die Augen. „Ich bin nicht umsonst Polizist, kleiner Bruder,“ meinte er grinsend. „Meine Spürnase sagt mir, dass es etwas wichtiges sein muss.“

Antonio musste unwillkürlich lachen. Irgendwie war es nicht einfach, ein Geheimnis für sich zu behalten, wenn man eine Hellseherin als Mutter und einen Polizisten als Bruder hatte.

„Nun gut,“ begann er, als er sich wieder gefangen hatte,“ ich werde für eine Weile fortgehen.“

„Fortgehen?“ fragte Ricardo irritiert.

„Ich werde für 6 Monaten nach Caracas gehen,“ beantwortete Antonio seine Frage. „Dort werde ich an einem Seminar teilnehmen.“

Ricardo sah seinen Bruder fassungslos an, als ihm bewusst wurde, was diese Entscheidung für Auswirkungen auf sein Leben in diesem Haus haben würde.

„Dann sind Mama und ich ja nur noch die einzigen, die in diesem Mausoleum wohnen,“ entfuhr es ihm.

Antonio grinste spitzbübisch und wies zu dem Briefumschlag hinüber. „Du vergisst Raquel,“ meinte er, während er theatralisch mit den Augen rollte.

„Ja, Raquel ...“ Ricardo versuchte, besser nicht an sie zu denken. Er hob abwehrend beide Arme. „Das war für einen Abend wirklich zu viel,“ sagte er seufzend. „Ich glaube, ich brauche jetzt ein wenig frische Luft!“

Antonio nickte. „Ja, das kenne ich.“ Er gähnte. „Du musst allerdings auf mich dabei verzichten, weil ich hundemüde bin.“

Ricardo schlug seinem Bruder freundschaftlich auf die Schulter. „Dann wünsche ich Dir eine gute Nacht,“ sagte er.

Ricardo verließ das Haus und ging mit eiligen Schritten zum Strand hinunter.




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Beitrag vom 11.02.2017 - 19:11
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Kapitel 7


Appartement der Martinez-Schwestern

Gabi schloss die Haustür auf und warf ihre Sachen achtlos auf den Fußboden. Sie fühlte sich müde und ausgebrannt von den Tränen, die sie auf der Rückfahrt nach Hause im Auto geweint hatte. Gabi öffnete im Wohnzimmer ein Fenster und ließ die kühle Abendluft in den Raum hinein. Sie hörte in der Ferne das leise Rauschen der Brandung und ein geradezu unbändiger Wunsch, in dieses kühle Nass einzutauchen, kam in ihr hoch. Cecilia war im „Deep“ und würde erst am frühen Morgen wiederkommen. Niemand würde sie vermissen. Schnell zog Gabi ihr Kostüm aus und schlüpfte in ihren Bikini. Sie rannte die paar Meter vom Haus bis zum Strand hinunter und ließ sich dann in den Sand fallen. Die Sonne war gerade im Begriff unterzugehen, und der Himmel hatte sich bereits schon leicht verfärbt. Fasziniert schaute Gabi in die glitzernden Wellen. Die untergehende Sonne warf ihren Schein auf die Wasseroberfläche, und es sah fast so aus, als ob das Meer brennen würde. Ohne auf die neugierigen Blicke der anderen Menschen am Strand zu achten, stand Gabi auf und ging langsam ins Wasser hinein.

Ricardo setzte sich am Strand auf einen kleinen Felsvorsprung und schaute, wie viele andere Menschen, die sich um diese Uhrzeit am Strand eingefunden hatten, dem Sonnenuntergang zu. Etwas neidisch schielte er zu den Paaren hinüber. Wie gerne hätte er jetzt auch eine Freundin an seiner Seite gehabt, mit der er diesen wundervollen Moment hätte teilen können. Unwillkürlich drängte sich ihm in seinem Unterbewusstsein das Bild einer Frau auf – Gabi! Nachdenklich bückte Ricardo sich und nahm etwas Sand in seine Hand. Langsam ließ er ihn durch seine Finger rieseln, während er über sie nachdachte. Noch keine Frau hatte so einen starken Eindruck bei ihm hinterlassen wie sie. Sie hatte ihn vom ersten Augenblick an fasziniert, und es war nicht nur die reine körperliche Anziehungskraft, die ihn zu ihr hinzog. Er hatte sie auf dem Dach beobachtet, wie einfühlsam und zugleich liebevoll sie mit Miranda umgegangen war und wie sie das Vertrauen des Mädchens gewonnen hatte. Sie würde sicher mal eine wunderbare Mutter abgeben, überlegte er. Er schüttelte den Kopf über seine eigenen Gedanken. Ricardo stand auf und klopfte sich den Sand ab. Sein Blick fiel zum Meer hinüber, und er erstarrte. Er sah, wie eine Gestalt aus den Fluten stieg. Im untergehenden Schein der Sonne konnte er die Umrisse einer Frau erkennen. Er konnte nicht ihr Gesicht sehen, aber die Art, wie sie sich bewegte, hatte etwas seltsam vertrautes für ihn. Zielstrebig ging sie weiter, während sie mit einer Hand durch ihr nasses Haar fuhr. Sie war ungefähr in derselben Höhe, wie die Felsengruppe auf der Ricardo saß, als sie abrupt stehen blieb. Jetzt erkannte auch Ricardo, wer die Wassernixe war und ging langsam auf sie zu.

„Gabi?!“ stieß Ricardo ungläubig hervor.

„Ricardo ...“ Gabi schien nicht weniger überrascht zu sein, ihn hier zu treffen. Sie schaute verschämt an sich herunter und schalt sich dafür, dass sie vergessen hatte ein Handtuch mitzunehmen. Wenigstens hätte sie so ein wenig ihre Blöße bedecken können.

„Was tun Sie hier?“ fragte er mit heiserer Stimme, während sein bewundernder Blick über ihren wenig bedeckten Körper schweifte.

Gabi lächelte ihn verlegen an. „Das Wasser war so herrlich einladend, so dass ich einfach Lust bekam, etwas schwimmen zu gehen,“ antwortete sie. Sie schaute verträumt zum Horizont hinauf und sah ihn dann erwartungsvoll an. „Ist dieser Anblick nicht atemberaubend?“

Ihre Blick trafen sich, und wie magnetisch angezogen bewegten sie sich aufeinander zu. Gabi schloss die Augen. Ein wohlig warmes Gefühl durchflutete sie, und sie verspürte ein angenehmes Prickeln in der Magengegend, als sich ihre Lippen berührten. Sein Kuss war sanft und trotzdem voller Leidenschaft, und Gabi musste dem inneren Drang widerstehen, ihre Arme um seinen Hals zu schlingen. Es war Ricardo, der diesen magischen Moment unterbrach.

Verlegen sah er sie an. „Es tut mir leid,“ entschuldigte er sich, nachdem er sich von ihr gelöst hatte. „Ich wollte ... Dich nicht bedrängen.“ Es fiel ihm schwer, sich von ihr zurückzuziehen, und er hatte Mühe seinen erregten Puls wieder auf Normalfrequenz zu bringen.

Gabi sah ihn ebenfalls verschämt an. „Nein, es muss Dir nicht leid tun,“ hörte sie sich zu ihrer eigenen Überraschung sagen. „Ich wollte es doch genauso ...“ Sie senkte schnell den Kopf, weil sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg.

„Ich glaube, es ist besser, wenn Du jetzt gehst und Dir etwas überziehst,“ sagte Ricardo und verzog grinsend das Gesicht.

Gabi lächelte zaghaft. „Ja, ich denke auch.“ Sie drehte sich noch einmal zu ihm um, bevor sie davon ging. „Ich rufe Dich morgen an,“ versprach sie.

Ricardo sah ihr nach, und ein unbändiges Glücksgefühl durchströmte ihn. Er konnte es einfach immer noch nicht glauben: Sie hatte ihn vorhin genauso gewollt wie er! Die Erkenntnis traf Ricardo wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Er hatte sich in Gabi verliebt!

Appartement der Martinez-Schwestern

Nachdem Gabi nach Hause gekommen war, ging sie zielstrebig ins Badezimmer und drehte die Dusche auf. Während das lauwarme Wasser über ihren Körper lief, dachte sie über die Szene am Strand nach. Wie selbstverständlich hatte sie Ricardos Kuss erwidert, als ob es vorherbestimmt gewesen war. Gabi lief ein wohliger Schauer über den Rücken, als sie an seinen Kuss dachte. Sie fragte sich, was Ricardo jetzt wohl für eine Meinung über sie hatte. Glaubte er vielleicht, dass sie ein leichtes Mädchen war, dass sich von jedem Mann herumkriegen ließ? Nach dem heutigen Abend hätte sie ihm diesen Gedanken kaum verübeln können, zumal sie sich ihm wirklich sehr willig an den Hals geworfen hatte! Gabi stellte die Dusche ab und wickelte sich ein Handtuch um den Körper. Was sollte sie Ricardo sagen, wenn sie ihn morgen anrief? Irgendwie schämte sie sich ein wenig für ihr zügelloses Verhalten. Sollte sie sich bei ihm entschuldigen oder sollte sie das ganze einfach auf sich beruhen lassen? Sie war durch ihre eigenen Gefühle völlig überrumpelt worden, und irgendwie wusste sie nicht, wie sie sich nun ihm gegenüber verhalten sollte. Gabi ging seufzend auf ihr Zimmer und streifte sich ihr Nachthemd über. Sie legte sich ins Bett und zog die Bettdecke bis zum Kinn hoch, und während sie noch darüber nachgrübelte, was sie Ricardo am nächsten Tag zur Entschuldigung sagen konnte, schlief sie ein.

Torres-Anwesen

Carmen hatte sich frühzeitig hingelegt, weil sie unter Kopfschmerzen litt, doch auch im Schlaf fand sie keine Ruhe. Unruhig wälzte sie sich hin und her. Was sie im Traum erlebte machte ihr Angst. Eine Tür öffnete sich, und dahinter sah sie ein gleißendes Licht. Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, doch das Licht schien undurchdringlich zu sein, wie eine dichte weiße Nebelwand. Wie hypnotisiert ging Carmen auf das Licht zu. Plötzlich sah sie, wie sich ihr aus dem weißen Nebel eine Hand entgegenstreckte, doch als sie danach greifen wollte, schloss die Tür sich wieder und Carmen sah nur noch tiefe Finsternis um sich herum. „Nein!“ schrie sie. „Geh nicht weg! Bleib bei mir!“ Eine Stimme drang aus der Dunkelheit zu ihr ...

„Mama ...!“

Carmen fuhr erschrocken hoch, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

„Mama, wach auf! Du hast schlecht geträumt!“ Ricardo stand an Carmens Bett und sah sie besorgt an.

Immer noch unter den Eindrücken des Albtraums stehend, starrte sie ihn verwirrt an.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte Ricardo, als er sah, wie seine Mutter am ganzen Körper zitterte.

Carmen nickte, und leckte mit der Zunge über ihre ausgedörrten Lippen. „Ja,“ sagte sie leise. „Es geht schon wieder.“ Sie fuhr mit einer Hand durch ihr schweißnasses Haar und atmete tief durch.

„Kannst Du Dich an den Traum erinnern?“ fragte Ricardo, während er sie prüfend ansah.

Carmen schüttelte schnell den Kopf. „Nein,“ log sie. „Es ist nur wirres Zeug gewesen.“

Ricardo sah sie zweifelnd an. Er wusste, dass seine Mutter auch schon in der Vergangenheit besonders intensive Träume gehabt hatte, und mehr als einmal hatte sie von Dingen geträumt, die dann in der Zukunft auch eingetroffen waren, bzw. in der Vergangenheit geschehen waren.

„Es ist schon in Ordnung, Ricardo,“ versuchte Carmen ihren Sohn zu beruhigen. „Du kannst jetzt wieder in Dein Bett gehen.“

Ricardo nickte.

Erst jetzt fiel Carmen auf, dass er noch vollständig bekleidet war. „Du warst wohl noch weg?“ fragte sie neugierig.

Ricardo blies langsam den Atem aus. Er hatte jetzt wenig Lust, seiner Mutter von seiner Begegnung mit Gabi zu erzählen, deshalb sagte er ihr nur die halbe Wahrheit. „Ich bin vorhin noch etwas am Strand spazieren gegangen.“

Carmen nickte, während sie sich wieder hinlegte. „Dann wünsche ich Dir noch eine gute Nacht.“

„Ich Dir auch, Mama!“ Ricardo gab seiner Mutter noch einen Kuss auf die Wange und verließ dann ihr Schlafzimmer.

Kaum hatte Ricardo den Raum verlassen, schlug Carmen die Bettdecke zurück und stand auf. Sie zog sich ihren Bademantel über und öffnete die Tür. Als sie sah, dass die Luft rein war, betrat sie den Flur und schlich leise die Treppe hinauf in ihr Atelier.

Als sie den Raum betreten hatte, drehte sie den Schlüssel im Schloss herum, damit niemand sie stören konnte. Sie ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete die oberste Schublade und entnahm ein kleines hölzernes Kästchen. Einen Moment lang sah sie es nachdenklich an, bevor sie vorsichtig den Deckel hob. Ein eigenartiger Geruch schlug ihr entgegen. Viele, viele Jahre hatte es verschlossen in der Schublade gelegen, und heute war der Tag gekommen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Carmen nahm den Gegenstand, der sich im Kästchen befand, vorsichtig hoch und hielt ihn ins Licht. Während sie zart mit einem Finger darüber strich, hatte sie das Gefühl, als ob ein innerer Schmerz sie zerreißen würde. Sie presste ihre Lippen fest aufeinander, um den Schrei zu unterdrücken, der in ihr hochstieg. Schnell legte sie den Gegenstand zurück in das Holzkästchen und schloss den Deckel. Ihr Blick blieb an der kristallenen Wahrsagekugel hängen, die nur ein paar Meter von ihr entfernt auf dem Tischchen stand. Langsam ging sie darauf zu, das kleine Holzkästchen fest in ihrer Hand haltend. Sie legte es vor sich auf den Tisch und starrte die Kugel an. Ihre vor Erregung nassgeschwitzten Hände zitterten, als sie mit ihren Fingerkuppen leicht das Glas berührte, doch auf einmal zuckte sie zurück, als wenn sie sich verbrannt hätte. Sie erinnerte sich plötzlich an Otilias Worte von damals. „Lass die Vergangenheit ruhen!“ Carmens Hände ballten sich zu Fäusten. Mehr als 20 Jahre lang hatte sie die Vergangenheit ruhen lassen, auch wenn es sie unendlich viel Kraft gekostet hatte. Carmen nahm das Kästchen und brachte es zurück zum Schreibtisch, wo sie es zurück in die Schublade schloss. Hier war ihr Geheimnis für immer sicher aufbewahrt, und niemand würde je erfahren, was sie getan hatte ... niemand!

Appartement der Martinez-Schwestern

Als Cecilia am nächsten Morgen die Küche betrat, stellte sie überrascht fest, dass ihre Schwester noch am Frühstückstisch saß und in der Morgenausgabe des „Sentinel“ blätterte. Sie schob eine Scheibe Toast in den Toaster und nahm am Tisch platz.

„Musst Du heute gar nicht arbeiten?“ fragte sie, während sie einen Blick zur Wanduhr hinüber warf.

Gabi ließ die Zeitung sinken und nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse, bevor sie Cecilia antwortete. „Nein, heute nicht und auch in Zukunft nicht,“ sagte sie bitter.

Cecilia runzelte die Stirn. „Was soll das denn bitte heißen?“ fragte sie verwirrt.

Gabi zuckte mit den Schultern. „Aktiviere mal Deine Gehirnzellen,“ sagte sie schnippisch.

Cecilia setzte gerade an, um Gabi eine passende Antwort auf ihre Äußerung zu geben, als sie das Telefon läuten hörte. Sie fluchte leise und stand auf.

„Hier bei Martinez,“ meldete sie sich.

Für einen Moment war Stille, dann hörte sie eine wohlvertraute Männerstimme.

„Ich möchte Gabi sprechen. Ist sie da?“

Nervös schielte Cecilia zu Gabi hinüber, die bereits wieder in ihre Zeitung vertieft war.

„Sie sind falsch verbunden!“ sagte sie knapp und legte schnell auf. Einen Moment lang starrte sie nachdenklich das Telefon an und dann hinüber zu Gabi, die in diesem Moment gerade ihre Kaffeetasse leerte und aufstand. Cecilia hob den Hörer wieder ab und legte ihn unbemerkt daneben.

„Du entschuldigst mich jetzt bitte,“ sagte Gabi kühl. „Ich will jetzt los, mir einen neuen Job suchen!“

Cecilia nickte geistesabwesend. „Ja, tu das, und Gabi ... Viel Glück!“ Cecilia zwang sich zu einem versöhnlichen Lächeln.

Gabi sah ihre Schwester mit gerunzelter Stirn an. Obwohl sie ihr nach der Szene im „Deep“ nicht so ganz über den Weg traute, lächelte auch sie. „Danke, das kann ich gebrauchen.“

Als Gabi gegangen war legte Cecilia mit einem zufriedenen Grinsen den Hörer zurück auf die Gabel. Es war eine Genugtuung für sie, dass es ihr zum wiederholten Male gelungen war, Ricardo Torres von Gabi fern zu halten. Nun musste sie sich nur noch eine Strategie überlegen, wie sie ihn dazu bringen konnte, sich mit ihr zu verabreden. Cecilia warf ihr schulterlanges Haar zurück und lächelte. Sie hatte seinen Blick bemerkt, wie er sie im „Deep“ beobachtet hatte. Anscheinend hatte ihm gefallen, was er sah. Wäre Gabi nicht dazwischengefunkt, wer weiß, wie der Abend geendet wäre ... Cecilia bestrich sich ihren Toast mit Butter und griff nach der Zeitung, die Gabi achtlos an die Seite gelegt hatte. Gelangweilt blätterte sie Seite für Seite um, bis sie plötzlich überrascht innehielt. Wer sie da auf Seite 3 unter „lokale Nachrichten“ anlächelte war kein geringerer als Ricardo Torres.

Anwesen der Torres-Familie

Lustlos blätterte Carmen in einer Zeitschrift, während sie in ihr Croissant biss. Sie nahm das Frühstück mal wieder alleine ein, da Ricardo schon sehr früh das Haus verlassen hatte, um zum Revier zu fahren und Antonio es vorgezogen hatte, ganz auf sein Frühstück zu verzichten und gleich zu den Stallungen hinüber gegangen war. Sie wurde abgelenkt, als Clara, das Dienstmädchen, hereinkam.

„Es wurde gerade ein Telegramm für Sie abgegebenen, Madame,“ sagte sie höflich und überreichte Carmen einen Umschlag.

Carmen legte ihren Croissant beiseite, bedankte sich bei Clara und öffnete das Kuvert. Sie erkannte den Absender gleich an seiner zierlichen schnörkeligen Girlandenschrift. Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie das Telegramm las.

„Clara! Würden Sie mir bitte das Telefon bringen?“

Das junge Dienstmädchen brachte das Telefon herein und stellte es vor Carmen auf den Tisch. „Bitte sehr, Madame!“ Sie machte einen Knicks, als sie das Speisezimmer wieder verließ.

Carmen hob den Hörer ab und wählte die Nummer der Vermittlung. „Verbinden Sie mich bitte mit ...“ sie las die Adresse ab, die auf dem Umschlag stand ...“ ‚Avenida de las Rosas 25 – Vorwahl 523 630732, Guadalajara’ …“

Guadalajara/Mexiko - in Josefas Haus

Als Raquel am frühen Vormittag zum Frühstücken in die Küche kam, bemerkte sie gleich, wie schweigsam ihre Tante war. Instinktiv spürte sie, dass etwas vorgefallen sein musste. Während sie sich ein Glas Orangensaft einschenkte, sah sie ihre Tante neugierig an.

„Du bist so ruhig, Tante Josefa. Ist etwas passiert?“

Josefa verschränkte die Hände ineinander. Irgendwie hatte sie gehofft, dass es doch noch eine Möglichkeit gab, Raquel davon abzubringen, nach Sunset Beach zu fliegen, doch nach diesem Telefonat war alle Hoffnung zunichte.

„Carmen rief mich vorhin an,“ sagte sie knapp.

Raquels Augen weiteten sich. „Und?“ fragte sie aufgeregt.

„Sie freut sich auf Deine Ankunft am Samstag.“ Josefa machte gar keinen Hehl daraus, dass sie wenig erfreut darüber war, dass ihre Nichte sie schon so bald verlassen wollte.

„Das ist ja toll!“ Raquel umarmte ihre Tante glücklich.

„Kind, warum willst Du denn schon so schnell von hier fort?“ fragte Josefa kopfschüttelnd. „Samstag – das ist schon übermorgen. Weißt Du überhaupt, was wir bis dahin noch alles machen müssen?“

Raquel sah ihre Tante verwirrt an. „Was denn?“

„Wir müssen noch neue Anziehsachen für Dich kaufen, Du musst noch zum Friseur,“ fing sie an aufzuzählen,“ der Flug muss gebucht werden, die Koffer gepackt ...“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Was hast Du Dir eigentlich dabei gedacht, Carmen derart zu überfallen? Meinst Du nicht, dass sie vielleicht auch etwas Vorbereitungszeit braucht?“

Raquel hatte ihrer Tante mit gerunzelter Stirn zugehört. An die Details für ihre Reise hatte sie gar nicht gedacht. „Okay,“ sagte sie kleinlaut. „Koffer packen und Flug buchen muss sein, aber Kleider kaufen und Haare schneiden ...?“

Josefa nickte heftig mit dem Kopf. „Natürlich! Das ist sogar das wichtigste.“ Seufzend setzte sie sich auf einen Stuhl. „Ich werde Dir jetzt etwas über Carmen erzählen,“ sagte sie.

Raquel zog sich ebenfalls einen Stuhl heran und hörte interessiert zu, was ihre Tante zu erzählen hatte.

„Carmen Torres ist in Sunset Beach keine Unbekannte,“ begann Josefa. „Sie ist dort sehr angesehen, besitzt eigene Ländereien, bewohnt eine Villa und hat viele Dienstboten.“ Josefa machte eine Atempause, bevor sie weitersprach. „Sie gehört zu der High Society von Sunset Beach, wenn Du verstehst, was ich meine?“

Raquel nickte mechanisch. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass die beste Freundin ihrer Mutter so reich war. Sie sah an sich herunter. Tante Josefa hatte recht. In diesem Aufzug konnte sie wohl kaum bei den Torres erscheinen!

„Würdest Du mit mir einkaufen gehen?“ fragte sie ihre Tante zaghaft.

Josefa lächelte. „Aber natürlich, mein Kind.“ Traurig tätschelte sie Raquels Wange. „Willst Du es Dir nicht vielleicht doch noch einmal überlegen?“

Raquel schüttelte den Kopf. „Bitte Tante Josefa, das ist für mich eine einmalige Chance!“

Josefa sah sie besorgt an. „Ich weiß nicht, ich habe so ein komisches Gefühl ...“ Sie unterbrach sich, atmete einmal tief durch und fuhr dann fort. „ Gestern nacht blieb im Wohnzimmer die Uhr stehen – genau um Mitternacht, und heute morgen lief mir eine schwarze Katze über den Weg ...“ flüsterte sie ehrfürchtig.

„Tante Josefa!“ prustete Raquel lachend los. „Du glaubst doch nicht etwa an diesen albernen Aberglauben?“

Josefa sah ihre Nichte mahnend an. „Du solltest auch ein bisschen mehr an solche Dinge glauben,“ erwiderte sie. „Nicht alles, was auf dieser Erde geschieht ist Zufall!“

Raquel erhob sich von ihrem Stuhl. „Ich glaube nicht an solche Dinge wie Schicksal!“ sagte sie trotzig. „Und vor Geistern oder schwarzen Katzen fürchte ich mich schon gar nicht!“

Josefa sah Raquel mit gemischten Gefühlen hinterher, als sie hinauf in ihr Zimmer ging.








"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF


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Beitrag vom 11.02.2017 - 19:12
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Kapitel 8


Appartement der Martinez-Schwestern

„Na sieh mal einer an ...“ Interessiert las Cecilia sich den dazugehörigen Artikel durch.

>>Police-Officer rettet 15-Jähriger das Leben<<

„Gestern morgen spielten sich an der Central Station dramatische Szenen ab. Ein junges Mädchen war auf das Dach des Hochhauses geklettert, offenbar in der Absicht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Nur durch das mutige Eingreifen von Police Officer Ricardo Torres vom Sunset Beach Police Departement konnte Schlimmeres verhindert werden. Der junge Polizeibeamte, ein Mitglied der angesehenen Torres Familie, konnte das Mädchen mit viel Einfühlungsvermögen an ihrem Selbstmordversuch hindern. Er übergab die 15-Jährige danach wieder in die Obhut ihrer Eltern.“

Cecilia blies nachdenklich ihre Backen auf. „Torres ... Torres ...“ wiederholte sie ein paar Mal, bis der Groschen bei ihr fiel. Sie erinnerte sich plötzlich an einen Bericht in einer der Klatschzeitungen, wo eine gewisse Carmen Torres erwähnt worden war. Sie bewohnte eine Villa unmittelbar in Strandnähe und betrieb im Ort einen Esoterik-Laden. Cecilia schnalzte mit der Zunge. Was für eine angenehme Fügung des Schicksals, dachte sie. Ricardo Torres war also ein reicher Millionärssohn! Vielleicht war er der Schlüssel zu allem – der Schlüssel für ihren Eintritt in eine neue, bessere Welt! Cecilia klappte die Zeitung zu und stand auf. Nachdenklich schaute sie auf die Uhr. Es war kurz nach 11 Uhr, und wahrscheinlich saß Mr. Torres gerade im Revier und erledigte pflichtbewusst seine Arbeit. Cecilia lächelte bei dem Gedanken daran. ‚Nun,’ dachte sie,’ auch ein Polizeibeamter muss einmal eine Mittagspause machen.’ Cecilia rannte in ihr Zimmer und zog sich in Windeseile um. Sie legte ein neues Make Up auf und bürstete ihre dunklen Haare so lange, bis sie seidig glänzend über ihre Schultern fielen. Danach betrachtete sie sich zufrieden lächelnd im Spiegel. Das enganliegende Top brachte ihre üppige Oberweite noch besser zur Geltung, und der dazu passende Mini-Rock vervollständigte das Gesamtbild. Cecilia drehte sich vor dem Spiegel hin und her. Vielleicht war ihr Outfit ein wenig zu gewagt, aber was soll’s dachte sie „wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ Entschlossen griff Cecilia nach ihrer Handtasche und verließ das Appartement.

Guadalajara/Mexiko - Paolos Frisiersalon

“Sie haben wirklich ein wahres Wunder vollbracht, Senior Paolo!“ sagte Josefa begeistert, als sie die neue Frisur ihrer Nichte sah.

Der Meister lächelte bescheiden. „Ihre Nichte hat wirklich wundervolles Haar,“ sagte er. „Ein Jammer, dass ich auch nur einen Zentimeter davon kürzen musste.“

Josefa lächelte, während Raquel sich stirnrunzelnd im Spiegel betrachtete. Es kam ihr so vor, als ob eine Fremde sie anschauen würde. Ihre hüftlange Mähne war um 20 cm gekürzt und zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur hochgekämmt worden. Nur ein paar kürzere Locken fielen links und rechts an den Schläfen herab und verliehen ihrem schmalen Gesicht ein weicheres Aussehen. Ungelenk erhob Raquel sich von ihrem Stuhl.

„Vielen Dank,“ sagte sie und streckte Paolo die Hand entgegen.

Sie nestelte an ihrer Bluse herum, die Josefa und sie einige Stunden zuvor in einer Boutique gekauft hatten – zusammen mit den anderen Kleidungsstücken, die Raquel auf ihrer Reise nach Sunset Beach mitnehmen sollte.

„Es war mir ein großes Vergnügen,“ sagte Paolo.

Josefa verabschiedete sich ebenfalls und schob Raquel zum Ausgang. Diese warf noch einmal einen letzten traurigen Blick zu ihrer abgeschnittenen Haarpracht hinüber, die auf dem Fußboden lag und verließ dann mit ihrer Tante den Frisiersalon.

„Möchtest Du etwas essen?“ fragte Josefa. „Also, ich bekomme vom Shopping gehen immer Hunger,“ fügte sie lächelnd hinzu. Prüfend sah sie ihre Nichte an. Ihr fiel auf, wie bedrückt Raquel wirkte.

„Was ist denn nur los, Kind?“ fragte sie besorgt.

Raquel steuerte auf eine Bank zu und setzte sich. „Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll,“ begann sie zaghaft. Sie zupfte an ihrem neuen Rock und der dazu passenden Bluse herum, bevor sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. „Ich fühle mich so ... so fremd,“ platzte es dann aus ihr heraus. „Dieser Rock, diese Bluse, diese Frisur ...“ Sie stockte kurz, bevor sie weitersprach. „Das bin nicht ich, und so wollte ich auch nie sein!“

Josefa nahm ihre Nichte in den Arm. „Du wirst Dich schon daran gewöhnen,“ sagte sie tröstend. „Sieh mal, Raquel, Du beginnst jetzt ein neues Leben und Du wirst neue Menschen kennen lernen,“ sagte sie weise. „Alles wird sich für Dich verändern, und da gehört es eben auch dazu, dass Du etwas an Deinem Äußeren veränderst.“

Raquel nickte. „Du hast wahrscheinlich recht,“ seufzte sie. „Ich brauche nur einfach etwas Zeit, um mich daran zu gewöhnen.“

Josefa lächelte zufrieden. „Das hört sich doch schon gleich viel positiver an. Möchtest Du nun etwas essen?“

Raquel schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, ich möchte doch lieber nach Hause.“

Josefa nickte verständnisvoll. Sie stiegen in Josefas alten VW Käfer und fuhren nach Hause.

Vor dem SBPD

Cecilia parkte ihren Wagen in einer Seitenstrasse und ging dann zu Fuß weiter zum Polizeirevier. Während sie dann unschlüssig vor der Eingangstür stand und überlegte, ob sie wirklich hinein gehen sollte, hielt neben ihr ein Polizeifahrzeug, aus dem ein Polizeibeamter stieg. Er öffnete die Schiebetür und zerrte zwei junge, an Handschellen gekettete, leichtbekleidete Damen aus dem Wagen, offensichtlich Prostituierte. Als er Cecilia sah grinste er anzüglich.

„Willst wohl die Kaution für Deine Freundinnen stellen, was Süße?“ fragte er und sah Cecilia mit unverhohlener Neugier an.

„Wie bitte?“ fragte sie entgeistert.

Der Polizeibeamte ignorierte ihre Antwort und schob sie unsanft die Stufen hinauf. Cecilia war viel zu überrascht, um entsprechend reagieren zu können, und so betrat sie dann zusammen mit den beiden anderen Frauen das Revier.

„Ich habe hier zwei Verhaftungen wegen illegalen Drogenbesitzes,“ sagte der Polizeibeamte und wies zu den Frauen hinüber.

Langsam erhob Ricardo sich von seinem Stuhl und ging um seinen Schreibtisch herum. Sein Blick drückte Überraschung aus aber auch ein bisschen Schadenfreude, als er Cecilia erkannte.

„Wen haben wir denn da?“ fragte er spöttisch.

Cecilia spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Wie peinlich! Da hatte sie vor Ricardo einen guten Eindruck machen wollen, und nun dachte er womöglich, dass sie ebenfalls ein leichtes Mädchen war!

„Das – das ist ein Missverständnis!“ stammelte sie, während sie ihn hilflos ansah.

Ricardo wandte sich an seinen Kollegen. „Weshalb wurde sie verhaftet?“ fragte er, während er Cecilia nicht aus den Augen ließ.

Der Polizeibeamte sah ebenfalls kurz zu Cecilia hinüber und schüttelte dann den Kopf. „Wer die ist weiß ich nicht.“ Er wies zu den anderen beiden Frauen hinüber. „Diese beiden habe ich erwischt, wie sie einem Freier Koks andrehen wollten.“

Cecilia atmete hörbar auf.

„Ist in Ordnung,“ sagte Ricardo zu seinem Kollegen,“ Du verhörst die beiden Bordsteinschwalben, und ich kümmere mich um ...“ er sah Cecilia mit hochgezogenen Augenbrauen an,“ ... um die junge Dame dort.“

Erleichtert ließ Cecilia sich auf einen Stuhl fallen. „Danke! Das war knapp ...!“ lächelte sie verlegen.

Ricardo verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Und nun verraten Sie mir doch mal, was Sie wirklich hier wollen, Cecilia?“

Erstaunt registrierte Cecilia, dass er sich tatsächlich noch an ihren Namen erinnern konnte. ‚Jetzt nur nichts falsches sagen,’ dachte sie.

„Ich war rein zufällig in der Nähe, und da dachte ich mir, dass ich Ihnen auch gleich zu ihrer großartigen Rettungsaktion gratulieren könnte.“ Cecilia unterstrich ihre Aussage mit einem vielbedeutenden Lächeln.

Ricardo hob amüsiert die Augenbrauen, während er sie ungeniert musterte. „Vielleicht sollten Sie wissen, dass es in dieser Gegend angebrachter ist sich etwas ...“ er räusperte sich,“ ... etwas bürgerlicher zu kleiden“ sagte er schmunzelnd.

Das saß! Cecilia zwang sich zu einem Lächeln, obwohl sie am liebsten im Erdboden versunken wäre! ‚Jetzt bloß nicht aus der Rolle fallen!’ ermahnte sie sich. „Danke, ich werde es mir merken,“ erwiderte sie zähneknirschend. Sie sprang abrupt auf. „Ich möchte Sie nun wirklich nicht länger aufhalten. Einen schönen Tag noch, Ricardo!“

Ehe er noch etwas darauf erwidern konnte war sie schon an der Tür, riss diese auf und rannte nach draußen.

Leicht irritiert sah Ricardo ihr hinterher. Aus Cecilia wurde er nicht klug. Was sollte diese Vorstellung? Er nahm ihr nicht ab, dass sie nur rein zufällig vorbeigekommen war, und dann auch noch in diesem Aufzug! Ricardo grinste, als er an ihren knappen Mini dachte, der gerade mal den Po bedeckt hatte. Nein, es musste einen anderen Grund geben, weshalb sie hier aufgetaucht war. Aber welchen? Ricardo machte eine wegwischende Handbewegung, als könnte er so Cecilia aus seinen Gedanken verbannen. Vielmehr interessierte es ihn, wie es Gabi ging. Er runzelte die Stirn, als er daran dachte, wie sie seinen Anruf von heute morgen abgeblockt hatte, oder war das etwa gar nicht Gabi am Telefon gewesen sondern Cecilia? Fragen über Fragen. Ricardo schob seufzend seinen Stuhl zurück. Irgendwie würde er jetzt sowieso nichts gescheites mehr auf die Reihe bekommen.

„Ich mache Mittagspause!“ rief er einem Kollegen zu. Ricardo erhob sich von seinem Platz und verließ das Police-Departement.

Elaine's Waffelshop

Müde und frustriert betrat Gabi „Elaines Waffelshop“ und setzte sich in einer Nische an einen freien Tisch. Der Vormittag hatte nicht den Erfolg gebracht, den sie sich erhofft hatte. Gabi hatte die SB-Arbeitsvermittlung aufgesucht und dort nach freien Jobs gefragt. Leider konnte ihr der Arbeitsvermittler keine sehr großen Hoffnungen machen. Sämtliche Stellen, die sich im weitesten Sinne mit Fotografie beschäftigten, waren schon vergeben. Nicht einmal freie Bürojobs gab es. Lediglich eine freie Stelle als Angestellte in einem Fast-Food-Restaurant war noch frei. Doch das war nun wirklich nicht das, was Gabi sich vorgestellt hatte. Musste sie halt weitersuchen und hoffen, dass es nächste Woche besser aussah. Sie hatte dem Arbeitsvermittler ihre Rufnummer gegeben, und er hatte versprochen, dass er sich sofort melden würde, wenn er etwas für sie in Aussicht hätte.

Gabi schaute kurz hoch, als Elaine, die Besitzerin des Waffelshops, an ihren Tisch kam, um die Bestellung aufzunehmen.

„Hallo Elaine!“

„Hallo Gabi,“ grüßte Elaine zurück. „Was darf ich Dir bringen?“

„Nur einen starken Kaffee, bitte,“ antwortete Gabi.

Elaine sah sie besorgt an. „Oh je, das hört sich aber gar nicht gut an. Möchtest Du darüber reden?“

Gabi und Elaine waren schon seit Jahren befreundet, und so leicht machte man Elaine auch nichts vor. Sie war in Sunset Beach dafür bekannt, dass sie immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Gäste hatte.

„Du wirst es ja sowieso irgendwann erfahren,“ sagte Gabi seufzend. „Ich habe meinen Job verloren.“

Elaine sah sie bestürzt an. „Mein Gott ... Das tut mir wirklich sehr leid für Dich, Gabi! Wie konnte das denn nur passieren? Ich dachte, wer beim „Sentinel“ arbeitet hätte einen Job fürs Leben!“

Gabi verzog das Gesicht. „Ja, das dachte ich bisher auch immer, aber anscheinend ist es wohl doch nicht so.“ Sie seufzte tief. „Es wäre auch gar nicht so tragisch, wenn ich nicht regelmäßig meinen Mietanteil und die Pflegekosten für Papa bezahlen müsste. Cecilia alleine schafft das nicht. Sie verdient als Kellnerin ja noch weniger als ich!“

Elaine sah Gabi mitfühlend an. „Hast Du es schon bei der Jobvermittlung versucht?“ fragte sie.

Gabi rümpfte die Nase. „Da komme ich gerade her!“ antwortete sie bitter.

„Und?“ fragte Elaine hoffnungsvoll.

„Nichts, und der Typ sagte mir auch gleich, dass die Aussichten mehr als schlecht wären.“ Gabi strich sich seufzend ihr Haar zurück.

„Ich hole Dir jetzt erst einmal einen Kaffee, und dann sieht die Welt schon gleich viel rosiger aus,“ sagte Elaine aufmunternd. Sie drehte sich um, um zurück zum Tresen zu gehen, als ihr noch etwas einfiel. „Ach Gabi, vielleicht möchtest Du dazu auch noch eine Waffel essen?“

Gabi winkte ab. „Nein danke, Elaine, aber so schlecht geht es mir nun doch nicht,“ sagte sie, während sich ihr Gesicht zu einem Grinsen verzog.

„Das war nur ein Test,“ erwiderte Elaine augenzwinkernd. „Schön, dass Du Deinen Humor noch nicht ganz verloren hast!“ fügte sie schmunzelnd hinzu.

Während Gabi auf ihren Kaffee wartete, blätterte sie die Unterlagen durch, die der Jobvermittler ihr mitgegeben hatte.

„Hallo Elaine,“ hörte Gabi plötzlich von der Tür her eine Männerstimme.

Überrascht sah sie hoch und schaute geradewegs in Ricardo Torres braune Augen.

„Alle guten Dinge sind drei,“ sagte er und grinste sie dabei verschmitzt an.

„Ja, scheint so,“ entgegnete sie lächelnd. „Möchtest Du Dich zu mir setzen?“

Ricardo nickte und nahm den Platz gegenüber Gabi ein. „Kommst Du öfter hierher?“ fragte er neugierig.

Gabi schüttelte den Kopf. „In letzter Zeit war ich weniger hier, aber Elaine und ich sind alte Freundinnen. Da komme ich gerne mal auf einen Plausch vorbei,“ erklärte sie.

Ricardo zog ein Päckchen Zigaretten aus seiner Hosentasche. „Stört es Dich, wenn ich rauche?“

Gabi schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin quasi mit dem Geruch aufgewachsen,“ erwiderte sie lächelnd. „Mein Vater hat auch geraucht, bevor er ...“ Gabi brach den Satz abrupt ab. Es war noch zu früh, Ricardo von dem traurigen Schicksal ihres Vaters zu erzählen. Sie spürte, wie er sie fragend ansah und wechselte schnell das Thema.

„Ich habe heute in der Zeitung den Artikel von Miranda gelesen,“ sagte sie. „Sehr beeindruckend wie ich fand.“

Ricardo sah sie nachdenklich an und zog an seiner Zigarette. „Eigentlich müsste dort Dein Name stehen,“ sagte er, während er ihr tief in die Augen sah. „Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, dass ich so hochgelobt werde und Du nicht mal mit einer Silbe erwähnt wirst.“ Er kratzte sich nachdenklich an der Stirn. „Aber vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit, wie man das wieder gut machen kann ...“

Gabi sah ihn irritiert an. „Du willst doch hoffentlich nicht der Presse erzählen, dass ich diejenige war, die das Mädchen gerettet hat?“ fragte sie vorsichtig.

Ricardo schüttelte den Kopf. „Nein, nichts dergleichen, etwas viel besseres ...“ Er sammelte kurz seine Gedanken, bevor er Gabi von Mrs. Carpenters Einladung im „Grenadines“ erzählte.

„Und, was meinst Du dazu?“ schloss er seinen Bericht ab. Erwartungsvoll sah er sie an.

Gabi hatte ihm die ganze Zeit ruhig zugehört, obwohl in ihrem Inneren ein Sturm tobte. Sie würde mit Ricardo ganz alleine essen gehen! Sie spürte, wie sich bei dieser Vorstellung ihr Pulsschlag beschleunigte, und ein Glücksgefühl durchflutete sie.

„Ja, das hört sich doch sehr gut an,“ sagte sie und lächelte dabei.

Ricardos Augen strahlten, als er sie ansah. „Prima, dann werde ich Mrs. Carpenter gleich anrufen und ihr bescheid geben,“ sagte er glücklich. „Wann würde es Dir denn passen?“

Gabi zuckte mit den Schultern. „Ich richte mich da ganz nach Dir,“ antwortete sie.

Ricardo nickte. „In Ordnung. Ich rufe Mrs. Carpenter an und frage sie, wann es ihrem Mann passen würde, und dann rufe ich Dich zurück, okay?“

Gabi nickte. „Gute Idee,“ stimmte sie zu.

Ricardo stand auf. “Dann will ich mal los,” sagte er, während er sie entschuldigend ansah.

„Du bist doch gerade erst gekommen,“ sagte Gabi erstaunt.

Ricardo nickte. „Ja, schon, aber mir ist gerade eingefallen, dass ich noch etwas dringendes erledigen muss.“ Er beugte sich zu Gabi herab und griff nach ihrer Hand. Während er einen sanften Kuss auf ihren Handrücken hauchte, sah er sie mit einem vielsagenden Blick an.

„Ich rufe Dich an,“ versprach er.

Gabi fühlte immer noch den Abdruck seiner Lippen auf ihrer Hand, als er den Waffelshop schon längst verlassen hatte.




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Beitrag vom 11.02.2017 - 19:13
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Kapitel 9


Appartement der Martinez-Schwestern

Lauernd beobachtete Cecilia ihre Schwester, während sie sich für ihren Abend im „Deep“ zurecht machte. Schon seit Stunden saß Gabi im Wohnzimmer und blätterte in Zeitschriften herum, während sie ständig zum Telefon hinüber starrte.

„Erwartest Du einen Anruf?“ fragte Cecilia neugierig.

Gabi nickte. „Ich hatte Dir doch erzählt, dass ich heute bei der Jobvermittlung war,“ sagte sie, als ob dies alles erklären würde.

„Ja, schon, aber glaubst Du, dass der Typ sich um diese Uhrzeit noch melden wird?“ Skeptisch sah Cecilia ihre Schwester an. „Außerdem sagte er doch wohl etwas von „wenn er einen freien Job hätte. Das kann doch Tage dauern!“

Gabi nickte, während sie sich auf die Lippen biss. Natürlich wartete sie nicht auf den Anruf des Arbeitsvermittlers sondern auf die Nachricht von Ricardo, wann sie sich zum Essen treffen könnten. Das konnte sie nur Cecilia nicht erzählen, wusste sie doch, dass es ihrer Schwester überhaupt nicht recht war, dass sie sich mit ihm traf. So war ihr nur diese Notlüge eingefallen.

„Ich will dann mal los,“ sagte Cecilia und griff nach ihrer Tasche. „Wenn etwas sein sollte ... Du weißt ja, wo Du mich finden kannst,“ fügte sie grinsend hinzu.

Gabi zwang sich zu einem Lächeln. „Ja danke, aber ich komme schon alleine zurecht.“

„Dann bis morgen!“ Schwungvoll öffnete Cecilia die Tür und verließ das Appartement.

Gabi atmete erleichtert auf. Ihr war nicht entgangen, dass Cecilia sie die ganze Zeit über mit Argusaugen beobachtet hatte. Gabi seufzte, als sie daran dachte, was erst wäre, wenn Cecilia von ihr und Ricardo erfahren würde – ausgerechnet jetzt, wo sie sich wieder vertragen hatten. Sie hatten nachmittags die Gelegenheit gehabt, sich wieder einmal richtig auszusprechen – allerdings war das Thema ‚Ricardo Torres’ dabei von beiden geschickt ausgeklammert worden. Gabi wusste, dass Cecilia ebenfalls ein Auge auf ihn geworfen hatte, und das hinterließ ein mulmiges Gefühl bei ihr. Aus Streitigkeiten jeglicher Art war Cecilia bisher immer als Siegerin hervorgegangen. Doch diesmal, das schwor Gabi sich, würde ihre Schwester den Kürzeren ziehen! Erschrocken fuhr sie zusammen, als das Telefon schellte.

Bevor sie den Hörer abhob, atmete sie noch einmal tief durch. „Hier bei Martinez,“ meldete sie sich dann. Ihr Herz schlug schneller, als sie Ricardos Stimme erkannte. Aufgeregt lauschte sie, was er ihr mitzuteilen hatte.

„Ja, das passt sehr gut,“ antwortete sie dann auf seinen Vorschlag hin. Glücklich legte sie auf.

Schon diesen Samstag würde sie mit ihm im „Grenadines“ essen gehen! Gabi breitete die Arme aus, als wollte sie die ganze Welt umarmen. ‚Übermorgen ...“ dachte sie glücklich. Schon übermorgen würde sie ihn wiedersehen. Gabi blätterte im „Sentinel“ herum, bis sie den Artikel mit Ricardo fand. Gedankenverloren strich sie dann mit einem Finger leicht über das Foto, während sie drei Worte flüsterte: „Ich liebe Dich!“

Guadalajara/Mexiko

Zielstrebig verließ Clayton seine Wohnung und stieg in seinen Wagen ein. Nachdenklich verharrte er einen Moment hinter dem Steuer, ehe er Gas gab und den Weg Richtung Autobahn einschlug. Die ganze Zeit hatte er mit sich gerungen, ob es geschickt war, Raquel noch einmal aufzusuchen, doch nun hatte er einen Grund. Beim Aufräumen seiner Sachen hatte er eine Haarspange von ihr gefunden - eine goldene Haarspange, besetzt mit Rubinen, in Form eines Schmetterlings. Clayton lächelte, als er sich daran erinnerte, wie überschwänglich Raquel ihm damals um den Hals gefallen war, als er sie ihr zu ihrem 17. Geburtstag geschenkt hatte. Damals waren sie gerade frisch verliebt gewesen ... Clayton seufzte tief, als er sich zurückerinnerte. Raquel und er waren zusammen aufgewachsen. Was anfangs nur eine gute Freundschaft gewesen war, entwickelte sich für ihn schon bald zur großen Liebe. Auch Raquel hatte irgendwann festgestellt, dass sie mehr als nur freundschaftliche Gefühle für Clayton empfand. Kurz vor ihrem 17. Geburtstag hatte es dann richtig zwischen ihnen beiden gefunkt, und sie waren ein Liebespaar geworden. Clayton bog auf die Autobahnzufahrt ein. Sein Verstand sagte ihm, dass es ein Fehler war, ihr nachzulaufen, aber sein Herz sagte etwas anderes. Vielleicht war es ein Wink des Schicksals, dass Raquel ihre Haarspange bei ihm vergessen hatte, überlegte er. Vielleicht gab es ja doch noch eine Chance für ihre Liebe. Clayton drückte das Gaspedal durch, und wie ein Pfeil schoss sein silberfarbener Sportwagen über die Autobahn.

Vor Josefas Haus

"Auf Wiedersehen, meine Kleine!" verabschiedete sich Josefa mit Tränen in den Augen von ihrer Nichte.

Raquel umarmte ihre Tante ganz fest. Auch sie kämpfte mit den Tränen. "Ich muss mich beeilen, Tante Josefa," sagte Raquel traurig und wies zu dem wartenden Taxi hinüber. "Mein Flugzeug geht in 20 Min. in die Luft."

Josefa nickte und ließ Raquel los. "Ja, natürlich," sagte sie, und unter Tränen lächelnd fügte sie hinzu," Reisende soll man nicht aufhalten."

Raquel zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln. "Ich werde mich sofort melden, wenn ich angekommen bin," versprach sie. Sie nahm ihre Koffer und brachte sie zum Taxi. Während der Taxifahrer ihr Gepäck einlud nahm sie auf dem Beifahrersitz platz. Sie drehte das Fenster herunter und winkte ihrer Tante noch einmal zu, bis sie aus ihrem Sichtfeld verschwunden war.

Josefa wollte gerade ins Haus gehen, als sie sah, wie ein Sportwagen vor dem Haus hielt. Sie erkannte den Wagen sofort.

"Hallo Clayton!" begrüßte Josefa ihren Gast und machte eine Handbewegung, dass er ihr ins Haus folgen sollte.

"Hallo Josefa!" Clayton wies in die Richtung, in der das Taxi davongefahren war. "War das vorhin Raquel, die im Taxi saß?" fragte er erstaunt, während er hinter Josefa das Haus betrat.

Josefa schloss für einen Moment die Augen. Genau das hatte sie vermeiden wollen, dass Clayton erfuhr, dass Raquel das Land verlassen wollte, aber dazu war es nun zu spät.

"Ja," antwortete sie knapp.

Sie sah seinen fragenden Blick. "Sie besucht eine Freundin," klärte sie ihn auf.

Clayton gab sich allerdings mit dieser Antwort nicht zufrieden. "Bleibt sie für länger weg?"

Josefa wusste, dass Clayton so schnell nicht aufgeben würde herauszufinden, wo Raquel steckte, also sagte sie ihm die Wahrheit.

"Sie besucht eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter, und ich weiß nicht, wann sie wiederkommen wird."

Clayton zog die Stirn kraus, so dass zwei senkrechte Falten erschienen. "Diese Freundin ... wo wohnt sie?" fragte er neugierig.

Josefa setzte sich auf einen Stuhl und bot auch Clayton einen Platz an. Nervös drehte sie an einer ihrer Haarlocken herum.

"Lass es gut sein, Junge!" bat sie inständig. "Es wäre Raquel nicht recht, wenn ich Dir sage, wohin sie gefahren ist."

Verständnislos schüttelte Clayton den Kopf. "Hasst sie mich so sehr?" fragte er, und Josefa erkannte in seinem Blick tiefe Traurigkeit.

Sie hielt sich mit einem Kommentar zurück, wusste sie doch, dass eher das Gegenteil der Fall war.

"Bitte, Josefa," bat er," ich möchte doch nur wissen, wohin sie gefahren ist! Ist das denn zuviel verlangt?" Clayton sah sie mit einem verzweifelten Blick an, und Josefa seufzte tief. Sie hatte ihm auch schon früher, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, nichts abschlagen können.

"Sunset Beach," sagte sie leise. "Sie fliegt nach Kalifornien ..." Sie sah, wie Claytons Augen aufleuchteten und erkannte, dass sie gerade einen großen Fehler gemacht hatte.

"Danke!" Er sprang auf und ging Richtung Ausgang, als Josefa ihn zurückhielt.

"Versprich mir, dass Du nichts unüberlegtes tun wirst!" flehte sie. "Lass sie gehen!"

Clayton lächelte. "Keine Sorge, ich werde nur tun, was ich tun muss," antwortete er ruhig, aber Josefa sah in seinen blauen Augen eine geradezu trotzige Entschlossenheit.

Mit besorgter Miene sah sie ihm hinterher, wie er in sein Auto stieg und mit quietschenden Reifen davonfuhr. Josefa ging hinüber in ihr Schlafzimmer und kniete vor einer kleinen Marienstatue nieder. Während sie dann mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen leise ein Gebet sprach, rollte auf dem Flughafen von Guadalajara das Flugzeug, mit Raquel an Bord, langsam die Startbahn hinunter ...

Sunset Beach Airport

„Ladys und Gentleman! Wir hoffen, dass Sie einen angenehmen Flug hatten und würden uns freuen, Sie bald einmal wieder an Bord unserer Maschine begrüßen zu dürfen. Die Crew verabschiedet sich nun von Ihnen und wünscht Ihnen einen schönen Aufenthalt in Sunset Beach!“

Mit wackeligen Knien erhob Raquel sich von ihrem Sitz und machte sich mit einigen anderen Passagieren auf den Weg zum Ausgang. Der Flug von Mexiko nach Kalifornien hatte mehrere Stunden gedauert, und die meiste Zeit davon hatte Raquel verschlafen. Es war schon ein komisches Gefühl, dass sie nun so weit weg von zuhause war. Raquel ging langsam die Treppe hinunter und die Gangway entlang, während sie sich suchend umsah. Ihre Tante hatte ihr erzählt, dass man sie vom Flughafen abholen würde, aber so sehr Raquel auch den Hals reckte, sie konnte niemanden entdecken, der auch nur im entferntesten nach einem Chauffeur aussah. Missmutig ging sie zum Transport-Band hinüber und griff nach ihren beiden Koffern.

„Seniorita Mendez?“ hörte Raquel plötzlich eine Stimme hinter sich.

Sie drehte sich um und schaute in ein Paar dunkelbraune Augen.

„Ja, die bin ich,“ antwortete sie, während sie den Fremden interessiert musterte. „Und wer sind Sie?“ fragte sie geradeheraus.

Der Fremde lächelte. „Ich bin Ricardo Torres, Carmens ältester Sohn,“ stellte er sich vor. „Meine Mutter hat mich gebeten, Sie vom Flughafen abzuholen.“ Unaufgefordert nahm er Raquels beide Koffer und ging Richtung Ausgang.

„Folgen Sie mir,“ forderte er sie auf. „Ich habe gleich vorne geparkt, damit wir nicht so weit laufen müssen.“

Raquel nickte und ging hinter ihm her. Vor einer schwarzen Limousine blieb Ricardo stehen und öffnete die Beifahrertür. „Darf ich bitten?“ bot er ihr lächelnd einen Platz an.

Raquel kam seiner Aufforderung nach und strich dann bewundernd über die hellen Lederbezüge.

„Ich glaube nicht, dass ich schon mal auf etwas Edlerem als diesem hier gesessen habe,“ entfuhr es ihr.

Ricardo sah sie schmunzelnd an. Anscheinend sagte die junge Dame immer was sie dachte.

Während Ricardo den Wagen über die Küstenstrasse ins Landesinnere hinein lenkte, beobachtete Raquel ihn die ganze Zeit neugierig von der Seite. Sie schätzte, dass er so um die Mitte 20 war, vielleicht etwas älter. Obwohl Raquel in Punkto Männer eher unerfahren war – wenn man von ihrer jahrelangen Beziehung mit Clayton absah – erkannte sie doch, dass es sich bei Ricardo um ein besonders attraktives Geschöpf der Spezies Mann handelte. Raquel schloss die Augen und lehnte sich im Sitz zurück. So entging ihr, dass auch Ricardo sie aus den Augenwinkeln beobachtete. Er hatte ja schon durch das Foto einen Vorgeschmack auf sie bekommen, doch in Natura sah sie noch viel besser aus für sein Empfinden. Sich unbeobachtet fühlend musterte er sie ungeniert. Sie hatte so eine kindliche Unschuld an sich, dass es schon wieder anziehend für ihn war. Ihr knielanges Kleid mit dem Blümchenmuster verstärkte diesen Eindruck noch. Raquel schien zu bemerken, dass sie angestarrt wurde, denn sie öffnete plötzlich ihre Augen.

„Bin ich eingeschlafen?“ fragte sie verwirrt.

Ricardo schüttelte den Kopf. „Sie haben nur etwas gedöst. Ist ja auch kein Wunder nach dem langen Flug,“ sagte er verständnisvoll.

„Schade nur, dass ich dadurch die schöne Aussicht über den Wolken verpasst habe,“ sagte Raquel bedauernd, und als Ricardos fragender Blick sie traf, fügte sie grinsend hinzu, „ich habe nämlich auch fast den ganzen Flug verschlafen.“

„So, wir sind da!“ Ricardo hielt den Wagen vor dem Torres-Anwesen und half Raquel beim Aussteigen.

„Wahnsinn ...“ entfuhr es ihr, als sie einen ersten Blick auf die Villa warf.

Ricardo konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Raquel war so ganz anders als die Mädchen, die er vorher kennen gelernt hatte. Ihre spontane Art und herzerfrischende Natürlichkeit machten sie sofort sympathisch für ihn. Sicher würde sie sich hier schnell einleben.

Ricardo öffnete die Tür und ging einen langen Flur entlang, während Raquel ihm langsam folgte. Am Ende des Flures blieb er vor einer Tür stehen und klopfte an.

„Ja bitte!“ hörte Raquel eine heisere Stimme aus dem Raum rufen.

Ricardo drückte die Klinke herunter und gab Raquel ein Zeichen, dass sie hinein gehen sollte. Ein wenig ängstlich sah sie ihn an, doch als er ihr aufmunternd zunickte, betrat sie zögernd den Raum.

Torres Anwesen

Eine hochgewachsene Dame mittleren Alters kam auf sie zu. Sie trug ihr schulterlanges schwarzes Haar offen und hatte nur ein Kopftuch darum geschlungen. Sie war von schlanker, fast schon hagerer Gestalt und trug eine gerüschte Bluse und einen langen Rock. Um ihren Hals hingen mehrere Ketten, und auch ihre Hände waren beringt. Ihre dunkelbraunen Augen musterten Raquel abschätzig.

„Madame Carmen?“ fragte Raquel schüchtern.

Ricardo hatte sich im Hintergrund gehalten. Er spürte, wie nervös Raquel mit einem Mal wurde und hätte ihr gerne beigestanden, wusste er doch, wie furchteinflössend seine Mutter auf jemanden wirken konnte, der sie zum ersten Mal sah.

„Raquel, das ist meine Mutter, Carmen Torres,“ sagte Ricardo schnell, um die beklemmende Situation für Raquel erträglicher zu machen. „Mama, das ist Raquel Mendez.“

Carmen streckte Raquel ihre Hand entgegen, während sie immer noch keine Miene verzog. „Willkommen in meinem Haus,“ sagte sie kühl.

Raquel hatte das Gefühl, als ob ihre Kehle zugeschnürt wäre. Sie nickte nur. Dann drehte sie sich zu Ricardo herum und sah ihn hilfesuchend an.

„Vielleicht möchten Sie sich erst einmal frisch machen?“ meinte er, während er einen Blick mit seiner Mutter wechselte.

Carmen nickte zustimmend. „Ich habe die Dienstboten bereits angewiesen, Ihr Gepäck aufs Zimmer zu bringen,“ sagte sie zu Raquel. „Ricardo, würdest Du bitte so freundlich sein, Seniorita Mendez ihr Zimmer zu zeigen,“ wandte sie sich dann an ihren Sohn.

Irritiert sah er seine Mutter an. Er fragte sich, weshalb sie ihn damit beauftragte, obwohl es doch eigentlich ihr Besuch war. Da er seine Mutter jedoch nicht verärgern wollte, nickte er.

„Kommen Sie, Raquel, ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer, und danach führe ich Sie im Haus herum.“ schlug er vor.

Raquel nickte beklommen. Obwohl sie sonst nicht auf den Mund gefallen war, flößte Madame Carmen ihr Unbehagen ein. Diese Frau sollte angeblich einmal die beste Freundin ihrer Mutter gewesen sein? Raquel konnte es kaum glauben. Ihre Mutter war eine lebenslustige, fröhliche Person gewesen, die gerne und viel gelacht und die Dinge immer positiv gesehen hatte. Wie hatte sie sich mit jemandem abgeben können, der so kühl und distanziert war, wie diese Carmen Torres?

Ricardo sah, wie Raquel die Stirn runzelte. Er ahnte, was in ihr vorging. Es befremdete ihn selber, dass seine Mutter die junge Frau so kühl behandelte. Sicher war sie gerade kein Ausbund an Fröhlichkeit, aber diese frostige Art schockierte selbst ihn.

„Können wir gehen?“ wandte er sich zu Raquel um.

Sie nickte und erleichtert dieser frostigen Atmosphäre entkommen zu können, folgte sie ihm den Flur entlang.





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Beitrag vom 11.02.2017 - 19:14
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Kapitel 10


Torres Anwesen

Raquel war angenehm überrascht, als sie das Gästezimmer betrat. Hier erinnerte nichts an die kühle Atmosphäre von vorhin. Im Gegenteil – der Raum wirkte hell und freundlich. Auf einem kleinen Tisch stand eine Schale mit Obst und daneben eine Vase mit Gartenblumen. Das Zimmer war nicht sehr groß, wirkte aber durch die Anordnung der Möbel gemütlich. Raquel stellte überrascht fest, dass sogar ein kleiner Schreibtisch vor dem Fenster stand. Sie ging zum Fenster hinüber und zog die Vorhänge zurück. Ein warmer Lichtstrahl der Nachmittagssonne traf sie, und Raquel schloss die Augen. Wenn nur alles in diesem Haus so wäre wie dieses Zimmer, dachte sie seufzend. Mit Schaudern erinnerte sie sich an die düstere Bibliothek. Hoffentlich waren wenigstens die anderen Räume etwas geschmackvoller eingerichtet, hoffte sie. Zumindest hatte sie hier einen Zufluchtsort gefunden!

„Gefällt es Ihnen?“ fragte Ricardo, der die ganze Zeit hinter ihr gestanden und sie beobachtet hatte.

Raquel drehte sich lächelnd herum. „Ja, es ist sehr gemütlich hier.“

Ricardo nickte. „Hier wohnte meine jüngere Schwester Maria,“ sagte er, während sein Gesichtsausdruck einen traurigen Ausdruck annahm. „Mama hat es nach Marias Auszug zu einem Gästezimmer umbauen lassen, aber irgendwie spüre ich immer noch ihre Anwesenheit in diesem Raum,“ fügte er hinzu.

Raquel sah Ricardo mitfühlend an. „Sie haben sich wohl sehr gut mit Ihrer Schwester verstanden, oder?“ fragte sie.

Ricardo nickte. „Ja, wir standen uns sehr nahe.“ Er atmete tief durch und lächelte. „Sie lebt jetzt mit ihrem Mann in England,“ erklärte er. „Mama ist darüber sehr unglücklich, hatte sie doch gehofft, dass ihre Enkelkinder einmal hier aufwachsen würden.“ Er verzog das Gesicht.

„Haben Sie Lust, mich jetzt im Haus herumzuführen?“ fragte Raquel. Sie hatte bemerkt, dass das Thema ‚Maria’ Ricardo bedrückte und wollte ihn ablenken.

„Ja, natürlich,“ erwiderte er geistesabwesend. „Aber bitte ... lassen Sie das „Sie“ weg. Ich bin einfach nur Ricardo!“

„Gut.“ Raquel nickte erleichtert. „Ich finde es auch albern, wenn Gleichaltrige sich siezen.“

„Dann wäre dieser Punkt ja geklärt.“ Ricardo bot Raquel seinen Arm an. „Dann lass uns jetzt zur Hausbesichtigung schreiten,“ sagte er lächelnd.

Nachdem er die junge Frau durchs Haus geführt hatte, sah er sie erwartungsvoll an. „Und, meinst Du, dass Du Dich hier zurechtfinden wirst?“

Raquel schwirrte noch der Kopf von den vielen neuen Eindrücken und sie seufzte leise. „Ich weiß noch nicht so genau.“ gab sie wahrheitsgemäß zu. „Ich glaube trotzdem, dass ich mich noch öfters verlaufen werden.“ grinste sie.

Ricardo grinste ebenfalls, doch sein Miene wurde ganz plötzlich ernst, als er Raquels Blick folgte.

„Was ist denn da oben?“ fragte sie neugierig, als sie eine kleine schmale Wendeltreppe bemerkte, die hinauf auf den Dachboden führte.

Ricardo presste die Lippen zusammen. „Dort ist nur der Speicher und ...“ Er stockte kurz, bevor er weitersprach. „ ... und das Atelier meiner Mutter.“

Raquel runzelte die Stirn. „Deine Mutter ist Malerin?“ fragte sie erstaunt.

Ricardo schüttelte den Kopf. „Nein,“ erwiderte er zögernd,“ Maria war die Malerin in der Familie, Mama hat dort ...“ Er unterbrach sich abermals. Sollte er Raquel wirklich erzählen, was seine Mutter dort oben machte? Die junge Frau war sowieso schon durch den frostigen Empfang so verschreckt, dass es sicher nicht gut wäre, auch noch Öl ins Feuer zu gießen. „ ... Mama geht dort hin, wenn sie nachdenken will,“ beendete er den Satz.

Raquel sah ihn misstrauisch an. Irgendwie hatte sie das Gefühl, als ob Ricardo ihr etwas verschweigen würde. Sie schaute wieder nach oben, die dunkle Wendeltreppe hinauf. Was tat Madame Carmen wirklich da oben, fragte sie sich.

„So, und hiermit ist die Führung offiziell beendet,“ sagte Ricardo und grinste.

Raquel nickte, während sie ihn nachdenklich ansah. „Gibt es hier ein Telefon?“ fragte sie.

„Aber sicher doch,“ erwiderte Ricardo schmunzelnd. „Es mag hier vielleicht alles etwas angestaubt und altmodisch wirken, aber ein Telefon haben wir schon.“ Er brachte Raquel zurück in ihr Zimmer und wies auf ein Telefon, das auf einem kleinen Beistelltischchen stand. „Siehst Du, Du hast sogar ein eigenes,“ lächelte er.

„Danke!“ Raquel erwiderte sein Lächeln, während sie den Hörer abhob. „Ich will nur kurz meine Tante anrufen und ihr bescheid geben, dass ich gut angekommen bin,“ erklärte sie.

„Lass Dir nur Zeit damit,“ erwiderte Ricardo. „Ich lasse Dich jetzt alleine.“

Er zwinkerte Raquel noch einmal zu, bevor er das Gästezimmer verließ.

Raquel nahm das Telefon und setzte sich damit entspannt aufs Bett. Sie begann zu wählen, legte dann jedoch den Hörer wieder auf. Was sollte sie ihrer Tante sagen? Sicher würde sie wissen wollen, wie es ihr in ihrem neuen Zuhause gefiel. Da Raquel ihre Tante nicht beunruhigen wollte, konnte sie ihr unmöglich die Wahrheit sagen, aber war es richtig zu lügen? Raquel wusste, dass sie ihrer Tante nichts vormachen konnte. Sie merkte immer sofort, wenn etwas nicht stimmte. Eine vertrackte Situation! Mutig begann Raquel erneut zu wählen. Sie beschloss, die Sache auf sich zukommen zu lassen und dann gegebenenfalls zu improvisieren.

Es kam ihr unendlich lange vor, bis ihre Tante sich meldete. „Tante Josefa?“ sagte sie dann aufgeregt. „Ich bin es, Raquel!“

Raquel freute sich, als sie die Stimme ihrer Tante hörte und berichtete von ihrem Flug und der Ankunft im Hause der Familie Torres. Sie erwähnte Ricardo und seine Hilfsbereitschaft ihr gegenüber, über Madame Carmen schwieg sie sich jedoch aus. Zum Glück harkte Josefa auch nicht weiter nach. Überhaupt hatte Raquel den Eindruck, als ob ihre Tante am Telefon sehr einsilbig war. Irgend etwas schien nach ihrer Abreise vorgefallen zu sein.

„Dich bedrückt doch etwas, Tante Josefa,“ sagte Raquel direkt heraus. „Willst Du darüber reden?“

Wenige Augenblicke später ließ Raquel kraftlos den Hörer sinken. Wie gelähmt starrte sie vor sich hin. Was ihre Tante ihr gerade mitgeteilt hatte, ließ sie ihren Aufenthalt in Sunset Beach in einem etwas anderen Licht sehen. Josefa hatte ihr gerade mitgeteilt, dass Clayton davon Kenntnis erhalten hatte, dass sie nach Sunset Beach geflogen war. Und anscheinend war er fest entschlossen, nichts unversucht zu lassen, um sie zurückzuerobern – auch wenn das bedeutete, dass er Mexico verlassen und ihr nach Sunset Beach folgen müsste. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er hier auftauchen würde.

Erschrocken fuhr Raquel zusammen, als es an der Tür klopfte.

„Herein!“

Die Tür wurde geöffnet, und eine junge Frau betrat den Raum.

„Ich bin Clara, das Dienstmädchen,“ stellte sie sich vor. „Madame Carmen hat mich gebeten, Ihnen bescheid zu geben, dass im Speisezimmer der Kaffeetisch gedeckt ist,“ sagte sie steif. Sie nickte Raquel noch einmal zu, bevor sie den Raum verließ.

Raquel ging zu ihrer Kommode hinüber und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Sie hatte es nicht einmal geschafft, sich umzuziehen. Sicher würde sie damit wieder bei Madame Carmen in Ungnade fallen. Raquel hoffte, dass wenigstens Ricardo mit anwesend sein würde, um ihr etwas Rückendeckung zu geben. Seufzend schloss sie das Fenster und verließ eilig ihr Zimmer.

Appartement der Martinez-Schwestern

Nervös lief Gabi im Wohnzimmer auf und ab, während sie ungeduldig auf die Uhr schaute. Ricardo hatte sie um 20 Uhr abholen wollen, und nun war es schon 5 Min. nach. Er würde sie doch wohl nicht vergessen haben? Gabi strich sich zum x-ten Male über ihr blaues Chiffon Kleid. Sie hatte es bisher nur einmal getragen – auf der Hochzeit einer Freundin, und seitdem hatte es im Schrank gehangen. Doch heute war der richtige Anlass gekommen, es vorzuführen. Es war Gabi schwergefallen, sich vor Cecilia zu verstellen, denn diese sollte natürlich nicht erfahren, dass sie mit Ricardo ausging. Stattdessen hatte Gabi behauptet, dass sie sich mit einer Freundin zum Essen treffen würde. Zum Glück hatte Cecilia nicht weiter nachgehakt, sonst wäre Gabis Lügengespinst sicher bald zusammengefallen. Nun stand ihrem Rendezvous mit Ricardo nichts mehr im Wege, denn Cecilia hatte sich bereits vor über einer Stunde von ihr verabschiedet und war zum „Deep“ gegangen, wo eine lange Nacht auf sie wartete. Gabi strich sich gedankenverloren ihre langen Haare zurück und lächelte. Sie konnte es kaum erwarten, Ricardo wiederzusehen. Ihr Herz klopfte vor Aufregung, als sie an ihn dachte. Ob es ihm wohl genauso erging? Gabi war noch ganz in ihren Gedanken an Ricardo vertieft, als sie ein leises Klopfen vernahm. Schnell ging sie zur Tür und öffnete sie. Die ganze Zeit über hatte sie an ihn gedacht, und nun stand er wirklich und leibhaftig vor ihr. Gabi stockte der Atem. Ricardo hatte für diesen Abend einen dunkelblauen Anzug ausgewählt und trug eine dazupassende Schleife um den Hals.

Er sah sie lächelnd an. „Ihr Taxi wartet, Miss Martinez!“ sagte er, während er Gabi galant seinen Arm hinhielt. Sie nahm schnell ihre Handtasche, zog die Tür zu und folgte ihm zu seinem Wagen.

„Darf ich bitten?“ Ricardo hielt ihr die Tür auf, und Gabi nahm in der Limousine platz.

Bewundernd sah Ricardo Gabi an. „Du siehst wirklich bezaubernd aus in diesem Kleid,“ stellte er fest.

Gabi lächelte verlegen. „Danke sehr, aber das Kompliment kann ich gleich an Dich weitergeben. Du siehst in Zivil noch besser aus als in Deiner Polizeiuniform.“

„Nun ja,“ meinte Ricardo schmunzelnd, während er an seiner engsitzenden Schleife am Hals herumnestelte,“ was tut man nicht alles, um gut auszusehen.“

Gabi nickte. „Das „Grenadines“ ist auch etwas ganz besonderes. Ich glaube, wenn wir dort in Jeans und Turnschuhen auftauchen, wirft man uns gleich raus!“

„Es käme auf einen Versuch an,“ lachte Ricardo. „Wir haben ja eine Einladung vom Koch persönlich. Ich denke, da wird es wohl keiner wagen, uns rauszuschmeißen.“

Grenadines

Ricardo bog auf den Vorplatz des „Grenadines“ ein und parkte den Wagen. „Bist Du bereit?“ fragte er, und Gabi nickte.

Gemeinsam betraten sie das Restaurant. Ein Kellner im Smoking kam gleich auf die beiden zu und begrüßte sie.

„Wir erwarten Sie bereits, Mr. Torres,“ sagte er lächelnd, während er Gabi mit einem bewundernden Blick bedachte. „Wenn Sie mir bitte folgen würden. Unser Chefkoch hat einen besonders schönen Tisch für sie aussuchen lassen.“

Gabi und Ricardo folgten dem Kellner zu einem kleinen Tisch für zwei Personen, der etwas abseits in einer Nische stand und den Blick auf das Meer und den weiten Strand durch ein Fenster freigab. Gabis und Ricardos Blicke trafen sich und schienen in diesem Moment, in dem auch die Sonne langsam unterging, miteinander zu verschmelzen. Wie selbstverständlich griff Ricardo über den Tisch hinweg nach Gabis Hand und hielt sie fest. Keiner sagte ein Wort. Worte wären in diesem Augenblick auch überflüssig gewesen, denn jeder konnte in den Augen des anderen lesen, was er gerade fühlte.

Der Kellner hüstelte verlegen. „Ich werde Ihnen jetzt die Speisekarten holen,“ sagte er. „Ist alles recht so?“

Ricardo nickte geistesabwesend, während er weiterhin nur Gabi ansah. Beide lächelten, als sie plötzlich leise Musik hörten. ‚Der perfekte Rahmen für einen einzigartigen Abend’, dachte Gabi. Sie hob den Kopf, als sie sah, dass der Kellner mit den Speisekarten zurückkam.

„Möchten Sie gleich bestellen, oder soll ich lieber etwas später wiederkommen?“ fragte er höflich.

Ricardo nahm die Speisekarte zur Hand und blätterte darin. „Ich hätte gerne den pochierten Lachs in Meerrettichsoße mit Salzkartoffeln,“ sagte er, nachdem er ausgewählt hatte. „Und dazu hätte ich gerne einen halbtrockenen Weißwein.“

„Sehr wohl, Sir. Und was darf ich Ihnen bringen?“ wandte der Kellner sich an Gabi.

„Das hört sich sehr gut an,“ erwiderte sie. „Ich nehme dasselbe.“ Sie lächelte Ricardo an.

Der Kellner nahm ihre Bestellung auf und eilte dann davon.

Ricardo schaute nachdenklich aus dem Fenster. Gabi ahnte, woran er dachte. Seit ihrem Zusammentreffen am Strand waren sich nicht mehr so nahe gewesen. Gabi dachte daran, wie er sie geküsst hatte. Verlegen senkte sie den Kopf, als sie Ricardos prüfenden Blick bemerkte.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal hier essen würde,“ sagte Gabi, um die angespannte Situation zu lockern.

Ricardo sah sie überrascht an. „Soll das heißen, dass Du noch nie hier warst?“ fragte er.

Gabi schüttelte den Kopf. „Cecilia und ich können uns gerade noch „McDonald’s“ leisten,“ erwiderte sie schmunzelnd. „Das „Grenadines“ ist eine Nummer zu groß für uns.“

„Dann genieße es jetzt,“ meinte Ricardo lächelnd.

„Das werde ich,“ versprach Gabi. Sie schaute hoch. „Ah, ich glaube, da rollen unsere Fische gerade an,“ sagte sie.

„Man merkt, dass Du sonst nur bei „McDonald’s“ isst,“ sagte er grinsend. „Sonst würdest Du wissen, dass Lachs etwas edler ist, als ein einfacher „FishBurger“!“

Gabi grinste ebenfalls. „Seine Kinderstube kann eben doch keiner verleugnen,“ konterte sie.

Der Kellner servierte die Speisen, schenkte ihnen Wein ein und trat dann diskret den Rückzug an.

Ricardo hob sein Weinglas. “Auf einen gelungenen Abend!“ sagte er schlicht und prostete Gabi zu.

Sie hob ebenfalls ihr Glas. „Und darauf, dass wir uns immer an diesen besonderen Moment erinnern werden,“ fügte sie leise hinzu.

Über den Rand ihrer Weingläser hinweg trafen sich ihre Blicke, und in diesem Moment wussten beide, dass dieser Abend unvergesslich bleiben würde.

Elaine's Waffelshop

„Willkommen in Sunset Beach, Mr. Crosby!“ sagte Elaine und schüttelte seine Hand. „Ich bin Elaine Stevens, die Besitzerin des Waffelshops.“

„Es war nett, Sie kennen gelernt zu haben,“ sagte er, während mit seinem Gepäck zur Tür ging.

„Einen Moment noch!“ Elaine ging ein paar Schritte auf ihn zu und sah ihn nachdenklich an. „Mag schon sein, dass es in Mexico üblich ist, dass die Leute am Strand schlafen, hier in Sunset Beach ist es das nicht. Sie werden großen Ärger bekommen, denn Landstreicherei ist hier strengstens verboten. Wenn Sie Pech haben, sperrt man Sie sogar für eine Nacht ins Kittchen!“

Clayton hob erstaunt die Augenbrauen. „Tatsächlich? Nun gut, dann gehe ich jetzt noch ins ... wie hieß der Nachtclub doch gleich?“

„The Deep“,“ gab Elaine ihm zur Antwort. „Aber das „Deep“ hat auch nur bis 3 Uhr geöffnet. Der Inhaber und seine Angestellten wollen ja auch irgendwann mal ihren verdienten Feierabend machen,“ gab sie zu bedenken.

Clayton nickte. „Ja, daran habe ich gar nicht gedacht,“ seufzte er.

Elaine kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Ein Vorschlag zur Güte ...“ sagte sie dann. „Über dem Lokal befindet sich noch ein Gästezimmer. Ich vermiete es nur in Notfällen, und ich denke, dieser ist einer!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu. „Und morgen früh versuchen Sie dann eine andere Bleibe zu finden.“

„Das ist ... wirklich sehr großzügig von Ihnen,“ sagte Clayton überrascht. „Sind alle Menschen in Sunset Beach so nett wie Sie?“ fragte er lächelnd. „Ich glaube, dann werde ich wohl etwas länger hier bleiben.“

„Die meisten schon,“ erwiderte Elaine schmunzelnd. Sie sah ihn neugierig an. „Was treibt Sie denn eigentlich nach Kalifornien?“ fragte sie. „Sind Sie geschäftlich hier?“

Clayton verzog das Gesicht. „Nein, nichts geschäftliches, etwas privates,“ erwiderte er knapp.

Elaine bemerkte Claytons verschlossenen Gesichtsausdruck und fragte nicht weiter nach.

„Gut, dann werde ich jetzt mal abschließen,“ sagte sie, während sie den Türriegel vorschob, „und auch ins Bett gehen. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Nacht, Mr. Crosby.“

„Das wünsche ich Ihnen auch,“ erwiderte er mit einem schon etwas freundlicherem Gesicht. „Ach, da fällt mir ein ... was soll das Zimmer denn kosten?“

„Wenn Sie mir 20 Dollar geben, ist es in Ordnung. Ich will mich ja nicht auch noch am Leid anderer Menschen bereichern,“ erwiderte sie schmunzelnd.

Clayton zog grinsend seine Brieftasche hervor. Als er sie öffnete fiel ein Foto heraus. Es zeigte eine junge Frau mit rotem, lockigem Haar...

„Sehr hübsch,“ stellte Elaine nach einem Blick auf das Foto fest. „Ihre Freundin?“

Sie wollte nicht neugierig erscheinen, doch die Frage hatte sich einfach bei ihr aufgedrängt. Als sie hochschaute und Claytons abweisenden Gesichtsausdruck sah wusste sie, dass sie wohl einen wunden Punkt bei ihm getroffen hatte.

Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, bevor er antwortete. „Wir standen uns einmal sehr nahe,“ sagte er. Er riss sich vom Anblick Raquels los und sah Elaine fest in die Augen. „Sie ist der Grund, weshalb ich hier bin.“

Irgendetwas an seinem Blick ließ Elaine davor abschrecken, weitere Fragen über die unbekannte Schöne zu stellen. „Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Suche,“ sagte sie stattdessen.

Clayton nickte, während er Elaine eine 20-Dollar-Note zuschob.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer!“ sagte Elaine.

Hinter dem Tresen führte eine Treppe direkt in die obere Etage, wo sich das Gästezimmer befand. Elaine schloss den Raum auf und ließ Clayton eintreten.

„Ich denke, für eine Nacht wird es gehen,“ sagte sie. „Sie können so lange schlafen wie Sie wollen. Ich bin auf jeden Fall wieder zeitig im Lokal, und wenn sie ausgeschlafen haben, kommen sie einfach runter, einverstanden?“

Clayton nickte. „Ist gut, und nochmals vielen Dank!“

„Ach ja,“ fiel Elaine noch ein. „Im Flur ist eine Toilette mit einem Waschbecken. Dort können Sie sich frisch machen.“ Sie lächelte verlegen. „Tut mir leid, es ist alles recht primitiv, aber vielleicht doch noch besser, als am Strand oder im Gefängnis zu schlafen, oder?“

„Dagegen ist das hier das reinste Paradies,“ meinte Clayton schmunzelnd.

„Also dann, angenehme Nachtruhe!“ Elaine lächelte ihm noch einmal zu, bevor sie den Raum verließ.

Clayton schaute sich im Gästezimmer um, bevor er sich auf dem schmalen Bett ausstreckte. Fast schon bereute er es, hierher gekommen zu sein. Er wusste weder wo er die nächste Nacht verbringen sollte noch wo Raquel sich aufhielt. Ihre Tante hatte etwas von einer Freundin ihrer Mutter erzählt, aber da sie keinen Namen erwähnt hatte, war es so, als würde man nach einer Stecknadel im Heuhaufen suchen. Wenn Raquel einer Einladung gefolgt war, würde sie sicher kaum in einem Hotel wohnen, überlegte er. Es machte also wenig Sinn, die Hotels nach ihr abzuklappern. Clayton setzte sich auf. Angenommen, er würde sie finden, was wäre dann? Raquel wäre wahrscheinlich ziemlich wütend, dass er ihr gefolgt war. Vielleicht wäre es tatsächlich besser, wenn er wieder abreisen würde. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Auf der anderen Seite, dachte er, wäre es auch ganz nett, hier ein paar Tage Urlaub zu machen. Der Gedanke, wieder im stickigen Büro zu sitzen und Skizzen für irgendwelche Häuser zu entwerfen, behagte ihm wenig. Außerdem war es schwierig genug gewesen, seinen Chef davon zu überzeugen, dass er dringend mal Urlaub brauchte. Clayton öffnete das Fenster und ließ die kühle Abendluft herein. Er hörte in der Ferne das leise Plätschern der Wellen, und er beschloss in diesem Moment spontan, noch ein paar Tage länger in Sunset Beach zu bleiben.

Anwesen der Torres-Familie

Unruhig wälzte Raquel sich in ihrem Bett von einer Seite zur anderen. Ein knarzendes Geräusch über ihr ließ sie hochschrecken. Schweißgebadet wachte sie auf und lauschte in die Stille hinein. Nein, sie hatte es sich nicht eingebildet. Da war das Geräusch wieder, ein Knarren, als wenn jemand über Holzbohlen gehen würde. Raquel setzte sich auf. Sie überlegte, welcher Raum sich wohl über dem Gästezimmer befand. Plötzlich erinnerte sie sich an Ricardos Worte „Da oben ist nur der Speicher und Mutters Atelier.“ Raquel schwang ihre Beine über die Bettkante und stand auf, während sie weiter auf die Geräusche lauschte, die von oben durch die Zimmerdecke drangen. Es war Madame Carmens Atelier, dass sich über ihrem Zimmer befand! Raquel schaute auf die Uhr. Es war kurz nach 2 Uhr. Konnte es sein, dass Madame Carmen um diese Uhrzeit noch in ihrem Atelier war? Raquel zuckte zusammen, als sie ein Poltern von oben hörte. Vielleicht hatten sich da oben Mäuse eingenistet, überlegte sie. Schlafen konnte sie jetzt sowieso nicht mehr. Da konnte sie der Sache gleich auf den Grund gehen. Raquel schlüpfte in ihren Bademantel und öffnete vorsichtig die Zimmertür. Alles war ruhig, nur dieses leise Kratzgeräusch drang weiterhin von oben zu ihr herunter. Mutig ging Raquel die schmale Wendeltreppe hinauf, während sie kaum wagte zu atmen. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, als sie schließlich vor dem Atelier stand. Sie legte ihr Ohr an die Tür und lauschte. Eine gespenstische Ruhe lag über der obersten Etage. Zaghaft klopfte Raquel an die Tür.

„Hallo, ist dort jemand?“ fragte sie mit zitternder Stimme.

Als niemand antwortete, drückte sie vorsichtig die Klinke herunter und schob die Tür auf. Sie lauschte in die Dunkelheit hinein, doch alles blieb ruhig. Raquel fühlte einen leichten Luftzug, während sie langsam in den Raum hineinging. Sie drehte sich um und tastete nach dem Lichtschalter, als die Tür hinter ihr mit lautem Krachen ins Schloss fiel. Erschrocken zuckte Raquel zusammen, doch im selben Moment ging die Wandbeleuchtung an und erhellte den Raum. Was Raquel dann sah flößte ihr allerdings noch mehr Angst ein. Das Fenster stand offen, und die lange schwarze Gardine, die im Luftzug flatterte, erinnerte Raquel an riesige Fledermausflügel. Schaudernd zog sie die Schultern hoch. Die Wände des Ateliers waren dunkelgrün gestrichen, und an der Stirnseite prangte ein riesengroßes Pentagramm. An der anderen Wandseite befand sich ein Folienspiegel, der vom Fußboden bis zur Decke reichte und teilweise mit einem schwarzen Seidenumhang verhangen war. Auf einem kleinen Tischchen in der Ecke stand ein Räuchergefäß und daneben eine Kugel aus Glas. Die Möblierung war eher dürftig, aber es fiel auf, dass alles aus dunkler Eiche bestand. Auf dem schweren Eichenschreibtisch stand ein Pendel. Es bewegte sich leicht im Windzug, und Raquel spürte, wie sie zu frösteln begann. Ein merkwürdiger Geruch hing im Raum, eine Mischung aus Weihrauch und Myrrhe. Fassungslos starrte Raquel die zugefallene Tür an, die von innen ebenfalls mit einem schwarzen Tuch verhangen war. Wer war diese mysteriöse Madame Carmen? – Eine Hexe? Raquel spürte, wie ihr Puls zu rasen begann. Der Weihrauchgeruch verursachte ihr Übelkeit, und sie fühlte sich leicht schwindelig. Wie hatte sie nur hierher kommen können? Was wusste sie denn schon über die Torres? Eigentlich nichts, und wenn sie ehrlich war, hatte sie von Anfang an so ein komisches Gefühl gehabt. Sie erinnerte sich daran, was ihre Tante ihr vor ihrer Abreise über die stehen gebliebene Uhr und die schwarze Katze erzählt hatte. Obwohl Raquel nicht abergläubisch war, liefen ihr plötzlich kalte Schauer über den Rücken. Erschrocken drehte sie sich um, als sie hinter sich ein Geräusch hörte. Das erste was sie sah waren zwei grüne Augen, die hinter dem Schreibtisch hervorlugten, bis auch der Rest zum Vorschein kam. Raquel wich ein paar Schritte zurück, als Madame Carmens schwarzer Kater aus seinem Versteck hervorkam. Neugierig strich er um Raquels Beine, während er leise schnurrte. Wie angewurzelt stand sie da und wagte nicht, sich zu bewegen. Sie wusste, dass es kindisch war vor einer Katze Angst zu haben, aber nachdem, was sie hier gesehen hatte, war sie sich nicht mehr so sicher, ob das Tier vielleicht verhext war.





"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.02.2017 - 19:15
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Kapitel 11


Anwesen der Torres-Familie

„Was tun Sie hier?“ hörte Raquel plötzlich eine herrische Stimme von der Tür her sagen.

Carmen hatte unbemerkt das Atelier betreten und sah Raquel nun streng an.

„Ich ... ich wollte, ich meine ... ich habe ein Geräusch gehört,“ stotterte Raquel erschrocken.

„Und das gibt Ihnen einfach das Recht, hier herumzuschnüffeln?“ fragte Carmen sichtlich erbost.

Raquel schüttelte nur schweigend den Kopf, weil ihre Kehle auf einmal wie zugeschnürt war.

„Ich habe ... nicht geschnüffelt,“ brachte sie schließlich hervor. „Ich habe ein Geräusch gehört, und da es vom Dachboden kam wollte ich nachsehen, ob es vielleicht Mäuse sind,“ fuhr sie mit schon etwas gefassterer Stimme fort.

Carmen sah sie mit gerunzelter Stirn an. Ihr Gesicht erhellte sich plötzlich, als sie fühlte, wie etwas um ihre Beine herum strich. „Nathan ... Das bist Du ja!“ sagte sie erfreut. Sie bückte sich und hob den Kater in ihre Arme. Liebevoll streichelte sie sein rabenschwarzes Fell, während sie ihn an ihre Wange drückte. „Ich habe Dich schon überall gesucht.“

Raquel beobachtete die Szene aus der Distanz. Sie war überrascht, wie liebevoll Madame Carmen mit dem Kater umging. Seltsam, dass sie sich menschlichen Wesen gegenüber ganz anders verhielt.

„Es tut mir leid, wenn ich hier unbefugt eingebrochen bin“ sagte Raquel demütig. „Ich wollte Sie nicht verärgern.“

Carmen hob den Kopf und sah Raquel mit einem eigenartigen Blick an.

Sie nickte. „Ich werde noch einmal darüber hinwegsehen, weil Sie hier neu sind und noch nicht mit den Gepflogenheiten dieses Haus vertraut sind,“ sagte sie. „Nathan wird Sie nicht mehr stören. Ich werde ihn jetzt mit in mein Zimmer nehmen,“ erklärte sie.

Raquel nickte. „Dann gute Nacht, Madame Carmen,“ sagte sie freundlich.

Carmen ging zu einem Regal hinüber und nahm ein kleines Säckchen aus einer Schachtel, dass sie Raquel in die Hand drückte. „Hier, das wird Ihnen dabei helfen, besser zu schlafen,“ sagte sie.

„Was ist das?“ fragte Raquel misstrauisch.

„Ein Kräuterkissen,“ antwortete Carmen knapp. „Schon seit Urzeiten wirkt diese Kräutermischung gegen Schlaflosigkeit.“

„Danke ...“ Raquel schluckte, während sie das kleine Kräuterkissen mit spitzen Fingern festhielt. Sie öffnete die Tür und rannte so schnell sie konnte die Stufen der Wendeltreppe hinunter. Erst als sie wieder in ihrem Zimmer war, atmete sie auf. Sie nahm das kleine Kräuterkissen und warf es schwungvoll in den Papierkorb. Sollte Madame Carmen an jemand anderem ihre Hexenkunst ausprobieren, dachte sie, aber sicher nicht an ihr! Raquel kuschelte sich in ihr Bett und schloss die Augen. Und während der Duft des Kräuterkissens langsam aus dem Papierkorb in den Raum hineinströmte, fiel Raquel in einen tiefen Schlaf.

Vor dem Appartement der Martinez-Schwestern

„Vielen Dank fürs Nachhausebringen,“ sagte Gabi, während sie Ricardo verstohlen von der Seite anblickte.

„Gern geschehen,“ sagte er lächelnd. „Hat es Dir gefallen?“

Gabis Gesicht bekam einen verklärten Ausdruck. „Ja, es war wie ein Traum!“ erwiderte sie. „Das Essen, die Musik, der Ausblick ... Ich glaube, wir haben heute wirklich einen perfekten Abend erlebt.“

„Nicht ganz,“ sagte Ricardo leise. Er drehte sich in ihre Richtung und sah sie an. Zärtlich strich er mit seiner Hand über ihre Wange. „Das hier macht es erst perfekt ...“ Er beugte sich über sie und berührte mit seinen Lippen zart ihren Mund. Gabi hatte das Gefühl, als ob ihr ganzer Körper unter Strom stehen würde. Sie fühlte ein angenehmes Kribbeln, als er mit seinen Lippen abwärts, den Hals entlang fuhr. Sie unterdrückte ein Stöhnen und legte automatisch ihre Arme um seinen Hals. Ihr Körper und ihre Seele verlangten nach mehr, umso überraschter war sie, als sie bemerkte, dass Ricardo sich plötzlich von ihr zurückzog.

„Verflucht ...“ presste Ricardo zwischen den Zähnen hervor. Er räusperte sich. „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich Dich begehre!“ flüsterte er heiser. „Aber hier ist weder der richtige Ort noch ist dies der richtige Zeitpunkt.“

Gabi nickte beklommen. Sie öffnete die Beifahrertür und stieg mit weichen Knien aus.

Ricardo saß regungslos auf dem Fahrersitz und umklammerte das Lenkrad. Daran, wie schnell sich seine Brust hob und senkte, konnte Gabi erkennen, wie viel Selbstbeherrschung es ihn kostete, sie jetzt gehen zu lassen.

„Gute Nacht, Ricardo,“ sagte sie leise.

Er beugte sich zu der Beifahrerseite hinüber und sah Gabi durch die geöffnete Tür an. „Ich möchte Dir noch sagen, dass ich schon lange nicht mehr so viel für eine Frau empfunden habe, wie für Dich. Aber ich brauche etwas Zeit, um mir über meine Gefühle klar zu werden. Kannst Du das verstehen?“

Gabi nickte. Es überraschte sie, dass er sich diesbezüglich so sensibel zeigte, hatte sie doch anfangs vermutet, dass er keinem Flirt abgeneigt war.

Sie lächelte ihn an. „Ich bin ein sehr geduldiger Mensch,“ sagte sie.

„Sehr schön. Dann ergänzen wir uns ja bestens,“ meinte er schmunzelnd. „Ich bin es nämlich nicht!“ Er schaute auf die Uhr. „Du solltest jetzt besser reingehen,“ sagte er. „Deine Schwester kommt sicher gleich nach Hause.“

Erschrocken sah Gabi ihn an. „Was? So spät ist es schon?“

Ricardo nickte.

Gabi drückte ihre Handtasche fest an sich, während sie die Stufen zum Haus hinaufrannte. Das letzte, was sie jetzt wollte war, mit Cecilia zusammenzutreffen und neugierige Fragen zu beantworten! Gabi winkte Ricardo noch einmal zu, bevor sie im Haus verschwand.

Erleichtert stellte sie beim Betreten des Appartements fest, dass Cecilia noch nicht zuhause war. Schnell zog Gabi sich aus, streifte sich ihr Nachthemd über und legte sich ins Bett. Wenn Cecilia jetzt nach Hause kommen würde, wäre sie zumindest schon in ihrem Zimmer und müsste nicht die unbequemen Fragen ihrer Schwester über sich ergehen lassen. Gabi rollte sich in ihre Bettdecke ein, und während sie an Ricardo dachte, wurden ihre Augenlider immer schwerer, bis sie schließlich einschlief.

Anwesen der Torres-Familie

Als Raquel am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich so ausgeruht wie nie zuvor. Sie schwang ihre Beine über den Bettenrand und stand auf. Die Strahlen der aufgehenden Sonne fielen in ihr Zimmer ein und erwärmten den Raum. Raquel ging ins angrenzende Badezimmer und drehte die Dusche auf. Während das Wasser an ihrem Körper herablief, dachte sie über die vergangene Nacht nach. Diese Madame Carmen war ihr ein Rätsel! Sie tat so unnahbar und abweisend, aber im Grunde genommen sehnte sie sicher nach etwas mehr Zuneigung. Raquel drehte die Dusche ab und nahm ein Handtuch vom Haken, mit dem sie sich kräftig abrubbelte. Sie hörte, wie ihr Magen knurrte und beschloss nach unten zu gehen, um sich nach etwas Essbarem umzuschauen. Schnell schlüpfte sie in eins ihrer neuen bequemen Kleider und begann, ihre Haare trocken zu fönen. Nach einem Blick auf die Uhr stellte sie überrascht fest, dass es erst kurz nach 7 Uhr war. Sicher waren die anderen noch am Schlafen, dachte sie. Raquel bürstete noch einmal ihre Locken durch, bevor sie ihr Zimmer verließ und nach unten ging. Als sie das Speisezimmer betrat stellte sie erstaunt fest, dass sie nicht alleine war. Antonio saß am Esstisch und bestrich sich gerade eine Brötchenhälfte mit Marmelade. Er hob überrascht den Kopf, als er Raquel hereinkommen sah.

„Guten Morgen!“ begrüßte er sie. „Auch eine Frühaufsteherin?“ fragte er lächelnd.

Raquel nickte, während sie ebenfalls an dem großen Esstisch platz nahm. „Ja, ich stehe meist mit den Hühnern auf,“ antwortete sie. „Sonst hat man doch nichts von dem Tag.“

„Ganz meine Meinung,“ sagte Antonio. „Mama und Ricardo sehen das allerdings etwas anders,“ fuhr er schmunzelnd fort. Er nahm die Kaffeekanne. „Darf ich Dir Kaffee einschenken?“ fragte er.

Raquel schüttelte den Kopf. „Danke, aber ich trinke morgens nur einen Orangensaft,“ erklärte sie.

„Und wie hast Du geschlafen?“ wollte Antonio wissen.

Raquel setzte das Glas Orangensaft, dass sie schon an die Lippen genommen hatte, wieder ab. „Danke, sehr gut,“ erwiderte sie knapp. Es war nicht mal eine Lüge, obwohl der erste Teil der Nacht doch einiges an Aufregung mit sich gebracht hatte.

„Das freut mich. Dann könnten wir ja heute vielleicht etwas zusammen unternehmen?“ schlug Antonio vor.

Raquel sah ihn nachdenklich an. „Heute ist doch Sonntag. Musst Du da nicht in die Kirche gehen?“ fragte sie.

Antonio lachte. „Sogar Gott hatte am Sonntag seinen freien Tag,“ scherzte er. „Aber Spaß beiseite ... Ich werde in die Abendmesse gehen. Tagsüber stehe ich Dir zur Verfügung.“

Geistesabwesend griff Raquel in den Brötchenkorb und zog ein Croissant daraus hervor. Es gab da eine Sache, die sie beschäftigte, seitdem sie von ihrer Tante erfahren hatte, dass Clayton von ihrem Aufenthaltsort wusste.

„Wenn ein Fremder nach Sunset Beach kommt ... Wo würde er wohnen?“ fragte sie zögernd.

Antonio sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Willst Du uns schon wieder verlassen?“ fragte er erstaunt.

Raquel schüttelte schnell den Kopf. „Nein, ich frage nur ganz ... allgemein. Wo würde jemand wohnen, der hier zu Besuch ist und keine feste Bleibe hat?“ wiederholte sie ihre Frage.

Antonio zog amüsiert die Augenbrauen nach oben. „Ich denke, zu diesem Zweck wurden die Hotels erfunden,“ antwortete er ihr.

„Ja, natürlich.“ Raquel schlug sich mit der Hand an den Kopf. Auf die einfachste Lösung war sie nicht gekommen.

„Aber ich glaube kaum,“ fuhr Antonio mit gerunzelter Stirn fort,“ dass man dort während der Hauptsaison überhaupt noch ein freies Zimmer bekommt.“

„Und was macht man dann – rein hypothetisch gefragt?“ harkte sie nach.

Antonio zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Es gibt außer den beiden Hotels am Ort auch noch private Zimmervermietungen.“ Er sah sie fragend an. „Wieso interessiert Dich das überhaupt?“

Raquel senkte schnell den Kopf, weil sie sich ertappt fühlte.

„Einfach nur so,“ erwiderte sie scheinbar gleichgültig.

Antonio sah sie skeptisch an. Er ahnte, dass mehr hinter ihrer Frage steckte, als sie zugeben wollte. Da er aber nicht neugierig erscheinen wollte, ließ er es auf sich beruhen.

„Schlag etwas vor, was wir zusammen unternehmen können!“ wechselte Raquel das Thema.

„Nun, da haben wir mehrere Möglichkeiten,“ erwiderte er. „Entweder führe ich Dich durch Sunset Beach oder wir gehen zum Strand. Da ist immer etwas los. Man kann dort Beach Volleyball spielen, Surfen lernen, sich in der Sonne braten lassen oder schwimmen gehen, oder ...“ Antonio machte eine kurze Gedankenpause. „Ich könnte Dir die Stallungen zeigen, und wenn Du möchtest, könnten wir auch zusammen ausreiten.“

Raquel hob erstaunt den Kopf, als Antonio die Stallungen erwähnte. „Oh ja, das hört sich gut an!“ rief sie erfreut. „Das sollten wir machen.“

Antonio sah sie schmunzelnd an. „Welches von den genannten Dingen hört sich gut an?“ fragte er zurück.

„Das Reiten!“ sagte Raquel mit leuchtenden Augen. „Ich liebe Pferde, aber leider waren die Reitstunden für meine Eltern unbezahlbar,“ meinte sie traurig.

„In Ordnung,“ nickte Antonio,“ dann ist dies die einmalige Chance für Dich, kostenlose Reitstunden zu nehmen.“

„Oh danke!“ Raquel klatschte vor Begeisterung in die Hände. „Sag mir nur, wann Du Zeit hast. Ich bin bereit!“

„Von mir aus sofort,“ entgegnete Antonio. „Ich gehe sowieso immer nach dem Frühstück zu den Stallungen hinüber und versorge die Pferde.“

„Habt Ihr denn keine Stallknechte dafür?“ fragte Raquel erstaunt. „Ihr könnt Euch doch sicher genügend Personal leisten.“

Antonio sah Raquel nachdenklich an. Bisher hatte er auch immer gedacht, dass es mit den Finanzen seiner Mutter zum Besten stehen würde, doch seit einigen Tagen wusste er, dass es nicht so war.

„Ich kümmere mich lieber selber darum,“ erwiderte Antonio knapp. Er wollte Raquel nicht mit seinen Problemen belasten.

Sie wischte sich mit einer Serviette den Mund ab. „Ich bin fertig mit frühstücken. Können wir gehen?“

Antonio erhob sich grinsend. „Ich sehe schon. In den nächsten Wochen werde ich mich sicher nicht langweilen.“

Raquel sah ihn unsicher an. „Nur, wenn es Dir nichts ausmacht,“ sagte sie schnell.

„Keineswegs,“ beruhigte Antonio sie. „Ich habe alle Zeit der Welt, und es ist auch mal ganz schön, nicht immer alleine auszureiten.“ Er stand auf und ging zur Tür. „Komm, ich zeige Dir jetzt die Stallungen!“

Raquel nickte, und gemeinsam verließen sie das Speisezimmer.

Bei den Stallungen

Antonio war überrascht, was für eine gelehrige Schülerin Raquel war. Sie waren gerade mal zwei Stunden dort, und schon hatte man das Gefühl, als ob sie schon ihr ganzes Leben im Pferdestall verbracht hätte. Man merkte ihr auch einfach an, dass ihr der Umgang mit den Tieren Spaß machte. Während Raquel unter Antonios Leitung gerade dabei war, eins der Pferde zu satteln, beobachtete er sie. Sie erinnerte ihn von ihrer Art her ein wenig an seine ältere Schwester Maria. Genau wie Maria war auch Raquel ein sehr spontaner, lebenslustiger Mensch. Ganz anders als ihre Mutter, dachte Antonio betrübt. Er hoffte, dass Raquel sich nicht zu sehr dem Willen seiner Mutter beugen würde. Er hatte gesehen, wie ängstlich und verschlossen sie in Anwesenheit der Hausherrin gewesen war. Antonio schüttelte den Kopf.

„Habe ich was falsch gemacht?“ fragte Raquel unsicher, als sie Antonios Kopfschütteln sah.

„Nein, nein,“ beruhigte er sie. „Du machst das sehr gut.“

„So, fertig!“ Raquel präsentierte stolz ihr Werk. „Meinst Du, das ich jetzt mal aufsitzen kann?“ fragte sie unsicher.

Antonio nickte. „Einen Versuch wäre es wert. Ich halte die Zügel, und Du stellst jetzt als erstes Deinen linken Fuß in den Steigbügel. Ich gebe Dir dann die Zügel in die Hand, und dann trittst Du Dich ab und schwingst das andere Bein über den Sattel, während Du Dich am Sattelknauf hochziehst. Verstanden?“

Raquel nickte. „Ich versuche es.“ Sie streifte ihre Sandalen ab, und befolgte dann exakt Antonios Anweisungen. Einen Augenblick später saß sie freudestrahlend im Sattel. „Wow, ganz schön hoch hier oben!“ stellte sie nach einem Blick nach unten fest.

„Ja, aber Du gewöhnst Dich daran,“ sagte er schmunzelnd. Er überprüfte Raquels Haltung. „Ist Dein Fuß im anderen Steigbügel? Sitzt Du bequem?“

Raquel nickte.

„Gut, dann setz Dich jetzt aufrecht hin und halte die Zügel locker. Ich werde Dich ein wenig herumführen, damit Du ein Gefühl für das Tier bekommst. Versuche Dich dem Rhythmus des Pferdes anzupassen, ansonsten hast Du nachher ziemlichen Muskelkater,“ sagte er grinsend.

Raquel lächelte, während sie tat, was Antonio ihr vorschlug. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl für sie, auf dem Rücken des Pferdes die Natur genießen zu können, und es machte ihr auch nichts aus, als das Tier seine Gangart von Schritt auf Trab wechselte. Ihre langen Haare wehten im Wind, und sie lachte glücklich.

„Hey ...“ rief ihr plötzlich eine Männerstimme aus der Entfernung zu.

Raquel drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

Ricardo lehnte am Weidentor und beobachtete Raquel aus der Distanz her. ‚Wie wunderschön sie doch ist!’ ging es ihm durch den Kopf. Der Saum ihres Kleides war hochgerutscht und ließ den Blick auf ihre schlanken, sonnengebräunten Beine frei. Ricardo stellte fest, dass Raquel um das eine Fußgelenk herum ein schmales goldenes Kettchen trug. Sie war barfuss, und ihre offene gelockte Haarpracht wehte wie ein Schleier hinter ihr her. Etwas Wildes, Unbezähmbares ging von ihr aus. Ricardo griff sich an den Hals, weil ihm plötzlich der Kragen seines Hemdes zu eng wurde. Ihr Anblick war mehr, als er ertragen konnte. Er schloss die Augen. Er liebte Gabi, dessen war er sich seit dem gestrigen gemeinsamen Abend sicher, aber er war eben auch nur ein Mann und nicht blind! Jeder Mann würde wohl bei einer Frau wie Raquel schwach werden. Ricardo schüttelte den Kopf über seine eigenen Gedanken. Raquel war ein Gast in ihrem Hause und sollte auch als ein solcher behandelt werden. Er wandte sich ab, doch genau in diesem Moment ritt Raquel an ihm vorbei.

„Hallo Ricardo!“ begrüßte sie ihn fröhlich.

„Hallo ...“ Er räusperte sich nervös. „Sieht so aus, als ob Du ein neues Hobby gefunden hättest,“ sagte er.

„Ja, Dein Bruder ist ein guter Lehrer.“ Sie sah zu Antonio hinüber, der ihr langsam gefolgt war. Sie beugte sich aus dem Sattel zu Ricardo hinunter. „Kannst Du mir mal beim Absteigen behilflich sein?“ fragte sie.

Ricardo nickte. Er griff um ihre Taille und hob sie vorsichtig aus dem Sattel, während Raquel instinktiv ihre Arme um seinen Hals legte. Sie kamen sich dabei sehr nahe, und Ricardo unterdrückte mühsam die aufsteigende Erregung.

„Danke!“ Raquel lächelte ihn an. Sie zupfte ihr Kleid zurecht. „Ich glaube, dass es mir für heute reicht,“ sagte sie. „Sonst kann ich morgen bestimmt nicht mehr sitzen.“

Antonio nickte, während er seinen Bruder mit gerunzelter Stirn beobachtete. Ihm war nicht entgangen, dass Ricardo beim Anblick Raquels ziemlich nervös geworden war.

„Ja,“ sagte er,“ wir machen dann morgen weiter, wenn Du Lust hast.“

Raquel nickte, während sie mit einer schwungvollen Bewegung ihre Haare zurückwarf. „Schrecklich gerne, aber jetzt brauche ich erst einmal etwas zu essen.“ Sie griff nach Ricardos Arm. „Wollen wir zurückgehen?“

Er nickte, während er einen dicken Kloß in seinem Hals verspürte.

„Ich komme auch gleich nach,“ sagte Antonio. „Ich muss nur noch das Pferd absatteln.“

Nachdenklich sah er seinem Bruder und Raquel hinterher, wie sie Arm in Arm zurück zum Haus gingen.

Elaine's Waffelshop

„Auf Wiedersehen, Mr. Crosby,“ verabschiedete Elaine ihren Übernachtungsgast. „Falls Sie länger in Sunset Beach bleiben sollten, würde ich mich freuen, wenn Sie mal wieder vorbeikommen würden.“

„Das werde ich bestimmt,“ versprach er. „Jetzt muss ich mir allerdings erst einmal eine andere Bleibe suchen.“

Elaine nickte. „Ich wünsche Ihnen dabei viel Glück!“ sagte sie.

Clayton nahm seine Reisetasche und verließ den „Waffelshop“. Sein Weg führte ihn direkt zum Strand wo er ein wenig entspannen wollte. Als Großstadtmensch und eingespannt in einem Fulltimejob hatte er bisher selten die Gelegenheit gehabt, Strandurlaub zu machen. Entsprechend der Wetterlage hatte er seine Garderobe von langer Hose und Hemd in kurze Hose und T-Shirt umgewechselt. Nun fiel er am Strand, unter den ganzen Sonnenanbetern, weniger auf. Clayton hatte die Strandpromenade passiert und ging weiter, bis er in Ufernähe einen Platz fand, wo er sich niederlassen konnte. Es war gerade um die Mittagszeit, und nur wenige Menschen tummelten sich bisher am Strand. Clayton nahm ein großes Badehandtuch und breitete es im Sand aus. Er ließ sich darauf nieder und stellte seine Reisetasche ab. Dann setzte er seine Sonnenbrille auf und zog einen Notizzettel hervor, auf dem die Namen der beiden einzigen Hotels in Sunset Beach standen: „Sunset Inn“ und „Seabreeze“. Elaine hatte ihm die Adressen aufgeschrieben, in der Hoffnung, dass er vielleicht in einem der Hotels noch ein freies Zimmer bekommen würde. Clayton holte seinen Stadtplan aus der Tasche, den er sich bei seiner Ankunft am Flughafen gekauft hatte und studierte die Ortslage der Hotels. Er war so darin vertieft, dass er nicht bemerkte, dass sich ihm jemand näherte. Erst als ein Schatten auf ihn fiel schaute er hoch. Das erste was er sah waren lange, wohlgeformte Beine, bevor er seinen Blick weiter nach oben wandern ließ. Er schob seine Sonnenbrille nach oben, um die junge Frau, die sich nun zu ihm herabbeugte, näher zu betrachten. Sie hatte dunkelbraunes, schulterlanges Haar und trug einen Bikini, der mehr von ihrer schlanken Figur preisgab als er verhüllte.

„Entschuldigen Sie,“ sprach sie ihn an,“ würde es Ihnen etwas ausmachen, meinen Rücken einzucremen?“ Sie hielt ihm lächelnd ihre Sonnenmilchflasche entgegen.

Clayton hob überrascht die Augenbrauen.




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(Elaine Stevens, January 6, 1997)



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Beitrag vom 11.05.2017 - 17:14
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Anwesen der Torres-Familie

„Was tun Sie hier?“ hörte Raquel plötzlich eine herrische Stimme von der Tür her sagen.

Carmen hatte unbemerkt das Atelier betreten und sah Raquel nun streng an.

„Ich ... ich wollte, ich meine ... ich habe ein Geräusch gehört,“ stotterte Raquel erschrocken.

„Und das gibt Ihnen einfach das Recht, hier herumzuschnüffeln?“ fragte Carmen sichtlich erbost.

Raquel schüttelte nur schweigend den Kopf, weil ihre Kehle auf einmal wie zugeschnürt war.

„Ich habe ... nicht geschnüffelt,“ brachte sie schließlich hervor. „Ich habe ein Geräusch gehört, und da es vom Dachboden kam wollte ich nachsehen, ob es vielleicht Mäuse sind,“ fuhr sie mit schon etwas gefassterer Stimme fort.

Carmen sah sie mit gerunzelter Stirn an. Ihr Gesicht erhellte sich plötzlich, als sie fühlte, wie etwas um ihre Beine herum strich. „Nathan ... Das bist Du ja!“ sagte sie erfreut. Sie bückte sich und hob den Kater in ihre Arme. Liebevoll streichelte sie sein rabenschwarzes Fell, während sie ihn an ihre Wange drückte. „Ich habe Dich schon überall gesucht.“

Raquel beobachtete die Szene aus der Distanz. Sie war überrascht, wie liebevoll Madame Carmen mit dem Kater umging. Seltsam, dass sie sich menschlichen Wesen gegenüber ganz anders verhielt.

„Es tut mir leid, wenn ich hier unbefugt eingebrochen bin“ sagte Raquel demütig. „Ich wollte Sie nicht verärgern.“

Carmen hob den Kopf und sah Raquel mit einem eigenartigen Blick an.

Sie nickte. „Ich werde noch einmal darüber hinwegsehen, weil Sie hier neu sind und noch nicht mit den Gepflogenheiten dieses Haus vertraut sind,“ sagte sie. „Nathan wird Sie nicht mehr stören. Ich werde ihn jetzt mit in mein Zimmer nehmen,“ erklärte sie.

Raquel nickte. „Dann gute Nacht, Madame Carmen,“ sagte sie freundlich.

Carmen ging zu einem Regal hinüber und nahm ein kleines Säckchen aus einer Schachtel, dass sie Raquel in die Hand drückte. „Hier, das wird Ihnen dabei helfen, besser zu schlafen,“ sagte sie.

„Was ist das?“ fragte Raquel misstrauisch.

„Ein Kräuterkissen,“ antwortete Carmen knapp. „Schon seit Urzeiten wirkt diese Kräutermischung gegen Schlaflosigkeit.“

„Danke ...“ Raquel schluckte, während sie das kleine Kräuterkissen mit spitzen Fingern festhielt. Sie öffnete die Tür und rannte so schnell sie konnte die Stufen der Wendeltreppe hinunter. Erst als sie wieder in ihrem Zimmer war, atmete sie auf. Sie nahm das kleine Kräuterkissen und warf es schwungvoll in den Papierkorb. Sollte Madame Carmen an jemand anderem ihre Hexenkunst ausprobieren, dachte sie, aber sicher nicht an ihr! Raquel kuschelte sich in ihr Bett und schloss die Augen. Und während der Duft des Kräuterkissens langsam aus dem Papierkorb in den Raum hineinströmte, fiel Raquel in einen tiefen Schlaf.

Vor dem Appartement der Martinez-Schwestern

„Vielen Dank fürs Nachhausebringen,“ sagte Gabi, während sie Ricardo verstohlen von der Seite anblickte.

„Gern geschehen,“ sagte er lächelnd. „Hat es Dir gefallen?“

Gabis Gesicht bekam einen verklärten Ausdruck. „Ja, es war wie ein Traum!“ erwiderte sie. „Das Essen, die Musik, der Ausblick ... Ich glaube, wir haben heute wirklich einen perfekten Abend erlebt.“

„Nicht ganz,“ sagte Ricardo leise. Er drehte sich in ihre Richtung und sah sie an. Zärtlich strich er mit seiner Hand über ihre Wange. „Das hier macht es erst perfekt ...“ Er beugte sich über sie und berührte mit seinen Lippen zart ihren Mund. Gabi hatte das Gefühl, als ob ihr ganzer Körper unter Strom stehen würde. Sie fühlte ein angenehmes Kribbeln, als er mit seinen Lippen abwärts, den Hals entlang fuhr. Sie unterdrückte ein Stöhnen und legte automatisch ihre Arme um seinen Hals. Ihr Körper und ihre Seele verlangten nach mehr, umso überraschter war sie, als sie bemerkte, dass Ricardo sich plötzlich von ihr zurückzog.

„Verflucht ...“ presste Ricardo zwischen den Zähnen hervor. Er räusperte sich. „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich Dich begehre!“ flüsterte er heiser. „Aber hier ist weder der richtige Ort noch ist dies der richtige Zeitpunkt.“

Gabi nickte beklommen. Sie öffnete die Beifahrertür und stieg mit weichen Knien aus.

Ricardo saß regungslos auf dem Fahrersitz und umklammerte das Lenkrad. Daran, wie schnell sich seine Brust hob und senkte, konnte Gabi erkennen, wie viel Selbstbeherrschung es ihn kostete, sie jetzt gehen zu lassen.

„Gute Nacht, Ricardo,“ sagte sie leise.

Er beugte sich zu der Beifahrerseite hinüber und sah Gabi durch die geöffnete Tür an. „Ich möchte Dir noch sagen, dass ich schon lange nicht mehr so viel für eine Frau empfunden habe, wie für Dich. Aber ich brauche etwas Zeit, um mir über meine Gefühle klar zu werden. Kannst Du das verstehen?“

Gabi nickte. Es überraschte sie, dass er sich diesbezüglich so sensibel zeigte, hatte sie doch anfangs vermutet, dass er keinem Flirt abgeneigt war.

Sie lächelte ihn an. „Ich bin ein sehr geduldiger Mensch,“ sagte sie.

„Sehr schön. Dann ergänzen wir uns ja bestens,“ meinte er schmunzelnd. „Ich bin es nämlich nicht!“ Er schaute auf die Uhr. „Du solltest jetzt besser reingehen,“ sagte er. „Deine Schwester kommt sicher gleich nach Hause.“

Erschrocken sah Gabi ihn an. „Was? So spät ist es schon?“

Ricardo nickte.

Gabi drückte ihre Handtasche fest an sich, während sie die Stufen zum Haus hinaufrannte. Das letzte, was sie jetzt wollte war, mit Cecilia zusammenzutreffen und neugierige Fragen zu beantworten! Gabi winkte Ricardo noch einmal zu, bevor sie im Haus verschwand.

Erleichtert stellte sie beim Betreten des Appartements fest, dass Cecilia noch nicht zuhause war. Schnell zog Gabi sich aus, streifte sich ihr Nachthemd über und legte sich ins Bett. Wenn Cecilia jetzt nach Hause kommen würde, wäre sie zumindest schon in ihrem Zimmer und müsste nicht die unbequemen Fragen ihrer Schwester über sich ergehen lassen. Gabi rollte sich in ihre Bettdecke ein, und während sie an Ricardo dachte, wurden ihre Augenlider immer schwerer, bis sie schließlich einschlief.

Anwesen der Torres-Familie

Als Raquel am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich so ausgeruht wie nie zuvor. Sie schwang ihre Beine über den Bettenrand und stand auf. Die Strahlen der aufgehenden Sonne fielen in ihr Zimmer ein und erwärmten den Raum. Raquel ging ins angrenzende Badezimmer und drehte die Dusche auf. Während das Wasser an ihrem Körper herablief, dachte sie über die vergangene Nacht nach. Diese Madame Carmen war ihr ein Rätsel! Sie tat so unnahbar und abweisend, aber im Grunde genommen sehnte sie sicher nach etwas mehr Zuneigung. Raquel drehte die Dusche ab und nahm ein Handtuch vom Haken, mit dem sie sich kräftig abrubbelte. Sie hörte, wie ihr Magen knurrte und beschloss nach unten zu gehen, um sich nach etwas Essbarem umzuschauen. Schnell schlüpfte sie in eins ihrer neuen bequemen Kleider und begann, ihre Haare trocken zu fönen. Nach einem Blick auf die Uhr stellte sie überrascht fest, dass es erst kurz nach 7 Uhr war. Sicher waren die anderen noch am Schlafen, dachte sie. Raquel bürstete noch einmal ihre Locken durch, bevor sie ihr Zimmer verließ und nach unten ging. Als sie das Speisezimmer betrat stellte sie erstaunt fest, dass sie nicht alleine war. Antonio saß am Esstisch und bestrich sich gerade eine Brötchenhälfte mit Marmelade. Er hob überrascht den Kopf, als er Raquel hereinkommen sah.

„Guten Morgen!“ begrüßte er sie. „Auch eine Frühaufsteherin?“ fragte er lächelnd.

Raquel nickte, während sie ebenfalls an dem großen Esstisch platz nahm. „Ja, ich stehe meist mit den Hühnern auf,“ antwortete sie. „Sonst hat man doch nichts von dem Tag.“

„Ganz meine Meinung,“ sagte Antonio. „Mama und Ricardo sehen das allerdings etwas anders,“ fuhr er schmunzelnd fort. Er nahm die Kaffeekanne. „Darf ich Dir Kaffee einschenken?“ fragte er.

Raquel schüttelte den Kopf. „Danke, aber ich trinke morgens nur einen Orangensaft,“ erklärte sie.

„Und wie hast Du geschlafen?“ wollte Antonio wissen.

Raquel setzte das Glas Orangensaft, dass sie schon an die Lippen genommen hatte, wieder ab. „Danke, sehr gut,“ erwiderte sie knapp. Es war nicht mal eine Lüge, obwohl der erste Teil der Nacht doch einiges an Aufregung mit sich gebracht hatte.

„Das freut mich. Dann könnten wir ja heute vielleicht etwas zusammen unternehmen?“ schlug Antonio vor.

Raquel sah ihn nachdenklich an. „Heute ist doch Sonntag. Musst Du da nicht in die Kirche gehen?“ fragte sie.

Antonio lachte. „Sogar Gott hatte am Sonntag seinen freien Tag,“ scherzte er. „Aber Spaß beiseite ... Ich werde in die Abendmesse gehen. Tagsüber stehe ich Dir zur Verfügung.“

Geistesabwesend griff Raquel in den Brötchenkorb und zog ein Croissant daraus hervor. Es gab da eine Sache, die sie beschäftigte, seitdem sie von ihrer Tante erfahren hatte, dass Clayton von ihrem Aufenthaltsort wusste.

„Wenn ein Fremder nach Sunset Beach kommt ... Wo würde er wohnen?“ fragte sie zögernd.

Antonio sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Willst Du uns schon wieder verlassen?“ fragte er erstaunt.

Raquel schüttelte schnell den Kopf. „Nein, ich frage nur ganz ... allgemein. Wo würde jemand wohnen, der hier zu Besuch ist und keine feste Bleibe hat?“ wiederholte sie ihre Frage.

Antonio zog amüsiert die Augenbrauen nach oben. „Ich denke, zu diesem Zweck wurden die Hotels erfunden,“ antwortete er ihr.

„Ja, natürlich.“ Raquel schlug sich mit der Hand an den Kopf. Auf die einfachste Lösung war sie nicht gekommen.

„Aber ich glaube kaum,“ fuhr Antonio mit gerunzelter Stirn fort,“ dass man dort während der Hauptsaison überhaupt noch ein freies Zimmer bekommt.“

„Und was macht man dann – rein hypothetisch gefragt?“ harkte sie nach.

Antonio zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Es gibt außer den beiden Hotels am Ort auch noch private Zimmervermietungen.“ Er sah sie fragend an. „Wieso interessiert Dich das überhaupt?“

Raquel senkte schnell den Kopf, weil sie sich ertappt fühlte.

„Einfach nur so,“ erwiderte sie scheinbar gleichgültig.

Antonio sah sie skeptisch an. Er ahnte, dass mehr hinter ihrer Frage steckte, als sie zugeben wollte. Da er aber nicht neugierig erscheinen wollte, ließ er es auf sich beruhen.

„Schlag etwas vor, was wir zusammen unternehmen können!“ wechselte Raquel das Thema.

„Nun, da haben wir mehrere Möglichkeiten,“ erwiderte er. „Entweder führe ich Dich durch Sunset Beach oder wir gehen zum Strand. Da ist immer etwas los. Man kann dort Beach Volleyball spielen, Surfen lernen, sich in der Sonne braten lassen oder schwimmen gehen, oder ...“ Antonio machte eine kurze Gedankenpause. „Ich könnte Dir die Stallungen zeigen, und wenn Du möchtest, könnten wir auch zusammen ausreiten.“

Raquel hob erstaunt den Kopf, als Antonio die Stallungen erwähnte. „Oh ja, das hört sich gut an!“ rief sie erfreut. „Das sollten wir machen.“

Antonio sah sie schmunzelnd an. „Welches von den genannten Dingen hört sich gut an?“ fragte er zurück.

„Das Reiten!“ sagte Raquel mit leuchtenden Augen. „Ich liebe Pferde, aber leider waren die Reitstunden für meine Eltern unbezahlbar,“ meinte sie traurig.

„In Ordnung,“ nickte Antonio,“ dann ist dies die einmalige Chance für Dich, kostenlose Reitstunden zu nehmen.“

„Oh danke!“ Raquel klatschte vor Begeisterung in die Hände. „Sag mir nur, wann Du Zeit hast. Ich bin bereit!“

„Von mir aus sofort,“ entgegnete Antonio. „Ich gehe sowieso immer nach dem Frühstück zu den Stallungen hinüber und versorge die Pferde.“

„Habt Ihr denn keine Stallknechte dafür?“ fragte Raquel erstaunt. „Ihr könnt Euch doch sicher genügend Personal leisten.“

Antonio sah Raquel nachdenklich an. Bisher hatte er auch immer gedacht, dass es mit den Finanzen seiner Mutter zum Besten stehen würde, doch seit einigen Tagen wusste er, dass es nicht so war.

„Ich kümmere mich lieber selber darum,“ erwiderte Antonio knapp. Er wollte Raquel nicht mit seinen Problemen belasten.

Sie wischte sich mit einer Serviette den Mund ab. „Ich bin fertig mit frühstücken. Können wir gehen?“

Antonio erhob sich grinsend. „Ich sehe schon. In den nächsten Wochen werde ich mich sicher nicht langweilen.“

Raquel sah ihn unsicher an. „Nur, wenn es Dir nichts ausmacht,“ sagte sie schnell.

„Keineswegs,“ beruhigte Antonio sie. „Ich habe alle Zeit der Welt, und es ist auch mal ganz schön, nicht immer alleine auszureiten.“ Er stand auf und ging zur Tür. „Komm, ich zeige Dir jetzt die Stallungen!“

Raquel nickte, und gemeinsam verließen sie das Speisezimmer.

Bei den Stallungen

Antonio war überrascht, was für eine gelehrige Schülerin Raquel war. Sie waren gerade mal zwei Stunden dort, und schon hatte man das Gefühl, als ob sie schon ihr ganzes Leben im Pferdestall verbracht hätte. Man merkte ihr auch einfach an, dass ihr der Umgang mit den Tieren Spaß machte. Während Raquel unter Antonios Leitung gerade dabei war, eins der Pferde zu satteln, beobachtete er sie. Sie erinnerte ihn von ihrer Art her ein wenig an seine ältere Schwester Maria. Genau wie Maria war auch Raquel ein sehr spontaner, lebenslustiger Mensch. Ganz anders als ihre Mutter, dachte Antonio betrübt. Er hoffte, dass Raquel sich nicht zu sehr dem Willen seiner Mutter beugen würde. Er hatte gesehen, wie ängstlich und verschlossen sie in Anwesenheit der Hausherrin gewesen war. Antonio schüttelte den Kopf.

„Habe ich was falsch gemacht?“ fragte Raquel unsicher, als sie Antonios Kopfschütteln sah.

„Nein, nein,“ beruhigte er sie. „Du machst das sehr gut.“

„So, fertig!“ Raquel präsentierte stolz ihr Werk. „Meinst Du, das ich jetzt mal aufsitzen kann?“ fragte sie unsicher.

Antonio nickte. „Einen Versuch wäre es wert. Ich halte die Zügel, und Du stellst jetzt als erstes Deinen linken Fuß in den Steigbügel. Ich gebe Dir dann die Zügel in die Hand, und dann trittst Du Dich ab und schwingst das andere Bein über den Sattel, während Du Dich am Sattelknauf hochziehst. Verstanden?“

Raquel nickte. „Ich versuche es.“ Sie streifte ihre Sandalen ab, und befolgte dann exakt Antonios Anweisungen. Einen Augenblick später saß sie freudestrahlend im Sattel. „Wow, ganz schön hoch hier oben!“ stellte sie nach einem Blick nach unten fest.

„Ja, aber Du gewöhnst Dich daran,“ sagte er schmunzelnd. Er überprüfte Raquels Haltung. „Ist Dein Fuß im anderen Steigbügel? Sitzt Du bequem?“

Raquel nickte.

„Gut, dann setz Dich jetzt aufrecht hin und halte die Zügel locker. Ich werde Dich ein wenig herumführen, damit Du ein Gefühl für das Tier bekommst. Versuche Dich dem Rhythmus des Pferdes anzupassen, ansonsten hast Du nachher ziemlichen Muskelkater,“ sagte er grinsend.

Raquel lächelte, während sie tat, was Antonio ihr vorschlug. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl für sie, auf dem Rücken des Pferdes die Natur genießen zu können, und es machte ihr auch nichts aus, als das Tier seine Gangart von Schritt auf Trab wechselte. Ihre langen Haare wehten im Wind, und sie lachte glücklich.

„Hey ...“ rief ihr plötzlich eine Männerstimme aus der Entfernung zu.

Raquel drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

Ricardo lehnte am Weidentor und beobachtete Raquel aus der Distanz her. ‚Wie wunderschön sie doch ist!’ ging es ihm durch den Kopf. Der Saum ihres Kleides war hochgerutscht und ließ den Blick auf ihre schlanken, sonnengebräunten Beine frei. Ricardo stellte fest, dass Raquel um das eine Fußgelenk herum ein schmales goldenes Kettchen trug. Sie war barfuss, und ihre offene gelockte Haarpracht wehte wie ein Schleier hinter ihr her. Etwas Wildes, Unbezähmbares ging von ihr aus. Ricardo griff sich an den Hals, weil ihm plötzlich der Kragen seines Hemdes zu eng wurde. Ihr Anblick war mehr, als er ertragen konnte. Er schloss die Augen. Er liebte Gabi, dessen war er sich seit dem gestrigen gemeinsamen Abend sicher, aber er war eben auch nur ein Mann und nicht blind! Jeder Mann würde wohl bei einer Frau wie Raquel schwach werden. Ricardo schüttelte den Kopf über seine eigenen Gedanken. Raquel war ein Gast in ihrem Hause und sollte auch als ein solcher behandelt werden. Er wandte sich ab, doch genau in diesem Moment ritt Raquel an ihm vorbei.

„Hallo Ricardo!“ begrüßte sie ihn fröhlich.

„Hallo ...“ Er räusperte sich nervös. „Sieht so aus, als ob Du ein neues Hobby gefunden hättest,“ sagte er.

„Ja, Dein Bruder ist ein guter Lehrer.“ Sie sah zu Antonio hinüber, der ihr langsam gefolgt war. Sie beugte sich aus dem Sattel zu Ricardo hinunter. „Kannst Du mir mal beim Absteigen behilflich sein?“ fragte sie.

Ricardo nickte. Er griff um ihre Taille und hob sie vorsichtig aus dem Sattel, während Raquel instinktiv ihre Arme um seinen Hals legte. Sie kamen sich dabei sehr nahe, und Ricardo unterdrückte mühsam die aufsteigende Erregung.

„Danke!“ Raquel lächelte ihn an. Sie zupfte ihr Kleid zurecht. „Ich glaube, dass es mir für heute reicht,“ sagte sie. „Sonst kann ich morgen bestimmt nicht mehr sitzen.“

Antonio nickte, während er seinen Bruder mit gerunzelter Stirn beobachtete. Ihm war nicht entgangen, dass Ricardo beim Anblick Raquels ziemlich nervös geworden war.

„Ja,“ sagte er,“ wir machen dann morgen weiter, wenn Du Lust hast.“

Raquel nickte, während sie mit einer schwungvollen Bewegung ihre Haare zurückwarf. „Schrecklich gerne, aber jetzt brauche ich erst einmal etwas zu essen.“ Sie griff nach Ricardos Arm. „Wollen wir zurückgehen?“

Er nickte, während er einen dicken Kloß in seinem Hals verspürte.

„Ich komme auch gleich nach,“ sagte Antonio. „Ich muss nur noch das Pferd absatteln.“

Nachdenklich sah er seinem Bruder und Raquel hinterher, wie sie Arm in Arm zurück zum Haus gingen.

Elaine's Waffelshop

„Auf Wiedersehen, Mr. Crosby,“ verabschiedete Elaine ihren Übernachtungsgast. „Falls Sie länger in Sunset Beach bleiben sollten, würde ich mich freuen, wenn Sie mal wieder vorbeikommen würden.“

„Das werde ich bestimmt,“ versprach er. „Jetzt muss ich mir allerdings erst einmal eine andere Bleibe suchen.“

Elaine nickte. „Ich wünsche Ihnen dabei viel Glück!“ sagte sie.

Clayton nahm seine Reisetasche und verließ den „Waffelshop“. Sein Weg führte ihn direkt zum Strand wo er ein wenig entspannen wollte. Als Großstadtmensch und eingespannt in einem Fulltimejob hatte er bisher selten die Gelegenheit gehabt, Strandurlaub zu machen. Entsprechend der Wetterlage hatte er seine Garderobe von langer Hose und Hemd in kurze Hose und T-Shirt umgewechselt. Nun fiel er am Strand, unter den ganzen Sonnenanbetern, weniger auf. Clayton hatte die Strandpromenade passiert und ging weiter, bis er in Ufernähe einen Platz fand, wo er sich niederlassen konnte. Es war gerade um die Mittagszeit, und nur wenige Menschen tummelten sich bisher am Strand. Clayton nahm ein großes Badehandtuch und breitete es im Sand aus. Er ließ sich darauf nieder und stellte seine Reisetasche ab. Dann setzte er seine Sonnenbrille auf und zog einen Notizzettel hervor, auf dem die Namen der beiden einzigen Hotels in Sunset Beach standen: „Sunset Inn“ und „Seabreeze“. Elaine hatte ihm die Adressen aufgeschrieben, in der Hoffnung, dass er vielleicht in einem der Hotels noch ein freies Zimmer bekommen würde. Clayton holte seinen Stadtplan aus der Tasche, den er sich bei seiner Ankunft am Flughafen gekauft hatte und studierte die Ortslage der Hotels. Er war so darin vertieft, dass er nicht bemerkte, dass sich ihm jemand näherte. Erst als ein Schatten auf ihn fiel schaute er hoch. Das erste was er sah waren lange, wohlgeformte Beine, bevor er seinen Blick weiter nach oben wandern ließ. Er schob seine Sonnenbrille nach oben, um die junge Frau, die sich nun zu ihm herabbeugte, näher zu betrachten. Sie hatte dunkelbraunes, schulterlanges Haar und trug einen Bikini, der mehr von ihrer schlanken Figur preisgab als er verhüllte.

„Entschuldigen Sie,“ sprach sie ihn an,“ würde es Ihnen etwas ausmachen, meinen Rücken einzucremen?“ Sie hielt ihm lächelnd ihre Sonnenmilchflasche entgegen.

Clayton hob überrascht die Augenbrauen.






"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



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Beitrag vom 11.05.2017 - 17:18
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