############################################################# #+++++++++++++++++ Style © by KitDesign.de +++++++++++++++++# ############################################################# Hinweise: Das hier verwendete Style/Design befindet sich unter dem Urheberschutzgesetzt von Marcus "maXus" Merchel und darf nur auf Seiten mit einer Schriftlichen Genehmigung zum Download angeboten werden! Jegliche Änderungen am Design sind dem Urheber mitzuteilen. Alle Copyrighthinweise dürfen bei einer Änderung jedoch nicht entfernt werden, da es sich weiterhin um den Eigentum des Urhebers handelt. Dieses Style wurde für die PHPKIT-Version 1.6.4 entwickelt und ist somit nur für diese funktionsfähig! Weitere Informationen, Hinwesie und Support unter http://www.KitDesign.de ############################################################# #+++++++++++++++++ Style © by KitDesign.de +++++++++++++++++# #############################################################

Sunset Beach! ~~~

Die deutsche Seite rund um die beliebte US-Soap!

Samstag, 21. September 2019

Start Einloggen Einloggen Die Mitglieder Das Foren-Team Suchfunktion
12573 Beiträge & 606 Themen in 26 Foren
Keine neuen Beiträge, seit Ihrem letzten Besuch am 21.09.2019 - 03:16.
  Login speichern
Forenübersicht » FanFictions und Co. » Storys rund um SB » Schatten der Vergangenheit

vorheriges Thema   nächstes Thema  
27 Beiträge in diesem Thema (offen) Seiten (2): < zurück 1 (2)
Autor
Beitrag
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 12



Am Strand

„Könnten Sie meinen Rücken eincremen?“ wiederholte die junge Frau ihre Frage noch einmal, als Clayton nicht sofort reagierte.

Er nickte, während er geistesabwesend nach der Sonnenmilchflasche griff. „Ja, warum nicht.“

Sie kniete sich vor ihm in den Sand und drehte ihm ihren Rücken zu.

Clayton drückte aus der Flasche einen Klecks Sonnenmilch in seine Hand und verteilte ihn dann gleichmäßig und mit sanften, kreisförmigen Bewegungen auf dem Rücken der jungen Frau.

„Sie machen das wirklich sehr gut!“ sagte sie lobend. „Sie sind nicht zufällig Masseur von Beruf?“

„Nein, Architekt,“ antwortete Clayton amüsiert.

„Was für eine Verschwendung!“ Die junge Frau drehte sich zu ihm herum und nahm ihm die Sonnenmilchflasche aus der Hand. „Sie haben wirklich Ihren Beruf verfehlt.“

Obwohl Clayton normalerweise nicht auf plumpe Anmachversuche reagierte, musste er unwillkürlich grinsen. „Ich glaube, es gibt eine Menge schlechter Masseure aber nur sehr wenig gute Architekten,“ erwiderte er schmunzelnd.

„Ach ja?“ Sie hob erstaunt die Augenbrauen. „Und, sind Sie gut?“ fragte sie mit einem doppeldeutigen Lächeln.

„ Ich denke schon,“ erwiderte Clayton.

„Sie sind wohl nicht von hier?“ Die junge Frau sah ihn stirnrunzelnd an, als sie die große Reisetasche bemerkte. „Oder nehmen Sie immer Ihr gesamtes Gepäck mit an den Strand?“

„Nein,“ gab Clayton zu,“ ich bin erst gestern hier eingetroffen, und bisher habe ich auch noch keine Bleibe gefunden.“

„Haben Sie es schon im Hotel versucht?“ fragte die junge Frau.

Clayton schüttelte den Kopf. „Bisher nicht. Ich wollte mich erst ein wenig im Ort umschauen und dann auf Zimmersuche gehen,“ erklärte er. „Ich habe allerdings auch gehört, dass es in dieser Jahreszeit schwierig sein soll, ein freies Zimmer zu bekommen,“ sagte er seufzend.

„Vielleicht kann ich Ihnen helfen ...“ Die junge Frau wiegte nachdenklich ihren Kopf.

Clayton sah sie fragend an.

„Der Portier vom „Seabreeze“-Hotel ist ein Freund von mir,“ erklärte sie. „Wenn ich ihn bitten würde, ein Zimmer für Sie zu organisieren, würde er das bestimmt machen.“

„Meinen Sie?“ fragte Clayton skeptisch.

„Ganz bestimmt,“ erwiderte sie. „Er ist mir sowieso noch einen Gefallen schuldig. Unter normalen Bedingungen würden Sie wohl kein Zimmer mehr bekommen, aber mit den entsprechenden Beziehungen kommt man überall weiter,“ fügte sie schmunzelnd hinzu.

„Na dann ...“ Clayton wusste nicht so recht, wie er auf das freundlich gemeinte Hilfsangebot der jungen Frau reagieren sollte. Schließlich kannte er sie gerade erst 10 Min! Aber der Gedanke, die kommende Nacht am Strand oder in einer Gefängniszelle zu verbringen, behagte ihm wenig.

„Bevor wir jetzt zusammen zum „Seabreeze“-Hotel gehen, sollte ich mich vielleicht erst einmal vorstellen,“ sagte die junge Frau lächelnd. „Ich heiße Cecilia Martinez, und mit wem habe ich das Vergnügen?“

„Clayton Crosby.” Er ergriff zögernd ihre ausgestreckte Hand.

Sie lächelte ihm zu. „Warten Sie, ich bin gleich zurück!“

Während Cecilia zu ihrem Strandlaken hinüberging und sich ein Kleid über ihren Bikini streifte, wurde sie von Clayton argwöhnisch beobachtet.

Cecilia hatte seinen Blick bemerkt. „Wo Sie herkommen, sprechen die Mädchen wohl keine Männer am Strand an, was?“ fragte sie schmunzelnd.

„Zumindest nicht, wenn es um ehrbare Angebote geht,“ antwortete er mit ernstem Gesicht.

„Ich kann Ihnen versichern, dass dies kein unmoralisches Angebot sein soll!“ sagte Cecilia verlegen. Sie spürte, wie sie errötete. Umso überraschter war sie, als ihr Gegenüber plötzlich anfing schallend zu lachen.

„Tut mir leid,“ sagte Clayton, als er sich wieder gefangen hatte. „Diese ganze Situation ist so absurd, dass es schon wieder komisch ist.“ Er sah Cecilias irritierten Gesichtsausdruck und lenkte schnell ein. „Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich Ihnen bin, dass Sie mir dieses Angebot machen, also vergessen Sie den Satz von vorhin!“

Cecilia nickte. „In Ordnung. Können wir dann los?“

Er nickte. „Ja, ich bin bereit. Gehen wir!“

Während die beiden über die Seebrücke, zur anderen Seite des Ufers gingen, sah Cecilia ihn von der Seite an. „Erwarten Sie aber nicht zuviel!“ warnte sie ihn. „Das „Seabreeze“ ist kein First-Class-Hotel! Aber wenn es Ihnen nur um die Übernachtung geht und Sie keinen großen Wert auf Luxus legen, ist es genau das richtige.“

„Ich bin schon dankbar, wenn ich überhaupt irgendwo unterkommen kann,“ erwiderte Clayton.

„Wollen Sie länger hier bleiben?“ fragte Cecilia, während sie ihn neugierig ansah.

„Ich weiß noch nicht so genau,“ antwortete Clayton wahrheitsgemäß. „Mal sehen, wie die Dinge sich entwickeln ...“

Als sie am Seabreeze-Hotel angekommen waren, griff Cecilia nach Claytons Arm. „Warten Sie hier!“ bat sie ihn. „Ich will erst einmal alleine die Lage sondieren. Wenn alles erledigt ist, werde ich Sie rufen, einverstanden?“

„Ist okay,“ nickte er.

Cecilia lächelte ihm noch einmal aufmunternd zu, bevor sie die Hotellobby betrat.

Die Zeit, die Cecilia im Hotel verbrachte, kam Clayton wie eine halbe Ewigkeit vor. Doch sein Warten wurde belohnt. Nach einer halben Stunde kam Cecilia freudestrahlend auf ihn zu. „Alles klar,“ sagte sie knapp. „Ich habe ein wenig geflunkert und behauptet, dass Sie mein Cousin wären, der hier für ein paar Tage zu Besuch ist.“

Clayton hob überrascht die Augenbrauen. „Ihr Cousin?“

Cecilia nickte. „Ja, mir fiel nichts besseres ein,“ grinste sie. „Hört sich doch besser an, als „Ein Fremder von der Strasse“, oder?“

„Dann wird es wohl Zeit, dass wir das förmliche „Sie“ gegen ein familiäres „Du“ ersetzen,“ meinte er schmunzelnd.

„Gute Idee! Dann wünsche ich ... Dir einen guten Aufenthalt im schönen Sunset Beach!“ sagte sie lächelnd. „Wenn Du nichts Besseres vorhast, kannst Du ja mal im „Deep“ vorbeischauen.“

„Das ist der Name des Nachtclubs, oder?“ erinnerte Clayton sich.

Cecilia nickte. „Ja, ich arbeite dort als Kellnerin,“ meinte sie. „Komm doch heute Abend vorbei, dann spendiere ich Dir einen Drink. Was hältst Du davon?“

„Ich weiß nicht ...“ sagte er zögernd, doch dann besann er sich anders. Wenn er eine Weile hier bleiben wollte, wäre es sicher nicht verkehrt, neue Leute kennen zulernen. „Warum eigentlich nicht? – In Ordnung,“ nickte er zustimmend.

„Na, dann sehen wir uns ja später,“ sagte Cecilia fröhlich.

„Bis heute Abend, und ... danke!“ Clayton nahm seine Reisetasche, lächelte Cecilia noch einmal zu und betrat dann die Hotellobby.

Anwesen der Torres-Familie

Nachdenklich stand Raquel vor dem großen Kleiderschrank in ihrem Zimmer und begutachtete ihre Garderobe. Ricardo hatte ihr erzählt, dass am Strand eine Beachparty stattfinden würde, und Raquel hatte sich bisher nicht entscheiden können, was sie anziehen sollte. Schließlich entschied sie sich für eine schlichte weiße Bluse und rote Shorts. Während sie sich umzog, betrachtete sie sich im Spiegel. Die unter der Brust geknotete Bluse ließ ihre schmale Taille noch besser zur Geltung kommen, und die kurze rote Hose bildete einen reizvollen Kontrast dazu. Raquel band ihre tizianroten Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen. Bei der unerträglichen Hitze, die schon seit Tagen herrschte, waren ihr ihre langen Haare geradezu lästig. Raquel freute sich darauf, den Nachmittag am Strand zu verbringen. Das erste Mal seit ihrer Ankunft in Sunset Beach, würde sie etwas anderes sehen, als die grauen, düsteren Wände der Torres-Villa. Sie holte ihren Bikini aus dem Schrank und steckte ihn in ihre Tasche. Ein Klopfen an der Tür ließ sie aufschrecken.

„Wer ist da?“

Raquel lächelte, als sie sah, dass es Ricardo war, der dann das Zimmer betrat. „Bist Du fertig?“ fragte er, während er sie mit einem wohlwollenden Blick betrachtete.

„Ja, ich bin fertig,“ erwiderte sie. Sie nahm ihre Tasche. „Kommt Antonio auch mit?“

Ricardo schüttelte den Kopf. „Nein, solche Vergnügen gehören sich nicht für einen angehenden Priester,“ grinste er.

Raquel sah ihn empört an. „Das hört sich ja so an, als ob am Strand eine Orgie stattfinden würde!“ meinte sie.

Ricardo sah sie schmunzelnd an. „Spaß beiseite,“ sagte er. „Antonio wird natürlich auch da sein! Allerdings wird er wohl erst etwas später nachkommen.“

„Und Deine Mutter?“ Es war raus, bevor Raquel die Frage zurückhalten konnte.

Ricardo verzog sein Gesicht. „Seit dem Tod meines Vaters war meine Mutter nicht mehr am Strand,“ sagte er bitter. „Wenn überhaupt, trifft man sie höchstens noch in ihrem Laden an ...“ Ricardo brach abrupt ab, doch er hatte Raquels Interesse bereits geweckt.

„Sie hat ein Geschäft?“ fragte sie überrascht. „Womit handelt sie denn – Antiquitäten?“ Raquel dachte an Madame Carmens Atelier, und ein Schauer lief ihr plötzlich über den Rücken.

„Ja, so was in der Art ...“ erwiderte Ricardo ausweichend. Überrascht schaute er nach unten, als er etwas an sich vorbeihuschen sah.

Raquel erstarrte, als sie erkannte, um wen es sich dabei handelte.

„Hallo Nathan!“ begrüßte Ricardo den schwarzen Kater freundlich und beugte sich herab, um ihn zu streicheln.

Der Kater ignorierte Ricardo jedoch, sondern ging weiter auf Raquel zu und sah sie mit einem durchdringenden Blick an.

Raquel rührte sich nicht von ihrem Platz, während sie das Tier ängstlich beobachtete.

Ricardo irritierte Raquels Verhalten. „Er tut Dir nichts,“ sagte er beruhigend. „Du kannst ihn ruhig streicheln.“

Raquel schüttelte unmerklich den Kopf. Erinnerungen an die letzte Nacht wurden wieder in ihr wach, und sie verspürte eine eigenartige Schwäche in den Beinen.

„Ich – ich habe eine Allergie gegen Katzen,“ stammelte sie.

Ricardo sah sie prüfend an. Jegliche Farbe war aus Raquels Gesicht gewichen, und sie sah aus, als ob sie jeden Moment in Ohnmacht fallen würde.

„Na komm, raus mit Dir, Nathan!“ Ricardo griff dem Kater ins Nackenfell und schob ihn zur Tür hinaus.

Erleichtert ließ Raquel sich aufs Bett fallen. „Danke!“ wisperte sie.

Ricardo lächelte. „Ist schon okay. Ich werde Mama sagen, dass sie etwas besser aufpassen soll, dass Nathan hier nicht herumstreunt,“ versprach er ihr.

„Bitte Ricardo, lass uns jetzt gehen!“ sagte Raquel ungeduldig.

Ricardo zog die Augenbrauen hoch, während er sie prüfend von der Seite ansah. „Alles in Ordnung?“ fragte er.

Raquel nickte heftig. „Ja, sicher. Ich möchte jetzt nur langsam mal an den Strand.“

Lächelnd hielt Ricardo Raquel seinen Arm hin. „Auf zur Beachparty!“ sagte er, und gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter.

Appartement der Martinez-Schwestern

„Gehst Du heute zu der Party am Strand?“ Gabi sah ihre Schwester neugierig an, während sie sich ein Handtuch um ihren Körper schlang.

Geistesabwesend schaute Cecilia hoch. „Strandparty? Davon weiß ich gar nichts ... nein, ich denke nicht.“ Sie schaute zu Gabi hinüber. „Wie war denn Dein gestriger Abend?“ fragte sie lauernd.

Gabi begann ihre vom Duschen noch nassen Haare zu frottieren. „Sehr schön,“ erwiderte sie knapp.

Cecilia sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Ich habe vorhin Deine Sachen in die Waschmaschine gesteckt,“ sagte sie. „Kann es sein, dass Deine Freundin Aftershave benutzt?“

Gabi hielt in ihrer Bewegung inne und sah verlegen auf den Fußboden. Cecilia hatte eine bessere Nase als mancher Spürhund! Bei ihrer innigen Umarmung hatte ihre Bluse wahrscheinlich den Geruch von Ricardos Aftershave angenommen.

„Nein, wieso?“ fragte Gabi scheinbar gleichgültig, während sie Cecilias prüfendem Blick auswich.

„Weil Deine Klamotten stinken, als ob Du Dich mit Herrenparfum übergossen hättest!“ erwiderte sie sarkastisch. „Mach mir nichts vor, Gabi. Ich kenne diesen Geruch!“ Sie hob wissend ihre Augenbrauen nach oben.

„Was willst Du damit sagen?“ fragte Gabi unsicher.

„Ricardo Torres ...“ stieß Cecilia verächtlich hervor. „Du warst mit ihm aus, nicht wahr?“

Gabi nickte mit gesenktem Kopf. Es war zwecklos, Cecilia noch länger etwas vorzumachen. Sie ärgerte sich über ihr eigenes Verhalten, denn schließlich war sie Cecilia ja keinerlei Rechenschaft schuldig. Trotzdem hatte Gabi irgendwie ein schlechtes Gewissen.

„Ja ...“ gab sie zu.

„Großartig!“ Cecilias Stimme triefte vor Hohn. „Was soll ich wohl von einer Person halten, die ihre eigene Schwester hintergeht und belügt?“ fragte sie bissig.

„Hör auf damit, Cecilia!“ Auch Gabis Stimme nahm einen schärferen Ton an. „Ich hätte Dir die Wahrheit gesagt, aber nach alledem, was vorher passiert ist, wollte ich nicht auch noch Öl ins Feuer gießen!“

Und, liebst Du ihn?“ fragte Cecilia schnippisch.

Gabi verzog abweisend das Gesicht. „Ich möchte jetzt nicht mit Dir mein Verhältnis zu Ricardo diskutieren!“ antwortete sie.

„Ach, soweit seid Ihr also doch schon, dass Ihr miteinander ein Verhältnis habt?“ stichelte Cecilia.

„Ich glaube, wir beenden das Gespräch jetzt besser, sonst sagt noch jemand etwas, was ihm später leid tut!“ sagte Gabi bestimmt.

„Falsche Schlange!“ zischte Cecilia. Sie war so voller Wut und eifersüchtig auf ihre Schwester, dass ihr jedes erdenkliche Schimpfwort gelegen kam.

Gabi ging langsam auf Cecilia zu. „Du kannst mich nennen wie Du willst,“ sagte sie ruhig. „Fakt ist: Zu einer Beziehung gehören immer zwei, und Ricardo hat sich nun einmal für mich entschieden! Und nun entschuldige mich bitte, denn ich habe mich mit ihm um 14 Uhr an der Seebrücke verabredet!“ Gabi drehte sich um und verschwand hocherhobenen Hauptes in ihrem Zimmer.

Cecilia hörte ein Scheppern, als Gabi der Tür einen Schubs gab und diese ins Schloss fiel. Nachdenklich sah Cecilia ihrer Schwester hinterher, bevor sie zum Schlüsselbrett hinüber ging und ihren und Gabis Hausschlüssel abnahm. Sie griff nach ihrer Handtasche und ließ langsam Gabis Schlüssel hineingleiten. Dann öffnete sie die Tür zum Appartement und steckte ihren Schlüssel von außen ins Schloss. „Du bekommst ihn nicht!“ presste sie zwischen zusammengepressten Lippen hervor, während sie den Schlüssel langsam herumdrehte ...




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:19
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 13


Seabreeze-Hotel

Clayton schloss die Tür zu seinem Hotelzimmer auf und betrat den Raum. Nach einem Blick in die Runde stellte er fest, dass die Einrichtung zwar sehr spartanisch war, es aber ansonsten ordentlich und sauber aussah. Es war kein Luxus-Zimmer, aber man konnte es hier durchaus einige Tage aushalten. Clayton stellte seine Reisetasche auf dem Fußboden ab und setzte sich aufs Bett. Er dachte über die junge Frau am Strand nach – Cecilia Martinez ... So ganz konnte er immer noch nicht verstehen, weshalb sie ihm so uneigennützig geholfen hatte. Claytons Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, als er daran dachte, wie er vorhin dem Portier ins Gesicht gelogen hatte, dass er Miss Martinez’ Cousin wäre. Ohne weitere Fragen zu stellen hatte man ihm den Schlüssel für sein Zimmer ausgehändigt. Wie lange er bleiben wollte, war er gefragt worden, doch diese Frage konnte Clayton zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht beantworten. Er musste erst einmal abwarten, wie sich die Dinge hier entwickeln würden. Clayton nahm seine Brieftasche und klappte sie auf. Nachdenklich zog er das Foto von Raquel hervor und betrachtete es. ‚Wo bist Du?’ fragte er leise. So sehr er sich die vergangenen drei Monate auch bemüht hatte, sie zu vergessen, er schaffte es einfach nicht! Sie war die Liebe seines Lebens und würde es auch für immer bleiben. Clayton ließ sich seufzend in die Kissen fallen. Während er die Augen schloss erlebte er noch einmal in Gedanken den Augenblick, der zum Bruch ihrer Beziehung geführt hatte.

Es war an Raquels 20. Geburtstag gewesen, als er ihr in Gegenwart ihrer Mutter und Tante einen Heiratsantrag gemacht hatte. Er erinnerte sich noch gut an ihren Gesichtsausdruck. Eine Mischung aus Verwirrung, Ungläubigkeit und Angst hatte in ihren Augen gestanden. Abrupt hatte sie ihm ihre Hand entzogen und „Nein!“ geschrieen. Dann war sie nach draußen gerannt. Er hatte damals vergeblich versucht herauszufinden, weshalb sie so panisch reagiert hatte, doch Raquel war seinen Fragen ausgewichen. Es war ein Fehler gewesen, sie danach weiter zu bedrängen, wusste er heute, denn je mehr Druck er auf sie ausgeübt hatte, desto verschlossener war sie geworden. Eines Tages hatte Raquel mit der Begründung, dass sie sich noch nicht reif genug für eine feste Bindung fühlen würde, endgültig einen Schussstrich unter ihre dreijährige Beziehung gezogen.

Clayton öffnete die Augen wieder und setzte sich auf. Eigenartigerweise war ihre Liebe zueinander niemals ein Thema bei dieser Auseinandersetzung gewesen. Instinktiv spürte er, dass Raquel auch noch Gefühle für ihn hatte, obwohl sie dies die ganze Zeit über hartnäckig bestritt. Ihr letztes Treffen in Josefas Haus hatte dies nur noch bestätigt. Warum also hatte sie so panische Angst vor dem Heiraten? Eine Frage, die ihn pausenlos beschäftigte. Clayton schaute auf seine Armbanduhr. Bis er sich mit Cecilia im „Deep“ treffen konnte, waren es noch Stunden hin. Vielleicht sollte er die Zeit dafür nutzen, um sich noch ein wenig am Strand umzuschauen. Der Portier hatte ihm erzählt, dass an diesem Sonntag ein großes Strandfest stattfinden würde. Außerdem hörte er schon seit längerer Zeit seinen Magen knurren, denn das Frühstück, dass Elaine ihm noch bereitet hatte, lag auch schon wieder mehrere Stunden zurück. Vielleicht gab es irgendwo am Strand einen Kiosk, wo man etwas Essbares bekommen konnte, dachte er. Clayton stand auf und verließ das Hotelzimmer.

Am Strand

Die Feierlichkeiten liefen bereits auf Hochtouren, als Ricardo und Raquel am Strand erschienen. Wohin man auch schaute, überall herrschte reges Treiben. Ein paar Meter hinter dem Turm der Rettungsschwimmer spielte eine Gruppe junger Leute Beach Volleyball, und ein Stück weiter auf der anderen Seite ließen einige Strandbesucher ihre Drachen in die Lüfte steigen. Der Duft von Grillgut stieg Raquel in die Nase, und sie atmete tief ein.

„Hier riecht es richtig lecker!“ entfuhr es ihr.

Ricardo wies grinsend zu einem Hot-Dog-Stand hinüber. „Hast Du Hunger? Wir könnten vielleicht einen kleinen Imbiss einnehmen.“

Raquel schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, dass ich jetzt erst einmal eine Runde schwimmen möchte,“ erwiderte sie lächelnd.

Ricardo nickte. „Wie Du möchtest,“ sagte er. „Ich kann schon verstehen, dass dies für einen Großstadtmenschen noch ein echtes Highlight ist, aber ich werde heute an Land bleiben!“ Er grinste sie entschuldigend an.

Raquel zuckte enttäuscht mit den Schultern. „Schade, dann vielleicht ein anderes Mal.“ Sie sah sich suchend um. „Wo kann ich mich denn umziehen?“ fragte sie, während sie ihre Sandalen abstreifte.

„Umkleidekabinen gibt es am Strand nicht,“ erklärte Ricardo schmunzelnd. „Am besten wäre es, wenn Du Deinen Badeanzug in Zukunft schon vorher anziehst, damit Du gleich ins Wasser gehen kannst.“

„Und was mache ich jetzt?“ fragte Raquel und sah Ricardo hilflos an.

Er packte ein großes Badehandtuch aus, dass er mitgenommen hatte und gab es ihr. „Hier, darin kannst Du Dich einwickeln und dann Deine Sachen ausziehen.“

Raquel nickte, während sie sich umständlich das Handtuch um den Körper wickelte. Erleichtert stellte sie dann fest, dass es doch besser ging, als sie vorher gedacht hatte. Freudestrahlend legte sie das Handtuch beiseite, nachdem sie es geschafft hatte, sich ihr Bikinioberteil überzustreifen.

„Kannst Du mir mal den Haken zumachen?“ wandte sie sich hilfesuchend an Ricardo, während sie ihm den Rücken zudrehte.

Er spürte, wie sein Puls sich beschleunigte, als er beim Schließen des Bikinioberteils mit ihrer nackten Haut in Berührung kam.

„Danke!“ Raquel drehte sich lächelnd zu ihm um.

Ricardo nickte beklommen. „Nicht der Rede wert,“ murmelte er. Er wies zum Rettungsturm hinüber. „Wir treffen uns dann am Rettungsturm, okay? Hast Du eine Armbanduhr?“

Raquel nickte. „Ja, ich habe eine in meiner Tasche.“

„Gut,“ nickte Ricardo. Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Es ist jetzt 13.00 Uhr. Ich würde sagen, dass wir uns vielleicht in einer Stunde dort treffen.“ Er sah sie schmunzelnd an. „Länger solltest Du auch nicht im Wasser bleiben, denn sonst löst sich Deine Haut auf.“

„Und was willst Du in der Zeit machen?“ fragte Raquel neugierig.

„Ich werde mir ein wenig die verschiedenen Akts anschauen, die hier angeboten werden,“ erklärte er.

„Okay, dann bis später!“ Raquel lächelte Ricardo noch einmal zu bevor sie sich umdrehte und geradewegs ins Wasser hinein rannte. Sie tauchte kopfüber in die kühlen Fluten ein und ließ sich von den Wellen treiben. Ein Gefühl von grenzenloser Freiheit überkam sie. Raquel tauchte aus einer Welle auf und strich sich das nasse Haar zurück. Sie ließ ihren Blick über den Strand schweifen und erstarrte plötzlich, als ihr Blick zum Hot-Dog-Stand hinüber fiel. Dort stand ein Mann und wartete auf seine Bestellung. Sie konnte zwar sein Gesicht nicht genau erkennen, weil sie dafür zu weit entfernt war, aber die Art, wie er sich bewegte und seine Gesten ließen keinen Zweifel daran: Der Mann, der sich gerade einen Imbiss genehmigte, war kein geringerer als Clayton Crosby! Obwohl die Sonne vom Himmel herunterbrannte und ihre warmen Strahlen auf die Wasseroberfläche warf, begann Raquel zu frösteln. Die Ungewissheit war zur Gewissheit geworden: Clayton war ihr tatsächlich nach Sunset Beach gefolgt! Fieberhaft überlegte Raquel, wie sie zu ihren Sachen gelangen konnte, ohne dass er sie bemerkte. Auf der anderen Seite würde sich ein Zusammentreffen auf Dauer wohl kaum verhindern lassen, wo sie doch nun im selben Ort wohnten. Sie duckte sich tiefer ins Wasser hinein. Dieser Ort war allerdings wenig geeignet für eine Aussprache. Raquel beobachtete jede von Claytons Bewegungen und stellte dann erleichtert fest, dass er mit seinem Imbiss in der Hand, den Rückweg antrat. Anscheinend wollte er den Strand wieder verlassen, denn er ging zielstrebig zum Weg hinüber, der die einzelnen Strandabschnitte miteinander verband. Als sie sicher war, dass er sich nicht mehr umdrehen würde, trat sie aus dem Wasser heraus und rannte schnell zu ihren Sachen hinüber. Mit zittrigen Händen streifte sie sich ihre Hose und ihre Bluse über den noch nassen Bikini und griff nach ihrer Tasche. Sie musste unbedingt herausfinden, wohin er ging! Alles um sie herum war vergessen: Die Menschen am Strand, ihre Verabredung mit Ricardo und auch ihre Sandalen, die sie im Sand zurückließ ... Wie ferngesteuert folgte sie ihm – immer im sicheren Abstand – über die Seebrücke und dann die Strasse entlang, bis sie schließlich vor einem großen Gebäude stehen blieb. „Seabreeze-Hotel“ konnte man in goldenen Lettern auf einem Schild lesen. Nervös strich Raquel sich ihre nassen Locken zurück, während sie auf ihrer Unterlippe herumnagte. Sollte sie wirklich dort hineingehen? Was sollte sie ihm sagen, wenn sie ihm gegenüberstand? Entgegen jeder Vernunft und ungeachtet ihres Aufzugs betrat sie die Lobby und ging zum Empfang hinüber.

„Entschuldigen Sie,“ sprach sie den Portier an,“ wohnt bei Ihnen ein Mister Crosby?“ Raquel wusste, dass die Frage eigentlich überflüssig war, denn sie hatte ja selber gesehen, wie er vor wenigen Minuten das Hotel betreten hatte.

Der Portier nickte. „Ja,“ antwortete er, während er sie amüsiert musterte. „Sie haben ihn gerade verpasst. Er war vorhin hier, um seinen Schlüssel abzuholen.“

„Könnten Sie mir die Zimmernummer sagen?“ fragte sie.

Der Portier sah Raquel über den Rand seiner Brille hinweg skeptisch an.

Erst jetzt wurde sie sich ihres Aufzugs bewusst. Der nasse Bikini hatte feuchte Spuren auf ihrer Bluse hinterlassen, und unter ihr bildete sich eine Pfütze von ihren tropfnassen Haaren.

„Ich war gerade schwimmen,“ versuchte sie ihren Aufzug zu erklären. Verlegen schlug sie die Augen nieder.

Der Portier nickte, während er mühsam ein Grinsen unterdrückte. „Mr. Crosby hat die Zimmernummer 410,“ erklärte er.

„Danke!“ Raquel drehte sich um und ging zu den Aufzügen hinüber.

Während Raquel mit dem Aufzug nach oben fuhr, spürte sie, wie ihr Herz wild klopfte. Sie fürchtete sich vor einem Zusammentreffen mit ihm, doch zum Umdrehen war es nun zu spät. Der Fahrstuhl hielt und Raquel stieg aus. Sie musste nicht lange suchen, bis sie Zimmer 410 fand. Mit einem Gefühl, als ob Dutzende von Schmetterlingen in ihrem Magen herumflattern würden, klopfte sie zaghaft an. Als sie auch beim zweiten Mal keine Antwort erhielt, öffnete sie vorsichtig die Tür und betrat das Zimmer. Ihr Blick fiel auf ein schmales Bett, auf dem achtlos hingeworfen ein T-Shirt und eine kurze Hose lagen. Der herb würzige Duft eines Aftershaves stieg ihr in die Nase, und Raquel fühlte sich unweigerlich an alte Zeiten erinnert. Ihr erster Impuls war, sich umzudrehen und wegzurennen, doch eine innere Stimme zwang sie zu bleiben.

„Einen Augenblick noch, ich komme gleich!“ hörte sie ihn rufen, und im selben Moment öffnete sich eine Tür und Clayton trat, nur bekleidet mit einer Badehose, aus dem angrenzenden Badezimmer.

„Raquel?!“ Clayton rieb sich die Augen, weil er an eine Halluzination glaubte.

Sie stand wie angewurzelt, unfähig auch nur ein Wort von sich zu geben, während sie ihn anstarrte. In ihrem Kopf herrschte eine totale Leere.

Clayton ging langsam auf sie zu. „Wie hast Du mich gefunden?“ fragte er mit einem fassungslosen Ausdruck im Gesicht.

Raquel befeuchtete ihre trockenen Lippen. „Hallo Clay ...“ stieß sie schließlich hervor. Erinnerungen wurden in ihr wach, als sie ihn mit nacktem Oberkörper dastehen sah.

Er strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn, während er sie stirnrunzelnd musterte. „Was tust Du hier?“ fragte er.

„Es ... es war ein Fehler hierher zu kommen,“ stammelte Raquel. Sie wich zur Tür zurück und griff nach der Türklinke.

„Geh nicht!“ Claytons Stimme war nur ein Flüstern.

Zögernd drehte Raquel sich zu ihm um. „Was ... was willst Du?“ fragte sie mit tonloser Stimme, obwohl sie die Antwort bereits in seinen Augen lesen konnte.

„Dich ...“ raunte er, und bevor Raquel es verhindern konnte, ging er ein paar Schritte auf sie zu und zog sie in seine Arme.

Ihn so nahe zu spüren, ließ ihre Knie weich werden. „Bitte ...“ flehte sie ihn an,“ lass mich gehen!“

Ihren Einwand ignorierend beugte er sich über sie und begann sanft ihren Nacken zu küssen, während er mit einer geschickten Handbewegung ihre Bluse öffnete. Er ließ seine Lippen von den Schultern abwärts bis zum Ansatz ihrer Brüste wandern.

„Nein, nicht ...!“ Raquel versuchte ihn aufzuhalten, indem sie ihre Hände gegen seine Brust presste, doch er fuhr unvermindert damit fort, ihren Körper mit seinen Lippen zu erforschen. Raquel spürte, wie eine Welle höchster Erregung sie überkam, und ihr Widerstand erlahmte. Wie sehr hatte sie sich nach seinen Berührungen gesehnt! Ihr Körper bog sich ihm entgegen, und sie stöhnte leise auf, während sich ihre Arme automatisch um seinen Hals legten. Ihre Lippen fanden sich zu einem sinnlichen, leidenschaftlichen Kuss, und widerstandslos ließ Raquel sich von ihm zu seinem Bett hinübertragen, wo beide in einem Strudel der Leidenschaft versanken ...

Appartement der Martinez-Schwestern

Gabis Wut auf Cecilia war schnell verraucht. Ihre Schwester tat ihr sogar ein bisschen leid. Cecilia war Zeit ihres Lebens eifersüchtig auf sie gewesen, und obwohl sie nicht schlecht aussah, hatte sie den Mann fürs Leben noch nicht gefunden. Gabi konnte zwar nicht so ganz nachvollziehen, warum Cecilia mit ihren 24 Jahren Torschlusspanik bekam, aber sie führte es darauf zurück, dass ihre Schwester mit ihrer Lebenssituation an sich sehr unzufrieden war. Es tat Gabi in der Seele weh, dass Cecilia sie anscheinend so sehr hasste. Da hatte sie mit ihrer kleinen Notlüge, dass sie sich mit Ricardo am Strand verabredet hätte, nur noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Gabi öffnete ihre Zimmertür und ging zu Cecilias Zimmer hinüber.

Sie klopfte vorsichtig an die Tür. „Cecilia, bist Du da? Wir müssen reden,“ rief sie. Als sie keine Antwort erhielt, ging sie ins Wohnzimmer hinüber. Doch auch dort keine Spur von Cecilia.

Nach einem Blick ans Schlüsselbrett stellte sie fest, dass Cecilia anscheinend das Appartement verlassen hatte, denn ihr Schlüssel hing nicht wie gewöhnlich am Brett. Gabi stellte allerdings noch etwas anderes fest. Ihr eigener Schlüssel war auch verschwunden. Mit gerunzelter Stirn starrte sie das leere Schlüsselbrett an. Sie war sich sicher, dass sie ihren Schlüssel, nachdem sie abends nach Hause gekommen war, dort hingehängt hatte. Wo war er jetzt also? Gabi durchsuchte ihre Handtasche, aber auch dort wurde sie nicht fündig. Während sie noch darüber nachdachte, wo sie ihren Schlüssel hingelegt haben könnte, griff sie automatisch zur Türklinke und drückte diese herunter. Verwundert stellte sie fest, dass die Tür anscheinend von außen verschlossen worden war. Gabi starrte die Tür an, während ihr plötzlich ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf schoss: Cecilia hatte sie absichtlich eingesperrt, weil sie verhindern wollte, dass sie sich mit Ricardo traf! Gabi schüttelte den Kopf. Soweit würde selbst ihre Schwester nicht gehen, oder doch? Gabi ließ sich im Wohnzimmer aufs Sofa fallen und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Wie auch immer – den normalen Weg durch die Tür konnte sie nicht gehen, aber vielleicht bestand die Möglichkeit, vom dritten Stock über die Feuerleiter nach unten zu klettern? Gabi öffnete das Fenster und starrte nach unten. So ganz ungefährlich war diese Aktion nicht, aber wenn sie sich vorstellte, dass Cecilia möglicherweise mehrere Stunden fort blieb, war es die einzige Möglichkeit. Gabi atmete noch einmal tief durch, bevor sie auf das Fensterbrett kletterte und ein Bein über den Fensterrahmen schwang. Sie tastete mit einem Fuß nach der oberen Leitersprosse, während sie sich krampfhaft festhielt. Wenn sie jetzt abrutschen würde, würde sie diesen Sturz wohl kaum überlegen, ging es ihr durch den Kopf. Erleichtert stellte Gabi fest, dass auch ihr zweiter Fuß Halt auf einer Leitersprosse gefunden hatte. Sie umfasste die Streben ganz fest, während sie sich langsam, Schritt für Schritt, rückwärts die Feuerleiter herunterbewegte. Sie wagte es dabei nicht, nach unten zu sehen und war erleichtert, als sie schließlich heile und unversehrt unten ankam. Gabi schaute auf die Uhr. Wahrscheinlich war es viel zu spät, um Cecilia jetzt noch an der Seebrücke anzutreffen, überlegte sie. Sie hatte Cecilia etwas von 14 Uhr erzählt, und nun war er schon eine Stunde später. Dann würde sie eben so noch ein bisschen dem Strandgeschehen zuschauen, beschloss sie. Gabi klopfte sich den Staub von ihrer Bluse und machte sich auf den Weg zum Strand.

Seabreeze-Hotel – in Claytons Zimmer

Erschöpft lagen Raquel und Clayton nach ihrem spontanen Liebesakt auf dem Bett. Während sie angestrengt gegen die Decke starrte, hatte er sich zu ihr auf die Seite gerollt und spielte mit einer ihrer Haarlocken.

Abrupt setzte Raquel sich auf. „Lass das!“ Sie drehte sich von ihm weg und zog die Bettdecke bis zum Kinn hoch.

„Was soll das denn jetzt?“ Irritiert und leicht verärgert setzte Clayton sich ebenfalls auf.

„Ich will nicht, dass Du mich anfasst!“ stieß sie hervor.

Clayton sah sie stirnrunzelnd von der Seite an. „Das kapiere ich jetzt nicht,“ sagte er kopfschüttelnd. „Erst tauchst Du hier leichtbekleidet auf, wirfst Dich mir praktisch an den Hals, und dann willst Du nicht, dass ich Dich anfasse?!“

Raquel sprang aus dem Bett, während sie krampfhaft versuchte, ihre Blöße mit der Bettdecke zu verdecken. „Ich habe mich Dir an den Hals geworfen?“ stieß sie empört hervor. „Das war ja wohl umgekehrt! Und überhaupt, was fällt Dir überhaupt ein, mir nach Sunset Beach zu folgen?“ Ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut.

„Ich wollte wissen, was Du hier treibst,“ gestand er ihr. „Aber,“ lenkte er ein,“ ich habe schnell erkannt, dass es ein Fehler war und hatte beschlossen, Dich in Ruhe zu lassen.“

Raquel warf ihm einen zweifelnden Blick zu. „Wer es glaubt, wird selig!“ spottete sie. „Hat es Dir damals nicht gereicht, als ich Dir sagte, dass ich Dich nie mehr wiedersehen will?“

„Du kannst von mir aus denken, was Du willst,“ erwiderte er gleichgültig. Nachdenklich sah er sie an. „Wenn Du nichts mehr mit mir zu tun haben willst ... was machst Du dann hier?“

Raquel wickelte die Decke enger um ihren Körper, als könnte sie sich dadurch vor seinen bohrenden Fragen schützen. „Ich wollte Dich bitten, mich in Ruhe zu lassen,“ presste sie hervor.

Clayton hob belustigt die Augenbrauen nach oben. „Ach wirklich? Nun, dann habe ich wohl was falsch verstanden.“ In seiner Stimme klang Ironie mit.

„Unsere Beziehung war ein einziges Missverständnis!“ erwiderte sie giftig.

Clayton schüttelte den Kopf. „Nicht für mich, und was vorhin passiert ist, zeigt doch eindeutig, dass da noch etwas zwischen uns ist. Oder willst Du das etwa leugnen?“

„Ja, Sex!“ stieß sie hervor. Sie sah den fassungslosen Ausdruck in seinen Augen und wusste, dass sie zu weit gegangen war.

„Mehr war ich also nicht für Dich, als ein sexuelles Abenteuer?“ fragte er ungläubig. Er schwang seine Beine über den Bettenrand und zog sich eine Hose über. Langsam ging er dann auf Raquel zu. „Sieh mich an!“ bat er.

Vergeblich versuchte sie, seinem Blick auszuweichen.

„Bitte, sieh mich an!“ bat er ein zweites Mal.

Raquel hob den Kopf und sah ihm fest in die Augen. „Es ist vorbei, Clay!“ sagte sie leise aber eindringlich. „Unsere Beziehung ist Vergangenheit!“ Sie räusperte sich. „Ich bin hierher gekommen, weil ich Dir persönlich sagen wollte, dass ich ...“ Raquel brach abrupt ab. ‚Jetzt oder nie!’ dachte sie. Ihre Hände krampften sich um die Bettdecke. „Ich habe einen neuen Freund!“ Sie senkte schnell den Kopf, weil sie fürchtete, dass er sonst erkennen würde, dass sie log.

„Kennst Du ihn schon lange?“ fragte er mit belegter Stimme.

„Nein, wir haben uns erst kürzlich kennen gelernt,“ spann sie ihre erfundene Geschichte weiter. „Es war ... Liebe auf den ersten Blick.“ Raquel hob den Kopf, um Claytons Reaktion zu beobachten, doch sein Gesichtsausdruck blieb starr.

„Verstehst Du nun, warum ich nicht wollte, dass Du mir hierher folgst?“

Clayton nickte nur, während er zu seiner Reisetasche hinüberging und den Reißverschluss aufzog. Er nahm einen Gegenstand heraus und ging damit zurück zu Raquel. „Ich denke, dass Du die hier zurückhaben solltest,“ sagte er leise, während er seine Hand öffnete.

Raquel hatte Mühe, ihre Fassung zu bewahren, als sie den Gegenstand erkannte. „Meine ... Haarspange ...“ Sie schluckte tapfer die Tränen hinunter, die in ihr hochstiegen. „Danke ...“ flüsterte sie heiser. Ihre Hand schloss sich fest um die Haarspange.

„Ich ... ich werde mich jetzt anziehen,“ sagte sie mit bebender Stimme. Schnell hob sie ihre Sachen vom Fußboden auf und ging damit ins Badezimmer. Sie schob den Riegel vor und lehnte ihren Kopf gegen die kühlen Fliesen. Hier war sie alleine, hier konnte sie ihren Tränen freien Lauf lassen. Raquel zog sich schnell um und drehte dann den Wasserhahn auf. Sie nahm eine Handvoll Wasser und spritzte es sich ins Gesicht. Clayton sollte auf keinen Fall sehen, dass sie geweint hatte. Als sie aus dem Badzimmer trat war er bereits angezogen.

„Soll ich Dich vielleicht irgendwohin bringen?“ fragte er, während er sich zu einem Lächeln zwang.

„Nein, danke. Ich bin am Strand verabredet ...“ Kaum hatte Raquel den Satz ausgesprochen, fiel ihr siedend heiß ein, dass sie sich ja tatsächlich mit Ricardo am Rettungsturm verabredet hatte.

„Wie spät ist es?“ fragte sie aufgeregt.

Clayton warf einen Blick auf seine Uhr. „Halb 4, wieso?“

„Oh nein ...“ stieß Raquel erschrocken hervor. Wie hatte sie nur so die Zeit vergessen können! Wahrscheinlich suchte Ricardo schon nach ihr und machte sich schreckliche Sorgen. „Ich muss gehen!“ Sie nahm ihre Strandtasche und ging zur Tür.

Clayton hielt sie nicht auf, als sie die Klinke herunterdrückte und das Hotelzimmer verließ.




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:20
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 14


Am Strand

Als Raquel zur verabredeten Uhrzeit nicht am Rettungsturm erschienen war, machte Ricardo sich auf die Suche nach ihr. Nachdem er den ganzen Strand nach ihr abgesucht hatte, fand er schließlich ihre Sandalen im Sand und folgerte daraus, dass sie sicher nicht ertrunken war. Ansonsten wären auch noch ihre anderen Sachen da. Trotzdem fehlte jede Spur von ihr. Ricardo machte sich selber heftige Vorwürfe, dass er sie so ganz alleine am Strand zurückgelassen hatte. Sie war fremd in Sunset Beach, und es war seine Aufgabe gewesen, auf sie aufzupassen. Wenn ihr also etwas zugestoßen war, war es alleine seine Schuld! Ricardo strich sich seufzend durchs Haar. Mittlerweile wimmelte es nur so vor Menschen, und es würde fast unmöglich sein, Raquel in diesem Gewimmel ausfindig zu machen. Außerdem wusste er nicht, wo er mit seiner Suche beginnen sollte. Er schaute auf die Uhr. Knapp zwei Stunden waren vergangen, seitdem er mit der Suche nach ihr begonnen hatte. Genug verstrichene Zeit, um die Polizei einzuschalten. Mit Raquels Schuhen in der Hand machte Ricardo sich auf den Heimweg.

Anwesen der Torres-Familie

Nachdem Ricardo zuhause eingetroffen war, ging er geradewegs in die Bibliothek und hob den Hörer des Telefons ab. Er wählte die Nummer des Polizeireviers und gab Anweisung an den diensthabenden Polizeibeamten, dass eine Suche nach Raquel eingeleitet werden sollte. Er selber beschloss auch noch einmal, zurück zum Strand zu gehen und seinerseits nach ihr zu suchen. Auf dem Weg zum Ausgang stieß er mit Antonio zusammen.

„Hey, Ricardo! Wohin so eilig?” fragte Antonio.

„Schlechte Nachrichten, Bruderherz,“ antwortete Ricardo, während er das Gesicht verzog. „Raquel ist verschwunden!“

Antonio hob irritiert die Augenbrauen. „Verschwunden? Aber ich denke, dass Ihr zusammen zum Strandfest gehen wolltet.“

Ricardo kratzte sich am Kopf. „Ja, das sind wir auch, und dann wollte sie schwimmen gehen, und ich habe mir ein wenig die Attraktionen angeschaut. Wir wollten uns dann nach einer Stunde wieder am Rettungsturm treffen, doch sie kam nicht.“ Ricardo sah seinen Bruder schuldbewusst an. „Ich hätte sie nicht alleine lassen sollen!“

Antonio nickte. „Nein, hättest Du nicht, aber das nützt nun auch nichts mehr.“ Er sah seinen Bruder nachdenklich an. „Und was hast Du nun vor?“

„Ich habe Ruiz angerufen und ihn gebeten, eine Suche nach ihr einzuleiten,“ erklärte er. Ricardo holte tief Luft. „Ich will auch noch mal zum Strand runter.“ Er sah seinen Bruder bittend an. „Kommst Du mit und hilfst mir bei der Suche?“

Antonio nickte. „Ja, natürlich! Vielleicht hat sie sich ja auch nur verlaufen,“ mutmaßte er.

Ricardo nickte. „Ja, schon möglich,“ sagte er nachdenklich. „Wo ist Mama?“

Antonio wies nach oben. „Ich glaube, sie ist in ihrem Atelier.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, aber seit gestern ist sie irgendwie komisch drauf,“ meinte er.

Ricardo nickte. „Ist mir auch schon aufgefallen. Ob es was mit unserem Gast zu tun hat?“

Antonio zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Sie war ja schon immer etwas sonderbar.“ Er verdrehte die Augen. „Ach Ricardo,“ fiel Antonio noch ein,“ wie war denn eigentlich Deine Verabredung gestern Abend?“

Ricardo machte eine abwehrende Handbewegung. „Erzähle ich Dir ein anderes Mal. Wir müssen jetzt erst einmal los, nach Raquel suchen! Vergiss nicht, Dein Handy mitzunehmen, damit wir uns gegenseitig anrufen können, wenn wir was neues wissen.“

Antonio nickte. „Keine Sorge, das habe ich immer dabei.“ Er drehte sich zu Ricardo um. „Dann lass uns mal gehen.“

Antonio ging voran zum Ausgang, während Ricardo ihm nachdenklich folgte.

Auf der Seebrücke

Wie gehetzt rannte Raquel die Strasse entlang und die Stufen zur Seebrücke hinauf. Schweratmend lehnte sie sich ans Geländer und starrte in die schäumenden Wellen unter sich. In ihrem Kopf herrschte ein totales Chaos. Da war sie nach Sunset Beach gekommen, um etwas Abstand von allem zu finden, und nun war ich Leben komplizierter denn je! Raquel schaute sich um. Als sie Clayton gefolgt war, hatte sie nur darauf geachtet, wohin er ging und sich nicht gemerkt, wo sie langgegangen waren. Wie sollte sie jetzt wieder zurückfinden? Seufzend ging sie weiter am Geländer entlang, während sie sich zu erinnern versuchte. Plötzlich erinnerte sie sich an Ricardo letzte Worte. „Wir treffen uns dann am Rettungsturm!“ Raquel schaute auf. Das war doch zumindest ein Anhaltspunkt. Vielleicht konnte sie jemanden von den vielen Leuten danach fragen, die hier herumliefen.

„Entschuldigen Sie,“ sprach sie eine junge Frau an, die sie in etwa in ihrem Alter schätzte,“ ich bin fremd hier und habe mich mit einem Freund am Rettungsturm verabredet. Können Sie mir sagen, wo das ist?“

Die junge Frau mit den brünetten langen Haaren hob den Kopf und sah sie an. „Ja, ich weiß, wo das ist,“ sagte sie. Sie lächelte Raquel zu. „Ich wollte sowieso zum Strand runter. Dann können wir ja zusammen gehen.“

„Danke, das wäre wirklich nett,“ erwiderte Raquel erleichtert. Sie streckte der jungen Frau lächelnd die Hand entgegen. „Übrigens – mein Name ist Raquel Mendez.“

„Gabi Martinez,“ stellte die andere sich vor.

Raquel sah Gabi stirnrunzelnd an. „Martinez? Dann kommst Du wohl auch nicht von hier?“ fragte sie neugierig. Sie schlug sich auf den Mund. „Tut mir leid,“ sagte sie verlegen. „Ich bin es nicht gewohnt, Gleichaltrige zu siezen.“

„Dann belassen wir es doch beim „Du“,“ sagte Gabi schmunzelnd. „Um Deine Frage zu beantworten ... nein, mein Vater, meine Schwester und ich sind vor 15 Jahren aus Mexiko hierher gekommen. Ich war damals erst 7 Jahre alt und kann mich an die Zeit in Mexiko kaum noch erinnern. Deshalb ist Sunset Beach eigentlich mein Zuhause.“

„Ich bin erst seit gestern hier,“ sagte Raquel. „Ich besuche hier eine Freundin meiner verstorbenen Mutter ...“ Raquel biss sich auf die Zunge. Normalerweise war sie nicht so redselig, aber Gabi Martinez hatte etwas an sich, dass sie ihre guten Vorsätze vergessen ließ.

„Entschuldige, wenn ich nervös bin rede ich zuviel,“ sagte sie entschuldigend.

Gabi nickte verständnisvoll. „Ist schon gut. Geht mir auch oft so, dass ich jemanden zum Reden brauche.“ Sie wies die Treppe hinunter. „Komm, es ist nicht sehr weit bis zum Turm der Rettungsschwimmer.“

Gabi ging voran, während Raquel ein paar Schritte hinter ihr herging. Während sie am Strand entlanggingen, beobachtete Raquel einige Surfer, die auf ihren Bords Trockenübungen machten.

„Ist das eigentlich schwer zu erlernen?“ fragte sie.

Gabi schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Man braucht nur etwas Mut und viel Gleichgewicht, und natürlich darf auch der Wind nicht fehlen,“ fügte sie hinzu. „Kennst Du niemanden, der es Dir beibringen kann?“ fragte sie. „Wenn Dein Freund von hier stammt, wird er sicher auch surfen können,“ meinte sie schmunzelnd.

Raquel sah sie erstaunt an. „Meinst Du? Dann werde ich ihn bei Gelegenheit mal fragen.“

Als sie ein Stück weitergegangen waren, sah Raquel plötzlich eine vertraute Gestalt am Strand.

„Antonio!“ rief sie laut, während sie auf ihn zurannte.

Überrascht drehte er sich um. „Raquel ...! Meine Güte, wo hast Du denn nur gesteckt? Wir haben uns schon die größten Sorgen gemacht!“ Antonio nahm sie spontan in den Arm und drückte sie fest an sich.

Gabi, die Raquel langsam gefolgt war, stand ein paar Meter entfernt und lächelte verlegen.

„Das ist eine lange Geschichte ...“ wich Raquel seiner Frage aus. Sie wies zu Gabi hinüber. „Ohne ihre Hilfe hätte ich es allerdings nicht geschafft, hierher zu finden.“

Antonio ließ Raquel los und hob neugierig den Kopf. Erst jetzt schien er ihre Begleitung zu bemerken.

„Hallo,“ sagte Gabi lächelnd.

„Hallo ...“ Antonio verspürte einen Kloß in seinem Hals, als sich ihre Blicke trafen. Diese warmen, haselnussbraunen Augen schienen bis tief in seine Seele schauen zu können, und Antonio hatte das Gefühl, darin zu versinken. Ihr Lächeln ließ seinen Puls höher schlagen, und seine Hände wurden feucht. Solche Gefühle hatte er bisher bei noch keiner Frau empfunden.

„Ich bin froh, dass sie sich wiedergefunden haben,“ sagte Gabi.

Antonio nickte geistesabwesend, während er seinen Blick nicht von ihr wenden konnte.

„Dann will ich mich mal verabschieden,“ sagte Gabi. Sie zwinkerte Raquel noch einmal zu. „Pass gut auf Dich auf!“ Sie drehte sich um, um zu gehen, als Raquel sie aufhielt.

„Gabi? Warte mal!“ Sie ging ein paar Schritte auf sie zu. „Ich habe einen Stift in meiner Tasche. Vielleicht hast Du Lust, mir Deine Adresse aufzuschreiben?“

Gabi sah sie erstaunt an. Raquels Aufrichtigkeit gefiel ihr, und anscheinend brauchte die junge Frau wirklich eine Freundin. „Ja, sicher.“ Sie zog aus ihrer Tasche eine Visitenkarte hervor.

Tief beeindruckt schaute Raquel sich die Karte an. „Wow, Du hast sogar eine eigene Visitenkarte?“ Sie las laut vor, was auf der Karte stand. „Gabriella Martinez, PR, SB Sentinel“. Überrascht schaute sie hoch. „Du bist bei der Zeitung?“

Gabi schüttelte traurig den Kopf. „Nein, nicht mehr. Seit vorgestern bin ich arbeitslos.“

„Das tut mir leid!“ Raquels Worte drückten echtes Mitgefühl aus. „Wenn ich länger hierbleiben will, werde ich mir auch einen Job suchen müssen,“ seufzte sie.

„Was hast Du denn vorher gemacht?“ fragte Gabi neugierig.

„Gelegenheitsjobs,“ erwiderte Raquel. „Meine Eltern hatten nie das Geld, um mir eine Ausbildung oder ein Studium zu finanzieren.“

Gabi kramte in ihrer Tasche nach einem Stift und Zettel. „Warte, ich schreibe Dir mal die Nummer von der Jobvermittlung auf. Vielleicht hast Du ja mehr Glück als ich.“

„Danke!“ Raquel steckte den Zettel ein.

Antonio hatte die ganze Zeit über schweigend die Szene beobachtet. „Würden mich die Ladies einen Moment entschuldigen?“ Er holte sein Handy hervor. „Ich muss gerade mal einen dringenden Anruf machen.“

Gabi und Raquel nickten gleichzeitig.

„Ich glaube, es wird Zeit, dass ich mich verabschiede,“ sagte Gabi. „Du hast ja jetzt meine Nummer und kannst mich jederzeit anrufen.“

Raquel sah sie dankbar an. „Und es macht Dir wirklich nichts aus?“

„Aber nein, im Gegenteil! Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir in Kontakt bleiben würden!“ Sie sah zu Antonio hinüber, der gerade eifrig am Telefonieren war. „Grüß ihn noch einmal von mir und sag ihm, dass er demnächst besser auf Dich aufpassen soll.“ Sie zwinkerte Raquel noch einmal zu, drehte sich dann um und ging in die andere Richtung davon.

Antonio hatte sein Telefonat beendet und ging zu Raquel hinüber. „So, das wäre erledigt,“ sagte er. Als er Raquels fragenden Blick sah, fuhr er fort. „Ich habe Ricardo angerufen und ihm gesagt, dass ich Dich gefunden habe. Er will dann gleich beim SBPD anrufen und die Suchaktion nach Dir beenden lassen.“

„Ricardo hat mich polizeilich suchen lassen?“ fragte sie entsetzt.

Antonio nickte mit ernstem Gesicht. „Ja, er hat sich wirklich große Sorgen um Dich gemacht, und nachdem Du nicht am vereinbarten Treffpunkt aufgetaucht bist, hat er die Polizei eingeschaltet.“

„Mein Gott ...“ Raquel starrte Antonio fassungslos an. Ihre spontane Aktion hatte nicht nur ihr geschadet sondern auch noch anderen.

„Was ist denn passiert?“ fragte Antonio stirnrunzelnd. „Hattest Du Dich verlaufen?“

Raquel drehte nervös an einer ihrer Haarsträhnen herum. „Ja, so was in der Art,“ sagte sie ausweichend. „Ich war schwimmen und dann ... dann habe ich wohl die Zeit vergessen.“ Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Es tut mir so schrecklich leid, Antonio! Das musst Du mir glauben. Ich wollte Euch keinen Ärger machen!“

Antonio sah sie prüfend an. Er sah, dass Raquels Augen feucht schimmerten. „Es ist ja noch mal gut gegangen,“ sagte er beschwichtigend. „Aber beim nächsten Mal keine Alleingänge mehr, in Ordnung?“

Raquel schüttelte heftig den Kopf. „Ich schwöre es!“ versprach sie.

„Na, dann komm! Ich glaube, für diesen Tag hatten wir genug Aufregung,“ meinte Antonio lächelnd, während er beschützend einen Arm um sie legte. „Gehen wir nach Hause!“

Raquel nickte, und gemeinsam traten sie den Rückweg an.

Anwesen der Torres Familie

Ricardo wartete schon ungeduldig, als Antonio und Raquel die Villa betraten. Erleichtert schloss er Raquel in seine Arme. „Bin ich froh, dass Dir nichts passiert ist!“ sagte er, während er zart über ihre Locken strich.

Sie schmiegte sich in seine Arme. Die Anspannung der letzten Stunden fiel von ihr ab, und Raquel fühlte sich nur noch müde und ausgebrannt.

Antonio räusperte sich. „Ich würde vorschlagen, dass Raquel noch eine Kleinigkeit isst, bevor sie sich in ihrem Zimmer etwas hinlegt.“

Ricardo sah sie prüfend an. „Antonio hat recht,“ meinte er. „Du hast bestimmt großen Hunger, oder?“

Müde schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich kriege jetzt sowie nichts runter. Ich möchte lieber gleich auf mein Zimmer gehen.“ Schüchtern sah sie zu ihm auf. „Darf ich?“

Ricardo nickte lächelnd. „Natürlich, was für eine Frage!“ Er sah sie besorgt an. „Ist auch wirklich alles in Ordnung mit Dir?“

Raquel nickte. „Ja, mach Dir bitte keine Sorgen. Es geht mir gut. Ich bin nur so schrecklich müde.“

„Kein Wunder, nachdem was Du erlebt hast!“ bemerkte Antonio.

Erschrocken sah Raquel zu ihm auf. Er konnte doch unmöglich wissen, was sie getan hatte, oder doch? Sie presste ihre Tasche enger an sich.

Er lächelte ihr aufmunternd zu. „Ich glaube, nach der ganzen Aufregung brauchen wir alle etwas Ruhe.“

Ricardo nickte. „Da stimme ich Dir zu.“ Er wandte sich zu Raquel um. „Komm, ich bringe Dich jetzt auf Dein Zimmer.“

Sanft legte er einen Arm um ihre schmalen Schultern und führte sie die Treppe hinauf.

„Kommst Du jetzt alleine klar?“ fragte er, als sie bei ihrem Zimmer angekommen waren.

„Ja, danke.“ Raquel lächelte gequält. „Ich habe etwas Kopfweh, aber ich denke, wenn ich mich jetzt etwas hinlege, gehen sie schon wieder von selber weg.“

„Bist Du sicher?“ fragte er skeptisch.

„Ja, ich bin sicher,“ erwiderte Raquel. „Du musst Dir keine Sorgen machen.“

„Gut,“ nickte Ricardo. „Dann gehe ich jetzt wieder, und wenn etwas sein sollte, rufst Du mich, okay?“

Raquel nickte. „Danke!“ Sie zögerte einen Moment, bevor sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen Kuss auf die Wange gab. „Du bist wirklich ein guter Freund!“

Ihre Blicke trafen sich, und Ricardo spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er streckte vorsichtig seine Hand aus und berührte sanft Raquels Wange. „Wenn Dir etwas passiert wäre, hätte ich mir das niemals verzeihen können ...“ flüsterte er.

Wie gebannt sah Raquel ihn an. Ihre Gesichter waren nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt, und für eine Sekunde dachte sie, dass Ricardo sie küssen würde, doch plötzlich zog er seine Hand weg.

„Ich werde dann mal gehen,“ sagte er knapp, drehte sich um und ging eilig die Treppenstufen hinunter.

Raquel sah ihm verwirrt hinterher. Sie drückte die Türklinke herunter und betrat ihr Zimmer. Ihr erster Blick in den Wandspiegel, der über der Kommode hing, zeigte ihr, was für einen jämmerlichen Anblick sie bot ! Ihre Haare waren verfilzt und hingen strähnig herab, ihre Gesichtsfarbe war kalkig, und sie fühlte sich, als ob sie gerade einen Marathonlauf hinter sich hätte. Seufzend nahm Raquel ihre Haarbürste und versuchte ihre Locken zu entzausen. Da würde wohl nur noch eine ordentliche Dusche helfen, dachte sie bitter, doch dafür war sie jetzt eindeutig zu müde. Mühsam unterdrückte sie ein Gähnen. Was heute geschehen war, war einfach zuviel für einen Tag gewesen! Raquel presste ihre Hände gegen die Stirn und schloss die Augen. Ihren knurrenden Magen ignorierend, taumelte sie zum Bett hinüber und ließ sich in die Kissen sinken. Sie war gerade dabei einzuschlafen, als sie im Unterbewusstsein ein Geräusch wahr nahm. Erschrocken öffnete sie die Augen wieder und setzte sich auf. Es kam wieder von oben, da war sie sich sicher, aber diesmal waren keine Kratzgeräusche zu hören sondern es klang mehr wie ein leises Wimmern. Raquel stand leicht schwankend auf und ging zur Tür. Obwohl Carmen sie gewarnt hatte, das Atelier niemals wieder zu betreten, zog es Raquel in diesem Moment wie magisch nach oben. Vorsichtig ging sie die schmale Wendeltreppe hinauf, bis sie schließlich vor dem Atelier stehen blieb. Als sie ihr Ohr gegen die Tür hielt hörte sie das Geräusch wieder. Es klang wie ein erstickter Schrei, der in ein leises Wimmern überging. Raquel drückte mutig die Klinke herunter. Sie hatte Dunkelheit erwartet, doch stattdessen war der gesamte Raum in ein weißes, gleißend helles Licht getaucht. Raquel beschattete ihre Augen und schaute sich um. Das Licht tat ihren Augen weh, und sie fühlte einen pochenden Schmerz hinter ihren Schläfen. Sie suchte nach der Lichtquelle, doch außer der Deckenleuchte und einer kleinen Lampe auf dem Schreibtisch konnte sie keine Lichtquelle im Raum ausmachen. Eine Deckenleuchte würde niemals den gesamten Raum so intensiv auszuleuchten, ging es ihr durch den Kopf. Dieses Licht konnte keinen natürlichen Ursprung haben! Raquel begann zu zittern, und der Boden schien plötzlich unter ihr zu schwanken. Wo war sie hier? Im Himmel oder vielleicht in der Hölle? Sie schlang ihre Arme um den Körper, und da hörte sie es wieder, dieses Wimmern, das langsam immer lauter wurde und den gesamten Raum einzunehmen schien. Raquel presste ihre Hände gegen die Ohren. „Nein,“ schrie sie. „Aufhören!“ Sie fühlte noch, wie eine Hand nach ihr griff und jemand ihren Namen rief, bevor sie ohnmächtig zu Boden sank.




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:22
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 15


Anwesen der Torres Familie – in Raquels Zimmer

Das erste, was sie fühlte, als sie wieder zu sich kam war eine Hand, die auf ihrer Stirn lag. Sie öffnete die Augen und stellte erstaunt fest, dass es Madame Carmen war, die an ihrer Seite saß. Als diese sah, dass Raquel ihre Augen aufschlug, nahm sie schnell ihre Hand fort.

„Wo ... wo bin ich?“ stammelte Raquel.

„In ihrem Zimmer.“ Carmen beugte sich vor und half Raquel beim Aufsetzen.

„In meinem Zimmer?“ Verwirrt sah Raquel Carmen an. „Aber wie bin ich denn hierher gekommen?“ Die Erinnerung an ihren Besuch im Atelier kam schlagartig zurück.

Carmen sah sie stirnrunzelnd an. „Ich verstehe nicht, was sie meinen,“ antwortete sie. „Ich war in meinem Zimmer, und da hörte ich einen Schrei ...“ Sie sah Raquel prüfend an. „Sie müssen eingeschlafen sein und dann schlecht geträumt haben.“

Raquel schüttelte mechanisch den Kopf. Alles war so real gewesen. Konnte es wirklich sein, dass sie dies alles nur geträumt hatte?

„Können Sie sich noch an ihren Traum erinnern?“ fragte Carmen, während sie Raquel mit einem eigenartigen Ausdruck im Gesicht ansah.

Raquel nickte. „Ja,“ erwiderte sie. Sie atmete tief durch und begann zögernd zu erzählen. „Ich lag im Bett – genauso wie jetzt, und da hörte ich von oben ein eigenartiges Geräusch.“ Raquel kniff ihre Augen zusammen, um sich besser erinnern zu können. „Ich ging nach oben und öffnete die Tür zu ihrem Atelier ...“ Raquel stockte einen Moment. War es wirklich so klug, Carmen von ihrem Erlebnis zu erzählen? Sie sah einen merkwürdigen Glanz in den Augen der alten Frau. Ob sie diejenige gewesen war, die dies alles inszeniert hatte?

„Und was geschah dann?“ fragte Carmen mit ruhiger Stimme.

„Ich ... ich ging hinein und sah dort ein helles, weißes Licht ...“

„Was war das für ein Geräusch, dass sie hörten?“ unterbrach Carmen.

„Ich weiß nicht so genau ...“ Raquel schloss die Augen. „Es hörte sich so an, als ob jemand weinen würde.“ Sie sah Carmen mit einem verzweifelten Blick an. „Alles war so real – das Licht, das Wimmern ...“

Carmen stand auf und ging mit verschränkten Armen im Raum umher, bevor sie sich wieder zu Raquel ans Bett setzte. „Träume können sehr wirklichkeitsnahe sein,“ sagte sie. Ich weiß das, weil ich auch schon öfter schlecht geträumt habe, aber letztendlich sind es doch nur Ausgeburten unserer Fantasie.“

Raquel nickte, während sie die Wand anstarrte. „Dieses Licht ...“ flüsterte sie,“ es war so ... so ...“ Sie suchte nach dem passenden Ausdruck.

„Überirdisch?“ fragte Carmen leise.

„Ja ...“ Raquel sah sie verwirrt an. „Was hat das alles zu bedeuten?“

Um Carmens Mund herum zuckte es. Hastig erhob sie sich. „Ich werde jetzt gehen und eine Mixtur für sie zubereiten, damit sie besser einschlafen können.“

Raquel sah Carmen mit einem irritierten Blick hinterher, als diese eilig das Zimmer verließ.

Apartement der Martinez-Schwestern

Cecilia schloss leise die Tür zum Appartement auf und hing ihren und Gabis Schlüssel zurück ans Schlüsselbrett. Der Tag hatte nichts als Frust gebracht! Sie hatte Ricardo anscheinend verpasst, denn obwohl sie pünktlich um 14 Uhr vor Ort gewesen war, hatte er sich nicht blicken lassen. Cecilia ging seufzend in die Küche und brühte sich einen Kaffee auf. Wenn sie Stress hatte, brauchte sie den einfach für ihre Nerven. Und die kommende Konfrontation mit Gabi würde sicher nicht wenig stressig werden. Entschlossen klopfte sie an Gabis Zimmertür.

„Gabi? Schläfst Du?“ Cecilia wusste zwar nicht so ganz genau, wie sie ihrer Schwester erklären sollte, dass sie sie eingeschlossen hatte, aber irgendetwas würde ihr schon einfallen.

Cecilia öffnete die Tür, als Gabi nicht antwortete und schaute vorsichtig hinein. Das erste, was ihr auffiel war, dass das Fenster sperrangelweit aufstand. Zögernd betrat Cecilia den Raum und schaute sich um. Es war keine Spur von Gabi zu sehen. Mit einer bösen Vorahnung ging Cecilia auf das Fenster zu und schaute hinaus. Sie sah die Feuertreppe unter sich und hielt entsetzt die Luft an. Gabi hatte doch wohl nicht versucht, vom dritten Stock nach unten zu klettern? Cecilia bekam eine Gänsehaut, bei dem Gedanken daran, was da alles hätte passieren können. Ihr schlechtes Gewissen schlug. Wie konnte sie nur so egoistisch handeln und ihre Schwester nur so einer Gefahr aussetzen? Schnell schloss sie das Fenster und zog die Gardinen vor. Dann ging sie zurück in die Küche und goss sich den fertigen Kaffee in eine Tasse. Während sie einen Schluck nahm überlegte sie, wohin ihre Schwester wohl gegangen sein könnte. Cecilia schaute auf die Uhr. Es war schon wieder später Nachmittag und ihre Schicht im „Deep“ fing bereits wieder um 18 Uhr an. Viel Zeit würde ihr also nicht mehr bleiben, um zu duschen und sich umzuziehen. Cecilia ging ins Badezimmer und zog ihre Sachen aus. Die kühle Dusche belebte ihre Sinne, und sie dachte über die letzten Stunden nach. Sie musste unwillkürlich lächeln, als sie an den jungen Mann dachte, den sie am Strand kennen gelernt hatte. Er sah nicht schlecht aus und war anscheinend auch nicht dumm. Trotzdem war er nicht Cecilias erste Wahl. Sie stellte die Dusche ab und wickelte sich ein Handtuch um den Körper. Während sie dann ihre Haare über dem Kopf trocken föhnte, dachte sie über Ricardo nach. Wenn es wirklich der Tatsache entsprach, dass er ihre Schwester liebte, dann würde dies ein ziemlich aussichtloser Kampf werden. Seufzend legte Cecilia den Fön beiseite und begann sich anzukleiden. Sie zog eine hellblaue Bluse und einen farblich dazupassenden dunkelblauen Rock an – ihre Kellnerinnenuniform fürs „Deep“. Diesmal würde sie zwar etwas früher bei ihrer Arbeitsstelle sein als üblich, aber hier hielt sie nichts mehr. Cecilia nahm ihre Tasche und verließ das Apartement.

Im Deep

Nachdem Gabi sich den Nachmittag über am Strand vergnügt und den diversen Vorstellungen zugeschaut hatte, beschloss sie, den Abend im „Deep“ zu verbringen. Sie war dabei nicht ganz ohne Hintergedanken, denn sie freute sich auf Cecilias dummes Gesicht, wenn sie dort plötzlich auftauchen würde. Schließlich war sie auch gespannt darauf, was ihre Schwester zu ihrer Verteidigung hervorbringen würde. Gabi schob die Tür zum Nachtclub auf und ging die Treppe hinunter. Sie war viel zu früh, stellte sie nach einem Blick auf die Uhr fest. Dementsprechend leer war es auch noch.

„Hallo Gabi,“ wurde sie von Randy begrüßt, der gerade dabei war, die Musik für den Abend zusammen zu stellen. „Du bist anscheinend jetzt öfter hier, was?“ Er lächelte ihr zu.

„Ja, scheint so,“ erwiderte sie geistesabwesend, während sie sich umsah. „Sag mal, ist Cecilia noch nicht da?“

Er nickte. „Doch, sie ist nur gerade mal im Weinkeller.“

„Gut, dann warte ich bis sie kommt,“ nickte Gabi. Sie ging zum Tresen hinüber und setzte sich auf einen Barhocker.

„Hallo Gabi,“ hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich.

Cecilia war unbemerkt hinter sie getreten und sah sie mit verlegenem Blick an. „Ich glaube, ich weiß, weshalb Du hier bist.“

Gabi drehte sich langsam zu ihrer Schwester herum. „Das hört sich ja fast so an, als ob Dich Dein schlechtes Gewissen plagen würde,“ stellte Gabi ironisch fest.

„Es war ein blödes Versehen, dass ich Deinen Schlüssel eingesteckt habe,“ sagte Cecilia reumütig.

„Ach ja?“ Gabi sah sie argwöhnisch an. „War es auch ein Zufall, dass Du die Tür hinter Dir abgesperrt hast, obwohl Du wusstest, dass ich in meinem Zimmer bin?“ fragte sie.

Cecilia wich ihrem prüfenden Blick aus. „Da habe ich wohl reflexartig gehandelt,“ erwiderte sie lax.

Gabi schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass ihre Schwester log, aber freiwillig würde Cecilia ihr wohl kaum die Wahrheit sagen, geschweige denn, einen eigenen Fehler eingestehen.

„Okay, vergessen wir es,“ gab Gabi nach. „Aber glaube ja nicht, dass ich mir alles von Dir gefallen lasse!“ fügte sie warnend hinzu.

Cecilia hob ihren Kopf und lächelte siegessicher. Gabi war ja so einfach zu manipulieren, dachte sie mit Schadenfreude. „Darf ich Dir einen Drink mixen?“ fragte sie, während sie ihr liebenswürdigstes Lächeln aufsetzte. „Das geht natürlich auf mich.“

Gabi nickte mit zusammengepressten Lippen. Sie konnte nicht verstehen, wie Cecilia es immer wieder schaffte, sich aus allem herauszuwinden. „Eine Pina Colada, bitte.”

Cecilia nickte, während sie sich gleich daran machte, den gewünschten Drink zu mixen.

„Bist Du eigentlich heute beim Strandfest gewesen?“ fragte Cecilia scheinbar beiläufig.

„Ich dachte, dass wir das Thema abgeschlossen hätten!“ sagte Gabi ungehalten.

„Keine Ahnung, was Du meinst,“ erwiderte Cecilia scheinheilig. „Ich wollte nur höflich Konversation betreiben.“

Gabi holte tief Luft. „Dank Deiner genialen Idee, mich einzuschließen, hatte ich ja keine Gelegenheit, mich mit Ricardo zu treffen, was Dir sicher sehr gelegen kam, oder Cecilia?“ Sie bedachte ihre Schwester mit einem sarkastischen Blick.

Cecilia lächelte verkniffen. „War das eine Frage oder eine Feststellung?“

Gabi zog spöttisch die Augenbrauen. „Nicht doch, wie könnte ich jemals etwas Schlechtes hinter Deinen Absichten vermuten!“

„Hey Ladies,“ unterbrach Randy die beiden Kampfhennen. „Falls es Euch noch nicht aufgefallen ist. Die Leute schauen schon herüber, weil ihr Euch so laut streitet.“

Gabi drehte sich um und stellte erschrocken fest, dass einige der Gäste sie anstarrten.

„Okay, Cecilia, für heute Abend Waffenstillstand,“ sagte Gabi gefährlich ruhig. „Aber das Thema ist noch nicht ausgestanden!“

„Wie Du meinst,“ erwiderte Cecilia gleichgültig. „Ich habe besseres zu tun, als mir Deine Vorwürfe anzuhören. Außerdem habe ich im Gegensatz zu Dir einen Job, der mich ausfüllt!“

Der Seitenhieb saß! Gabi sah ihre Schwester fassungslos an, bevor sie nach ihrer Pina Collada griff und der verblüfften Cecilia ins Gesicht schüttete.

„Das zum Thema „Reflexe“!“ sagte Gabi giftig, während sie vom Hocker rutschte und zur Treppe lief. Sie rannte die Stufen hinauf und stieß am oberen Treppenabsatz mit einem jungen Mann zusammen. Durch den Zusammenstoß verlor sie den Halt und stürzte. Sofort beugte der junge Mann sich über sie.

„Haben Sie sich wehgetan?“ Er half Gabi beim Aufstehen.

Sie schaute an sich herunter. „Nein, ich glaube nicht.“ Sie lächelte ihn entschuldigend an. „Tut mir leid. Ich war wohl etwas eilig.“

Er lächelte. „Ja, es sah fast so aus, als ob sie die Treppe hochfliegen wollten.“ Prüfend sah er sie an. „Ist Ihnen auch wirklich nichts passiert?“

Gabi schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht.“ Sie strich ihren Rock glatt. „Vielen Dank für ihre Hilfe!“ Sie lächelte ihm noch einmal freundlich zu, bevor sie weiter die Treppe zum Ausgang hochging.

Wie ein begossener Pudel – im wahrsten Sinne des Wortes - stand Cecilia da, während die Milch aus ihren Haaren langsam auf den Tresen und den Fußboden tropfte. Sie hörte unterdrücktes Gelächter und fühlte, wie sie puterrot wurde. Solch einen heftigen Gefühlsausbruch hatte sie Gabi gar nicht zugetraut! Ihre kleine Schwester hatte anscheinend Kraftreserven, von denen sie bisher noch nichts geahnt hatte. Cecilia sah, dass alle sie anstarrten und winkte Randy heran.

„Los, halt mal gerade hier die Stellung!“ sagte sie im Befehlston. „Ich muss mich umziehen.“ Sie wartete seine Antwort erst gar nicht ab, sondern trat hinter dem Tresen hervor und ging hocherhobenen Hauptes an den Gästen vorbei zum Waschraum hinüber.

Randy nahm zögernd den Platz hinter dem Tresen ein und sah ihr verschmitzt grinsend hinterher. Er hatte die ganze Szene zwischen den Schwestern mitbekommen und freute sich insgeheim, dass Cecilia endlich einmal den Kürzeren gezogen hatte. Hochmut kommt vor dem Fall, dachte er belustigt. Er schaute hoch, als sich ein Gast dem Tresen näherte.

„Guten Abend,“ grüßte er freundlich. Unsicher sah er sich um. „Haben Sie schon geöffnet, oder bin ich zu früh?“

„Nein, Sie sind nicht zu früh,“ antwortete Randy ihm, nachdem er zurückgegrüßt hatte. „Aber wenn Sie etwas bestellen wollen, müssen Sie trotzdem noch einen Moment warten.“ Er grinste verlegen. „Ich bin nämlich hier der D.J. und kenne mich nur mit Musik aus und nicht mit Mixgetränken! Meine Kollegin wird aber sicher bald zurücksein.“

Der junge Mann lächelte. „Kein Problem. Dann warte ich eben.“

Cecilia war froh, dass sie immer Wechselklamotten mit in den Nachtclub nahm. Ansonsten hätte sie jetzt ein richtiges Problem gehabt! Sie wusch sich unter dem Wasserhahn schnell ihre Haare und hielt sie dann unter den Handlufttrockner. Danach kramte sie aus ihrer Tasche eine neue Bluse hervor und streifte sie über. Zum Glück hatte ihr Rock von dem Drink nur Spritzer abbekommen, so dass sie ihn nicht auch noch wechseln musste. Neu gestylt betrat sie dann wieder die Bar und stellte erstaunt fest, dass ihre Verabredung vom Strand bereits erschienen war.

„Hallo!“ begrüßte sie ihn lächelnd. „Schön, dass Du Wort gehalten hast und vorbeigekommen bist.“

„Normalerweise halte ich meine Versprechen,“ erwiderte er lächelnd. „Nett habt Ihr es hier,“ stellte er dann nach einem Blick in die Runde fest.

Cecilia nickte. „Ja, wenn man bedenkt, dass das hier mal eine Lagerhalle war ...“

Clayton sah sie überrascht an. „Eine Lagerhalle? Wirklich? Nun, dann hat Dein Boss ja wirklich ein Wunder vollbracht,“ sagte er beeindruckt.

„Bist Du Innenarchitekt?“ fragte Cecilia.

Clayton schüttelte den Kopf. „Nein, aber während des Studiums bin ich auch mit anderen Themen, die die Architektur betreffen, in Kontakt gekommen.“

„Hast Du Dich schon entschieden, was Du trinken möchtest? Ich mixe Dir, was Du willst,“ bot Cecilia an.

Clayton verzog nachdenklich das Gesicht. „Kennst Du einen „Shotgun“?“ fragte er.

Cecilia sah ihn stirnrunzelnd an. „Was soll das sein? Trinkt man das bei Euch in Mexiko?“

„Unter anderem,“ antwortete er. „Es passt zu meiner derzeitigen Stimmung ...“ Er blies nachdenklich die Luft aus.

„In Ordnung, dann nenn mir einfach die Zutaten, und dann schauen wir mal, was dabei herauskommt,“ grinste Cecilia.

Clayton überlegte kurz. „Brandy, Wodka, und noch irgendwas, aber leider kann ich mich überhaupt nicht mehr an das Mischungsverhältnis erinnern.“

Cecilia hob erstaunt die Augenbrauen. „Ist wohl nicht unbedingt Dein Stammgetränk, oder?“ fragte sie unsicher. „Na gut, dann versuche ich jetzt mal, Dir war Brauchbares zusammenzumixen.“

Einige Minuten später präsentierte Cecilia ihm stolz ihr Ergebnis. „Hier, Dein „Shotgun“!“ sagte sie lächelnd.

„Danke.“ Zögernd nahm er das Glas hoch und betrachtete den Inhalt nachdenklich, bevor er es in einem Zug herunterkippte. Angewidert verzog er danach das Gesicht. „Noch einen, bitte!“

Im weiteren Verlauf des Abends beobachtete Cecilia mit Besorgnis, dass Clayton anscheinend vorhatte sich sinnlos zu betrinken, denn er bestellte sich einen Drink nach dem anderen.

„Meinst Du nicht, dass Du langsam mal genug hast?“ versuchte sie einen zaghaften Einwand.

Clayton sah sie mit einem glasigen Blick an. „Schon möglich ...“

„Wenn Du Kummer hast, ist dies sicher nicht der richtige Weg,“ versuchte sie ihm ins Gewissen zu reden. Sie sah ihn prüfend an. „Ich weiß, dass wir uns kaum kennen, aber wenn Du Sorgen hast, kannst Du es mir ruhig erzählen.“ Sie lächelte. „Dafür sind wir Barkeeper unter anderem auch da.“

Clayton schüttelte den Kopf. „Da gibt’s nichts zu erzählen,“ erwiderte er abweisend.

„Es geht um eine Frau, stimmts?“ folgerte Cecilia richtig.

Clayton sah sie erstaunt an. „Wie kommst Du darauf?“

„Nennen wir es mal weibliche Intuition,“ antwortete sie. „Willst Du mir von ihr erzählen?“

Clayton schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht ...“ Er erhob sich von seinem Barhocker und Cecilia sah, dass er leicht schwankte. „Ich werde dann mal nach Hause gehen,“ sagte er.

„Bist Du sicher, dass Du den weiten Weg noch gehen kannst?“ fragte sie zweifelnd. „Vielleicht sollte ich Dir besser ein Taxi rufen.“

Clayton winkte ab. „Die frische Luft wird mir sicher gut tun.“

Er nestelte an seiner Brieftasche herum und legte eine 20 Dollar-Note auf den Tresen. „Stimmt so,“ sagte er. „Danke noch mal für alles.“

Cecilia sah ihm skeptisch hinterher, als er langsam zum Ausgang hinauf ging.

Appartement der Martinez-Schwestern

Wutentbrannt schlug Gabi die Tür hinter sich zu. ‚Was bildete ihre Schwester sich überhaupt ein?’ fragte Gabi sich zum wiederholten Male. Sie hatte auch schon in der Vergangenheit öfters Streit mit Cecilia gehabt, doch diesmal war sie eindeutig zu weit gegangen. Gabi ging in ihr Zimmer und zog, nach einem kurzen Zögern, einen Koffer unter ihrem Bett hervor. Sollte Cecilia doch dahin gehen, wo der Pfeffer wächst! Gabi öffnete ihren Kleiderschrank und begann ihren Koffer mit Kleidung zu befüllen. Wohl oder übel musste sie diese Nacht noch hier bleiben, aber gleich morgen würde sie sich nach einer neuen Bleibe umschauen. Zum Glück war der Portier des „Seabreeze“ Hotel ein guter Freund von ihr, und Gabi war sich sicher, dass sie dort für ein paar Tage unterkommen konnte. Nachdem Gabi alles gepackt hatte, war ihr, als wenn eine Zentnerlast von ihr abgefallen wäre. Niemals hätte sie damals zustimmen dürfen, mit Cecilia in ein gemeinsames Appartement zu ziehen. Das konnte doch auch nur schief gehen, wo sie beide so unterschiedlich waren! Gabi zog ihre Sachen aus und hing sie über einen Stuhl. Erst jetzt bemerkte sie, wie müde sie doch eigentlich war. Sicher würde es nicht mehr lange dauern, bis Cecilia vom „Deep“ nach Hause kommen würde. Gabi nahm ihren Zimmerschlüssel und steckte ihn von innen ins Schloss und sperrte ab, damit Cecilia sie nicht belästigen konnte. Dann schlüpfte sie in ihr Nachthemd und legte sich ins Bett, doch an Schlaf war nicht zu denken. Die Gedanken kreisten unaufhörlich durch ihren Kopf. Auf jeden Fall musste sie morgen noch einmal zur Jobvermittlung gehen, denn wenn sie ein eigenes Appartement bewohnen wollte, brauchte sie einen Job und … Geld. Gabi seufzte tief. Ihre Pechsträhne hörte aber auch überhaupt nicht mehr auf! Sie zog die Bettdecke bis zur Nasenspitze hoch. ‚Erst mal darüber schlafen,’ dachte sie. Sie machte ihr Radio leise an und ließ sich von der Musik in den Schlaf wiegen.

Am Strand

Während Clayton mit unsicheren Schritten am Strand entlang ging, hörte er plötzlich, wie Musik an sein Ohr drang. Er sah in die Richtung, woher die Musik kam und blieb einen Moment stehen und lauschte. In weiter Ferne sah er den Rauch eines Lagerfeuers aufsteigen. Sein Blick wanderte zur Seebrücke hinüber, die sich scheinbar endlos von einem bis zum anderen Ufer erstreckte. Er unterdrückte mühsam ein Gähnen. Die frische Luft tat allmählich ihre Wirkung, und müde lehnte er sich gegen einen Pfosten. Es erschien ihm plötzlich unmöglich, den langen Weg über die Brücke bis zum Hotel zu gehen. Seine Beine gaben unter ihm nach und er sank in den weichen Sand. ‚Nur ein paar Minuten ausruhen,’ dachte er, während er die Augen schloss und alles um sich herum vergaß.

SBPD

Als Clayton erwachte fühlte er als erstes seinen schmerzenden Rücken. Er schlug die Augen auf und sah den Grund für sein Unbehagen. Er lag auf einer Art Pritsche, und links und rechts von ihm befanden sich statt Wände massive Eisengitter. Clayton setzte sich auf und ließ sich gleich darauf wieder stöhnend auf die Pritsche zurücksinken. Er fühlte sich leicht schwindelig und hinter seinen Schläfen puckerte es.

„Guten Morgen! Na, ausgeschlafen?“ hörte er eine spöttische Stimme von der Tür her.

Clayton griff sich an den Kopf und setzte sich wieder vorsichtig auf. „Hallo … Officer,“ grüsste er den Uniformierten zurück. Er verzog das Gesicht. „Wie bin ich hierher gekommen?“

Der Polizeibeamte zog einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und ging zu der Zellentür hinüber. „Ein paar Jugendliche sind am Strand über sie gestolpert,“ erklärte er, während er die Zellentür aufschloss. „Die dachten doch tatsächlich, dass sie eine Leiche wären,“ grinste er, während er seinen Schnurrbart zwirbelte. „Als mein Kollege und ich am vermeintlichen Tatort eintrafen, stellten wir jedoch fest, dass Sie noch ziemlich lebendig waren.“ Er sah Clayton prüfend an. „Wohl ein bisschen zu lange und zu heftig gefeiert, wie?“

Clayton nickte, während er seinen Kopf mit einer Hand abstützte. Irgendwie hatte er das Gefühl, als ob die Nachwirkungen des Alkoholexzesses doch noch nicht ganz ausgestanden wären. „Danke,“ sagte er leise.

Der Polizeibeamte nickte. „Wir haben nur unseren Job getan,“ sagte er. „Kommen Sie!“ Er half Clayton beim Aufzustehen. „Officer Torres hat noch einige Fragen, bevor wir Sie nach Hause entlassen können.“

Clayton nickte und folgte mit unsicheren Schritten dem Polizeibeamten in einen Nebenraum.

„Setzen Sie sich!“ forderte der Beamte Clayton auf. „Officer Torres wird jeden Moment hier sein.“ Er verließ den Raum und ließ Clayton alleine zurück.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Tür sich wieder öffnete und ein hoch gewachsener, dunkelhaariger Mann den Raum betrat.

„Guten Morgen,“ grüsste er freundlich. „Ich bin Officer Torres, und mit wem habe ich das Vergnügen?“

„Crosby ist mein Name,“ entgegnete Clayton. „Clayton ... Crosby,“ korrigierte er sich schnell.

Ricardo nahm an seinem Schreibtisch platz und setzte eine ernste Miene auf. „Sie kommen sicher nicht von hier, Mr. Crosby, sonst wüssten Sie, dass es strengstens verboten ist, nach Mitternacht am Strand Alkohol zu trinken und dort zu vagabundieren!“ klärte er ihn auf. „Deshalb sehe ich mich leider gezwungen, Ihnen ein Bußgeld von 80 Dollar aufzuerlegen.“

Clayton fiel die Kinnlade runter. „Wie bitte?“ stieß er ungläubig hervor. „Das soll wohl ein Scherz sein!“

Ricardo schüttelte den Kopf. „Leider nicht. Vielleicht hätten Sie sich vorher über die Konsequenzen informieren sollen,“ sagte er.

„Aber ich habe nicht … vagabundiert, wie Sie es nennen!“ versuchte Clayton sich zu rechtfertigen. „Ich bin lediglich …“

Weiter kam er nicht, denn Ricardo unterbrach ihn barsch. „Ich will hier nicht den Moralapostel spielen, Mr. Crosby,“ sagte er mit scharfem Ton,“ aber Fakt ist, dass sie betrunken am Strand aufgefunden wurden!“

„Verflucht …“ zischte Clayton leise durch die Zähne, doch dann besann er sich. „Okay …“ gab er seufzend nach. Er griff in seine Jackentasche und holte seine Brieftasche hervor. „Das sollte eigentlich meine Zimmermiete sein,“ sagte er bitter, während er Ricardo den gewünschten Betrag aushändigte.

„Sie wohnen im Hotel?“ fragte Ricardo erstaunt.

Clayton nickte. „Ja, ich mache Urlaub hier,“ erklärte er. „Ich bin erst am Wochenende aus Mexiko angereist.“

Ricardo hob interessiert den Kopf, als er „Mexiko“ hörte. „Ach tatsächlich? Sie sehen überhaupt nicht südamerikanisch aus,“ entfuhr es ihm.

Clayton lachte, doch gleich darauf verzog er das Gesicht, weil sein Schädel immer noch brummte. „Meine Eltern kommen aus Connecticut und sind erst Anfang der 80er Jahre nach Mexiko ausgewandert,“ klärte er Ricardo auf.

Ricardo räusperte sich. „Entschuldigen Sie meine Neugierde,“ sagte er. „Aber als sie Mexiko erwähnten wurde ich hellhörig. Ich wurde nämlich dort geboren.“ Er lächelte.

„Ja, die Welt ist klein …“ murmelte Clayton geistesabwesend. Er griff sich an die Stirn. „Sie haben nicht zufällig eine Kopfschmerztablette?“ wechselte er das Thema.

Ricardo öffnete wortlos eine Schublade und zog ein Päckchen Aspirin hervor. „Eine oder zwei?“ fragte er, während er die Tabletten aus der Folie herausdrückte.

„Am besten gleich zwei. Mann, ich kann mich nicht erinnern, schon jemals so einen Kater gehabt zu haben,“ meinte Clayton seufzend.

Ricardo stand auf und holte eine Flasche Wasser und ein Glas. „Bedienen Sie sich,“ sagte er schmunzelnd.

„Danke!“ Clayton schenkte sich Wasser ein und schluckte beide Tabletten auf einmal herunter. „Ich denke, jetzt wird es wohl bald besser gehen.“

„Sie sollten sich in der nächsten Zeit mit Alkohol etwas zurückhalten,“ belehrte Ricardo ihn.

„Danke für den Tipp, Officer,“ grinste Clayton. „Normalerweise trinke ich nicht so viel.“

„Gut.“ Ricardo stand auf. „So nett wir uns auch unterhalten haben, würde ich mir wünschen, Sie nicht allzu bald hier wieder zu sehen,“ grinste er. „Wollen Sie länger in Sunset Beach bleiben?“

Clayton unterdrückte ein Schmunzeln. Er wusste, dass der junge Police Officer die Äußerung Ernst meinte. „Nein, ich werde wohl bald abreisen,“ antwortete er.

Ricardo zog die Stirn kraus. „Aber sagten Sie nicht, dass Sie erst angekommen wären?“

„Ja, schon,“ gab Clayton zögernd zu. „Aber die Angelegenheit, weshalb ich hierher gekommen bin, hat sich erledigt.“

Ricardo hörte den zynischen Unterton in seiner Stimme, harkte jedoch nicht weiter nach.

„Dann wünsche ich Ihnen einen guten Rückflug,“ sagte Ricardo, während er Clayton die Hand entgegenstreckte. „Machen Sie es gut!“

Clayton stand auf und ergriff Ricardos Hand. „Danke, Officer … für alles!“ Er nickte Ricardo noch einmal zu und verließ dann das Police-Departement.

Apartement der Martinez-Schwestern

„Wie bitte?“ Fassungslos schaute Cecilia Gabi an. Sie konnte nicht glauben, was sie da gerade von ihrer Schwester erfahren hatte.

„Ich ziehe aus! Das war doch wohl eindeutig, oder?“ Gabi zerrte ihren Koffer aus dem Zimmer und stellte ihn neben der Eingangstür ab. „Ich werde mir ein Taxi bestellen, dass mich zum Hotel bringt,“ erklärte sie der verblüfften Cecilia.

„Meinst Du nicht, dass Du vielleicht etwas übertrieben reagierst?“ versuchte Cecilia einzulenken. „Wenn hier einer beleidigt sein müsste, dann doch wohl ich!“

Gabi sah sie überrascht an. „Du und beleidigt? Ich wüsste nicht, wieso?“

„Nun, schließlich habe ich den Drink ins Gesicht bekommen und nicht Du!“ erwiderte Cecilia kleinlaut.

„Na, herzlichen Dank auch!“ meinte Gabi sarkastisch. „Das was Du mir vorher angetan hast ist wohl um einiges schlimmer als ein Milchshake im Gesicht!“

„Ich habe mich doch wohl entschuldigt, oder etwa nicht?“ versuchte Cecilia ihr Tun zu entschuldigen.

„Es hat keinen Zweck, Cecilia! Wir sind zu verschieden. Ich sehe jetzt ein, dass es ein Fehler war, mit Dir zusammenzuziehen.“ Gabi ging zum Telefon und hob den Hörer ab. „Die Taxizentrale, bitte!“ Sie wandte sich wieder Cecilia zu, die wie ein begossener Pudel, mit gesenktem Kopf, im Wohnzimmer stand. „Ich werde für eine Weile im „Seabreeze“ wohnen,“ erklärte Gabi. „Wenn etwas mit Papa sein sollte, kannst Du mich dort erreichen, ansonsten möchte ich nicht von Dir belästigt werden. Ist das klar?“ Gabis Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass sie wirklich meinte, was sie sagte.

Cecilia nickte stumm. Sie erkannte, dass sie verloren hatte.

Gabi wandte sich dem Teilnehmer am Telefon zu. „Würden Sie mir bitte ein Taxi schicken?“ fragte sie und nannte die Adresse. Als alles geklärt war, legte sie auf und nahm ihren Hausschlüssel. „Ich werde in den nächsten Tagen meine restlichen Sachen holen kommen,“ sagte sie.

„Gabi, ich …“ begann Cecilia zaghaft, doch sie wurde barsch von Gabi unterbrochen.

„Gib es auf, Cecilia! Such Dir für Deine Intrigen einen anderen Dummen! Ich bin ab sofort nicht mehr verfügbar!“ Gabi nahm ihren Koffer, öffnete die Tür und verließ das Appartement, ohne sich noch einmal nach Cecilia umzudrehen.

Cecilia schloss leise die Tür. Wie hatte es nur soweit kommen können, fragte sie sich. Sie und Gabi waren doch – trotz allem – immer noch Schwestern und sollten zusammenhalten. Cecilia ging in die Küche und holte sich einen frischen Kaffee. Ihr Blick fiel auf den noch gedeckten Frühstückstisch. Sie griff nach ihrem Croissant, biss einmal hinein und legte diesen dann wieder angewidert auf den Teller zurück. Der Appetit war ihr gründlich vergangen! Wie sollte sie ihrem Vater erklären, dass Gabi ausgezogen war und vor allen Dingen warum? Cecilia stand auf und lief in der Küche nervös umher. Was hatte Gabi gesagt? – Sie würde im „Seabreeze“ Hotel wohnen? Sicher würde sie sich das nicht lange leisten können, und dann würde sie wieder angekleckert kommen und sie, Cecilia, um Hilfe bitten. Cecilia lächelte bei dem Gedanken daran. Auf der anderen Seite konnte es auch genauso gut sein, überlegte sie weiter, dass Gabi nicht sie um Hilfe bat, sondern ihren neuen Freund – Ricardo Torres. Cecilia schaute auf die Uhr. Es war an der Zeit, sich fertig zu machen. Immer montags und freitags stand ein Besuch im Sanatorium auf dem Programm. Lange würde sie ihrem Vater nicht verschweigen können, was passiert war, aber bei ihrem heutigen Besuch würde sie noch einmal lügen, beschloss sie. Cecilia ballte die Fäuste. Gabi scherte es einen Dreck, wie es ihrem Vater ging! Sie ließ sich kaum an den Besuchstagen blicken, angeblich, weil sie es nicht ertragen konnte, ihren Vater so leiden zu sehen. Diese Heuchlerin, dachte Cecilia. Schon als kleines Mädchen hatte Gabi keine sehr enge Bindung zu ihrem Vater gehabt, und Cecilia wusste, dass sie ihrem Vater auch die Schuld am Tod der Mutter gab. Cecilia ging in ihr Zimmer und zog sich an. Nach einem letzten Blick in die Runde verließ sie das Appartement.





"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:23
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 16


Anwesen der Torres Familie

„Guten Morgen, Seniorita Mendez. Darf ich Ihnen Kaffee einschenken?“ fragte Clara, das Hausmädchen freundlich, als Raquel das Speisezimmer betrat.

„Nein danke, Clara, nur einen frisch gepressten Orangensaft, wenn es nicht zuviel Mühe macht,“ antwortete Raquel. Sie nickte Antonio kurz zu, der bereits am Tisch saß.

„Guten Morgen, Raquel. Hast Du gut geschlafen?“ begrüßte Antonio sie lächelnd.

Raquel sah ihn nachdenklich an, bevor sie seine Frage beantwortete. „Ja, danke,“ sagte sie einsilbig. Es war zwar eine glatte Lüge, aber sie wollte Antonio nicht unbedingt mit ihren Sorgen belasten.

„Ich dachte mir, dass ich Dir heute vielleicht den Ort zeigen könnte. Was meinst Du dazu?“

Raquel griff in den Brotkorb hinein und zog eine Scheibe Toast hervor. „Ja, eine gute Idee.“ Sie wies auf den leeren Platz neben Antonio. „Ist Ricardo schon ins Polizeirevier gefahren?“

Antonio nickte. „Ja, er geht immer sehr zeitig aus dem Haus.“

„Und Deine Mutter?“

Raquel sah, wie sich Antonios Stirn in Falten legte. „Mama hat heute auch schon sehr früh das Haus verlassen, erzählten mir die Dienstboten. Ich schätze mal, dass sie in ihrem Laden ist.“

Raquel hob den Kopf. „Stimmt, sie hat ja einen Laden im Ort. Ricardo erzählte mir davon,“ erinnerte sie sich. „Was genau verkauft sie denn?“

Antonio sah sie unsicher an. „Hat Ricardo Dir nichts darüber erzählt?“

Raquel schüttelte den Kopf.

Antonio unterbrach seine Tätigkeit, Marmelade auf seinen Toast zu schmieren und sah Raquel mit nachdenklichem Gesicht an. „Mama ist … nun, wie soll ich es bezeichnen,“ druckste er herum. „Ich würde sagen „Hexe“ ist wohl der passende Begriff dafür.“

Erschrocken ließ Raquel ihren Marmeladentoast fallen. „Wie bitte?“ fragte sie entsetzt, während sie Antonio mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.

„Nicht wirklich natürlich,“ lenkte er schnell ein, als er sah, dass Raquel kreidebleich wurde. „Aber viele halten sie dafür, weil sie sich mit solchen Dingen wie Tarot, Wahrsagerei und Okkultismus beschäftigt. Hast Du das nicht gewusst?“

Raquel schüttelte stumm den Kopf. Jetzt ergab alles einen Sinn. Dieses merkwürdig eingerichtete Atelier, diese wimmernden Geräusche, das helle Licht…“ Ihr Blick fiel auf ihre weiße Hose, wo sich ein roter Marmeladenfleck ausgebreitet hatte.

„Raquel? Ist alles in Ordnung?“ Antonio sah sie besorgt an.

Sie lächelte nervös. „Klar doch, wieso fragst Du?“

„Du siehst aus, als ob Dir ein Gespenst begegnet wäre,“ erwiderte er.

Raquel nahm ihre Serviette und wischte sich mit zitternden Händen den Mund ab. „Würdest Du mich bitte entschuldigen?“ sagte sie, während sie von ihrem Stuhl aufsprang. „Ich … ich muss mich umziehen.“

Sie rannte zur Tür, riss sie auf und blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr stand Madame Carmens schwarzer Kater und starrte sie aus seinen grünen Augen an.

„Geh … weg …“ stammelte sie, doch der Kater bewegte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Stattdessen sah er sie weiterhin mit diesem durchdringenden Blick an.

„Verschwinde, Nathan!“ Antonio war unbemerkt hinter Raquel getreten.

Der Kater drehte sich sofort um und rannte leichtfüßig die Treppe hinauf.

Antonio legte fürsorglich einen Arm um Raquels Schultern. „Du zitterst ja!“ stellte er erstaunt fest. „Ich glaube, das ganze Gerede um Wahrsagerei hat Dich etwas nervös gemacht.“

„Wohin … geht er jetzt?“ Raquel sah dem Kater ängstlich hinterher.

„Ich denke, er geht ins Atelier. Dort ist sein Lieblingsplatz,“ erklärte Antonio.

Raquel nickte wie betäubt. Es war eine beklemmende Vorstellung für sie, dass sich Madame Carmens Atelier direkt über ihrem Zimmer befand.

Sie befreite sich aus Antonios Armen. „Ich … ich werde jetzt auf mein Zimmer gehen und mich für unseren Stadtbummel umziehen,“ sagte sie.

„Prima. Wenn Du fertig bist, kommst Du einfach wieder runter, einverstanden?“

„Ist gut,“ erwiderte Raquel knapp. Sie lächelte gezwungen und ging dann die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

SBPD

Nachdenklich drehte Ricardo seinen Kugelschreiber zwischen den Fingern hin und her, während er das Telefon anstarrte. Die ganze Zeit hatte er mit sich gerungen, ob er Gabi anrufen sollte oder nicht. Nachdem er ihr diese Abfuhr am Abend ihres gemeinsamen Abendessens erteilt hatte, war er sich nicht so sicher, wie sie reagieren würde. Sie hatte ihm zwar gesagt, dass sie geduldig sein würde, aber Ricardo hatte die Enttäuschung in ihren Augen gesehen. Er wandte sich wieder seufzend seiner Arbeit zu, als er ein Klopfen an der Bürotür hörte.

„Ja, was ist denn?“ fragte er unwillig.

Die Tür öffnete sich langsam und Victor Ruiz trat ein.

„Entschuldige, wenn ich Dich störe, Ricardo, aber draußen wartet eine junge Frau, die Dich unbedingt sprechen möchte.“ Er grinste verschmitzt.

„Kenne ich sie?“ fragte Ricardo neugierig.

„Das kann man wohl sagen!“ Ruiz rollte viel sagend mit den Augen, grinste Ricardo noch einmal zu, bevor er die Tür wieder hinter sich zuzog.

Ricardo runzelte die Stirn. Wer war diese mysteriöse Unbekannte, die ihn unbedingt sprechen wollte? Er schloss die Augen und überlegte angestrengt, wer es sein könnte, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel: Cecilia! Es konnte nur Cecilia sein! Ricardo öffnete seine Schublade und holte ein Päckchen Zigaretten hervor. Hastig riss er die Verpackung auf und steckte sich eine Zigarette an. Nachdenklich blies er dann den Qualm in den Raum hinein. Was wollte sie schon wieder von ihm? Während er noch darüber nachgrübelte, klopfte es plötzlich wieder leise an der Tür.

„Herein!“ rief er und wappnete sich. Doch zu seiner größten Überraschung betrat nicht Cecilia den Raum sondern Gabi!

„Hallo!“ begrüßte sie ihn und schaute ihn mit ihren rehbraunen Augen fast scheu an. „Ich hoffe, ich störe Dich nicht bei irgendetwas?“

Ricardo drückte schnell seine Zigarette im Ascher aus, sprang auf und ging um seinen Schreibtisch herum. Zärtlich nahm er Gabi in den Arm. „Ob Du es glaubst oder nicht, ich habe gerade an Dich gedacht,“ sagte er grinsend.

Gabi lächelte und erwiderte die Umarmung. Sie fühlte, wie Ricardo ihr einen sanften Kuss auf die Wange gab. „Ich bin vorbeigekommen, weil ich …“ Weiter kam sie nicht, denn Ricardo unterbrach sie lächelnd.

„Ich weiß schon, weil Du Sehnsucht nach mir hattest, richtig?“

„Ja … nein, ich meine … nicht so ganz.“ Gabi suchte nach Worten, während Ricardo sie erstaunt ansah.

„Ich bin aus dem Appartement ausgezogen und wollte Dir nur mitteilen, dass ich ab sofort im „Seabreeze“ wohnen werde,“ stieß sie dann hervor.

Ricardo schob sie ein Stück von sich weg und sah sie prüfend an. „Ärger mit Deiner Schwester?“ fragte er mitfühlend.

Gabi nickte seufzend. „Ja, wir haben festgestellt, dass wir einfach nicht zusammen unter einem Dach leben können,“ sagte sie traurig. Den wahren Grund wollte sie lieber für sich behalten.

Ricardo nickte. Er ahnte, worum es bei dem Streit mit Cecilia gegangen war. Schließlich war er nicht ganz blind und hatte längst bemerkt, dass Cecilia ebenfalls ein Auge auf ihn geworfen hatte.

„Und was willst Du nun tun?“ fragte er nachdenklich.

Gabi seufzte wieder. „Ich weiß noch nicht,“ gestand sie wahrheitsgemäß. „Als erstes werde ich mich nach einem neuen Job umsehen, und dann will ich mir ein eigenes Appartement suchen. So lange werde ich wohl im Hotel wohnen müssen.“

Ricardo nickte und rieb sich nachdenklich das Kinn. Plötzlich fiel ihm etwas ein. „Was würdest Du sagen, wenn ich schon eine neue Bleibe für Dich gefunden hätte?“ fragte er plötzlich.

Gabi sah ihn verwirrt an. Sie wusste nicht, worauf er hinauswollte.

„Also, wir haben auf unserem Grundstück ein Gästehaus,“ fing er zu erzählen an,“ und da es sowieso seit Marias Fortgehen leer steht, wäre es doch vielleicht schön, wenn es wieder einen neuen Bewohner bekommen würde. Meine Schwester lebte dort einige Zeit mit ihrem Mann, bevor sie sich endgültig entschloss, mit ihm nach England zu gehen. Das Häuschen ist ziemlich geräumig. Es gibt dort ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit Kamin, ein Arbeitszimmer, eine kleine Küche …“

Gabi hatte ihm die ganze Zeit ruhig zugehört, doch nun unterbrach sie ihn. „Soll das vielleicht ein Angebot sein, bei Euch einzuziehen?“ fragte sie ungläubig.

Ricardo nickte eifrig. „Ja, was hältst Du davon?“ Erwartungsvoll sah er sie an.

Gabi schüttelte sanft den Kopf. „Aber das geht doch nicht! Das kann ich nicht annehmen. Was wird Deine Mutter dazu sagen?“ Skeptisch sah sie ihn an.

„Das mit Mama überlass nur mir. Darum kümmere ich mich schon. Was sagst Du?“ Gabi konnte die Begeisterung in seinen Augen erkennen.

„Ich weiß nicht …“

„Nun komm schon, wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ sagte er schmunzelnd. „Du wirst sehen, dass es wirklich sehr schön bei uns ist, und außerdem gibt es auf dem Anwesen auch ein Gestüt. Du reitest doch gerne hast Du mir erzählt. Dann ist das genau das richtige für Dich!“

Gabi nickte mechanisch. Ricardos Angebot hörte sich wirklich sehr verlockend an, und der Gedanke, mal wieder auszureiten, beflügelte sie regelrecht. „Du solltest erst mit Deiner Mutter reden,“ sagte sie zögernd.

Ricardo nahm sie lachend in den Arm. „Soll das „Ja“ bedeuten?“ fragte er.

Gabi befreite sich sanft aus seinen Armen. „Das bedeutet nur, dass ich darüber nachdenken werde, wenn Deine Mutter einverstanden ist,“ bremste sie seine Vorfreude.

„Super!“ Ricardo strahlte übers ganze Gesicht. „Dann werde ich sie gleich heute abend fragen und Dich anrufen, wenn alles geklärt ist.“

Gabi nickte. „In Ordnung. Ich werde jetzt erst einmal zum „Seabreeze“ Hotel fahren und mir dort ein Zimmer mieten. Wer weiß, vielleicht muss ich ja doch länger da bleiben.“

Ricardo schüttelte den Kopf. „Du machst Dir wirklich zu viele Sorgen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Mutter zustimmen wird.“ Er zog sie wieder in seine Arme. „Außerdem wird es langsam Zeit, dass sie Dich kennen lernt,“ flüsterte er, während er sein Gesicht in ihrem langen, duftigen Haar vergrub. „Hm …“ Er atmete tief den Geruch ihres Parfums ein. „Du solltest jetzt besser gehen, sonst komme ich noch auf verrückte Ideen.“ Er zwinkerte ihr zu, während er sie langsam von sich schob.

Gabi strich sich verlegen ihre Haare zurück. „Ich ... bin dann im Hotel zu erreichen,“ sagte sie. Sie ging zur Tür und drehte sich dann noch einmal zu ihm herum. „Danke!“ flüsterte sie und sah ihn mit einem zärtlichen Blick an.

„Ich würde alles dafür tun, damit Du glücklich bist,“ erwiderte er mit sanfter Stimme.

Gabi lächelte still vor sich hin, während sie die Tür öffnete und sein Büro verließ.

In der Fußgängerzone von Sunset Beach

„Möchtest Du jetzt vielleicht etwas essen?“ fragte Antonio, nachdem er und Raquel eine kleine Boutique verlassen hatten, wo sie sich gerade einen neuen Bikini gekauft hatte.

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Müdigkeit war verflogen, und sie war voller Tatendrang. „Ich habe nicht gewusst, wie viel Spaß so ein Einkaufsbummel machen kann,“ sagte sie.

Antonio verdrehte die Augen, hielt sich jedoch mit einem Kommentar zurück. „Möchtest Du Dich vielleicht noch weiter umsehen?“ fragte er vorsichtig.

Raquel warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Dann lachte sie plötzlich. „Es ist langweilig für Dich, oder? Entschuldige, ich habe nur an mich gedacht. Aber weißt Du, ich habe noch nie so eine große Auswahl an Bademoden gesehen wie hier. In Guadalajara gibt es natürlich auch Boutiquen, aber mit so etwas ….“ Raquel fischte ihren Bikini aus der Tasche und rollte theatralisch mit den Augen,“ würde sich eine mexikanische Frau niemals in der Öffentlichkeit blicken lassen.“

Antonio warf einen Blick auf Raquels Mini-Bikini und zog die Augenbrauen nach oben. „In der Tat … ein bisschen mehr Stoff wäre vielleicht nicht schlecht gewesen,“ bemerkte er kritisch.

Raquel lachte über seine Äußerung. „So falle ich am Strand wenigstens nicht mehr auf,“ sagte sie. „Ich hatte das Gefühl, dass mich beim Strandfest alle angestarrt haben, weil ich so einen altmodischen Bikini trug.“

Antonio verkniff sich ein Schmunzeln. Sicher hatte es nicht an ihrem Bikini gelegen, dass alle sie angestarrt hatten, dachte er. Obwohl er nicht an Raquel als Frau interessiert war, erkannte er doch, dass sie eine sehr schöne junge Frau war.

Raquel strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wo möchtest Du denn gerne hin?“ fragte sie.

Antonio wies die Strasse hinunter. „Der Laden meiner Mutter ist nicht weit von hier entfernt. Wollen wir kurz hingehen und Hallo sagen?“

Raquel schüttelte erschrocken den Kopf. „Vielleicht ein anderes Mal,“ sagte sie schnell.

Antonio sah sie prüfend an. „Okay, wie Du willst,“ erwiderte er. „Was möchtest Du stattdessen sehen?“

„Ich glaube, ich habe jetzt doch etwas Hunger bekommen,“ log Raquel. Der Gedanke, Madame Carmens Laden aufzusuchen, löste irrationale Ängste bei ihr aus.

Antonio nickte. „Na gut, dann lade ich Dich zum Essen ein. Es gibt gleich um die Ecke ein Restaurant.“

„Hört sich prima an,“ sagte Raquel begeistert.

Nur wenige Minuten später betraten Raquel und Antionio das Restaurant, und Antonio fragte den Ober nach einem freien Tisch. Dieser sah sie bedauernd an.

„Sie sehen ja selber, Sir, dass wir im Moment keinen freien Tisch haben, aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, können Sie gerne an der Bar warten,“ sagte er.

Antonio sah Raquel fragend an. “Möchtest Du warten, oder sollen wir woanders hingehen?“

Sie sah ihn mit einem hilflosen Blick an.

Antonio schaute seufzend auf die Uhr. „Ich fürchte nur, dass wir um diese Uhrzeit überall warten müssen,“ sagte er. „Um die Mittagszeit herum sind die einschlägigen Lokale hier alle gut besucht.“

„Dann lass uns einfach warten,“ schlug Raquel vor.

Antonio nickte und nahm an der Bar platz. Raquel schaute sich suchend um. „Gibt es hier vielleicht einen Waschraum?“ fragte sie.

Antonio nickte. „Wenn Du am Ende des Ganges links gehst, kommst Du direkt darauf zu.“

Raquel lächelte ihn entschuldigend an und machte sich auf den Weg. Während sie zum Waschraum hinunterging, versuchte sie die Blicke der anwesenden Gäste zu ignorieren. Sie hatte das Ende des Ganges erreicht und wollte gerade nach links abbiegen, als sie erschrocken stehen blieb. Nur wenige Meter von ihr entfernt saß Clayton mit dem Rücken zu ihr gewandt an einem Tisch. Er hatte den Ellbogen auf dem Tisch abgestützt und blätterte in der Speisekarte. Ihn so plötzlich, nach ihrer gemeinsamen Liebesnacht, wieder zu sehen, war mehr als sie ertragen konnte. Raquel machte auf dem Absatz kehrt und rannte den ganzen Weg zur Bar zurück im Laufschritt.

„Lass uns bitte gehen!“ flehte sie Antonio an.

Irritiert schaute er hoch. „Gehen? Aber ich denke, dass wir warten wollten.“

„Ich habe es mir eben anders überlegt,“ sagte Raquel knapp, während sie sich ständig umsah, ob Clayton ihr auch nicht gefolgt war.

Antonio nickte. „Okay, wie Du willst.“ Langsam erhob er sich. „Dann lass uns gehen.“

Erleichtert folgte Raquel ihm zum Ausgang.

Anwesen der Torres Familie

Nach dem gemeinsamen Abendbrot mit ihrem Gast und ihren beiden Söhnen hatte Carmen sich in ihr Atelier zurückgezogen, um nachzudenken. Seitdem Otilias Tochter nach Sunset Beach gekommen war, fühlte Carmen eine eigenartige Unruhe, die sie sich selber nicht erklären konnte. Jedes Mal, wenn sie die junge Frau sah, kamen unwillkürlich Erinnerungen an die Vergangenheit hoch. Eine Vergangenheit, die Carmen über Jahrzehnte verdrängt, mit der sie aber niemals wirklich abgeschlossen hatte. Carmen nahm seufzend ihre Karten hoch und legte sie auf dem Tisch aus. Kopfschüttelnd betrachtete sie sie dann. Nicht einmal die Karten konnten ihr diesmal eine Antwort auf ihre Frage geben, weshalb Raquels Anwesenheit sie so sehr beunruhigte. Und seit der letzten Nacht beschäftigte sie noch eine ganz andere Frage: Wie war es möglich, dass Raquel und sie denselben Traum gehabt hatten? Carmen schüttelte den Kopf. Sie konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Sie hatte das Mädchen nie zuvor in ihrem Leben gesehen, und doch fühlte Carmen, dass sie beide irgendwie miteinander verbunden waren. Erschrocken zuckte Carmen zusammen, als sie ein zaghaftes Klopfen an der Tür vernahm.

„Wer ist da?“ fragte sie misstrauisch.

„Ich bin es, Raquel. Darf ich hereinkommen?“

Carmen stand auf und öffnete die Tür. „Was wollen Sie?“ fragte sie unwirsch.

Raquel schluckte, als sie Carmens düsteres Gesicht sah, doch gleich darauf besann sie sich, weshalb sie hergekommen war und trat ein. „Danke,“ sagte sie leise, als Carmen ihr mit einer Geste zu verstehen gab, dass sie sich setzen sollte. Sie legte eine flache Schatulle auf den Tisch. „Das ist das Diadem, dass meine Mutter ihnen vermacht hat,“ erklärte sie.

Carmen sah sie erstaunt an, öffnete dann aber vorsichtig die Schatulle. „Wunderschön!“ entfuhr es ihr, nachdem sie den Inhalt betrachtet hatte. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ihr Vater muss ihre Mutter sehr geliebt haben, wenn er ihr so ein kostbares Geschenk gemacht hat,“ sagte sie.

Raquels Gesichtsausdruck nahm einen gequälten Ausdruck an. „Nein,“ stieß sie mit erstickter Stimme hervor,“ er hat sie gehasst …“

Carmen sah die junge Frau verwirrt an. „Gehasst? Aber wieso hat er ihr dann dieses Diadem geschenkt?“

„Als Wiedergutmachung,“ presste Raquel hervor. „Als Wiedergutmachung für all die Jahre der Demütigung …“ Raquels Augen füllten sich mit Tränen. Hastig wischte sie sie fort und sprang auf. „Es tut mir leid … ich muss gehen!“

Noch bevor Carmen sie aufhalten konnte war Raquel zur Tür gerannt, riss sie auf und rannte die Treppen hinunter. Sie stieß im Flur mit Ricardo zusammen, der ebenfalls gerade auf dem Weg zu seiner Mutter war.

„Raquel! Was ist los?“ fragte er bestürzt, als er ihr tränenfeuchtes Gesicht sah.

„Nichts.“ Sie versuchte sich an ihm vorbeizudrängeln, doch er hielt sie mit sanfter Gewalt fest. „So kann ich Dich nicht gehen lassen,“ sagte er. Er schaute nach oben. „Hat Mama irgend etwas zu Dir gesagt, was Dich verletzt hat?“ fragte er.

Raquel schüttelte unter Tränen den Kopf. „Bitte Ricardo, lass mich einfach gehen!“ flehte sie.

„Nicht, bevor Du mir sagst, was los ist!“ sagte er bestimmt.

Raquel schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ stammelte sie,“ … noch nicht.“ Sie riss sich von ihm los und flüchtete in ihr Zimmer.

Irritiert sah Ricardo ihr hinterher. Er unternahm jedoch keinen Versuch, ihr zu folgen. Stattdessen ging er die Treppe hinauf zu Carmens Atelier und klopfte an.

„Mama, bist Du da?“

Carmen öffnete die Tür und ließ ihren Sohn eintreten. „Was gibt es denn so Dringendes?“ fragte sie ihn.

Ricardo machte eine Kopfbewegung Richtung Treppe. „Was hast Du ihr angetan?“ fragte er aufgebracht.

Verblüfft sah Carmen ihren Ältesten an. „Wem? Wovon redest Du überhaupt?“

„Von Raquel. Sie kam mir vorhin auf dem Flur entgegen. Ich habe sie noch nie so unglücklich gesehen. Was hast Du ihr gesagt?“ wiederholte Ricardo seine Frage.

„Ich habe ihr gar nichts gesagt,“ wehrte Carmen sich. Sie wies auf das Diadem. „Sie brachte mir den Schmuck, den ihre Mutter mir testamentarisch versprochen hatte.“

Ricardo sah Carmen mit gerunzelter Stirn an. „Das ist alles? Deshalb ist sie so aufgebracht?“

Carmen strich nachdenklich über ihre Karten. „Sie verschweigt uns etwas, Ricardo. Ich fühle es,“ sagte sie leise.

Ricardo schüttelte den Kopf. „Blödsinn. Raquel ist der aufrichtigste Mensch, den ich je kennen gelernt habe,“ begehrte er auf. „Sie ist so …“ Er suchte nach den passenden Worten,“ … so süß, unschuldig und doch hat sie das Herz auf dem rechten Fleck.“

Carmen sah ihren Sohn erstaunt an. Plötzlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Ricardo, willst Du mir damit etwa andeuten, dass Du Dich in dieses Mädchen verliebt hast?“ fragte sie hoffnungsvoll.

Ricardo schüttelte den Kopf. „Nein, wie kommst Du bloß auf diese Idee?“ fragte er überrascht.

„Nun, weil Du anscheinend eine hohe Meinung von ihr hast und sie auch noch verteidigst,“ antwortete Carmen. Sie versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Außerdem,“ fuhr sie fort,“ wird es auch langsam Zeit, dass Du Dir eine standesgemäße Ehefrau suchst!“

Ricardo sah seine Mutter fassungslos an, dann lachte er plötzlich zynisch auf. „Das ist also der wahre Grund, weshalb Du wolltest, dass Raquel bei uns wohnt.“ Endlich schien Ricardo zu begreifen. „Was hast Du Dir nur dabei gedacht, Mama?“ fragte er kopfschüttelnd.

„Raquel ist die Tochter meiner besten Freundin,“ versuchte sie sich zu rechtfertigen. „Was Du mir da unterstellst ist eine Frechheit!“

Ricardo ging ein paar Schritte auf seine Mutter zu und sah ihr fest in die Augen. „Ich sehe das so: Du hast Raquel in unser Haus geholt in der Absicht, sie mit einem von uns zu verheiraten.“ Er unterbrach den Satz und kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Ach ja, Antonio fällt ja wohl als Heiratskandidat aus, also ging es Dir von Anfang an nur darum, mich zu verkuppeln. Stimmt doch, oder etwa nicht?“ Ricardos Stimme troff vor Hohn.

Carmen straffte ihre Schultern und stand auf. „Eine blühende Fantasie hast Du! Das muss man Dir lassen,“ sagte sie kühl. Sie erwiderte Ricardos Blick. „Du bist doch sicher nicht hier herauf gekommen, um mit mir über unseren Gast zu reden, oder?“ versuchte sie das Thema zu wechseln.

Ricardo atmete tief durch. „Nein …“ gab er zögernd zu. Er zog sich einen Stuhl heran und nahm platz. „Ich wollte es Dir eigentlich erst später sagen, aber wenn ich es mir recht überlege, könnte der Zeitpunkt nicht besser gewählt sein.“

„Was ist es, Ricardo? Mach es doch nicht so spannend!“

Er sprang auf und ging nervös im Atelier umher. „Es wird Dich sicher hart treffen,“ begann er,“ aber noch bestimme ich, mit wem ich zusammen sein will. Und ich habe mich entschieden.“ Ricardo schloss für einen Moment die Augen, bevor er langsam weiter sprach. „Ich habe mich verliebt, Mama. Sie heißt Gabi, und wir haben uns bei der Arbeit kennen gelernt, und sie …“ Er räusperte sich. „Sie wird ab sofort in unserem Gästehaus wohnen!“




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:24
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 17


Seabreeze Hotel –Gabis Zimmer

Schlaflos wälzte Gabi sich in ihrem Bett hin und her. Es war überhaupt kein Problem gewesen, ein Zimmer für die Nacht zu bekommen, zumal sie mit Pete, dem Portier, befreundet war. Doch der Gedanke an ihre weitere Zukunft machte ihr Angst. Gabi fragte sich, ob Ricardo schon mit seiner Mutter über ihren Einzug im Gästehaus gesprochen hatte. Zumindest wäre ihr damit eine große Bürde abgenommen. Ihre berufliche Zukunft lag noch völlig im Dunkeln, und wie es mit Cecilia und ihr weitergehen sollte wusste sie auch nicht. Der Gedanke, dass ihre eigene Schwester sie so sehr hasste, dass sie ihr sogar den Freund ausspannen würde, tat Gabi in der Seele weh. Cecilia war schon immer krankhaft eifersüchtig gewesen, aber trotz allem hatten sie, wenn es drauf ankam, immer zusammengehalten. Seufzend warf Gabi die Bettdecke zurück und stand auf. Sie ging zum Fenster und öffnete es. Von ihrem Fenster aus hatte sie einen direkten Blick zur Seebrücke hinüber. Gabi erinnerte sich plötzlich an ihre Begegnung vom Vortag. Sie kramte in ihrem Gedächtnis. Wie war der Name der jungen Frau gewesen? Plötzlich fiel es ihr wieder ein – Raquel. Gabi fragte sich, ob sie die junge Mexikanerin wohl jemals wieder sehen würde. Eigenartigerweise hatte sie sofort Sympathie für die junge Frau empfunden, und Gabi hatte das Gefühl gehabt, dass es Raquel mit ihr genauso ergangen war. Gabi schloss das Fenster und legte sich wieder ins Bett. In ihrer jetzigen Situation wäre es nicht schlecht, eine Freundin zu haben, mit der sie sich austauschen könnte, dachte sie. Gabi kuschelte sich in ihr Kissen und war fast augenblicklich eingeschlafen.

Anwesen der Torres Familie

Carmen saß vor ihrem Kommodenspiegel und bearbeitete ihr langes dunkles Haar mit einer Bürste, bis die Kopfhaut schmerzte. Was Ricardo ihr vor ein paar Stunden in ihrem Atelier mitgeteilt hatte, war für sie wie ein Schlag in die Magengrube gewesen. Nicht nur, dass er sich heimlich, hinter ihrem Rücken mit dieser Gabi getroffen hatte, erwartete er auch noch von ihr, dass sie eine Unbekannte in ihrem Haus willkommen heißen und ihr Obdach und Verpflegung gewähren würde. Carmen legte die Bürste hart auf der Kommode ab. Sie hatte zwar Ricardos Bitte zugestimmt, Gabi im Gästehaus wohnen zu lassen, doch im Grunde genommen hatte sie ganz andere Pläne für ihren Sohn. Seit sie Raquel kennen gelernt hatte, war ihr eine Idee im Kopf herumgeschwirrt, die nun immer mehr Gestalt annahm. Carmen verzog das Gesicht zu einem spöttischen Lächeln. Sollte diese Gabi ruhig ins Gästehaus ziehen. Umso besser. So hatte sie die junge Frau in unmittelbarer Nähe und unter ihrer Kontrolle. Carmen setzte sich aufs Bett und nahm einige Schlucke aus ihrer Teetasse. Danach streckte sie sich auf dem Bett aus und zog die Bettdecke über sich. Der Schlaftrunk tat schon bald seine Wirkung, und Carmen glitt in einen traumlosen Schlaf hinein.

Java Web

Mit den ersten Sonnenstrahlen, die durchs Fenster ihrer Hotelsuite gefallen waren, war Gabi wach geworden, und da sie nicht mehr wieder einschlafen konnte hatte sie spontan beschlossen, sich sofort um einen neuen Job zu kümmern. Nun saß sie im „Java Web“, in Sunset Beachs einzigem Internetcafe, vor einem der zahlreichen Computer und blätterte die Angebotsseiten einer der vielen Jobvermittler durch.

„Sie suchen einen Job?“ hörte sie plötzlich eine Männerstimme hinter sich.

Erschrocken drehte Gabi sich um. „Ja, wieso?“ Sie musterte den jungen Mann prüfend, der neugierig über ihre Schulter schielte.

Er lächelte sie schuldbewusst an. „Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Was für eine Art von Job suchen Sie denn?“

Gabi sah ihn misstrauisch an. „Warum wollen Sie das wissen?“

Der junge Mann lächelte plötzlich. „Nun, aus reinem Eigennutz.“ Er streckte Gabi die Hand entgegen. „Ich bin Mark Wolper. Ich arbeite im Java Web, und ich könnte noch ganz dringend jemanden gebrauchen, der mir hier zur Hand geht.“

Völlig überrumpelt ergriff Gabi seine Hand. „Gabi Martinez,“ murmelte sie. Sie kniff die Augen zusammen. „Sie suchen also jemanden als Bedienung, habe ich das richtig verstanden?“

Mark nickte eifrig und wies zur Eingangstür hinüber. „Ja, haben Sie denn das Schild draußen nicht gelesen?“ fragte er verwundert.

Gabi schüttelte den Kopf. „Nein, das muss ich übersehen haben. Sie strich sich ihre langen Haare zurück. „Was würde denn für mich rausspringen?“

Mark lachte. „Mir gefallen Frauen, die gleich zur Sache kommen. Sie sind also interessiert?“ Erwartungsvoll sah er sie an.

Gabi blies langsam die Luft aus. „Sagen wir mal so … Ich kann mir im Moment nicht erlauben, wählerisch zu sein. Wenn der Job gut bezahlt wird – warum nicht!“

Mark lächelte zufrieden. „Prima. Alles weitere klären Sie dann am Besten mit dem Boss persönlich ab.“

Gabi sah ihn neugierig an. „Wer ist denn Ihr Boss?“

„Sein Name ist Ben Evans, und er ist …“ begann Mark zu erklären, doch Gabi unterbrach ihn.

„Ben gehört das Java Web?“ stieß sie erstaunt hervor.

Mark nickte. „Ja. Kennen Sie ihn vielleicht?“

Gabi wiegte nachdenklich den Kopf. „Kennen ist wohl übertrieben. Meine Schwester arbeitet für ihn, drüben im Nachtclub. Ich habe ihn ein paar Mal gesehen. Das war’s aber auch schon.“

Mark sah Gabi mit gerunzelter Stirn an. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Leben Sie schon länger in Sunset Beach?“

Gabi musste sich ein Schmunzeln verkneifen. „Das fragen mich derzeit alle. Ich glaube, es liegt daran, dass ich in meinem damaligen Job keine Zeit zum Ausgehen hatte und auch nicht die Notwendigkeit gesehen habe, ein Internetcafe aufzusuchen.“ Sie seufzte tief. „Das konnte ich damals alles von meinem Arbeitsplatz aus.“

„Wo haben Sie denn vorher gearbeitet?“ fragte Mark neugierig.

„Einigen wir uns doch auf „Du“, schlug Gabi vor, und als Mark zustimmend nickte fuhr sie fort. „Ich war beim SB Sentinel. Ich war dort als Fotografin angestellt, aber wie das Schicksal so spielt, hatte mein Chef irgendwann keine Verwendung mehr für mich.“ Gabi verzog das Gesicht.

„Pech für die, Glück für uns,“ meinte Mark trocken. „Ist die Sache also gebongt?“

Gabi nickte. „Okay, ich rede mit Ben Evans und dann sehen wir weiter. Hast Du zufällig seine Telefonnummer? Ich meine nicht privat, sondern geschäftlich.“

Mark nickte. „Ja, warte, ich schreibe sie Dir auf.“ Er ging hinter den Tresen und kritzelte die Nummer auf ein Stück Papier.

„Hier bitte!“ Er händigte Gabi die Telefonnummer aus.

„Danke. Sobald ich was neues weiß, melde ich mich.“ Sie stand auf, zwinkerte Mark noch einmal zu und verließ dann das Internetcafe.

Anwesen der Torres Familie

„Du meinst es also wirklich ernst mit ihr?“ Antonio sah Ricardo zweifelnd an, nachdem dieser ihm gerade gestanden hatte, dass er sich verliebt hatte.

Ricardo nickte. „Ja, Antonio, und diesmal bin ich mir wirklich sicher, dass sie die richtige Frau für mich ist.“

„Du kennst sie doch kaum!“ platzte Antonio heraus. „Bist Du sicher, dass es eine gute Idee ist, sie gleich hier wohnen zu lassen?“

Ricardo nahm einen Schluck aus seiner Tasse. „Mag schon sein, dass wir uns noch nicht lange kennen, aber zwischen uns besteht eine Seelenverwandtschaft …“ Er unterbrach den Satz und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Bruderherz, aber ich denke, dass kann jemand, der noch nie verliebt war, kaum verstehen.“

Antonio presste die Lippen zusammen. Für einen Moment dachte er an die junge Frau am Strand, die Raquel begleitet hatte. Antonio schloss die Augen, und vor seinem geistigen Auge sah er ihre sanften dunkelbraunen Augen vor sich und stellte sich vor, wie er über ihr duftiges, seidiges Haar strich …

„Antonio? Hörst Du mir überhaupt zu?“ Ricardo sah seinen Bruder prüfend an, der anscheinend mit seinen Gedanken völlig woanders war.

„Du hast recht, Ricardo. Ich habe wirklich keine Ahnung von solchen Dingen.“ Antonio schob den Stuhl zurück. „Ich muss los. Heute ist Seminar-Vorbesprechung im Pfarramt. Bis später!“

Ricardo sah seinem Bruder verwirrt hinterher, als dieser fast fluchtartig den Speiseraum verließ. Seine Gedanken wurden gestört, als Raquel den Raum betrat.

„Guten Morgen, Ricardo,“ begrüßte sie ihn, während sie sich zu einem Lächeln zwang.

„Hallo, Raquel. Hast Du gut geschlafen?“ Ihm waren die dunklen Ringe unter Raquels Augen nicht entgangen.

„Ja, danke, wie ein Baby,“ log sie. Seitdem sie im Haus der Torres-Familie lebte, waren ihre Nächte geprägt von Alpträumen und Schlaflosigkeit. „Ricardo,“ begann sie zaghaft,“ wegen meines Verhaltens gestern Abend …“

Er unterbrach sie. „Ist schon gut. Jedem, der in diesem Haus wohnt, steht eine Privatsphäre zu, und dabei sollten wir es belassen.“

Raquel nickte mit gesenktem Kopf. „Es ist nur, dass ich mich hier so …“ Raquel suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. „So … einsam fühle,“ stieß sie dann hervor.

Ricardo griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand und drückte sie. „Das kann ich gut verstehen,“ sagte er mitfühlend. Er zögerte einen Moment. Sollte er Raquel erzählen, dass demnächst noch jemand mit auf dem Torres-Anwesen leben würde? Er sah ihren traurigen Gesichtsausdruck.

„Vielleicht ändert sich das ja bald.“

Raquel sah ihn mit einem fragenden Blick an. „Wie meinst Du das?“

Ricardo holte tief Luft, bevor er ihre Frage beantwortete. „Meine Freundin wird ins Gästehaus einziehen.“

„Deine Freundin?“ Raquel sah Ricardo verwirrt an. „Ich wusste nicht, dass Du eine Freundin hast!“

Ricardo lachte verlegen. „Nun ja, wir sind auch erst ganz frisch zusammen,“ erklärte er.

„Hey, das freut mich für Dich!“ rief Raquel spontan aus. Für sie war Ricardo wie ein großer Bruder, den sie nie gehabt hatte. „Erzähl mal, wie ist sie so, wie sieht sie aus, und wie alt ist sie?“ fragte sie ihn neugierig aus.

Ricardo hob lachend die Hände. „Ich würde Deine Neugierde ja gerne befriedigen, aber ich muss leider ins Revier. Wir reden heute Abend weiter, okay?“

Raquel verzog schmollend den Mund. „Okay,“ gab sie halbherzig nach. „Und was mache ich den ganzen Tag über? Antonio ist nicht da, Du musst arbeiten …“

„Frag meine Mutter doch mal,“ schlug Ricardo vor.

Er verkniff sich mühsam ein Schmunzeln, als er Raquels abweisenden Gesichtsausdruck sah. „Keine so gute Idee, oder?“

Raquel schüttelte den Kopf. „Ich denke, ich werde ein wenig durch den Ort bummeln, um Sunset Beach etwas besser kennenzulernen.“

„Tu das.“ Ricardo stand auf und kniff ihr liebevoll in die Wange. „Dann bis heute Abend.“

Liberty Corporation

Nur ein paar Türen weiter saß Gabi auf dem Flur vor Bens Büro und rieb sich nervös ihre Hände. Gleich nachdem sie das „Java Web“ verlassen hatte, hatte Sie in der Liberty Corporation angerufen und um einen Gesprächstermin gebeten. Sie war sehr überrascht gewesen, dass Ben noch am selben Tag für sie Zeit gehabt hatte, und so war sie gleich losgefahren. Je früher sie mit ihrer Arbeit beginnen konnte, desto besser. Schließlich verursachte der Sanatoriums-Aufenthalt ihres Vater nicht unerhebliche Kosten, die Cecilia unmöglich ganz alleine tragen konnte.

„Sie können jetzt hineingehen, Miss Martinez. Mister Evans erwartet Sie.“ Die Sekretärin lächelte freundlich und geleitete Gabi ins Büro hinein. „Hier entlang, bitte.“

„Miss Martinez?“ Ben erhob sich hinter seinem Schreibtisch und gab Gabi lächelnd die Hand. „Sie kommen mir irgendwie bekannt vor,“ meinte er, nachdem er sie prüfend gemustert hatte.

„Sie kennen meine Schwester, Cecilia Martinez. Sie ist eine ihrer Angestellten im „Deep“,“ klärte Gabi ihn auf.

„Ja, natürlich.“ Ben griff sich an die Stirn, während er Gabi weiterhin ansah. „Die Familienähnlichkeit ist nicht zu übersehen.“

„Mister Evans, weshalb ich hier bin …,“ kam Gabi gleich zur Sache. „Mister Wolper sagte mir, dass Sie eine Bedienung fürs Internetcafe suchen, und da ich sehr an dem Job interessiert bin, möchte ich mich hiermit vorstellen.“

Ben schlug lässig die Beine übereinander. „Haben Sie schon einmal in der Gastronomie als Bedienung gearbeitet?“ fragte er.

Gabi schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht, aber ich bin gelehrig und Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen.“

Ben sah sie stirnrunzelnd an. „Und was haben Sie vorher gemacht, wenn ich mal fragen darf?“ fragte er, während er Gabi interessiert musterte. Sie machte auf ihn nicht den Eindruck, als wenn sie vorher Hilfsarbeiterin gewesen wäre. Dazu war ihre Sprache zu kultiviert, und auch ihr Outfit passte nicht zu dem einer Kellnerin.

Gabi atmete noch einmal tief durch, bevor sie antwortete. „Ich habe beim „SB Sentinel“ gearbeitet,“ sagte sie zögernd,“ … als Fotografin in der PR-Abteilung.“

Ben beugte sich vor und sah Gabi erstaunt an. „Ich will Sie nicht beeinflussen, aber meinen Sie nicht, dass Sie für die Tätigkeit im „Java Web“ vielleicht etwas überqualifiziert sind?“

Gabi unterdrückte ein Seufzen. Sie hatte befürchtet, dass diese Frage kommen würde, Natürlich wusste sie, dass eine Arbeit als Bedienung nicht annährend mit ihrer damaligen Tätigkeit als Fotografin zu vergleichen war, aber hatte sie denn eine andere Wahl?

„Sie haben recht, Mister Evans, aber ich kann es mir im Moment nicht erlauben wählerisch zu sein,“ sagte sie wahrheitsgemäß. „Mein Vater lebt in einem Pflegeheim, und für meine Schwester sind die Kosten einfach zu hoch, alles alleine zu tragen. Außerdem muss auch noch die Miete bezahlt werden, und von irgendwas leben muss ich schließlich auch noch.“

Ben hatte Gabi die ganze Zeit ruhig zugehört. Die Ehrlichkeit der jungen Frau imponierte ihm, und ihre Geschichte berührte ihn. „Cecilia hat mir gar nicht erzählt, dass ihr Vater im Pflegeheim lebt,“ sagte er verwundert.

Gabi senkte den Kopf. „Ich denke, es ist ihr peinlich,“ erwiderte sie. „Cecilia hat Angst, dass das Verhalten ihres Vaters auf sie abfärbt. Sie hat sich schon immer sehr viel Gedanken darüber gemacht, was andere von ihr halten. Und es ist sicher für ihre Karriere nicht sehr förderlich, wenn herauskommt, dass ihr Dad …“ Gabi brach den Satz abrupt ab. Ihr wurde auf einmal bewusst, mit wem sie hier so unbefangen über ihr Privatleben plauderte. „Entschuldigen Sie …“ Gabi senkte schnell den Kopf, weil sie spürte, dass sie errötete.

Ben beugte sich vor und legte eine Hand auf Gabis Arm. „Wenn es Sie beruhigt – bei mir ist ihr Geheimnis sicher.“ Er räusperte sich. „Um auf den Job zurückzukommen,“ wechselte er das Thema,“ ich hätte da einen Vorschlag …“

Gabi hob den Kopf und sah ihn neugierig an. „Ja?“ fragte sie.

„Wir brauchen dringend Verstärkung in der Zentrale. Eine Mitarbeiterin geht demnächst in Mutterschutz, und zur Überbrückung, bis sie wieder arbeiten kann, suchen wir eine Vertretung.“

„Und was müsste ich dort tun?“ fragte Gabi interessiert.

„Nun, sie müssten die eingehenden Telefonate entgegennehmen, weiterleiten und ggf. Termine mit meiner Sekretärin abstimmen,“ erklärte Ben. „Der Vorteil wäre,“ fuhr er fort,“ dass Sie geregelte Arbeitszeiten hätten und auch das Gehalt weitaus höher wäre, als im „Java Web“. Wären Sie interessiert?“

Gabi zog nachdenklich die Augenbrauen nach oben, während sie Ben kritisch musterte. „Ich weiß nicht … ja, hört sich gut an, aber was machen wir dann mit Mister Wolper?“

„Den überlassen Sie nur mir,“ sagte Ben schmunzelnd. „Er wird eben noch eine Weile alleine die Gäste bedienen und das Geschirr spülen müssen.“

Gabi grinste verschmitzt. „Das wird ihm sicher nicht gefallen. Er war schon ganz heiß darauf, Unterstützung zu finden.“

„Dann darf ich also annehmen, dass Sie zusagen?“ fragte Ben erwartungsvoll.

Gabi nickte zustimmend.

Sichtlich erfreut streckte Ben seiner neuen Mitarbeiterin die Hand entgegen. „Willkommen im Team der Liberty Corporation, Miss Martinez!“

Am Strand

Müde ließ Raquel sich auf einer Bank in Ufernähe nieder und stellte ihre große Einkaufstasche nebst Inhalt neben sich ab. Sie war eine Weile im Ort auf Shopping-Tour gewesen, und nun taten ihre Füße weh und auch ihr Magen meldete sich unüberhörbar. Sie streifte ihre Schuhe ab und massierte ihre schmerzenden Fußsohlen. Sicher würde es ihren müden Füßen gut tun, ein kühles Bad zu nehmen, überlegte sie. Raquel stand auf und ging ein paar Meter zum Wasser hinunter. Sie schloss genießerisch die Augen, als eine Welle über ihre Beine schwappte. Ein Geräusch hinter ihr ließ sie hochschrecken, doch es war bereits zu spät. Sie sah gerade noch, wie eine Gestalt mit ihren Einkauftaschen in der Hand das Weite suchte.

„Halt! Bleiben Sie stehen!“ Raquel rannte so schnell sie konnte und unter den neugierigen Blicken der Schaulustigen, hinter dem Mann her, doch sie erkannte schnell, dass sie keine Chance gegen ihn hatte. Schwer atmend ließ sie sich in den Sand fallen.

„Lassen Sie ihn laufen.“ Ein junger Mann half ihr beim Aufstehen.

Fassungslos schüttelte Raquel den Kopf. „Warum hat denn keiner versucht, ihn aufzuhalten?“ fragte sie verzweifelt, nachdem sie einen Blick in die Runde geworfen hatte.

„Wissen Sie,“ erklärte der junge Mann,“ erst vor kurzem wurde hier eine Frau am Strand beraubt, und als der Dieb sich verfolgt fühlte, griff er nach einer Pistole und erschoss den Verfolger.“

„Mein Gott …“ Raquel sah ihn geschockt an. „Das ist ja schrecklich! Ich habe nicht gewusst, dass Sunset Beach ein so gefährliches Pflaster ist.“

„Das passiert nicht täglich, aber seitdem haben die Menschen eben Angst, dass ihnen dasselbe passieren könnte. Jeder ist sich eben selbst der nächste.“ Er sah Raquel mitleidig an, die immer noch völlig durcheinander zu sein schien. „Waren wertvolle Sachen in der Tüte?“

Raquel kämpfte mit den Tränen, als sie antwortete. „Ich war vorhin einkaufen und hatte mir zwei Kleider gekauft und ein paar Sandalen, und mein … Portemonnaie war auch in der Tasche …“ Ihre Stimme brach, und sie begann hemmungslos zu schluchzen.

Hilflos stand der junge Mann eine Weile daneben, bevor er aus seiner Hosentasche ein Taschentuch zog und es Raquel reichte. „Hier bitte.“

„Wissen Sie was? Ich spendiere Ihnen jetzt erst einmal einen Kaffee,“ schlug er vor. Er sah auf die Uhr. „Meine Pause ist sowieso gleich zu Ende. Ich muss wieder zurück an meine Arbeit.“

Raquel nickte mechanisch. Sie war dankbar, dass sie nicht ganz alleine in dieser Situation war, und bereitwillig folgte sie dem jungen Mann.

Der junge Mann und Raquel blieben vor einem Gebäude stehen, und sie las die Inschrift über der Tür.

„Was ist denn „Java Web?“ fragte sie neugierig.

Der junge Mann lächelte. „Sie sind nicht von hier, oder?“

Raquel schüttelte den Kopf.

„Nun, das „Java Web“ ist ein Internet-Cafe, und ich arbeite hier.“ Der junge Mann schloss die Tür auf. „Übrigens – ich bin Mark,“ stellte er sich vor, während er ihr galant die Tür aufhielt.

Raquel wollte etwas erwidern, doch das Telefon unterbrach sie.

„Moment, ich will gerade den Anruf entgegennehmen,“ sagte Mark und verschwand hinter dem Tresen. „Nimm doch schon mal platz!“

„Java Web, Mark Wolper am Apparat“ meldete er sich dann. Es war Ben, der auf der anderen Seite der Leitung war. Mark lauschte interessiert, was der Boss ihm mitzuteilen hatte. „Ja, ich verstehe … schade … na, da kann man wohl nichts machen … danke!“ Nachdenklich legte er auf.

„Schlechte Nachrichten?“ fragte Raquel, der Marks Gesichtsausdruck nicht entgangen war.

Er zuckte mit den Schultern. „War nicht wichtig …“ wich er aus. Er stellte die Kaffeemaschine an. „Gut, dass ich sie vorhin schon befüllt habe. Der Kaffee ist gleich fertig.“

Raquel lächelte müde. „Danke, das ist wirklich nett von Dir.“ Sie sah ihn prüfend an. „Ich darf doch „Du“ sagen?“

Mark nickte lächelnd. „Klar doch!“

Raquel strich sich seufzend ihre langen Locken zurück. „Was soll ich denn jetzt bloß tun?“ fragte sie verzweifelt.

„An Deiner Stelle würde ich zur Polizei gehen,“ schlug Mark vor. „Allerdings ist die Chance wohl sehr gering, dass sie den Kerl schnappen.“

Raquel nickte traurig. „Ja, das fürchte ich auch.“ Sie verdrehte die Augen. „Das meine Kleider weg sind kann ich ja noch verschmerzen, aber das ganze Geld, meine Kreditkarte …“ Sie seufzte tief. „Tante Josefa wird nicht gerade davon begeistert sein!“

„Du wohnst bei Deiner Tante?“ fragte Mark neugierig.

Raquel schüttelte den Kopf. „Nein, sie lebt in Mexiko. Hier wohne ich bei Freunden.“

„Aha.“ Mark wollte nicht neugierig erscheinen, deshalb fragte er nicht weiter nach. „Hier, Dein Kaffee.“ Er stellte die Kaffeetasse vor ihr ab.

„Danke.“ Raquel nahm einen Schluck und fühlte gleich, wie es ihr besser ging. Ihr Blick fiel auf den Boden, und sie erschrak. „Meine Schuhe …“ stieß sie hervor. „Ich habe sie in der Eile ganz vergessen!“

Mark sah sie bedauernd an. „Die werden jetzt wohl auch weg sein,“ meinte er. „Du solltest Dir eins merken: Wenn Du am Strand bist solltest Du Deine Sachen immer im Auge haben!“

Seufzend stellte Raquel ihre Kaffeetasse wieder auf dem Tresen ab. „Danke für den Tipp.“ Sie rutschte vom Hocker. „Ich muss los. Vielen Dank für Deine Hilfe!“

„Warte einen Moment!“ Mark kam hinter dem Tresen hervor und versperrte ihr den Weg. „Du suchst nicht zufällig eine Arbeit?“

Raquel sah ihn erstaunt an. „Doch, eigentlich schon. Wieso?“

Marks Gesicht hellte sich auf. „Prima! Hättest Du vielleicht Lust, hier als Bedienung zu arbeiten?“

Verwirrt schaute Raquel ihn an. „Das kommt jetzt etwas plötzlich …“

„Denk darüber nach und melde Dich dann wieder bei mir,“ sagte Mark. Er drückte Raquel ein Kärtchen in die Hand, auf dem Adresse und Telefonnummer standen. „Wäre nett, wenn Du Dich bald entscheiden könntest. Ich brauche hier nämlich dringend Hilfe. Im Moment ist es zwar noch ruhig, aber zu anderen Zeiten ist hier meistens der Bär los.“

Raquel nickte geistesabwesend, während sie auf das Kärtchen starrte. „Ja danke, ich überlege es mir.“ Sie nickte Mark noch einmal zu und verließ dann das „Java Web“.




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:25
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 18


Anwesen der Torres Familie

„Entschuldigen Sie die Störung, Madame Torres, aber gerade wurde per Eilbote ein Brief für sie abgegeben.“ Clara stand in der Tür zum Speisezimmer und war sich nicht sicher, ob sie wirklich eintreten sollte.

Leicht ungehalten durch die Störung winkte Carmen sie heran. „Ich hoffe, es ist wirklich wichtig. Sie wissen ja, dass ich beim Nachmittags-Tee nicht gerne gestört werde.“

Clara atmete hörbar aus. „Natürlich Madame.“ Sie legte den Brief vor Carmen auf den Tisch. „Wenn Sie sonst keine Wünsche mehr haben, werde ich jetzt gehen.“

Carmen machte eine unwirsche Handbewegung, und Clara verließ leise den Raum.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete Carmen den Umschlag. Er trug keinen Absender, also schien es so, als wollte der Schreiber unbekannt bleiben. Mit einem unguten Gefühl im Bauch öffnete sie langsam das Kuvert und zog ein zusammengefaltetes Din-A4-Blatt heraus. Ihr Mund wurde trocken und sie spürte, wie ihr Puls zu rasen begann, als sie erkannte, was sie in ihren Händen hielt. Ihre Finger krampften sich um den Bogen Papier, und sie fühlte sich einer drohenden Ohnmacht nahe, während sie die Zeilen las. Mit fahrigen Händen faltete sie dann das Blatt zusammen und steckte es zurück in den Umschlag, den sie in der Tasche ihres langen Gewandes versteckte. ‚Ich muss hier raus!’ war ihr einziger Gedanke. Nach Luft ringend wankte sie zur Tür und riss sie auf. Der Weg über den Flur bis zur Haustür erschien ihr ewig lang zu sein. Zu lang … Sie spürte einen heftigen Schmerz in ihrem linken Arm, bevor es vor ihren Augen schwarz wurde und sie ohnmächtig zu Boden fiel.

Sunset Beach Police Departement

Ricardo saß vor seinem PC und war gerade dabei, einen wichtigen Bericht für den Chief abzutippen, als das Telefon schellte.

„Warte, ich geh schon ran,“ sagte Victor Ruiz und nahm den Anruf entgegen. Mit gerunzelter Stirn hörte er dem Gesprächsteilnehmer zu, ehe er sich zu Ricardo umwandte.

„Das ist für Dich. Ich leg ihn mal auf Deine Leitung um.“

„Wer ist es denn?“ fragte Ricardo geistesabwesend, während er weiter an seinem Bericht tippte.

„Jemand vom SB Medical Center´,” erwiderte Victor knapp.

Alarmiert hob Ricardo den Kopf. „Okay, ich übernehme den Anruf … Hier Ricardo Torres vom SBPD,“ meldete er sich dann. – Wenige Minuten später legte er schwer atmend auf.

„Du musst eine Weile hier für mich die Stellung halten,“ sagte er knapp.

Victor, dem Ricardos geschockter Gesichtsausdruck nicht entgangen war, sah ihn fragend an. „Was ist denn passiert? Ich hoffe nichts Ernstes?“

Ricardo zerrte an den oberen Knöpfen seines Hemdes. „Das war das Krankenhaus … meine Mutter hatte einen Herzanfall …“
„Oh nein …“ Victor sah Ricardo betroffen an. „Sie ist doch nicht etwa …“ Er wagte es nicht, dass Wort, dass ihm auf den Lippen lag, auszusprechen.

Ricardo schüttelte den Kopf. „Nein, sie lebt, aber ihr Zustand ist ziemlich kritisch …“ Seine Stimme brach und er schlug die Hände vors Gesicht. „Tut mir leid, dass ich Dir die ganze Arbeit überlassen muss, aber …“

„Ist doch klar, dass Deine Familie vorgeht,“ sagte Victor mitfühlend. „Mach Dir nur keine Gedanken um die Arbeit. Ich erledige das schon. Du solltest jetzt bei Deiner Mutter im Krankenhaus sein!“

„Danke, Du bist ein echter Freund!“ Schnell suchte Ricardo seine Sachen zusammen und verließ eilig das Police Departement.

Anwesen der Torres Familie

Als Raquel die Villa betrat fiel ihr gleich auf, dass es im Haus merkwürdig still war. Erstaunt schaute sie auf die Uhr. Normalerweise hatte Ricardo um diese Uhrzeit schon längst Feierabend, und auch Antonio hatte doch erzählt, dass er spätestens zum Abendbrot wieder zuhause sein würde. Wo steckten denn nur alle?

„Hallo? … Ricardo … Antonio …?“ Raquels Stimme hallte von den Wänden des langen Flures wieder, und sie verspürte mit einem Mal eine merkwürdige Unruhe. Als sie keine Antwort erhielt, ging sie zögernd weiter. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich plötzlich auf einen Gegenstand, der auf dem Fußboden lag. Raquel bückte sich und hob ihn auf. Überrascht stellte sie dann fest, dass es sich um ein Briefkuvert handelte. Mit gerunzelter Stirn drehte sie den Umschlag hin und her. „An Carmen Torres“ stand dort in Schreibmaschinenschrift geschrieben und darunter hatte jemand mit einem Edding-Stift „vertraulich“ gekritzelt. Raquel schüttelte verwundert den Kopf. Was machte der Brief denn hier auf dem Fußboden?

„Gott sei dank, Senorita Raquel, dass Sie da sind!“ Clara kam aufgeregt die Treppe herunter.

Erschrocken sah Raquel sie an. „Was ist denn los, Clara?“ Sie hatte das Dienstmädchen noch nie so aufgeregt gesehen.

„Stellen Sie sich vor, Madame Carmen hatte einen Herzanfall!“ sprudelte es aus Clara heraus. „Senior Ricardo und Senior Antonio sind bereits im Krankenhaus.“ Sie sah Raquel mit gerunzelter Stirn an. „Wir haben nach Ihnen gesucht. Wo waren Sie denn?“

„Ich war im Ort und am … Strand …“ erwiderte Raquel knapp. Sie zögerte einen Moment, entschied sich jedoch dann dafür, Clara nichts von dem Überfall zu erzählen. Madame Carmens Gesundheit ging vor.

„In welches Krankenhaus wurde sie eingeliefert?“ fragte sie.

„Ins SB Medical Center.“ Clara rollte theatralisch mit den Augen. „Ich habe gewusst, dass das eines Tages passieren würde. Seit dem Tod des Hausherrn ist sie so verbittert geworden!“

„Was ist denn überhaupt passiert?“ Raquel sah Clara fragend an.

„Ich weiß nichts genaues,“ erwiderte das Hausmädchen. „Ich war gerade in der oberen Etage, als ich ein lautes Poltern hörte. Ich rannte nach unten und da lag sie.“ Clara streckte den Arm aus und wies auf die Stelle, wo Carmen ohnmächtig gelegen hatte.

Raquel starrte fassungslos auf den Fußboden vor sich. „Hier hat sie gelegen?“ vergewisserte sie sich noch einmal, während ihre Hand sich um das Kuvert krampfte. Genau an derselben Stelle hatte auch der Brief gelegen. Nur ein Zufall?

Clara nickte heftig. „Ja, und ich dachte wirklich für einen Moment, dass sie tot wäre.“ Clara zupfte nervös an ihrer Schürze herum. „Ich habe natürlich gleich den Notarzt verständigt.“

„Das haben Sie genau richtig gemacht, Clara,“ lobte Raquel das Dienstmädchen. Sie wies die Treppe hinauf. „Ich werde mir gerade etwas anderes anziehen und dann ins Krankenhaus fahren. Meinen Sie, dass Madame Carmens Chauffeur mich hinfahren kann?“

Clara nickte. „Ich werde alles veranlassen,“ versprach sie.

Raquel war erleichtert, dass Clara sie nicht auf den Brief angesprochen hatte. Es wäre ihr sehr unangenehm gewesen, wenn das Dienstmädchen sie verdächtigen würde, dass sie in Madame Carmen Privatsachen herumzuschnüffeln würde. Nachdem Raquel ihr Zimmer betreten hatte legte sie den Brief auf ihre Kommode. Nachdenklich schaute sie ihn an. Ob der Brief etwas mit Madame Carmens Herzanfall zu tun hatte? Vielleicht hatte sie eine schlechte Nachricht erhalten? Raquel schüttelt über ihre eigenen Gedanken den Kopf, doch die Ungewissheit nagte an ihr. Was stand so furchtbares in diesem Brief, dass es Carmen Torres so aufgeregt hatte, dass sie einen Herzanfall bekam? Sie musste es wissen! Mit zitternden Händen nahm Raquel den Umschlag hoch und klappte vorsichtig die Lasche des Kuverts nach oben. Die Stille im Raum wurde durch das Schellen des Telefons unterbrochen. Erschrocken ließ Raquel das Briefkuvert fallen und schaute hilflos hinterher, wie es unter der Kommode verschwand. Schnell nahm sie den Hörer ab. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie sich meldete. „Ja?“

Erleichterung machte sich bei ihr breit, als sie Ricardos Stimme am anderen Ende der Leitung hörte. „Ich bin gerade erst nach Hause gekommen, erklärte sie ihm. … Clara hat mir erzählt, was geschehen ist … Wie geht es Deiner Mutter? … Es tut mir so leid, Ricardo … Ja, natürlich komme ich sofort … Bis gleich, bye!“ Raquel legte auf und schaute nachdenklich an sich herunter. Zum Umziehen blieb keine Zeit mehr. Sie fischte unter dem Bett ein Paar Sandalen hervor, in die sie hineinschlüpfte. Alles andere musste bis später warten. Bevor sie den Raum verließ, warf sie noch einmal einen Blick zur Kommode hinüber. Sie würde sich später um den Inhalt des Briefes kümmern und vorerst auch niemandem davon erzählen. Raquel verließ ihr Zimmer und rannte eilig die Treppe hinunter.

SB Medical Center/Intensivstation

„Carmen, hörst Du mich?“ Eine sanfte Stimme weckte Carmen aus ihren Träumen. Sie hatte Mühe ihre Augen ganz zu öffnen, denn das grelle Licht, das die junge Frau umgab die vor ihrem Bett kniete, blendete sie.

„Wach bitte auf! Du darfst nicht weiterschlafen.“ Die Stimme wurde eindringlicher.

Carmen hob den Kopf und versuchte die Helligkeit zu durchdringen. Die Stimme der jungen Frau kam ihr seltsam bekannt vor.

„Otilia?!“ stieß Carmen dann ungläubig hervor.

„Ja Carmen, ich bin es,“ sagte die junge Frau lächelnd.

„Aber … aber Du bist doch … tot!“

Otilia lächelte wieder nur. „Ich bin zurückgekommen, um mit Dir zu reden.“

Carmen sah ihre Freundin verwirrt an, nachdem sie sich von ihrem ersten Schreck erholt hatte. „Du weißt, was geschehen ist?“

Otilia nickte. „Du meinst den Brief? … Ja, ich weiß was dort drin steht.“ Sie streckte ihre Hand aus und strich sanft über Carmens Haar. „Wir haben uns geschworen, unser Geheimnis mit ins Grab zu nehmen, und ich für meinen Teil habe diesen Schwur auch erfüllt. Doch mein ganzes Leben lang hat es mich belastet, und selbst jetzt finde ich keinen Frieden …“ Sie senkte den Kopf. „Ich fühle mich mitschuldig an dem, was geschehen ist.“

„Was soll ich nur tun?“ rief Carmen verzweifelt aus. „Diese Alpträume Nacht für Nacht, diese Schuldgefühle … Ich halte das einfach nicht mehr aus!“

Otilia sah Carmen mitfühlend an. „Es ist noch nicht zu spät,“ sagte sie. „Es ist niemals zu spät umzukehren. Sag Ihnen die Wahrheit!“

Carmen schüttelte den Kopf. „Nein! Sie würden es nicht verstehen, und sie … würden mich für das hassen, was ich getan habe.“

Otilia stand auf. Mit einem traurigen Gesichtsausdruck sah sie Carmen an. „Ich muss gehen! Mein Leben ist zu Ende, aber Du wirst weiterleben! Denk daran, was ich Dir gesagt habe: Es ist niemals zu spät umzukehren! – Lebe wohl!“

Carmen kniff die Augen zusammen, als Otilias Gestalt sich in einem feinen weißen Nebel auflöste. „Nein, warte!“ schrie Carmen verzweifelt, doch Otilia hatte den Raum bereits verlassen. Stattdessen hörte Carmen eine andere Stimme.

„Ich glaube, sie wird wach.“

Seabreeze Hotel – Rezeption

„Sie wollen schon abreisen?“ Bedauernd sah Pete, der Portier, Clayton an. „War etwas nicht in Ordnung? Haben Sie vielleicht Beanstandungen?“

Clayton schüttelte den Kopf. „Nein, nichts dergleichen. Es hat mir hier sehr gut gefallen, und ich war mit ihrem Service außerordentlich zufrieden. Es sind persönliche Gründe, weshalb ich wieder abreisen muss.“

„Ich verstehe.“ Pete händigte Clayton die Rechnung aus. „Und wann genau geht Ihr Flieger?“

„Morgen früh,“ sagte Clayton knapp, während er die Rechnung quittierte und seine Brieftasche hervorzog. „Ich werde sehr früh das Hotel verlassen, deshalb möchte ich auch heute schon bezahlen.“

Pete nickte. „In Ordnung, das ist kein Problem. Soll ich Ihnen vielleicht schon einmal vorab ein Taxi für morgen bestellen?“

Clayton nickte. „Danke, das wäre sehr nett. Sagen Sie dem Fahrer, dass er so gegen 6.30 Uhr hier sein sollte. Um 7 Uhr muss ich einchecken.“

Pete zählte das Geld nach, dass Clayton ihm auf den Tresen gelegt hatte und nickte. „Wird erledigt. Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen letzten Abend in Sunset Beach,“ rief er Clayton hinterher, bevor dieser im Aufzug verschwand.

In seinem Zimmer angekommen begann Clayton gleich damit, seine Sachen zusammen zu packen. Während er die Kleidung auf dem Bett ausbreitete, kamen Erinnerungen hoch, wie leidenschaftlich er und Raquel sich dort geliebt hatten. Er hätte schwören können, dass sie ihn in diesem Moment genauso gewollt hatte wie er, doch ihre Äußerung danach war für ihn wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Es war für ihn immer noch unfassbar, dass er sie tatsächlich für immer verloren hatte! Alle Hoffnungen und Sehnsüchte waren von einem Moment zum anderen zerstört worden. Und obwohl er schwer an dieser Last trug war er klug genug zu begreifen, dass er gehen musste. Wenn sie wirklich füreinander bestimmt waren, würde das Schicksal einen Weg finden. Clayton hielt einen Moment inne und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Wer hatte das gesagt? Richtig – Otilia Mendez hatte ihm diesen weisen Rat gegeben, als Raquel so plötzlich mit ihm Schluss gemacht hatte. Anscheinend hatte das Schicksal doch andere Pläne, dachte er seufzend, während er den Reißverschluss seiner Tasche hochzog. Schon morgen würde er wieder zuhause sein, in seinem Appartement in Mexiko und Raquel viele Hunderte Meilen von ihm entfernt. Als erstes würde er wohl damit beginnen, alle Erinnerungen an sie zu verbannen, und am besten wäre es wohl, gleich damit anzufangen … Clayton nahm seine Brieftasche und verließ eilig die Hotelsuite.

SB Medical Center – Intensivstation

Langsam schlug Carmen die Augen auf. Ihr Blick war noch ziemlich verschwommen, und sie konnte nur schemenhaft die Menschen erkennen, die an ihrem Bett saßen und Wache hielten.

„Misses Torres? Können Sie mich verstehen? Ich bin Dr. Brook, Ihr behandelnder Arzt. Sie hatten eine Herzattacke und befinden sich derzeit im SB Medical Center auf der Intensivstation.“

Dr. Brook wandte sich an die wartenden Besucher. „Nur 5 Minuten, meine Herren. Ich will nicht, dass Ihre Mutter sich überanstrengt.“

Ricardo nickte, während er Antonio einen sorgenvollen Blick zuwarf. „Natürlich, Doktor.“ Er griff nach Carmens Hand und drückte sie leicht. „Mama, was machst Du nur für Sachen …“ Hilflos brach er ab. Seine Mutter in diesem Zustand zu sehen, verkabelt am Herzmonitor und mit Schläuchen in Nase und Armvenen, war mehr als er ertragen konnte. Erinnerungen an den Tod seines Vaters kamen wieder hoch, und mühsam unterdrückte er ein Schluchzen.

Sanft zog Antonio ihn vom Bett weg. „Ist schon okay, Ricardo,“ tröstete er seinen Bruder. Dann wandte er sich seiner Mutter zu. „Wir sind bei Dir, Mama. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Wir werden bei Dir bleiben, solange Du uns brauchst.“

Ricardo sah seinen Bruder dankbar an. Antonio fand immer genau die passenden Worte im richtigen Augenblick. Langsam ging er zu Carmens Bett hinüber und strich ihr leicht über die Wange.

Antonio erkannte, welche Mühe es Ricardo kostete, die Fassung zu bewahren. „Geh ein bisschen an die frische Luft. Ich komme gleich nach.“

Erleichtert verließ Ricardo das Krankenzimmer. Als Polizist war er sicher einiges gewohnt, aber die eigene Mutter sterben zu sehen, war mit nichts zu vergleichen.

„Ricardo?“

Erschrocken drehte er sich um und schaute geradewegs in Raquels verängstigte Augen. Wortlos nahm er sie in den Arm und hielt sich, wie an einem Rettungsanker, an ihr fest.

Gedankenverloren strich Raquel über seinen Rücken. „Es tut mir alles so leid,“ stammelte sie, als wenn sie persönlich für das Schicksal Carmens verantwortlich wäre. „Wie geht es Deiner Mutter?“

Ricardo rückte etwas von Raquel ab und sah sie an. „Nicht sehr gut. Ihr behandelnder Arzt meint, dass sie die kritische Phase noch nicht überwunden hätte.“

„Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte,“ sagte Raquel leise. Obwohl sie Carmen nicht so besonders mochte erschreckte sie der Gedanke, dass sie vielleicht sterben könnte. „Kann ich irgendwas tun?“

Ricardo schüttelte den Kopf. „Wir können jetzt nur alle abwarten und beten.“ Stöhnend ließ er sich auf einen Stuhl fallen. „Es ist noch gar nicht so lange her, da saßen Antonio, Maria und ich auch hier und warteten …“

„Du redest von Deinem Vater?“ Mitfühlend drückte Raquel Ricardos Hand.

Er nickte. „Ja, und damals gab es keine Rettung mehr. Sein Herz war einfach zu schwach.“

„Ich werde für Deine Mutter beten,“ versprach Raquel.

Ricardo drückte ihre Hand. “Danke!“ Er sah sie prüfend an. „Du solltest jetzt besser wieder nach Hause fahren,“ sagte er. „Hier kannst Du doch nichts tun. Antonio und ich werden noch eine Weile bleiben. Außerdem ist es schon spät.“ Er schaute aus dem Fenster.

Raquel nickte. „Ja, ich habe Eurem Chauffeur gesagt, dass er unten auf mich warten soll. Ich wollte auch nur schauen, wie es Deiner Mutter geht … und natürlich auch Dir,“ fügte sie hinzu.

Ricardo lächelte schwach. „Danke, es geht schon. Ich werde erst wieder ruhig schlafen können, wenn ich weiß, dass es Mama besser geht.“

Raquel sah ihn traurig an. „Ich weiß, was Du meinst,“ sagte sie leise. Sie riss sich zusammen, weil sie Ricardos Schmerz nicht noch vertiefen wollte. „Ich gehe dann mal. Wenn Du mich brauchen solltest weißt Du ja, wo ich bin.“

Raquel verließ das Krankenhaus und ging zu der Limousine hinüber, wo Carmens Chauffeur schon auf sie wartete. „Würden Sie mir einen Gefallen tun?“ fragte sie.

Der Chauffeur nickte.

„Ich möchte noch ein bisschen Luft schnappen. Würden Sie mich zum Pier bringen?“

Der Chauffeur sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Wie Sie meinen, Miss, aber es ist schon dunkel und ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, wenn Ihnen etwas passiert.“

„Ich bin volljährig, Senior!“ rutschte es Raquel raus. „Entschuldigend sah sie ihn dann an. „Tut mir leid. Wissen Sie, ich kann jetzt noch nicht schlafen. Ich muss die Ereignisse des Tages noch ein wenig verarbeiten.“ Flehend sah sie ihn an. „Bitte!“

Seufzend startete der Chauffeur den Wagen, wendete und schlug den Weg Richtung Strand ein.

Seabreeze – in Gabis Zimmer

Nachdenklich legte sie den Telefonhörer beiseite und schaute aus dem Fenster. Es war irgendwie merkwürdig, dass sie den ganzen Tag gar nichts von Ricardo gehört hatte, zumal er ihr versprochen hatte, dass er sich sofort melden würde, wenn er mit seiner Mutter über den Einzug im Gartenhaus gesprochen hätte. Noch viel merkwürdiger fand sie jedoch, dass sie niemanden in der Villa erreichen konnte und auch die Kollegen im Polizeirevier ihr auf die Frage, wo er sich aufhielt nur ausweichend mit „Ich weiß nur, dass er heute früher Feierabend gemacht hat“ geantwortet hatten. Ricardo schien sich schlicht und einfach in Luft aufgelöst zu haben! Gabi betrat das angrenzende Badezimmer und schlüpfte aus ihren Sachen. Sie betrat die Dusche und drehte gerade das Wasser an, als sie aus dem Nebenraum das Klingeln des Telefons hörte.

So schnell sie konnte wickelte sie sich ein Handtuch um den Körper und stürzte aus dem Badezimmer.

„Ja?“

„Gabi? Hier ist Ricardo.“

Erleichterung machte sich bei ihr breit, als sie seine Stimme hörte. „Wo steckst Du denn? Ich habe schon den ganzen Tag versucht, Dich zu erreichen,“ sagte sie vorwurfsvoll.

Für einen Moment hörte sie nur sein schweres Atmen. „Ich rufe aus dem Medical Center an. Meine Mutter hatte heute Vormittag einen Herzanfall.“

„Oh nein …“ Gabi war tief betroffen von dieser Nachricht. „Wie geht es ihr jetzt?“

„Sie liegt noch auf der Intensivstation und ist unter ständiger Beobachtung. Die Ärzte wissen noch nicht, was diesen Anfall ausgelöst haben könnte.“

„Das ist ja furchtbar! Soll ich ins Krankenhaus kommen?“ bot Gabi ihre Hilfe an.

„Nein, das ist wirklich nicht nötig. Ich wollte nur, dass Du Bescheid weißt. Ich melde mich, sobald ich was Neues weiß.“

„Geht es Dir gut?“ Gabi erinnerte sich, was Ricardo ihr über den Tod seines Vaters erzählt hatte, und sie ahnte, unter was für einen Druck er jetzt stand.

„Danke, ich komme schon klar. Antonio ist bei mir. Ich melde mich, okay?“

„Okay … bye.“ Gabi hörte, wie es in der Leitung klickte. Ricardo hatte aufgelegt.

Seufzend ging Gabi zurück ins Badezimmer und betrat wieder die Dusche. Sie wäre jetzt gerne bei ihm gewesen und hätte ihn getröstet, doch sie verstand auch, dass er in diesem Moment gerne alleine sein wollte. Er war ja auch gar nicht ganz alleine, fiel ihr dann plötzlich ein. Sein Bruder war ja auch dort. Mit diesem beruhigenden Gefühl drehte sie die Dusche auf und ließ sich das warme Wasser über den Körper laufen.

Am Strand

Tief sog Raquel den kühlen Abendwind ein, der vom Meer her zu ihr herüberwehte. Sie war froh, noch ein wenig alleine sein zu können. Nach Sonnenuntergang war der Strand nun fast menschenleer, und man konnte nur noch das Geräusch der Brandung hören. Raquel zog fröstelnd die Schultern hoch. Ihr war nicht bewusst gewesen, wie kühl es werden konnte, wenn die Sonnenstrahlen nicht mehr auf die Erde fielen. Auf der Seebrücke waren die Laternen an und warfen lange Schatten auf den Strandabschnitt. Raquel sah ein Pärchen, dass eng umschlungen unter einem der Brückenpfeiler stand und musste unwillkürlich lächeln. Sie wollte gerade weitergehen, als eine Gestalt in Ufernähe ihre Aufmerksamkeit erregte. Langsam ging sie auf die Person zu, die ihren Rücken zu ihr gewand hatte und anscheinend völlig vertieft zu sein schien.

„Clay?“ Raquel berührte ihn vorsichtig an der Schulter, doch diese unvorsichtige Handlung sollte sie bald bereuen. Blitzschnell hatte er sich umgedreht, und Raquel fühlte nur noch, wie sich seine Arme wie Schraubstöcke um ihren schlanken Körper legten und sie zu Boden warfen. Mit beiden Händen umfasste er ihre Handgelenke und drückte sie in den weichen Sand, damit sie nicht fliehen konnte.

„Lass … mich ... los,“ ächzte sie schwer atmend.

Erschrocken ließ Clayton von ihr ab, als er erkannte, wen er überwältigt hatte. „Mein Gott … Raquel? Bist Du das?“

Sie rappelte sich hoch und wischte sich den Sand von den Kleidern. „Ja,“ knurrte sie,“ wer sonst!“

Sie hörte, wie er leise lachte. „Entschuldige, aber ich dachte, Du wärst ein Dieb oder so.“

„Ich glaube, Du hast überhaupt nicht gedacht!“ sagte Raquel wütend. „Sie rieb sich ihr schmerzendes Handgelenk. „Du hättest mich beinahe umgebracht! Hast Du nicht gehört, dass ich Deinen Namen gerufen habe?“

„Nein.“ Clayton machte eine weit ausholende Bewegung. „Was tust Du hier?“

„Das wollte ich Dich auch gerade fragen.“ Raquel sah ihn neugierig an.

„Ich wollte Dir ein würdiges Begräbnis bereiten,“ erwiderte er schmunzelnd.

Raquel sah ihn verwirrt an. „Wie bitte?“

Grinsend zog Clayton seine Brieftasche hervor und zog Raquels Bild aus einer Seitentasche. „Hier.“ Er hielt ihr das Bild unter die Nase. „Ich wollte es im Meer versenken, aber nun bist Du mir zuvor gekommen.“

Raquel sah in verständnislos an. „Du spinnst total, Clayton Crosby!“ entfuhr es ihr. „Man könnte denken, dass Du nicht 28 sondern 18 bist!“

„Der Zweck heiligt die Mittel.“ Nachdenklich sah er Raquel an. „Und was machst Du hier?“

„Blöde Frage. Ich wollte mir den Sonnenuntergang ansehen.“

Clayton sah sie skeptisch von der Seite an. „Tatsächlich? Dann hast Du ihn um …“ er schaute auf seine Uhr, „knapp 3 Stunden verpasst.“

„Ich muss mich doch vor Dir nicht rechtfertigen, wann und wohin ich gehe!“ begehrte Raquel auf. Es nervte sie, dass er immer jeden ihrer Schritte kontrollieren wollte.

„Okay.“ Clayton hob beide Arme. „Waffenstillstand, nur für heute, ja?“

Raquel nickte. „In Ordnung,“ gab sie nach.

„Ist Dir kalt?“ Clayton war nicht entgangen, dass Raquel leicht zitterte.

„Nein!“ Das Wort war heraus, bevor Raquel überhaupt darüber nachgedacht hatte.

Erleichtert stellte sie fest, dass er es anscheinend dabei beließ. Tapfer presste sie ihre Zähne aufeinander. Seitdem die Sonne weg war, war es wirklich sehr schattig geworden.

„Kann ich Dich vielleicht nach Hause begleiten oder irgendwo anders hin?“ bot er sich an.

Raquel schüttelte störrisch den Kopf. „Nicht nötig, es nicht sehr weit bis …“ Sie schluckte, bevor sie das Wort aussprach. „… zuhause.“

Clayton nickte. „Dann trennen sich jetzt also hier endgültig unsere Wege,“ sagte er leise.

Raquel sah ihn erstaunt an. „Wovon redest Du?“ Irgendetwas im Tonfall seiner Stimme beunruhigte sie.

„Ich werde Sunset Beach verlassen und nach Mexiko zurückgehen,“ sagte er knapp. „Morgen früh geht mein Flieger.“

Erschrocken sah Raquel ihn an. „Du verlässt Sunset Beach?“

„Ja, das wolltest Du doch, oder etwa nicht?“ Prüfend sah er sie an.

Raquel senkte schnell den Kopf, damit er nicht sehen konnte, wie sehr sie seine Mitteilung schockte. „Ich habe nicht gesagt, dass Du Sunset Beach verlassen sollst, ich habe nur gesagt, dass ich möchte, dass Du mich in Ruhe lässt,“ verteidigte sie sich.

Clayton schüttelte den Kopf. „Wenn Du glaubst, dass das funktioniert, bist Du noch naiver als ich dachte,“ erwiderte er.

Raquel hob den Kopf und sah ihn an. Sie wusste, dass er recht hatte, aber der Gedanke, für immer von ihm Abschied zu nehmen, hob ihre Stimmung nicht gerade.

„So, und nun ziehst Du meine Jacke über und ich bringe Dich nach Hause!“ sagte Clayton energisch.

Überrascht sah sie ihn an. Nur einen winzigen Moment überlegte sie, ob sie dagegen protestieren sollte, doch sie fühlte sich auf einmal wirklich sehr müde und wollte nur noch nach Hause.

Okay, danke.“ Sie nahm seine Jacke und schlüpfte hinein.

„Alles in Ordnung?“ Besorgt sah Clayton Raquel an. Irgendwie hatte er mit heftigen Widerstand von ihr gerechnet. Das sie plötzlich ihre Krallen einzog, überraschte ihn.

Raquel wies mit dem Finger in die Dunkelheit hinein. „Ich glaube, diese Richtung müssen wir gehen.“

Mit gerunzelter Stirn sah er sie an. „Du glaubst? Weißt Du es denn nicht?“

Müde schüttelte Raquel den Kopf. In der Dunkelheit sah der Strand in jeder Richtung gleich aus.

„Ich mache Dir einen Vorschlag. Du bleibst die Nacht über bei mir im Hotel, und morgen bringe ich Dich nach Hause, einverstanden?“ schlug Clayton vor.

Raquel nickte müde. „Das ist wohl das vernünftigste,“ stimmte sie seinem Vorschlag zu.

„Du bist wirklich einverstanden?“ vergewisserte er sich noch mal.

Raquel nickte wieder. Der Gedanke, die Nacht alleine in der Torres-Villa verbringen zu müssen behagte ihr nicht sonderlich. Zumindest wäre sie die Nacht nicht alleine.

„Dann lass uns gehen.“ Clayton ergriff Raquels Hand, und gemeinsam verließen sie den Strand.







"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF


Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, zuletzt von Mona am 11.05.2017 - 17:28.
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:26
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 19


Seabreeze Hotel – in Claytons Suite

Ein Geräusch ließ Raquel aus ihrem Schlaf hochfahren, und während sie sich schlaftrunken aufsetzte, versuchte sie sich zu erinnern, wie sie hierher gekommen war. Es war bereits nach Mitternacht gewesen, als Clayton und sie im Hotel angekommen waren. Er hatte ihr freundlicherweise sein Bett überlassen und sich selber auf dem Sofa einen Schlafplatz hergerichtet. Raquel war zu müde gewesen, um zu protestieren, aber sie rechnete es ihm hoch an, dass er ihre Situation nicht ausgenutzt hatte.

„Habe ich Dich aufgeweckt?“ Clayton hob den Wecker auf, der ihm gerade aus den Händen geglitten war und stellte ihn zurück auf den Nachttisch. „Das wollte ich nicht.“

„Was ist denn passiert?“ Gähnend streckte sie sich.

„Als ich einen Blick auf den Wecker warf fiel er mir vor Schreck aus der Hand,“ beantwortete er ihre Frage.

Irritiert sah sie ihn an.

„Um 7 Uhr sollte ich eigentlich im Flugzeug nach Guadalajara sitzen,“ erklärte er ihr, während er säuerlich das Gesicht verzog.

Raquel warf einen Blick auf den Wecker und erstarrte. „Mein Gott, es ist ja schon kurz vor 9! Warum hast Du mich denn nicht eher geweckt?“ fragte sie vorwurfsvoll.

„Weil ich auch erst gerade wach geworden bin. Verdammt …“

Raquel warf die Decke zurück und schwang ihre Beine über den Bettenrand. „Das tut mir leid,“ sagte sie aufrichtig. „Es ist alles meine Schuld!“

Clayton schüttelte den Kopf. „Unsinn! Ich hätte ja wissen müssen, auf was ich mich einlasse, wenn ich Dich mitnehme.“

„Und da Du noch nie einer schönen Frau in Not etwas abschlagen konntest, sitzt Du nun in der Patsche.“

„Gut gesagt.“ Clayton griff grinsend nach seinem Bademantel. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Dann werde ich eben einen späteren Flieger nehmen.“ Er wies zum Badezimmer hinüber. „Ich werde mich dann mal anziehen gehen.“

Raquel nickte. Sie ging zum Fenster hinüber und öffnete es. Die ersten Strahlen der Morgensonne schienen ihr ins Gesicht, und sie schloss die Augen. Sie hatte schon lange nicht mehr so gut geschlafen, und sie fühlte einen Tatendrang in sich, den sie in der ganzen Zeit, die sie in Sunset Beach war, noch nicht verspürt hatte. Erschrocken drehte sie sich um, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

„Raquel?“ Clayton stand vor ihr und machte eine einladende Handbewegung Richtung Badezimmer. „Du kannst Dich jetzt fertig machen. Ich gehe in der Zwischenzeit mal runter zur Rezeption und kläre einige Dinge ab. Danach bringe ich Dich dann nach Hause, einverstanden?“

Raquel lächelte ihn dankbar an. „Einverstanden.“ Sie nahm ihre Kleider von einem Stuhl neben dem Bett und ging damit an ihm vorbei ins Badezimmer.

SB Medical Center

Müde rieb Ricardo sich die Augen. Er hatte die ganze Nacht auf einem Stuhl sitzend am Bett seiner Mutter verbracht und fühlte jeden Muskel in seinem Körper. Erleichtert hörte er das gleichmäßige Piepen des Herzmonitors. Seine Mutter war also noch am Leben. Er richtete sich auf, als eine Schwester den Raum betrat. Sie ging zu Carmens Bett hinüber und wechselte die Infusionsflaschen aus.

„Sie sollten sich zuhause etwas ausruhen, Mister Torres,“ sagte sie. „Dr. Brook schaut nachher nach ihrer Mutter, und ansonsten ist sie hier medizinisch in den besten Händen.“

Trotzig schüttelte Ricardo den Kopf. „Ich möchte hier sein, wenn sie aufwacht.“

Die Schwester schüttelte den Kopf. „Es nützt Ihrer Mutter nichts, wenn Sie auch noch krank werden. Seien Sie vernünftig! Wir benachrichtigen Sie sofort, wenn sich ihr Gesundheitszustand ändern sollte.“

„Haben Sie meinen Bruder gesehen?“

Die Schwester schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid. Meine Schicht fing allerdings auch erst vorhin an. Möglicherweise ist er schon nach Hause gefahren.“

Ricardo erhob sich und stöhnte leise, als er versuchte sich aufzurichten. „Danke, Schwester. Sie haben recht. Ich werde nach Hause fahren und mich frisch machen.“

Die Schwester lächelte. „Dr. Brook ruft Sie nach der Visite sofort an,“ versprach sie.

Ricardo nickte. Er ging zu Carmen hinüber und beugte sich über sie. „Bis später, Mama!“ Nach einem letzten Blick auf die Schlafende verließ er den Raum.

Anwesen der Torres Familie

„Was soll das heißen, dass sie die Nacht über nicht hier war?“ Fassungslos schaute Antonio Clara an, nachdem er gerade von ihr erfahren hatte, dass Raquel die letzte Nacht nicht in ihrem Bett verbracht hatte.

„Ich kann Ihnen auch nichts Genaueres sagen, Senior.“ Nervös knete Clara ihre Hände. „Sie wollte wohl noch etwas am Strand spazieren gehen.“

„Wer sagt das?“ Antonio sah sie streng an.

„Ich hatte Felipe gebeten, sie ins Krankenhaus zu chauffieren, und als er dann wieder kam, ohne Seniorita Raquel, habe ich ihn gefragt, wo sie wäre. Das war seine Antwort.“ Sie seufzte tief. „Ich habe ihm gleich gesagt, dass das Ärger geben würde.“

Antonio hatte Clara kopfschüttelnd zugehört. Da war man mal für ein paar Stunden außer Haus, und schon ging alles drunter und drüber!

„Es ist nicht Ihre Schuld, Clara. Sie können jetzt wieder zurück an Ihre Arbeit gehen. Ich werde mir Felipe später vorknöpfen. Jetzt muss ich Seniorita Raquel suchen.“

Angestrengt überlegte Antonio, wo er nach ihr suchen sollte. Er wollte Ricardo nicht damit belästigen, denn er hatte schon Stress genug. Seufzend griff er wieder nach den Autoschlüsseln. Er war zwar erst gerade heim gekommen und hatte vorgehabt, sich nach der langen Nacht etwas auszuruhen, doch die Suche nach Raquel hatte absolute Priorität. Er wollte gerade die Tür öffnen und das Haus verlassen, als er hörte, wie jemand von außen einen Schlüssel ins Türschloss steckte.

Erleichtert stellte er dann fest, dass Raquel anscheinend alleine den Weg nach Hause zurück gefunden hatte. Doch bei genauerem Hinsehen erkannte er, dass sie nicht alleine gekommen war.

„Sag jetzt bitte nichts!“ flehte Raquel, bevor Antonio überhaupt einen Satz hervorbringen konnte. „Ich weiß, dass ich mal wieder einen dummen Fehler begangen habe, aber ich war gestern so durcheinander, dass ich nicht klar denken konnte!“ Sie sah ihn mit einem unschuldigen Blick an.

Antonio verzog das Gesicht. „Das klären wir später.“ Sein Blick wanderte zu Clayton hinüber. „Möchtest Du uns nicht vorstellen?“

„Oh … ja … natürlich.“ Raquel räusperte sich nervös. „Antonio, das ist … Mister Crosby, Mister Crosby, das ist Antonio Torres,“ sagte sie förmlich.

Die Männer beäugten sich misstrauisch, während Raquel von einem zum anderen schaute.

„Clay … ich meine Mister Crosby war so freundlich, mich nach Hause zu bringen,“ stotterte sie.

Antonios Gesichtsausdruck ließ nicht erkennen, was er dachte, doch Raquel spürte eine gewisse Feindseligkeit.

„Vielen Dank für ihre Mühe,“ sagte er knapp und nickte Clayton zu.

Dieser fühlte sich unter den Blicken von Raquels neuem Freund alles andere als wohl. „Gern geschehen … Ich werde mich dann mal verabschieden,“ sagte er und lächelte nervös.

Unter Antonios prüfendem Blick streckte Raquel ihm die Hand entgegen. „Noch mal vielen Dank für alles,“ sagte sie. Sie vermied es dabei, Clayton direkt in die Augen zu schauen. Antonio sollte ruhig weiter denken, dass er nur eine Zufallsbekanntschaft war.

„Mister Torres …“ Clayton nickte Antonio noch einmal zu, bevor er sich umdrehte und den Weg zurückging.

Antonio zog Raquel in den Flur hinein und sah sie mit einem scharfen Blick an. „Woher kennst Du den Mann?“ Er war im Grunde genommen kein misstrauischer Mensch, aber irgendetwas an diesem Mann irritierte ihn.

Nervös verschränkte Raquel ihre Hände ineinander. Angestrengt überlegte sie, was sie Antonio erzählen könnte. „Wir haben uns im Java Web kennen gelernt,“ begann sie dann zögernd. „Er hat mir einen Kaffee spendiert und mir dann angeboten, mich nach Hause zu bringen.“

Antonio kniff die Augen zusammen. „Okay, und wo warst Du letzte Nacht?“ bohrte er weiter.

Raquel schluckte. Sie fragte sich, wie lange sie diesem Verhör noch standhalten konnte, aber da sie nun schon einmal angefangen hatte zu lügen musste sie auch weiter machen. „Ich war die ganze Zeit am Strand und habe nachgedacht,“ sagte sie.

„Die ganze Nacht?“ Antonio zog skeptisch die Stirn kraus.

Raquel nickte. „Die Vorstellung, alleine in dem großen Haus zu bleiben machte mir einfach Angst. Kannst Du das nicht verstehen?“

Antonio schüttelte den Kopf. „Und da hast Du es vorgezogen am Strand zu übernachten und es riskiert, überfallen und ausgeraubt oder gar vergewaltigt zu werden!“ meinte er trocken.

Raquel zuckte leicht zusammen. Sie erinnerte sich plötzlich an den Vorfall vom Vortag. Auch etwas, was sie irgendwann beichten musste. „Ich habe nicht gewusst, dass es so gefährlich ist am Strand zu übernachten,“ sagte sie kleinlaut.

„Falls Du es noch nicht wusstest: Es ist sogar polizeilich verboten! Wenn man da nicht aufpasst landet man schneller im Gefängnis als einem lieb ist. Einmal davon abgesehen, dass es sehr unvernünftig ist, sich nach Sonnenuntergang alleine am Strand herumzutreiben!“ Vorwurfsvoll sah er sie an.

Raquel verschränkte beide Arme vor dem Körper und lächelte schwach. „Ich werde es mir merken.“ Sie ignorierte Antonios letzte Bemerkung. Sie wusste, dass er sich nur Sorgen machte und deshalb so hart mit ihr ins Gericht ging.

„Okay.“ Antonio lächelte versöhnlich. „Wenn Du mir versprichst, dass Du in Zukunft ständig ein Handy mit Dir herumträgst, lasse ich die Sache auf sich beruhen. Hier!“ Er drückte Raquel sein Handy in die Hand.

Überrascht sah sie ihn an. „Für mich?“

Antonio nickte. „Damit so etwas wie heute nicht wieder passiert.“

„Wie geht es Deiner Mutter?“ Raquel war froh, das Thema wechseln zu können.

„Unverändert. Ricardo ist noch im Krankenhaus. Er wollte mich anrufen, wenn es etwas Neues gibt.“

„War Ricardo die ganze Nacht im Krankenhaus?“ fragte sie neugierig.

„Keine Bange, ich werde meinem Bruder nichts von Deinem kleinen Ausflug erzählen,“ sagte Antonio schmunzelnd.

Erleichtert atmete Raquel auf. „Danke, Du hast was gut bei mir. Ich gehe jetzt auf mein Zimmer.“ Ohne Antonios Reaktion abzuwarten drehte sie sich um und rannte die Treppe hinauf.

Während Antonio Raquel nachdenklich hinterher sah, riss ein Klopfen an der Tür ihn aus seinen Gedanken. Wer konnte das nun wieder sein? Er zögerte einen Moment, bevor er zur Tür ging und sie öffnete.

„Entschuldigen Sie die Störung. Ich möchte zu Ricardo Torres. Bin ich hier richtig?“

Antonio war zu überrascht, um reagieren zu können, und so starrte er die junge Frau nur an, die vor ihm auf der Türschwelle stand. Wie oft hatte er diese rehbraunen Augen in seiner Fantasie vor sich gesehen, und wie oft hatte er sich vorgestellt, über dieses seidig glänzende Haar zu streichen. Nun stand sie vor ihm - wirklich und leibhaftig, und er brachte keinen Ton heraus.

„Ricardo Torres … Wohnt der hier?“ wiederholte die junge Frau ihre Frage.

Antonio fuhr sich über die Augen, als ob er aus einem Traum erwacht wäre. „Ja … ja …“ stammelte er nur.

Die junge Frau lächelte ihn an und streckte ihm die Hand entgegen. „Hallo, ich bin Gabriella Martinez.“ Prüfend sah sie ihn an. „Kennen wir uns nicht vom Strand?“

Antonio nickte mechanisch. Irgendwie fiel ihm so gar nichts ein, was er ihr sagen konnte. „Antonio Torres, ich bin Ricardos Bruder,“ brachte er dann schließlich hervor.

Gabi nickte. „Das habe ich mir beinahe gedacht. Ricardo hat mir schon viel über Sie erzählt. Wie geht es Ihrer Freundin?“ wechselte sie dann abrupt das Thema.

Antonio sah sie verwirrt an. „Meine was?“

„Ihre Freundin,“ wiederholte sie. „Das Mädchen mit den langen roten Haaren,“ versuchte sie ihm auf die Sprünge zu helfen.

„Oh, Sie meinen Raquel?“ Antonio lächelte gezwungen. „Es geht ihr gut.“

„Schön.“ Gabi erwiderte das Lächeln. Verlegen sah sie ihn an. „Es tut mir leid, dass ich so unangemeldet hier hereinplatze, aber im Krankenhaus sagte man mir, dass Ricardo auf dem Weg nach Hause wäre. Könnten Sie ihm ausrichten, dass ich hier war?“ Bittend sah sie Antonio an. „Er möchte mich anrufen. Die Nummer hat er.“

„Ja … natürlich, ich richte es ihm aus, oder …“ Antonio räusperte sich,“ … vielleicht möchten Sie hier auf ihn warten?“

Gabi lächelte wieder, und Antonio fühlte einen Stich in seiner Brust. Das war also Ricardos Freundin! Wie oft hatte sein Bruder in den letzten Tagen von ihr geredet, ohne dass Antonio eine Ahnung gehabt hatte, dass er von der Frau sprach, die auch sein Herz begehrte.

Erschrocken über seine eigenen Gedanken, öffnete er hastig die Tür. „Fühlen Sie sich ganz wie zuhause!“ Er ließ Gabi eintreten und führte sie in die Bibliothek.

Neugierig schaute sie sich um. „Es ist wirklich sehr geschmackvoll eingerichtet.“

Antonio lächelte gezwungen. „Finden Sie?“ Er machte eine Geste, dass sie platz nehmen sollte.

„Danke.“ Gabi nahm auf dem breiten Sofa platz und schlug ihre Beine übereinander. „Das ist ja wirklich ein witziger Zufall, dass wir uns hier wieder sehen. Als wir uns am Strand trafen hatte ich ja keine Ahnung, dass sie Ricardos Bruder sind,“ sagte sie schmunzelnd.

„Ja, das ist wirklich ein witziger Zufall,“ stimmte Antonio zu. Er fühlte sich in seiner Haut nicht sehr wohl, zumal er nicht genau wusste, wie er sich Gabi gegenüber verhalten sollte. Da saß sie nun, die Frau, bei deren Anblick sein Herz schneller schlug, und er wusste, dass sie seinem Bruder gehörte …

„Würde Sie mich bitte entschuldigen? Ich habe noch sehr viel zu tun, bevor ich wieder zurück ins Krankenhaus fahre,“ sagte er leise. „Wenn Sie einen Wunsch haben, klingeln Sie einfach nach Clara, unserem Dienstmädchen.“

Gabi nickte. „Danke, das werde ich machen.“

Erleichtert verließ Antonio die Bibliothek. Gabis Nähe machte ihn nervös, und er wagte gar nicht daran zu denken, wie es erst sein würde, wenn sie erst im Gartenhaus eingezogen war! Seufzend stieg er die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.

„Gabi?“ Überrascht sie zu sehen, ging Ricardo ein paar Schritte auf sie zu und schloss sie dann in seine Arme. „Ich konnte es kaum glauben, als Antonio mir sagte, dass Du hier auf mich warten würdest.

„Ich konnte es im Hotel einfach nicht mehr aushalten. Ich habe mir Sorgen gemacht. Du hattest gestern am Telefon so traurig geklungen. Ich wollte einfach bei Dir sein,“ sagte sie leise, während sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte.

Ricardo zog sie enger an sich, während er sanft über ihr Haar strich. „Ich liebe Dich, Gabi, weißt Du das?“

Sie hob den Kopf und sah ihn mit einem Lächeln im Gesicht an. „Ja, aber Du kannst es gar nicht oft genug sagen.“ Sie wurde plötzlich wieder ernst. „Ich rief im Krankenhaus an und da sagte man mir, dass Du die Station bereits verlassen hättest. Leider bekam ich keine Auskunft darüber, wie es Deiner Mutter geht.“ Gabi sah ihn unsicher an. „Wie geht es ihr?“

Ricardo zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht so genau. Sie war ein paar Mal zwischendurch wach, aber sie schien weder mich noch Antonio erkannt zu haben. Der behandelnde Arzt meinte, dass dies in ihrem Zustand völlig normal wäre.“

„Tut mir leid!“ Gabi drückte mitfühlend seine Hand. „Ich weiß, wie Du Dich fühlen musst. Es ist immer schrecklich, die eigenen Eltern leiden zu sehen, aber wir dürfen die Hoffnung niemals aufgeben!“

Ricardo legte beide Arme um Gabis Taille und sah sie mit einem traurigen Blick an. „Das dachte ich vor 3 Jahren auch, und dann starb mein Vater trotzdem …“

„Psst …“ Gabi legte schnell einen Finger auf seine Lippen. „So darfst Du nicht reden. Vielleicht verstehen wir nicht immer, warum bestimmte Dinge mit uns geschehen, aber die Hoffnung dürfen wir niemals aufgeben.“

„Sie ist eine kluge Frau, Ricardo. Du solltest auf sie hören.“ Unbemerkt hatte Antonio die Tür zur Bibliothek geöffnet und gerade noch Gabis letzten Satz mitbekommen.

„Antonio!“ Erschrocken sah Ricardo seinen Bruder an. „Gibt es was Neues aus dem Krankenhaus?“

Antonio schüttelte den Kopf. „Nein. Tut mir leid, wenn ich hier einfach so hereinplatze, aber ich wollte mich nur abmelden. Ich fahre jetzt zurück ins Krankenhaus.“

„Ist in Ordnung. Ich komme später nach.“

Antonio nickte Gabi noch einmal zu, bevor er die Bibliothek wieder verließ.

„Hast Du Hunger?“ Ricardo sah Gabi erwartungsvoll an.

Sie nickte lächelnd. „Soll das eine Einladung zum Essen sein?“ fragte sie.

„Wenn Du es so auffassen willst,“ erwiderte Ricardo. „Ich dachte mir, dass wir etwas zusammen essen könnten, bevor ich Dich nach Hause und dann weiter ins Krankenhaus fahre.“ Er griff nach ihrer Hand. „Bist Du einverstanden?“

Gabi nickte, und gemeinsam verließen sie das Haus.

Raquels Zimmer

Nachdenklich betrachtete Raquel den Briefumschlag, den sie gerade unter der Kommode hervorgezogen hatte. Sie kämpfte mit sich, ob sie ihn öffnen oder das ganze einfach auf sich beruhen lassen sollte. Im Grunde genommen gingen sie Madame Carmens Angelegenheiten nichts an, und man würde sicher vermuten, dass sie absichtlich geschnüffelt hatte. Was würde das für ein Licht auf sie werfen? Hatte sie nicht schon genug Ärger verursacht, seitdem sie hierher gekommen war? Auf der anderen Seite überlegte sie, stand in diesem Brief vielleicht etwas drin, was Aufschluss darüber gab, weshalb Madame Carmen einen Herzinfarkt erlitten hatte. Während Raquel noch mit sich kämpfte, ob sie den Umschlag öffnen sollte oder nicht, wurde sie durch ein Klopfen an der Tür gestört. Schnell öffnete sie die Schublade ihrer Kommode und ließ den Umschlag darin verschwinden.

„Ja bitte!“

„Ein Anruf für Sie, Seniorita Raquel. Wollen Sie ihn entgegen nehmen?“ fragte Clara, die auf der Schwelle von Raquels Zimmer stand.

„Ja … natürlich.“ Raquel sah das Dienstmädchen irritiert an. „Warum haben Sie es nicht gleich auf meinen Apparat gestellt?“

„Das habe ich versucht, aber ich bekam nur ein Besetztzeichen,“ erklärte Clara.

„Tut mir leid. Ich habe wohl den Hörer nicht richtig aufgelegt,“ entschuldigte Raquel sich. Sie ging zum Telefon und legte den Hörer auf.

Clara lächelte. „Ist schon in Ordnung. Das ist mir auch schon passiert. Kann ich den Anruf jetzt durchstellen oder möchten Sie nach unten kommen?“

Raquel schüttelte den Kopf. „Nein, ich nehme ihn hier entgegen. Danke Clara!“ Sie lächelte dem Dienstmädchen freundlich zu.

Als das Telefon schellte zögerte Raquel einen Moment, bevor sie abhob. Vielleicht wäre es besser gewesen, Clara zu fragen, wer sie denn so dringend sprechen wollte. Nun war es allerdings zu spät dafür.

„Ja?“ meldete sie sich dann schlicht.

„Raquel?“

Raquel erkannte die Stimme sofort, und ihr Herz begann schneller zu klopfen.

„Clay!“ rief sie erfreut aus. „Woher hast Du meine Nummer?“

„Das ist ja wohl nicht so schwierig,“ lachte er. „Es gibt Telefonbücher, und ich weiß ja nun, wo Du wohnst.“ Er wurde schlagartig wieder ernst. „Weshalb ich anrufe …“

„Lass mich erst etwas sagen,“ unterbrach Raquel ihn. „Ich möchte mich dafür bedanken, dass Du nichts gesagt hast … ich meine, … vor Antonio.“

„Keine Ursache,“ erwiderte er trocken. „Weshalb ich anrufe …“ begann er erneut,“ ich möchte mich von Dir verabschieden. Vorhin war es ja nicht möglich.“

„Verabschieden?“ Raquel umklammerte den Hörer etwas fester.

„Ja, verabschieden,“ wiederholte er. „Ich stehe hier auf dem Flughafen. Meine Maschine geht in 30 Minuten. Ich hatte Glück,“ fügte er hinzu. „Es gab doch noch einen Flug nach Mexiko, wo Plätze frei waren.“

Raquel schluckte tapfer die Tränen hinunter, die in ihr hochstiegen. Gerade nach der letzten Nacht, wo sie sich wieder etwas näher gekommen waren, war es schwer für sie, Abschied von ihm zu nehmen.

„Raquel? Bist Du noch da?“

„Ja … ja, ich habe nur gerade nachgedacht.“ Sie holte tief Luft. „Es … es tut mir leid, dass alles so enden musste,“ presste sie hervor.

„Weißt Du, mir wurde heute erst so richtig bewusst, wie wenig ich noch eine Rolle in Deinem Leben spiele.“ Er räusperte sich. „Ich werde nach Guadalajara zurückgehen, und Du brauchst auch keine Angst mehr davor zu haben, dass ich Dich noch einmal belästigen werde.“

„Warum sagst Du das?“ Raquels Stimme zitterte leicht, als sie die Frage stellte.

„Weil es das Beste für uns beide ist,“ erwiderte er. „Ich hoffe, dass Du glücklich wirst. Lebe wohl …“

Raquel hörte, wie es in der Leitung knackte. Er hatte einfach aufgelegt. Langsam ließ sie den Hörer sinken, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Das war also wirklich das Ende. Erst jetzt verstand sie, wie Clayton sich damals gefühlt haben musste, als sie mit ihm Schluss gemacht hatte. Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie war nur so unglücklich über sein Fortgehen, weil sie ihn immer noch liebte! Raquel ließ sich stöhnend auf ihr Bett fallen und vergrub ihren Kopf im Kissen. Die ganze Zeit über hatte sie versucht, ihre Gefühle zu verleugnen und nun, wo sie erkannte, wie viel er ihr in Wirklichkeit noch bedeutete, zog er einfach einen Schlussstrich. Raquel zog die Decke über den Kopf. Sie wollte alleine sein, mit sich und ihrem Schmerz, und es dauerte nicht lange, bis sie in einen unruhigen Schlaf fiel.





"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:29
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 20


SB Medical Center

Leise öffnete Ricardo die Tür zum Krankenzimmer seiner Mutter. Sie war von der Intensivstation auf die normale Station verlegt worden, nachdem ihr Zustand sich im Laufe des Tages ganz plötzlich stabilisiert hatte. Sie war zwar immer noch nicht bei Bewusstsein, aber ihre Vitalfunktionalen waren wieder im Normbereich.

„Wo kommst Du denn jetzt her?“ Antonio sah seinen Bruder vorwurfsvoll an, während er sich langsam von seinem Stuhl erhob und sich streckte. „Ich dachte schon, Du kommst gar nicht mehr!“

„Tut mir leid,“ erwiderte Ricardo zerknirscht. „Ich war mit Gabi im Restaurant, und anschließend sind wir noch ein wenig am Strand spazieren gegangen und haben geredet …“

„Und dabei völlig die Zeit vergessen,“ unterbrach Antonio ihn.

„Ja, scheint so.“ Ricardo wies zum Bett hinüber. „Wie geht es ihr?“

„Sie redet im Schlaf,“ erwiderte Antonio.

Ricardo sah ihn erstaunt an. „Sie redet? Das bedeutet doch, dass es ihr besser geht, oder nicht? Was sagt sie denn?“

„Nichts, woraus ich schlau werde, nur wirres Zeug. Sie ist nicht wirklich wach, Ricardo. Es ist fast so, als ob sie wieder einen ihrer Alpträume hätte. Du erinnerst Dich …?“

Ricardo nickte. Er wusste nur allzu gut, wovon Antonio sprach, denn mehr als einmal waren sie in der Vergangenheit nachts durch Carmens Schrei geweckt worden.

„Ich brauche eine Pause. Kommst Du kurz mit auf den Flur?“ Antonio sah Ricardo erwartungsvoll an.

„Okay. Ich bin zwar erst gerade gekommen, aber lass uns ruhig erst reden.“

Die beiden Brüder verließen das Krankenzimmer und gingen zum Warteraum hinüber.

„Sie ist wirklich nett, Deine neue Freundin,“ begann Antonio ein neues Thema.

„Ja, sehr sogar.“ Auf Ricardos Gesicht erschien ein viel sagendes Lächeln. „Sie ist so ganz anders als die Mädchen, die ich vorher gekannt habe. Gabi ist die Frau, nach der ich schon immer gesucht habe,“ schwärmte er.

„Dann gibt’s wohl bald was zu feiern,“ meinte Antonio trocken.

Ricardo sah ihn erstaunt an. „Du meinst eine Hochzeit? Nun, soweit sind wir noch nicht, aber vielleicht … irgendwann.“ Er schlug seinem Bruder auf die Schulter und grinste. „Keine Sorge, Antonio. Wir werden sicher Deine Priesterweihe noch abwarten. Wäre doch schön, wenn Du uns eines Tages trauen würdest.“

Antonio fühlte einen dicken Kloß in seinem Hals. Normalerweise hätte er sich sehr über das Angebot gefreut, seinen Bruder und dessen Frau zu trauen, aber in diesem Fall war alles anders…

Er lächelte gequält. „Wir sollten wieder reingehen. Vielleicht wird Mama gleich wach und dann sollte sie nicht alleine sein.“

Ricardo nickte. „Du hast Recht.“

Gemeinsam gingen sie zurück zu Madame Carmens Krankenzimmer.

Anwesen der Torres Familie – in Raquels Zimmer

Es war mal wieder ein Geräusch, dass Raquel aus ihrem unruhigen Schlaf riss. Sie brauchte nicht lange, um zu orten, woher das Geräusch kam. Langsam stand sie auf und öffnete die Tür. Sie lauschte noch einmal, bevor sie mutig die Wendeltreppe nach oben ging. Wie erwartet war die Tür zu Madame Carmens Atelier nicht abgeschlossen, und Raquel betrat zögernd den Raum. Sie tastete nach dem Schalter und war erleichtert als das Licht anging. Es hatte sich kaum etwas verändert, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen war, oder hatte sie doch alles nur geträumt? Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie ein klägliches Wimmern hörte. Es hörte sich anders an als das Wimmern, dass sie das erste Mal vernommen hatte. Raquel erinnerte sich plötzlich, was Antonio ihr erzählte hatte. ‚Nathan hält sich am liebsten im Atelier auf.’ Natürlich – der Kater! Raquel ging langsam auf den alten Eichenschreibtisch zu. Obwohl sie darauf gefasst war erschrak sie doch, als sie die grünen Augen des Katers aus einer Nische blitzen sah.

„Nathan …“ Ihre Stimme zitterte leicht, als sie nach dem Tier rief. „Komm her, ich tue Dir nichts.“

Raquel hielt den Atem an. Die gespenstische Ruhe im Raum hatte etwas Beklemmendes. Es dauerte eine Weile, bis der Kater aus seinem Versteck hervorkam. Geradezu zutraulich strich er um Raquels Beine. Sie wusste nicht warum, aber das Tier tat ihr plötzlich leid. Sie beugte sich zu ihm herab und berührte vorsichtig mit ihren Fingerspitzen sein rabenschwarzes Fell. Ihre Angst war mit einem Mal verschwunden.

„Du bist auch einsam, nicht wahr?“

Der Kater begann kläglich zu miauen, und Raquel fühlte einen Stich in ihrem Herzen. Sie kauerte sich nieder und streichelte sanft seinen Kopf. „Es tut mir leid was mit Deiner Herrin passiert ist,“ sagte sie. „Ich glaube, sie mag mich nicht besonders und ich sie eigentlich auch nicht, aber das hat wohl keiner verdient.“

Seufzend richtete sie sich wieder auf. „Ich glaube ganz sicher, dass sie wieder gesund wird.“ Sie lächelte dem Kater zu, der sie mit seinen grünen Augen neugierig ansah. Ein letztes Mal strich sie ihm übers Fell, bevor sie sich umdrehte und das Atelier verließ. Erstaunt stellte sie dann fest, dass Nathan ihr folgte.

„Du willst mit?“ fragte sie überrascht.

Als Antwort begann der Kater laut zu schnurren.

Raquel lachte. „Du bist genauso hartnäckig wie Deine Herrin.“ Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. „Na, dann komm.“

Es tat irgendwie gut, nicht alleine sein zu müssen. Vielleicht konnten sie sich gegenseitig ein wenig über ihren Kummer hinwegtrösten. Raquel konnte plötzlich gar nicht mehr verstehen, weshalb sie anfangs Angst vor dem Kater gehabt hatte. Sie setzte sich neben Nathan aufs Bett und kraulte sein Fell. „Hast Du Hunger? Ich schon. Wollen wir mal schauen, ob es vielleicht schon Abendbrot gibt?“

Nathan sprang vom Bett und rannte den Flur entlang. Auf der obersten Treppenstufe blieb er stehen und schaute, ob Raquel ihm auch folgte.

„Nicht so schnell! Ich komme ja schon.“ So schnell sie konnte rannte sie hinter dem Kater die Treppe herunter.

„Seniorita Raquel?“ Clara kam ihr auf halbem Wege entgegen. „Senior Antonio hat vorhin angerufen und lässt Ihnen mitteilen, dass er und Senior Ricardo erst sehr spät nach Hause kommen werden. Soll ich der Köchin sagen, dass Sie alleine zu Abend essen wollen?“

Raquel nickte. „Ja, Clara, das wäre nett.“ Sie drehte sich um und schaute suchend umher. Nathan war verschwunden.

Als Raquel am nächsten Morgen erwachte, nahm sie als erstes ein leises Geräusch neben sich wahr. Noch schlaftrunken reckte sie sich und zuckte erschrocken zusammen, als sie etwas Weiches, Warmes an ihrer Seite spürte. Ruckartig setzte sie sich auf.

„Nathan! Was machst Du denn hier?“ fragte sie erstaunt, als sie erkannte wer neben ihr lag.

Der Kater hob nur träge den Kopf und sah sie an.

„Los, raus aus meinem Bett!“ Sie gab ihm einen leichten Schubs und lächelte, als er sich widerwillig erhob. „Wie bist Du nur hier rein gekommen?“ fragte sie kopfschüttelnd.

Sie stand auf und schlüpfte in ihren Morgenmantel. Von unten drangen Stimmen an ihr Ohr, und Raquel erkannte, dass es sich dabei um Antonio und Ricardo handelte. Schnell rannte sie die Treppe hinunter.

„Ricardo … Antonio …! Schön, dass Ihr wieder da seid!“ Überschwänglich umarmte sie die beiden Brüder.

„Meine Güte, was für ein herzlicher Empfang,“ lachte Antonio.

„Es war so einsam ohne Euch,“ sagte sie wahrheitsgemäß.

„Wie ich sehe hast Du einen neuen Freund gefunden,“ meinte Ricardo grinsend.

Verwirrt folgte Raquel seinem Blick. Sie sah, dass Nathan auf der untersten Treppenstufe stand und das Geschehen neugierig verfolgte.

„Ja, er ist mir auf Schritt und Tritt gefolgt. Ich glaube, er vermisst sein Frauchen.“

„Ja, wir vermissen sie alle,“ sagte Ricardo seufzend.

„Ihre Genesung macht gute Fortschritte,“ mischte Antonio sich ein, als er Raquels fragenden Blick sah. „Der Doktor meint, dass sie über den Berg ist. Sie muss sich zwar noch schonen, aber sie ist ansprechbar und erkennt uns sogar wieder.“

„Das ist schön.“ Raquel atmete erleichtert auf. „Ob sie wohl etwas dagegen hat, wenn ich sie im Krankenhaus besuche?“

Ricardo sah sie erstaunt an. „Du willst sie besuchen? Aber ich dachte, dass Ihr zwei Euch nicht so besonders gut verstehen würdet.“

Raquel zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wäre dies ja eine gute Möglichkeit, dass wir uns besser kennen lernen,“ sagte sie.

„Vielleicht keine schlechte Idee,“ stimmte Ricardo zu. Er schaute auf die Uhr. „Soll ich Dich nachher mitnehmen? Ich fahre sowieso in die Richtung.“

„Vielleicht sollte sie sich aber vorher etwas anziehen,“ meinte Antonio schmunzelnd.

Verschämt schaute Raquel an sich herunter. „Natürlich.“ Sie lächelte verlegen. „Und dann will ich auch erst einmal frühstücken.“

„Lass Dir nur Zeit. Wenn Du fertig bist, klopfst Du einfach bei mir an, einverstanden?“ schlug Ricardo vor.

Raquel nickte. Sie lächelte den Brüdern noch einmal zu und rannte dann in ihr Zimmer hinauf.

Appartement der Martinez Schwestern

Cecilia saß noch am Frühstückstisch als sie hörte, wie ein Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde. Wenige Sekunden später erschien Gabi im Türrahmen.

„Hallo Cecilia!“ begrüßte sie ihre Schwester.

„Gabi?“ Im ersten Moment zeigte sich Cecilia überrascht, doch dann ging ein spöttisches Lächeln über ihr Gesicht. „Kommst Du reumütig zurück gekrochen?“

„Das hättest Du wohl gerne,“ entgegnete Gabi kühl. „Keine Sorge, ich werde Dich nicht lange belästigen. Ich will nur ein paar Sachen aus meinem Zimmer holen.“

Neugierig folgte Cecilia Gabi in ihr Zimmer.

„Wohnst Du noch im Hotel?“

Gabi warf ihr einen rätselhaften Blick zu. „Wieso fragst Du?“

Cecilia verschränkte beide Arme und sah Gabi herausfordernd an. „Es könnte sein, dass Papa Dich dort mal anrufen will.“

„Du hast ihm doch nicht etwa …?“ begann Gabi. Kopfschüttelnd brach sie ab. „Das ist mal wieder typisch für Dich! Im Grunde genommen ist es Dir doch egal, was aus mir wird, aber vor Papa hast Du wahrscheinlich die verständnisvolle Schwester heraushängen lassen!“

Cecilia schüttelte den Kopf. „Es ist mir nicht egal, was aus Dir wird!“ verteidigte sie sich. „Du bist ja schließlich meine Schwester.“

Gabi lachte höhnisch. „Jetzt bin ich plötzlich Deine Schwester, aber vor ein paar Tagen hättest Du mich am liebsten aus dem Weg geräumt, um an Dein Ziel zu kommen!“

„Mein Ziel?“ fragte Cecilia scheinheilig. „Ich weiß gar nicht, wovon Du redest.“

„Ich rede von Ricardo und mir,“ sagte Gabi gefährlich ruhig,“ und damit Du es nur weißt …“ Sie holte tief Luft, bevor sie Cecilia den Gnadenstoß versetzte. „Ich werde bei ihm einziehen! Du brauchst Dir also keine Sorgen um mich zu machen.“

Cecilia schnappte hörbar nach Luft. „Du wirst … was?“ fragte sie, während sie Gabi mit einem fassungslosen Blick ansah.

„Bei Ricardo einziehen,“ wiederholte Gabi. „Er hat mir angeboten, dass ich im Gästehaus auf dem Grundstück seiner Familie wohnen kann.“

„Und, hast Du angenommen?“

„Natürlich. Hätte ich mir so ein Angebot durch die Lappen gehen lassen sollen?“ fragte Gabi mit einem süffisanten Lächeln.

Cecilia presste ihre Lippen fest aufeinander und verschränkte beide Arme vor dem Körper.

„Sei nicht traurig, Cecilia,“ sagte Gabi, und purer Sarkasmus klang in ihrer Stimme mit,“ für Dich wird sich auch noch ein Mann finden.“

Gabi nahm ihr dunkelblaues Kostüm aus dem Schrank und ging damit zur Tür. „Ach übrigens, noch was …“ Sie drehte sich zu Cecilia um und breitete die Arme weit aus. „Vor Dir steht die neue Mitarbeiterin der Liberty Corporation! Ben Evans hat mir freundlicherweise einen Job in der Zentrale angeboten. Nett von ihm, nicht wahr?“ Sie wartete Cecilias Reaktion erst gar nicht ab, sondern verließ das Zimmer grußlos, ohne sich noch einmal nach ihrer Schwester umzuschauen.

Cecilia zuckte leicht zusammen, als sie hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel. Langsam hob sie den Kopf und starrte in den großen Wandspiegel über Gabis Kommode. Gefühle der verschiedensten Art brodelten in ihr. Reflexartig griff sie nach einer Kristallvase, die auf dem Tisch stand und schleuderte sie mit aller Kraft in den Spiegel hinein. „Fahr zur Hölle!“ schrie sie laut, während der Spiegel in viele kleine Scherben zerbrach.

SB Medical Center

Mit klopfendem Herzen stand Raquel am späten Nachmittag vor Madame Carmens Krankenzimmer und überlegte, ob sie wirklich hineingehen sollte. Ricardo hatte sie auf dem Parkplatz des Krankenhauses abgesetzt und ihr einen Geldschein in die Hand gedrückt, damit sie nach dem Besuch wieder mit dem Taxi nach Hause fahren konnte. Er selber wollte erst ins Polizeirevier und im Anschluss daran seine Freundin besuchen, hatte er ihr erzählt. Es wäre Raquel zwar lieber gewesen, wenn er sie begleitet hätte, aber vielleicht war es besser so. Schließlich hatte sie mit Madame Carmen Dinge zu bereden, die nicht unbedingt für Ricardos Ohren bestimmt waren.

„Wollen Sie zu Misses Torres?“ sprach sie plötzlich eine junge Krankenschwester an, die gerade den Flur entlang kam.

„Ja ... ich bin eine ... Bekannte,“ stotterte Raquel.

„Dann gehen Sie nur hinein. Misses Torres freut sich bestimmt, wenn sie Besuch bekommt. Ich war vorhin bei ihr. Sie ist wach und meckert schon wieder an allem herum. Ein gutes Zeichen, wenn Sie mich fragen!“ Die Krankenschwester lächelte Raquel aufmunternd zu und ging dann weiter den Flur entlang.

Mutig klopfte Raquel an die Tür und war erleichtert, als sie ein energisches „Herein!“ hörte. Anscheinend ging es Madame Carmen wirklich schon besser.

„Hallo, wie geht es Ihnen?“ sagte sie dann schnell, als sie Carmens kritischen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Danke, besser.“ Sie musterte Raquel mit unverhohlener Neugier. „Und wie geht es Ihnen?“

Raquel sah sie verwirrt an. „Gut, wieso fragen Sie?“

„Sie sehen nicht sehr glücklich aus.“ Carmen beugte sich etwas vor und machte eine Handbewegung, dass Raquel sich neben sie auf den Stuhl setzen sollte.

Zögernd folgte Raquel ihrer Aufforderung. „Ich bin noch aus einem anderen Grund gekommen,“ sagte sie leise, während sie es vermied, Carmen dabei anzusehen. Langsam zog sie aus ihrer Tasche einen braunen Briefumschlag und legte ihn aufs Bett.

Carmen starrte einen Moment nur auf den Umschlag und dann Raquel an. „Woher haben Sie den?“ fragte sie mit rauer Stimme.

„Ich habe ihn gefunden ... an der Stelle, wo man sie ohnmächtig gefunden hat.“ Raquel sah Carmen nun direkt in die Augen. „Ich weiß nicht, was in dem Brief steht, aber ich glaube, dass er etwas mit ihrem Herzanfall zu tun hat. Ist es nicht so?“ Raquel hielt für einen Moment den Atem an und beobachtete Carmens Reaktion. Doch die fiel ganz anders aus, als sie erwartet hatte.

Blitzschnell hatte Carmen sich vorgebeugt und mit beiden Händen Raquels Arme umfasst. „Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich es nicht wünsche, dass Sie sich in meine Angelegenheiten einmischen!“ sagte sie mit gefährlich ruhiger Stimme, während sie Raquel mit einem durchdringenden Blick ansah. „Sie wissen nichts über mich und mein Leben – nichts über die Qualen, die ich Nacht für Nacht durchlebe, den Schmerz, der mir meinen Verstand raubt und mich noch Jahrzehnte danach daran erinnert, was ich getan habe ...“ Sie brach den Satz ab und atmete schwer.

„Was ... was haben Sie denn getan?“ Raquel spürte plötzlich, wie Angst in ihr hoch kroch.

Abrupt ließ Carmen sie los. „Gehen Sie jetzt!“ sagte sie barsch.

Mit zitternden Knien erhob Raquel sich und wich langsam zur Tür zurück.

„Niemand, aber auch niemand darf jemals etwas von der Existenz dieses Briefes erfahren!“ warnte Carmen.

Unfähig ein Wort herauszubringen, schüttelte Raquel nur den Kopf. Sie stieß die Tür auf und verließ fluchtartig das Krankenzimmer.

Am Strand

Nachdem Raquel das Krankenhaus verlassen hatte, war sie gleich in eins der wartenden Taxis eingestiegen und hatte sich zum Strand bringen lassen. Hier, inmitten der freien Natur, fühlte sie sich immer noch am wohlsten. Sie hatte sich einen Platz in der Nähe des Piers gesucht, ein Stück abseits vom eigentlichen Strandgeschehen, um nachdenken zu können. Carmen Torres’ Äußerungen hatten sie aufs äußerste beunruhigt. Was war in der Vergangenheit geschehen, dass sie noch heute davon Alpträume bekam, und wieso wollte sie nicht, dass jemand von der Existenz des Briefes erfuhr? Was stand so Furchtbares in diesem Brief drin, dass es ihr solche Angst machte? Raquel löste ihre Haarspange und schüttelte ihre Locken über dem Kopf aus. Seitdem sie in Sunset Beach lebte trug sie ihre Haare nur noch selten offen. Meist hatte sie ihre taillenlange Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden oder auf dem Kopf geknotet – Carmen zuliebe. Gleich zum Anfang hatte Raquel eine Lektion von der Hausherrin erhalten, was sie tun bzw. besser lassen sollte. Früher hätte sie sich niemals vorschreiben lassen, wie sie sich anziehen oder frisieren sollte. Was war nur aus der alten Raquel geworden? Wo war das fröhliche und umkomplizierte Mädchen geblieben, dass sie einmal gewesen war? Carmen hatte recht. Sie war unglücklich, und sie hatte Heimweh! Nach ihrem Zuhause in Guadalajara, ihrem alten Leben, ihren Freunden, ihrer Tante ... Mit einer unwirschen Handbewegung wischte Raquel eine Träne fort, die unbemerkt ihre Wange hinuntergerollt war. Sie würde doch jetzt nicht sentimental werden! Schnell erhob sie sich und klopfte sich den Sand von den Kleidern. ‚Hör auf zu träumen und werde endlich erwachsen!’ hörte sie eine innere Stimme sagen. Sie war nach Sunset Beach gekommen, um ein neues Leben zu beginnen, und es war an der Zeit, aktiv etwas dafür zu tun! Raquel zog aus ihrer Tasche das Handy und einen Notizzettel hervor und begann die Nummer einzutippen, die auf dem Zettel stand.

„Hallo, hier ist Raquel Mendez,“ meldete sie sich dann. „Sie erinnern sich vielleicht noch an mich? – Prima! Falls die Stelle noch frei sein sollte, würde ich sie gerne annehmen.“

Seabreeze Hotel – in Gabis Zimmer

„Musst Du wirklich schon gehen?“ Mit einem traurigen Blick sah Gabi Ricardo an.

„Ja, tut mir leid.“ Sanft löste er ihre Arme um seinen Hals. „Wenn Du erst im Gästehaus wohnst, können wir uns sehen, wann immer wir wollen. Hört sich doch verlockend an, nicht wahr?“

„Sehr sogar!“ Gabi schloss genießerisch die Augen, öffnete sie dann jedoch sofort wieder, als der erwartete Kuss ausblieb.

„Bekomme ich denn keinen Abschiedskuss mehr?“ neckte sie ihn.

Ricardo lachte. „Meinst Du nicht, dass wir für diesen Nachmittag genug geküsst haben?“ Er zog sie in seine Arme und strich zart über ihre Lippen. „Wenn Du mich allerdings weiterhin mit diesem unschuldigen Blick anschaust, vergesse ich noch all meine guten Vorsätze ...“

Gabi stieß einen tiefen Seufzer aus, als sich ihre Lippen zum wiederholten Male fanden.

„Mein Gott, was tust Du nur mit mir?“ Schwer atmend ließ Ricardo sie dann los. „Wenn ich Antonio nicht versprochen hätte, zum Abendbrot zurück zu sein ...“ Er ließ den Satz offen und verdrehte die Augen.

„Ihr steht Euch wohl sehr nahe?“ fragte Gabi leise.

Ricardo nickte. “Ja, nach dem Tod unseres Vaters und Marias Wegzug nach London sind wir noch näher zusammengerückt. Es macht mich wirklich traurig, dass er Sunset Beach bald verlassen wird.“

„Er will Sunset Beach verlassen?“ Überrascht sah Gabi ihn an.

„Hatte ich Dir das noch nicht erzählt? Er wird an einem Priesterseminar in Caracas teilnehmen.“

„Priesterseminar?“ Verwirrt sah Gabi ihn an. „Antonio wird Priester? Aber ich dachte, dass er eine Freundin hätte,“ stotterte sie.

Ricardo schüttelte grinsend den Kopf. „Antonio und eine Freundin? Nein, davon wüsste ich sicher. Wie kommst Du nur darauf?“

„Noch bevor wir uns in Eurem Haus kennen gelernt haben, sah ich ihn mit einer schönen rothaarigen Frau am Strand. Ich dachte, sie wäre seine Freundin.“ Gabi lächelte verlegen. „So kann man sich irren.“

„Nein, Raquel ist nur zu Besuch hier,“ klärte Ricardo sie auf. „Sie ist die Tochter von Mamas bester Freundin. Sie kommt aus Mexiko und lebt für einige Wochen in unserem Haus.“

„Ja, dass sie aus Mexiko kommt weiß ich schon. Wir haben uns kurz unterhalten. Sie ist sehr nett.“

Ricardo nickte bestätigend. „Ich denke, Ihr werdet sicher gute Freundinnen werden. Raquel ist eigentlich ziemlich unkompliziert.“ Er schaute auf die Uhr. „Jetzt muss ich aber wirklich los. Wollen wir uns morgen in der Mittagspause im „Waffelshop“ treffen?“

„Einverstanden.“ Gabi umarmte Ricardo noch einmal. „Und vergiss mich bis dahin nicht, hörst Du?“ mahnte sie ihn liebevoll.

„Niemals!“ Ricardo küsste sie zum Abschied noch einmal sanft auf den Mund, bevor er das Hotelzimmer endgültig verließ.

Anwesen der Torres Familie

„Alles in Ordnung?“ fragte Antonio besorgt. Ihm fiel auf, dass Raquel auffallend ruhig war beim Frühstück. Sie hatte sich, entgegen ihrer üblichen Gewohnheiten, die Morgenzeitung genommen und schien völlig darin vertieft zu sein.

Raquel hob kurz den Kopf und sah über den Zeitungsrand hinweg. „Ja, alles okay,“ gab sie zur Antwort.

„Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie der Besuch bei Mama war,“ mischte sich nun auch Ricardo ein. Als sie nicht gleich auf seine Äußerung reagierte, nahm er ihr vorsichtig die Zeitung aus der Hand. „Hey, ich rede mit Dir!“

„Kann man hier denn nicht in Ruhe mal lesen, ohne gleich ausgefragt zu werden!“ sagte sie genervt.

Ricardo sah sie stirnrunzelnd an. „Du bist mir gestern Abend schon ausgewichen. Was ist denn los? Ist gestern irgendetwas vorgefallen von dem ich wissen sollte?“

Raquel fühlte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. „Nein, nichts,“ log sie. Sie verschanzte sich wieder hinter ihrer Zeitung und hoffte, dass er nicht weiter nachbohren würde. Zu ihrer größten Erleichterung stand er auf.

„Ich muss jetzt zur Arbeit.“ Er sah Raquel fest in die Augen. „Und heute Abend möchte ich eine Antwort auf meine Frage haben!“

Raquel lächelte gezwungen. „Einen schönen Tag, Ricardo!“ Erleichtert atmete sie auf, als er das Esszimmer verließ. Sie trank ihren Orangensaft aus und stand dann ebenfalls auf. „Ich muss Dich jetzt leider auch schon verlassen,“ sagte sie zu Antonio.

Überrascht schaute er auf seine Uhr und dann Raquel an. „So früh schon? Hast Du einen Termin?“

Sie nickte eifrig. „Stell Dir vor, ich habe einen Job gefunden!“

„Das freut mich für Dich. Wo denn?“ fragte Antonio interessiert.

„Im „Java Web“,“ erwiderte sie knapp. Sie wollte Antonio die Einzelheiten ersparen, wie sie zu diesem Jobangebot gekommen war.

„Dann viel Glück!“

„Danke, kann ich gebrauchen.“

Sie hatte die Türklinke schon in der Hand, als Antonio sie zurückrief. Zögernd drehte sie sich noch einmal zu ihm um. „Ja?“

„Wenn Du Kummer hast oder einfach nur reden möchtest ... Ich bin für Dich da. Ich hoffe, Du weißt das?“

„Danke für das Angebot, aber es geht mir gut – wirklich!“ sagte sie mit Nachdruck.

Zweifelnd sah Antonio ihr hinterher, als sie den Raum verließ.





"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:31
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 21



Java Web

„Guten Morgen!“ Raquel öffnete die Tür zu ihrem neuen Arbeitsplatz und lächelte Mark freundlich entgegen.

„Guten Morgen, Raquel!“ erwiderte er ihren Gruß. „Schön, dass Du nun auch zu unserem Team gehörst.“

„Wer gehört denn noch dazu?“ fragte sie neugierig.

„Nun ja ...“ Mark kratzte sich am Kopf und grinste verlegen. „Eigentlich habe ich bisher den Laden alleine geschmissen, aber da wir in letzter Zeit mehr Gäste hatten, war das fast nicht mehr zu schaffen.“

„Dann sind wir also nur zu Zweit?“ fragte sie erstaunt.

Mark nickte. „Ich hatte zwar zwischenzeitlich mal eine Aushilfe hier, aber ich brauche jemanden, auf den ich mich voll und ganz verlassen kann.“

„Hat Dein Boss denn nichts dagegen, wenn ich hier einfach so anfange?“ fragte Raquel.

„Nein, im Gegenteil. Ben lässt mir da völlig freie Hand,“ antwortete Mark. „Er ist froh, wenn er sich nicht zuviel ums „Java Web“ kümmern muss,“ fügte er grinsend hinzu. Er bot Raquel einen Platz an einem der Tische an. „Als erstes müssen wir noch den Papierkram erledigen.“

Raquel setzte sich Mark gegenüber und schaute interessiert zu, wie er einige Din-A-4 Seiten aus einer Hülle nahm und auf dem Tisch ausbreitete.

„Das ist Dein Arbeitsvertrag,“ erklärte er, während er ihr eine Seite zuschob. „Lies ihn Dir durch und wenn Du keine Fragen mehr dazu hast, unterschreibe bitte unten rechts.“

„Okay.“ Raquel nahm den Vertrag zur Hand und las ihn genauestens durch, bevor sie ihre Unterschrift darunter setzte. „Scheint in Ordnung zu sein,“ nickte sie.

„Gut, das wäre also erledigt,“ sagte Mark. „Und nun bräuchte ich noch einige Angaben für den Personalbogen.“

„Was denn für Angaben?“ fragte Raquel neugierig.

„Nun, ich bräuchte noch Deine Anschrift, evtl. eine Telefonnummer, und einige Fragen müssten wir auch noch klären.“

„Ich wohne im Haus der Familie Torres,“ gab Raquel ihm zur Auskunft. „Vielleicht kennst Du sie ja?“

Mark rollte theatralisch mit den Augen. „Wer kennt diese Familie nicht! Ich glaube, die Torres’ sind eine der reichsten Familien in Sunset Beach!“ Er räusperte sich. „Ich kenne Maria Torres noch aus der Zeit, als Ben Evans mit ihr verlobt war.“ Er sah Raquel mit gerunzelter Stirn an. „Wie kommt es, dass Du bei ihnen wohnst? Bist Du eine Verwandte oder so was ähnliches?“

„Nein, ich bin nur eine gute Freundin des Hauses,“ erwiderte Raquel lächelnd.
Sie erzählte Mark, wie sie nach dem Tod ihrer Eltern nach Sunset Beach gekommen war.

„Das mit Deinen Eltern tut mir echt leid!“ sagte er mitfühlend, nachdem Raquel ihre Erzählung beendet hatte.

„Das gehört der Vergangenheit an,“ erwiderte sie. „Ich bin hier, um ein neues Leben zu beginnen.“

„Und, sind sie nett zu Dir?“ wollte Mark wissen.

„Ja, eigentlich schon,“ gab Raquel zögernd zur Antwort. Sie wollte nicht mit einem quasi Fremden über ihren Disput mit Madame Carmen reden.

„Was hast Du eigentlich vorher gemacht, ich meine, als Du noch in Mexiko gelebt hast?“ fragte Mark weiter.

„Wenn Du wissen willst, ob ich studiert habe - nein,“ beantwortete Raquel seine Frage. „Meine Eltern waren nicht sehr wohlhabend. Sie hatten kein Geld, mir ein Studium oder eine Ausbildung zu finanzieren. Ich habe eigentlich immer nur Gelegenheitsjobs gemacht oder hin und wieder die Kinder von Nachbarn betreut.“

„Die waren bestimmt traurig, als Du gegangen bist, oder?“

„Ja,“ seufzte Raquel,“ ich auch. Es ist mir nicht leicht gefallen, meine Tante und meine Freunde zu verlassen!“

„Wie alt bist Du eigentlich?“ wechselte Mark plötzlich das Thema.

„20,“ gab Raquel ihm zur Antwort. Sie grinste. „Bin ich vielleicht zu jung für diesen Job hier?“

„Nein, genau richtig,“ antwortete Mark schmunzelnd. Er nahm einen Stift und schrieb etwas auf ein Blatt Papier. „Okay, nun zur nächsten Frage ...“ Er schaute auf seinen Zettel. „Bist Du verliebt, verlobt oder verheiratet?“

Raquel zog die Stirn kraus. „Du stellst aber viele Fragen. Brauchst Du diese Informationen für den Personalbogen, oder wieso willst Du das wissen?“ fragte sie verwundert.

Mark grinste verlegen. „Nun ja, nicht direkt ...“ Er räusperte sich. „Es hat mich einfach interessiert. Du brauchst nicht zu antworten, wenn Du nicht willst,“ lenkte er ein.

Raquel sah ihn einen Moment nachdenklich an, bevor sie antwortete. „Nein,“ sagte sie mit fester Stimme,“ nichts dergleichen.“

„Gut.“ Mark stand auf und lächelte. „Den Papierkram hätten wir somit erledigt. Nun kommen wir zur Praxis.“

„Gibt es hier einen Waschraum?“ unterbrach Raquel ihn.

„Ja, gleich die nächste Tür rechts hinter dem Tresen.“

„Okay, dann bis gleich!“ Raquel nahm ihre Tasche und ging zielstrebig zum Waschraum hinüber.

Guadalajara/Mexico

Josefa Domingo saß auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer und blätterte traurig in einem ihrer Fotoalben. Seitdem Raquel in Sunset Beach lebte fühlte sie sich noch einsamer als vorher. Schon der Tod ihrer Schwester hatte eine große Leere in ihr hinterlassen, und das nun auch noch Raquel fort war, stürzte sie in noch tiefere Depression. Gedankenverloren strich Josefa mit einem Finger über ein Foto, dass Raquel mit Clayton zeigte. Josefa erinnerte sich, wie ihre Schwester die ganzen Jahre über vergeblich versucht hatte, Schicksal zu spielen, um die beiden miteinander zu vereinen. Nun, nach Otilias’ Tod, hatte das Schicksal sie beide nach Sunset Beach geführt ...

Erschrocken zuckte Josefa zusammen, als das Telefon neben ihr schellte. Zögernd hob sie den Hörer ab.

„Josefa Domingo,“ meldete sie sich. Sie hielt einen Moment vor Erstaunen den Atem an, als sie hörte, wer am anderen Ende der Leitung war.

„Carmen?“ Das ist eine Überraschung! Wie geht es Dir?“ – „Mein Gott ... Wie konnte das passieren?“ – „Du wirst erpresst? ... Aber wieso?“ – „Ja, ich verstehe.“ – „Meinst Du nicht, dass es langsam an der Zeit wäre ...?“ – „Carmen, warte, leg nicht auf, Carmen ...!“

Josefa ließ den Hörer sinken, nachdem Carmen das Gespräch so abrupt beendet hatte. Sie ging zum Sideboard hinüber und betrachtete nachdenklich ein eingerahmtes Foto von Otilia.

„Verzeih mir, aber ich habe keine andere Wahl ...“ sagte sie leise, bevor sie sich umdrehte, ihren Autoschlüssel ergriff und eilig das Haus verließ.

Elaine's Waffel Shop

„Hallo Elaine!“ Lächelnd begrüßte Gabi ihre Freundin, bevor sie an einem kleinen Tisch in der Ecke platz nahm.

„Hallo Gabi! Wie geht es Dir?“ fragte Elaine, während sie Gabi prüfend ansah.

„Danke, sehr gut.“

„Das sieht man,“ meinte Elaine schmunzelnd. „Lass mich raten ... hat es vielleicht etwas mit einem gewissen Polizisten zu tun?“

„Du solltest Hellseherin werden,“ lachte Gabi. „Ja, Ricardo und ich sind seit ein paar Tagen fest zusammen, und stell Dir vor, er hat mich sogar gefragt, ob ich bei ihm wohnen will!“

„Wow,“ entfuhr es Elaine,“ er verschwendet aber nicht viel Zeit!“

Gabi lachte. „Nicht, was Du denkst! Ich werde ins Gästehaus ziehen, bis ich genügend Geld zusammen habe, um mir ein eigenes Appartement zu leisten.“

„Ein eigenes Appartement?“ fragte Elaine verwundert. „Und was ist mit Cecilia?“

„Die kann mich mal kreuzweise!“ stieß Gabi wütend hervor.

Elaine sah Gabi mit gerunzelter Stirn an. „Das hört sich an, als ob ihr Streit gehabt hättet,“ stellte sie fest. „Willst Du darüber reden?“

Gabi schüttelte den Kopf. „Vielleicht später mal. Ich erwarte Ricardo jeden Moment, und ich möchte nicht unbedingt, dass er mitbekommt, worum es bei dem Streit mit Cecilia ging.“

„Um ihn?“ fragte Elaine geradeheraus.

Gabi sah sie erstaunt an. „Ich habe mich schon immer gefragt, wie es kommt, dass Du den Menschen bis in die Abgründe ihrer Seele schauen kannst!“

„Jahrelange Übung,“ antwortete Elaine schmunzelnd. „Ich hatte also mit meiner Vermutung recht?“

Gabi nickte. „Ja, aber bitte, kein Wort zu Ricardo darüber!“

Elaine kreuzte ihren Mittel- und Zeigefinger übereinander. „Ich schwöre es!“ sagte sie dabei lächelnd. Sie hob den Kopf und zwinkerte Gabi zu, als sie sah, wie sich die Tür öffnete und Ricardo hereinkam. „Da kommt er ja, Dein Märchenprinz,“ sagte sie leise. „Ich lasse Euch dann alleine.“

Gabi nickte dankbar, erhob sich dann und ging mit einem strahlenden Lächeln auf Ricardo zu.

SB Medical Center

„Hallo Mama, wie geht es Dir?“ Antonio beugte sich zu Carmen herab und gab ihr einen Kuss.

„Ich weiß nicht, warum die Ärzte mich hier noch länger festhalten. Es geht mir fantastisch!“ erwiderte sie.

Antonio schüttelte den Kopf. „Du bist zu ungeduldig. Lass das lieber die Ärzte entscheiden. Oder möchtest Du einen Rückfall erleiden?“

Carmen seufzte tief. „Natürlich nicht, aber es macht mich ganz verrückt, dass ich hier so herumliege ohne wirklich etwas tun zu können.“

„Das nennt man Ausruhen,“ meinte Antonio schmunzelnd.

Carmen nestelte nervös an ihrer Bettdecke herum. „Ich habe eine Bitte an Dich ...“ sagte sie zögernd,“ würdest Du Ricardo ausrichten, dass ich ihn sehen möchte?“

Antonio zog erstaunt die Augenbrauen nach oben. „Sicher, um was geht es denn?“ fragte er neugierig.

„Das ist eine Angelegenheit, die ich zuerst mit Ricardo besprechen möchte,“ antwortete sie mit abweisendem Gesichtsausdruck.

„Geht es um den Einzug seiner Freundin?“ bohrte Antonio weiter.

„Nein.“

„Mama, wenn es etwas ist, was die Familie betrifft möchte ich es auch gerne wissen!“ sagte Antonio bestimmt.

Carmens Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an. „Na gut ...“ begann sie,“ es geht um den Verkauf des Grundstücks ...“

„Du meinst die Stallungen,“ verbesserte Antonio sie.

Carmen holte tief Luft, bevor sie antwortete. „Nein Antonio, ich meine nicht nur die Stallungen, ich habe mich entschlossen alles zu verkaufen ...“

„Alles?!“ Antonio sah seine Mutter verwirrt an. „Was meinst Du mit ‚alles’?“

„Das Land, die Villa, ... eben alles.“

„Mein Gott ...“ Antonio ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen und sah seine Mutter mit entsetztem Blick an. Jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.

„Vor einigen Tagen erfuhr ich von meinem Finanzverwalter, dass der Schuldenberg, den Dein Vater mir hinterlassen hat größer ist, als ich dachte.“ Carmen räusperte sich nervös. „Es gibt einen Interessenten, der mir das Land abkaufen würde. Durch den Verkauf würden unsere Schulden mehr als gedeckt werden.“

„Du – Du willst wirklich alles verkaufen, was Du und Papa Euch aufgebaut habt?“ fragte Antonio mit tonloser Stimme.

„Ich habe keine andere Wahl!“ Carmen sah ihren Sohn traurig an. „Verstehst Du nun, weshalb ich mit Ricardo reden will? Wenn ich die Ländereien verkaufe kann seine Freundin unmöglich im Gästehaus einziehen!“

Antonio schüttelte wie betäubt den Kopf. „Tut mir leid, Mama, ich verstehe überhaupt nichts mehr. Entschuldige, ich brauche jetzt erst einmal frische Luft!“

„Geh noch nicht, Antonio!“ rief sie ihm hinterher, doch er war bereits aufgestanden und hatte das Krankenzimmer verlassen.

Java Web

„So, Feierabend für heute!“ Mark schloss die Tür ab und ging zu Raquel hinüber, die gerade dabei war, die letzten Tische abzuwischen.

„Einen Moment noch. Ich bin gleich fertig.“ Sie holte einen sauberen Aschenbecher und stellte ihn auf den Tisch. „Damit morgen gleich alles ordentlich ist, wenn die ersten Gäste kommen,“ sagte sie lächelnd.

Beeindruckt sah Mark sie an. „Ich glaube, mit Dir habe ich einen guten Fang gemacht,“ grinste er. „Du lernst wirklich sehr schnell.“

Raquel errötete. „Danke.“ Sie band ihre Schürze ab und schaute auf die Uhr. „Meine Güte, es ist ja schon richtig spät! Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist.“

„Dann macht Dir die Arbeit also Spaß?“ fragte Mark.

Raquel nickte eifrig. „Ja, sehr sogar,“ bestätigte sie.

Mark lächelte zufrieden. „Das freut mich.“ Er schaute ebenfalls auf die Uhr. „Wie ist es, soll ich Dich vielleicht noch nach Hause bringen?“

Raquel schüttelte den Kopf. „Danke für das Angebot, aber ich möchte noch ein wenig frische Luft schnappen.“

„Ich auch,“ erwiderte Mark schmunzelnd. „Ich gehe auch zu Fuß,“ erklärte er, als er Raquels erstaunten Gesichtsausdruck sah. „Hast Du gedacht, dass ich mit dem Auto fahren würde?“

Sie nickte.

„Nein, das würde sich kaum lohnen. Ich wohne nur ein paar Straßen von hier entfernt.“

„Das wusste ich nicht.“

„Woher denn auch,“ sagte Mark lächelnd. „Ich bin Mitbewohner in einer WG,“ fügte er zur Erklärung hinzu. „Das Haus befindet sich direkt am Strand.“

„Hört sich gut an. Erzähl mir mehr davon, während Du mich nach Hause bringst,“ schlug Raquel vor.

Mark nickte und gemeinsam verließen sie das „Java Web“.

SBPD

Ricardo saß an seinem Schreibtisch im Policedepartement und blätterte in einer Akte, während er mit seinen Gedanken bei Gabi war. Er hatte es nun endlich geschafft, ihre Zweifel wegen des Einzugs im Gästehaus zu zerstreuen und war glücklich, dass sie bereit war, das ganze schon am kommenden Wochenende in Angriff zu nehmen. Unwillkürlich lächelte er, nicht bemerkend dass Victor ihn amüsiert beobachtete.

„Ich wette, ich weiß, an wen Du denkst,“ sagte er grinsend.

„Die Wette hast Du gewonnen,“ erwiderte Ricardo schmunzelnd.

„Du meinst es mit der Kleinen wirklich ernst, oder?“ fragte Victor nachdenklich.

Ricardo nickte. „Gabi ist die Liebe meines Lebens!“ sagte er mit ernstem Gesicht.

Victor runzelte skeptisch die Stirn. „Ich kann mich dumpf erinnern, dass ich das schon mal von Dir gehört habe ...“ Er kratzte sich nachdenklich am Kopf.

„Du meinst Paula?“

Victor nickte. „Ja, genau.“

„Das war etwas völlig anderes,“ sagte Ricardo abweisend.

„Seid Ihr nicht sogar mal verlobt gewesen?“ bohrte Victor nach.

„Ja,“ erwiderte Ricardo zögernd,“ aber ...“

Victor hob die Hände. „Tut mir leid, ich wollte keine alten Wunden aufreißen!“

„Hast Du nicht.“ Ricardo zwang sich zu einem Lächeln. „Paula gehört der Vergangenheit an; Gabi ist meine Zukunft,“ sagte er mit Nachdruck.

„Hey Rico, sollte das wirklich der Fall sein, dann freue ich mich natürlich für Dich!“

„Waren irgendwelche Anrufe für mich, während ich weg war?“ wechselte Ricardo das Thema.

„Ja.“ Victor holte einen Zettel hervor und legte ihn vor Ricardo auf den Tisch.

Ricardo las die Namen laut vor und schaute dann erstaunt auf. „Mein Bruder hat angerufen? Hat er gesagt, was er wollte?“

Victor schüttelte den Kopf. „Nein, nicht direkt. Er hat nur gesagt, dass er im Krankenhaus bei Deiner Mutter gewesen wäre und Dich dringend sprechen müsste.“

Ricardo schaute auf die Uhr. „Okay, ich werde dann mal Feierabend machen. Vielleicht erwische ich ihn zuhause.“

„Ist gut. Wir sehen uns dann morgen.“

Ricardo nickte, packte seine Sachen zusammen und verließ das Policedepartement.




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:33
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 22


Anwesen der Torres Familie

„Danke, das ist wirklich nett, dass Du mich nach Hause gebracht hast,“ bedankte Raquel sich vor der Tür bei Mark.

„Habe ich doch gerne gemacht,“ sagte er lächelnd. „Von mir aus können wir immer zusammen nach Hause gehen. Dann ist es nicht so langweilig.“

„Einverstanden,“ stimmte Raquel zu.

Sie drehten sich beide um, als sie sahen, wie ein Auto um die Ecke bog und in der Hofeinfahrt hielt.

„Das ist Ricardo,“ stellte Raquel erstaunt fest.

„Guten Abend!“ begrüßte er die beiden, als er die Haustür erreicht hatte.

„Wünsche ich ebenfalls,“ entgegnete Mark und lächelte Ricardo freundlich zu. Er wandte sich zu Raquel um. „Wir sehen uns dann morgen wieder.“

Raquel nickte. „Bis morgen!“ Sie sah Mark hinterher, wie er die Auffahrt hinunter ging und wandte sich dann Ricardo zu.

„Du bist aber heute früh zuhause!“

„Und Du mal wieder zu spät,“ konterte er. Er sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Wo kommst Du überhaupt her?“

„Vom Java Web,“ antwortete sie knapp.

„Und was hast Du dort gemacht?“ fragte Ricardo neugierig.

„Ich arbeite dort.“

Überrascht sah er sie an. „Du arbeitest dort?“

Raquel nickte.

Mit zusammengekniffenen Augen sah er sie scharf an. „Du arbeitest für Ben Evans?“

„Ja, wieso?“ Raquel bemerkte, dass Ricardo anscheinend nicht so begeistert von der Idee war.

„Man sollte besser keine Geschäfte mit dem Mann machen!“ sagte er mit einem abweisenden Gesichtsausdruck.

Empört stemmte Raquel ihre Hände in die Hüften. „Ich mache keine Geschäfte mit ihm, ich arbeite für ihn!“

„Das kommt aufs selbe raus,“ erwiderte Ricardo trocken. „Ich hoffe, Du bereust Deine Entscheidung nicht eines Tages.“

„Was soll die blöde Anspielung?“ Raquel sah ihn verärgert an.

Ricardo blieb ihr eine Antwort schuldig, weil Antonio genau in diesem Moment die Treppe herunter kam.

„Entschuldigt, dass ich mich da einmische,“ begann er gleich,“ aber das ist eine persönliche Angelegenheit zwischen Ben und Ricardo.“ Er sah seinen Bruder kopfschüttelnd an. „Lass es gut sein, Ricardo, okay?“

„Was denn für eine Angelegenheit?“ Raquel sah fragend von einem Bruder zum anderen.

„Ist nicht so wichtig,“ wich Ricardo der Frage aus. Stattdessen wandte sich Antonio zu. „Victor hat mir erzählt, dass Du angerufen hättest. Was gibt es denn so Dringendes?“

Antonio warf einen kurzen Blick zu Raquel hinüber und sah Ricardo dann vielsagend an. „Würdest Du Ricardo und mich einen Moment entschuldigen,“ wandte er sich an Raquel. „Wir haben etwas Wichtiges zu bereden.“

„Natürlich.“ Mit zusammengepressten Lippen warf sie ihre langen Locken zurück. „Ihr braucht gar nicht so deutlich zu werden. Ich habe schon selber gemerkt, dass ich störe!“ sagte sie schnippisch. Sie drehte sich um und rannte die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf.

Seufzend sah Antonio ihr hinterher. „Das wollte ich nicht. Jetzt ist sie sauer.“

„Sie wird sich schon wieder beruhigen,“ sagte Ricardo. Nachdenklich sah er seinen Bruder an. „Also, was ist so wichtig, dass es nicht bis nach dem Abendbrot warten kann?“

Antonio holte noch einmal tief Luft, bevor er Ricardos Frage beantwortete. „Unsere Existenz ...“

Fassungslos schüttelte Ricardo den Kopf, nachdem Antonio ihm von dem Gespräch mit Carmen berichtet hatte.

„Das ist doch ... völlig unmöglich,“ stammelte er.

„Das dachte ich auch, als Mama mir davon erzählte, aber sie scheint es wirklich ernst zu meinen.“ Antonio blies langsam die Luft aus. „Hast Du gewusst, dass Papa so viele Schulden hatte?“

Ricardo schüttelte den Kopf. „Nein, ich hatte keine Ahnung. Er hat nie mit mir darüber gesprochen, und Mama hat ein großes Geheimnis daraus gemacht!“ Ricardo ballte seine Hände zu Fäusten. „Wenn sie uns nur eher eingeweiht hätten. Dann hätte man vielleicht das Schlimmste verhindern können!“ stieß er aufgebracht hervor.

Antonio nickte mit gesenktem Kopf. „Ja, jetzt ist es zu spät ...“

„Hast Du eine Ahnung, wer der Interessent ist?“ fragte Ricardo.

„Nein.“ Antonio schüttelte den Kopf.

„Das lässt sich ja herausfinden.“ Ricardo schaute auf die Uhr. „Verdammt, jetzt ist es zu spät!“

„Zu spät? Wofür denn?“ fragte Antonio verständnislos.

„Ich werde gleich morgen einen Termin mit Mister Potter, Mamas Finanzverwalter, ausmachen. Wenn einer über unser Vermögen bescheid weiß, dann er!“

Antonio nickte zustimmend. „Gute Idee, aber meinst Du nicht, dass wir Mama vorher davon unterrichten sollten?“

Ricardo schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Es ist besser, wenn sie nichts davon weiß. Das würde sie nur unnötig aufregen.“

Nachdenklich sah Antonio seinen Bruder an. „Du vertraust Ihr nicht, oder?“

“Ich weiß nicht,” erwiderte er zögernd,” Mama verhält sich seit einiger Zeit so merkwürdig. Ich habe schon seit längerem das Gefühl, dass sie uns etwas verschweigt, und ich werde herausfinden, was es ist.“

Antonio zwang sich zu einem Lächeln. „Ich wünsche Dir viel Glück dabei.“

Ricardo sah seinen Bruder nachdenklich an. „Ich weiß, was Du damit sagen willst. Keiner stellt sich gegen die mächtige Carmen Torres, - aber ich werde nicht tatenlos zusehen, wie sie unser aller Leben zerstört!“ Er drehte sich um und ging zur Tür.

„Auf diese Nachricht brauche ich jetzt erst einmal etwas Hochprozentiges!“

Verwirrt sah Antonio ihn an. „Wohin gehst Du?“

„Ins Deep. Hast Du Lust mitzukommen?“

Antonio schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nichts für mich. Warum fragst Du nicht Raquel?“

„Danke für den Tipp, kleiner Bruder!“ Ricardo klopfte Antonio auf die Schulter und rannte dann die Treppe hinauf.

The Deep

Unmutig mixte Cecilia einem Gast einen Drink, während sie ihren Blick durch den Raum schweifen ließ. Normalerweise freute sie sich, wenn das Haus voll war, aber heute hätte sie lieber ihre Ruhe gehabt.

„Hier bitte, Ihr Drink - macht 2 Dollar 50,“ sagte sie knapp, während sie dem Gast am Tresen seinen Cocktail zuschob.

Randy, der sie die ganze Zeit über beobachtet hatte, kam von seinem D.J. Pult zu ihr herüber. „Mensch, Cecilia, reiß Dich mal zusammen!“ mahnte er sie. „Mit Deiner miesen Laune vertreibst Du uns noch die Gäste.“ Tatsächlich hatte der Gast, nachdem er seinen Drink bekommen hatte, gleich das Weite gesucht.

„Kümmere Dich um Deine Angelegenheit!“ giftete Cecilia ihn an. „Ich brauche kein Kindermädchen, dass mir sagt, was ich zu tun oder zu lassen habe!“

„Das ist auch meine Angelegenheit,“ gab Randy zu bedenken. „Wenn alle gehen bin ich arbeitslos!“

„Geh und verschwinde zu Deiner Musikanlage!“ Cecilia hatte das Handtuch, dass sie in der Hand gehalten hatte zu einer Schlange gerollt und schnippte damit nach ihm.

„Aua.“ Widerwillig trat Randy den Rückzug an, während er ihr böse Blicke zuwarf.

„Blödmann!“ zischte Cecilia leise hinter ihm her.

Seit ihrer Auseinandersetzung mit Gabi war ihre Laune auf dem Nullpunkt. Cecilia empfand es als ungerecht, dass ihre kleine Schwester nur mit dem Finger zu schnippen brauchte, damit sich alle ihre Wünsche erfüllten während sie selber sich alles hart erarbeiten musste. Schon als sie noch Kinder waren, war Gabi Jedermanns Liebling gewesen. Cecilia spürte, wie ihr beim Gedanken an Gabi die Galle hochkam. ‚Nur ruhig!’ ermahnte sie sich selber. Wer weiß, tröstete sie sich, vielleicht hatte Ricardo ja bald die Nase voll von ihr, und dann würde sie da sein, um ihn zu trösten ... Cecilia war so in ihre Tagträume vertieft, dass sie das Paar erst bemerkte, als es an einem Tisch in der Nähe der Tanzfläche platz nahm. Kaum ihren Augen trauend ging sie auf die beiden zu.

„Hallo Ricardo! Welch angenehme Überraschung ...“ Sie musterte kritisch seine Begleiterin. „Möchtest Du uns nicht miteinander bekannt machen?“

Ricardo zog spöttisch die Augenbrauen nach oben. „Ich denke nicht, Cecilia,“ konterte er geschickt. „Es reicht, wenn Du uns beiden einfach ein Bier bringst.“

„Natürlich, kommt sofort.“ Mit hochrotem Kopf und erhobenen Hauptes ging Cecilia zurück hinter den Tresen.

Während sie für Ricardo und seine Begleitung das Bier zapfte, stieß sie leise Flüche aus. Zu gerne hätte sie mehr über die junge Frau erfahren, die mit ihm am Tisch saß. Misstrauisch beäugte sie die beiden. Wer war die Frau, und in welchem Verhältnis stand sie zu Ricardo? Cecilia war nicht schlecht erstaunt als sie sah, wie Ricardo der jungen Frau seinen Arm bot und sie zur Tanzfläche führte. ‚Dieser Schuft!’ dachte sie. Behauptet, dass er in Gabi verliebt wäre und turtelt dann ungeniert mit einer anderen herum! Cecilia brachte die Biergläser zum Tisch und stellte sie unsanft ab. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie das Paar den Tanz beendete und zum Tisch zurückkam.

„Ich wünsche den Herrschaften noch einen schönen Abend,“ sagte sie provokant lächelnd, bevor sie sich zurückzog.

Sie fühlte Ricardos stechenden Blick in ihrem Rücken, als sie sich umdrehte und zum Tresen zurückging. Ein gehässiges Lächeln umspielte dabei ihre Lippen. ‚Ich weiß etwas, was Du mit Sicherheit noch nicht weißt, liebes Schwesterlein!’ dachte sie, und mit einem Mal war ihre schlechte Laune verflogen.

Seabreeze Hotel – in Gabis Zimmer

Gabi war gerade dabei, ihr Frühstück einzunehmen, als sie das Telefon klingeln hörte. Leicht ungehalten über die frühe Störung hob sie ab.

„Gabi Martinez,“ meldete sie sich.

„Gabi, hier ist Cecilia.“

„Was willst Du?“ fragte Gabi kurz angebunden. „Ich frühstücke gerade.“

„Darüber möchte ich nicht so gerne am Telefon sprechen,“ erwiderte Cecilia ausweichend.

Genervt blies Gabi sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Sag was Du willst, und dann lass mich in Ruhe! Ich denke, dass wir zwei vorläufig nichts mehr miteinander zu besprechen haben.“

„Gabi, bitte ...!“

Gabi glaubte, sich verhört zu haben. Cecilia bat um etwas? Dann musste es wirklich wichtig sein. Ein furchtbarer Gedanke schoss ihr plötzlich durch den Kopf.

„Rufst Du wegen Papa an? Geht es ihm schlechter?“ fragte sie beunruhigt.

Einen Moment hörte sie nur Cecilias Atem.

„Cecilia, antworte mir! Ist es wegen Papa?“ wiederholte Gabi ihre Frage.

„Wir sollten darüber nicht am Telefon reden,“ sagte Cecilia nach einer ganzen Weile.

„Na gut, dann komme ich später bei Dir vorbei,“ gab Gabi seufzend nach. „Ich muss sowieso noch einige Sachen holen.“

„Fein. Ich erwarte Dich dann.“ Cecilia legte den Hörer auf, bevor Gabi noch etwas erwidern konnte.

Für einen Moment blieb sie nachdenklich auf dem Bett sitzen und überlegte, was sie nun tun sollte. Vielleicht sollte sie selber im Sanatorium anrufen und sich nach dem Gesundheitszustand ihres Vaters erkundigen, überlegte sie. Gabi schämte sich ganz plötzlich dafür, dass sie ihn in der letzten Zeit so vernachlässigt hatte. Natürlich war Cecilia immer da gewesen und hatte Grüße von ihr ausrichten lassen, aber das war nicht dasselbe, als wenn sie ihn persönlich besucht hätte. Gabi öffnete ihre Tasche und zog ein Foto hervor, dass sie mit Cecilia und ihrem Vater zeigte. Tränen standen plötzlich in ihren Augen, während sie es betrachtete. „Was ist nur geschehen, dass wir uns so fremd geworden sind?“ fragte sie leise. Sie schob ihr Essentablett zur Seite und stand auf. Es wurde Zeit, sich fertig zu machen. Gabi nahm aus ihrem Schrank eine Hose und eine Bluse und ging damit hinüber zum Badezimmer.

SB Medical Center

Ricardo stand vor der Tür zum Krankenzimmer seiner Mutter und atmete noch einmal tief durch, bevor er ohne Anzuklopfen die Klinke herunterdrückte und das Zimmer betrat.

Carmen legte das Buch zur Seite, in dem sie gerade gelesen hatte und sah ihrem ältesten Sohn stirnrunzelnd entgegen. „Ricardo! Mit Dir hatte ich jetzt noch gar nicht gerechnet. Musst Du denn heute gar nicht arbeiten?“ fragte sie erstaunt.

„Ich habe mit einem Kollegen den Dienst getauscht,“ antwortete Ricardo ausweichend. „Ich hatte Wichtigeres zu erledigen.“

„Was könnte denn wichtiger sein als Deine Arbeit?“ fragte Carmen erstaunt.

Ricardo ging ein paar Schritte auf das Krankenbett seiner Mutter zu und sah ihr tief in die Augen. „Meine Zukunft ...“ erwiderte er knapp.

Carmen begann nervös an ihrer Bettdecke herumzunesteln, während sie schnell ihren Blick senkte. „Du hast mit Antonio gesprochen, nicht wahr?“

„Allerdings! Und nicht nur das ...“ Er beugte sich tiefer zu Carmen herab. „Ich hatte vorhin eine Unterredung mit Mister Potter ...“

„Du hattest was ...?!“ Mit einem entsetzten Blick sah Carmen ihn an, doch schließlich gewann die Wut die Oberhand. „Was fällt Dir ein, ohne mein Einverständnis in meinen Privatangelegenheiten herumzuschnüffeln?!“ schrie sie wütend.

„Deine Privatangelegenheiten?“ Ricardo schüttelte den Kopf. „Du irrst Dich, wenn Du glaubst, dass nur Du alleine über alles bestimmen kannst. Ich lebe schließlich auch dort!“

„Nicht mehr lange ...“ Weiter kam Carmen nicht, denn Ricardo hatte sie an den Oberarmen gepackt und schüttelte sie leicht.

„Verdammt, was sollen diese Spielchen?“ fragte er aufgebracht. „Du hast Antonio gegenüber behauptet, dass Du das Haus und das Grundstück verkaufen willst, um die hohe Schuldensumme zu begleichen, die Papa Dir hinterlassen hat.“

„Das ... das stimmt auch,“ erwiderte Carmen mit heiserer Stimme.

„Du lügst!“ Ricardo schrie die Worte förmlich heraus. „Mit dem Verkauf der Stallungen sind die Schulden mehr als getilgt.“ Er ließ sie los und atmete schwer. „Mister Potter war so freundlich, mir einen Einblick in unsere Konten zu gewähren. Es gibt keinen Grund, das Haus oder gar das Grundstück zu verkaufen. Was soll das ganze also?“

Carmen hatte die Hände ineinander verschränkt, damit Ricardo nicht sehen konnte, dass sie zitterten. „Ich ... ich kann es Dir nicht sagen.“ Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Bitte Ricardo,“ flehte sie ihn an,“ vertrau mir! Ich tue das nur zu Eurem Besten!“

„Ich soll Dir vertrauen?“ Ungläubig sah Ricardo sie an. „Nachdem Du mich belogen und hintergangen hast? – Nein, Mama, das ist ein bisschen viel verlangt!“ Er zog sich einen Stuhl heran und nahm platz. „Ich habe viel Zeit, und wenn es bis Mitternacht dauern sollte,“ sagte er ruhig.

Carmen sah ihn mit einem misstrauischen Blick an. „Was ... was willst Du damit sagen?“ fragte sie mit tonloser Stimme.

„Das ich hier solange sitzen bleibe,“ sagte Ricardo entschlossen,“ bis Du mir gesagt hast, was los ist!“




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF


Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zuletzt von Mona am 08.09.2019 - 13:28.
Beitrag vom 11.05.2017 - 17:34
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Mona ist offline Mona  
1423 Beiträge - Hardcoreposter
Mona`s alternatives Ego
Kapitel 23


SB Medical Center

Mit einer Mischung aus Verzweifelung und Panik sah Carmen ihren Sohn an, bevor sie sich mit einem Ruck die Kabel, die mit dem Herzmonitor verbunden waren, vom Körper riss,. „Lieber sterbe ich!“ schrie sie.

Ricardo war zu geschockt, um reagieren zu können. Fassungslos sah er sie nur an, während der lang gezogene Warnton des Herzmonitors den gesamten Raum erfüllte. Nur wenige Sekunden später wurde die Tür aufgerissen und ein Arzt und eine Krankenschwester stürzten herein.

„Bitte, Mister Torres, Sie müssen jetzt gehen! Wir kümmern uns um ihre Mutter.“ Freundlich aber bestimmt schob die Krankenschwester Ricardo aus dem Krankenzimmer.

„Aber ich ...“ protestierte er schwach, doch die Schwester hatte bereits die Tür hinter ihm geschlossen.

Wie betäubt ging Ricardo den Krankenhausflur entlang, bevor er sich im Warteraum auf eine Bank setzte. Carmens heftiger Gefühlsausbruch hatte ihm einen Schock versetzt. Niemals hätte er gedacht, dass sie so weit gehen würde, ihr Geheimnis zu bewahren. Was verbarg sie vor ihm, dass sie lieber sterben würde als es ihm anzuvertrauen? Stöhnend griff er sich an die Stirn. Er wusste nicht, wie lange er dort ausgeharrt hatte, doch plötzlich hörte er eine Stimme.

„Mister Torres?“

Erschrocken hob Ricardo den Kopf.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben ihre Mutter medizinisch versorgt, und es geht ihr soweit gut.“

Ricardo stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. „Kann ... darf ich zu ihr?“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Wir haben ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Sie wird jetzt erst einmal eine Weile schlafen.“ Nachdenklich sah der Arzt ihn an. „Können Sie mir sagen, was ihre Mutter so aufgeregt hat? Haben sie beide sich vielleicht gestritten?“

Ricardo schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß nicht warum sie ...“ er schluckte hart,“ ... das getan hat.“

Der Arzt nickte. „In Ordnung.“ Nachdenklich strich er sich über sein Kinn. „Von der medizinischen Seite her ist ihre Mutter stabil. Was mir mehr Sorgen macht ist ihre seelische Verfassung.“

Ricardo nickte. „Sie hat schon seit längerer Zeit Alpträume,“ sagte er leise. „Sie wacht nachts oft schreiend auf und kann sich an nichts erinnern ...“

„Möglicherweise könnte ein Psychologe ihrer Mutter helfen,“ schlug der Arzt vor.

„Ja, vielleicht ...“ erwiderte Ricardo.

Der Arzt lächelte. „In Ordnung. Ich werde mich darum kümmern,“ versprach er. Er nickte Ricardo noch einmal zu, bevor er sich umdrehte und den Warteraum verließ.

Cecilias Appartement

Nervös schaute Cecilia auf die Uhr. Es war bereits einige Stunden her, seitdem sie mit Gabi telefoniert hatte und mittlerweile war sie sich auch nicht mehr so sicher, ob sie wirklich kommen würde. Cecilia ging ins Wohnzimmer und drehte die Stereoanlage an. Wenn sie nervös war, half es ihr immer, sich mit Musik abzulenken. Während die ersten Takte des klassischen Stücks ertönten, passte sich Cecilias Körper automatisch dem Rhythmus an. Sie schloss die Augen und ließ sich von der Musik tragen.

„Du hättest niemals mit dem Tanzen aufhören sollen.“

Erschrocken öffnete Cecilia die Augen und hielt in ihrer Bewegung inne. „Gabi ... ich habe Dich nicht hereinkommen hören.“ Cecilia ging zur Stereoanlage und drückte auf die „Stop“ Taste.

„Weißt Du, dass es für mich damals nichts Schöneres gab, als Dir beim Tanzen zuzusehen?“ fragte Gabi leise.

Cecilia schüttelte den Kopf. Sie verspürte mit einem Mal einen dicken Kloß in ihrem Hals.

„Ich kann mich noch erinnern, wie Du damals bei der Schulaufführung mitgetanzt hast,“ sagte Gabi lächelnd. „Du hattest so ein rosafarbenes Kleid an mit viel Tüll und Schleifchen, und Papa hatte Dir eine farblich dazupassende Haarschleife ins Haar gebunden ...“ Gabi schluckte bei der Erinnerung daran. „Du hast so wunderschön darin ausgesehen,“ fuhr sie fort,“ und ich war so stolz auf Dich!“

Cecilia räusperte sich. „Wann ... wann war das?“ fragte sie.

„Ich glaube, es war Dein erstes Jahr im Ballett,“ sagte Gabi nachdenklich. „Ich fand schon damals, dass Du ein wirklich großes Talent warst.“

Überrascht sah Cecilia ihre Schwester an. „Wirklich? Du fandest mich gut? Aber das ... hast Du mir nie gesagt.“

„Du warst schon eingebildet genug,“ meinte Gabi schmunzelnd.

Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über Cecilias Gesicht. Für einen Moment trafen sich die Blicke der Schwestern, und Cecilia verspürte einen Stich in der Magengegend.

„Okay, genug der Gefühlsduseleien, kommen wir zur Realität zurück,“ unterbrach Gabi diesen magischen Moment. „Was ist mit Papa?“

Cecilia brauchte eine Weile, um zur Gegenwart zurückzufinden. „Was soll mit ihm sein?“ fragte sie irritiert.

„Du hast mich doch angerufen, um mit mir über Papa zu reden,“ sagte Gabi mit gerunzelter Stirn. „Oder etwa nicht?“

Cecilia schüttelte den Kopf. „Da hast Du etwas missverstanden,“ erwiderte sie. „Ich habe Dich nicht wegen Papa angerufen sondern wegen ... Ricardo.“

Gabi verdrehte genervt die Augen. „Hätte ich mir ja denken können!“ sagte sie spöttisch. „Okay, jetzt hast Du mich ja hier. Sag was Du zu sagen hast!“

Cecilia konnte es sich nicht erklären, aber mit einem Mal hatte sie plötzlich Skrupel ihrer Schwester von Ricardo und der anderen Frau zu erzählen.

„Ich weiß, dass Du auf meine Meinung keinen großen Wert legst,“ begann sie zögernd,“ aber ich möchte Dich bitten, über den Umzug ins Gästehaus noch einmal nachzudenken.“

Verständnislos sah Gabi sie an. „Wieso?“

„Ich könnte Dir tausend Gründe dafür nennen, aber der Wichtigste ist wohl, dass Du ihn einfach noch zu wenig kennst. Du weißt doch gar nichts über ihn,“ gab Cecilia ihr zu Bedenken.

„Die Rolle der barmherzigen Schwester passt nicht zu Dir,“ bemerkte Gabi spöttisch. „Und falls Du es noch nicht bemerkt haben solltest,“ fügte sie hinzu,“ ich bin volljährig und brauche keine Mutter mehr!“

„Ich habe nie ...“ begann Cecilia, doch Gabi unterbrach sie barsch.

„Du hast mich manipuliert, so lange ich denken kann!“ brach es aus Gabi heraus. „Du hast Dir nach Mamas Tod in der Führerrolle der großen Schwester sehr gefallen und alles getan, um mich vor Papa schlecht dastehen zu lassen. Ich habe Deine Missgunst und Deinen Hass all die Jahre ertragen müssen, aber nun ist Schluss damit!“ Gabi ging ein paar Schritte auf Cecilia zu und sah ihr fest in die Augen. „Und wenn Du es wagen solltest, Ricardo zu nahe zu kommen, wirst Du es bitter bereuen!“

Gabi ging zur Stereoanlage und drehte die Musik wieder an. „Wenn Du Papa siehst sag ihm, dass ich ihn bald besuchen werde.“

Cecilia nickte stumm, während sie nach wie vor bewegungslos an einer Stelle stand. Sie hörte das Zufallen der Haustür und wusste, dass Gabi das Appartement verlassen hatte.

SBPD

„Ricardo?“ Überrascht schaute Victor von seiner Arbeit auf, als er sah, wie Ricardo das Polizeibüro betrat und an seinem Schreibtisch platz nahm. „Ich dachte, Du hättest heute Deinen freien Tag!“

„Habe ich auch,“ gab Ricardo knapp zur Antwort. „Lass Dich nicht von mir stören, ich bin gleich wieder verschwunden.“

Irritiert beobachtete Victor, wie Ricardo seinen PC einschaltete und hektisch die Tastatur bearbeitete.

Neugierig schaute Victor ihm über die Schulter. „Privatdetekteien?“ las er laut vor, was auf dem Bildschirm stand. Überrascht sah er Ricardo an. „Was willst Du denn mit einem Privatdetektiv?“

„Sorry, aber das geht Dich nichts an,“ sagte Ricardo leicht genervt.

„Willst Du den für Dich oder geht es dabei um einen neuen Fall?“ bohrte Victor weiter.

„Hat Dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass Du manchmal ziemlich nervig sein kannst?“ stellte Ricardo eine Gegenfrage.

„Nicht in den letzten 24 Stunden,“ antwortete Victor grinsend. Er räusperte sich. „Jetzt mal im ernst, wenn Du irgendwelche Schwierigkeiten hast, würde ich Dir gerne helfen. Schließlich sind wir Partner!“

„Danke, Victor, aber ich komme schon alleine klar.“

Ricardo kritzelte einige Adressen auf einen Notizblock und riss das Blatt ab. Dann schaltete er den Bildschirm wieder aus und stand auf. „Okay, das war’s dann schon. Ich wünsche Dir noch ein frohes Schaffen.“

Irritiert schaute Victor Ricardo nach, als dieser wieder eilig das Polizeirevier verließ.

SB Medical Center

Nachdenklich starrte Carmen auf die Karten, die sie vor sich auf dem Bett ausgebreitet hatte. In der Vergangenheit hatte sie dort immer Antworten auf ihre Fragen bekommen, doch diesmal war es, als würden sich die Karten wehren, Auskunft über die Zukunft zu geben. Mit einer unwirschen Handbewegung fegte sie die Karten vom Bett und schaute erschrocken auf, als sich die Tür öffnete und ein grauhaariger schnurbärtiger Mann den Raum betrat.

„Misses Torres? Ich bin Dr. Forsythe,“ stellte er sich vor, während er Carmen über den Rand seiner Brille hinweg prüfend musterte. Langsam bückte er sich und hob eine Karte auf. „Sie glauben also, dass sie hier drin die Lösung für ihre Probleme finden?“ fragte er.

Carmen ignorierte seine Frage und sah ihn misstrauisch an. „Wer sind Sie?“

„Ich bin der Krankenhauspsychiater,“ erklärte der Arzt.

„Psychiater?“ Carmen schüttelte den Kopf. „Was soll ich mit einem Psychiater? Ich hatte einen Herzanfall!“

„Das ist schon richtig,“ nickte Dr. Forsythe,“ aber vielleicht sollten wir uns einmal darüber unterhalten, wie es überhaupt soweit kommen konnte.“

„Danke, aber ich brauche keine Hilfe von einem Seelendoktor!“ sagte Carmen mit abweisender Miene. „Wer schickt Sie – mein Sohn?“

Dr. Forsythe strich sich nachdenklich über seinen Bart. „Ihre Familie macht sich Sorgen um Sie, Misses Torres. Wir sollten vielleicht einmal über ihre Alpträume reden und den Vorfall, der heute Vormittag passiert ist ...“

„Nein!“ Carmen setzte sich ruckartig auf. „Ich bin nicht an ihren Quacksalbereien interessiert,“ sagte sie wütend. „Es geht meiner Seele ausgezeichnet. Ich will nur noch gesund werden und möglichst schnell nach Hause!“

„Misses Torres, seien Sie doch vernünftig!“ sagte Dr. Forsythe eindringlich. „Sie brauchen Hilfe!“

„Nein!“ sagte sie trotzig, während sie dem Arzt einen bösen Blick zuwarf. „Suchen Sie sich jemand anderen, den sie therapieren können!“

Dr. Forsythe rückte seine Brille zurecht und räusperte sich. „Wie Sie meinen,“ gab er nach. „Ich werde in meinem Bericht vermerken, dass Sie die Behandlung verweigert haben.“

Mit einem gequälten Gesichtsausdruck sah Carmen dem Arzt hinterher, als er das Krankenzimmer verließ.

Java Web

„Können Sie nicht aufpassen!“ Wütend sprang der Gast auf, während er vergeblich versuchte, den immer größer werdenden Kaffeefleck mit einem Taschentuch von seinem Hosenbein zu entfernen.

„Tut mir wirklich leid, Sir!“ stammelte Raquel mit hochrotem Kopf. „Ich werde Ihnen sofort einen neuen Kaffee bringen.“

"Danke, ich glaube fürs erste hatte ich genug davon!" Er warf eine Münze auf den Tisch und ging kopfschüttelnd aus dem Laden.

Mit zitternden Händen versuchte Raquel, die Scherben der zerbrochenen Kaffeekanne aufzuheben und schalt sich dafür, dass sie so ungeschickt gewesen war.

Mark, der die ganze Szene vom Tresen aus beobachtet hatte, ging mit Handfeger und Kehrschaufel bewaffnet zu ihr hinüber. „Hier, damit geht es leichter. Nicht, dass Du Dich noch schneidest. Und da dies der letzte Gast war, können wir dann auch so langsam Feierabend machen.“

Dankbar sah Raquel ihn an, während sie auf einem Stuhl platz nahm. „Ich bin keine besonders gute Werbung für Deinen Laden,“ sagte sie seufzend.

Mark lächelte. „Lass Dich nicht gleich entmutigen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ Nachdenklich sah er sie an. „Wie ist das denn überhaupt passiert?“

„Ich bin eben doch noch nicht so geübt im Jonglieren von Tabletts, und diese Dinger da,“ sie wies genervt auf ihre hochhackigen Schuhe,“ sind mir dabei auch gerade keine große Hilfe!“

Mark unterdrückte mühsam ein Schmunzeln. „Wenn Du damit nicht laufen kannst, weshalb ziehst Du sie dann an?“ fragte er.

„Weil es sich für eine Dame aus gutem Hause so gehört,“ zitierte Raquel Madame Carmen.

„Es ist mir egal, welche Sorte Schuhe Du trägst,“ erwiderte Mark. „Zieh an, worin Du Dich wohl fühlst.“ Er wies an sich herunter. „Ich laufe auch meist nur in Jeans und Turnschuhen herum, und bisher hat sich noch kein Gast darüber beschwert.“

„Ich glaube, dass es auch komisch aussehen würde, wenn Du hier im Anzug bedienen würdest,“ erwiderte Raquel grinsend.

Sie nahm Mark Handfeger und Kehrschaufel aus der Hand und kniete sich auf den Fußboden, um die Scherben aufzufegen.

Sein „Pass auf!“ kam zu spät.

Raquel schrie leise auf, als sich eine der Scherben in ihre Kniescheibe bohrte. Mark half ihr beim Aufstehen und setzte sie vorsichtig auf dem Stuhl ab.

„Das sieht nicht gut aus,“ stellte er nach einem ersten Blick auf ihr blutendes Knie fest.

„Hast Du kein Pflaster?“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht sah Raquel ihn an.

Mark schüttelte den Kopf. „Da hilft kein Pflaster. Die Scherbe steckt noch in der Wunde, und so lange wie die nicht entfernt ist, wird das Bluten nicht aufhören.“

Er ging zum Tresen zurück und griff nach dem Telefon.

„Was ... was hast Du vor?“ fragte Raquel mit zitternder Stimme.

„Ich rufe ein Taxi, und dann fahren wir ins Krankenhaus.“

„Krankenhaus?“ Raquel sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Ich will aber nicht ins Krankenhaus!“ protestierte sie.

„Oh doch!“ erwiderte Mark entschlossen. Er holte ein sauberes Handtuch und drückte es Raquel in die Hand. „Hier, halte es vorsichtig an die Wunde.“

Es dauerte nur wenige Minuten, bis das Taxi erschienen war. Mark hob Raquel vom Stuhl und trug sie zum Taxi hinüber.

„Zum SB Medical Center, und bitte beeilen Sie sich!“

SB Medical Center

Das Taxi hielt vor dem Krankenhaus, und Mark half Raquel vorsichtig aus dem Wagen heraus. Ihr Protest war nur schwach, als er sie hoch hob und mit ihr das Krankenhausgebäude betrat.

„Meine Freundin hat sich am Knie verletzt,“ sagte er zu der Dame am Empfang.

Diese warf nur ein kurzen Blick auf Raquel und wies dann den Gang hinunter. „Bringen Sie sie gleich in den Behandlungsraum 2, den Gang entlang und dann die zweite Tür links. Ich sage dem Arzt bescheid.“

Mark nickte und folgte der Aufforderung. Er setzte Raquel im Behandlungsraum vorsichtig auf der Liege ab. „Keine Angst, ich lasse Dich nicht alleine,“ sagte er und drückte beruhigend ihre Hand.

„Danke.“ Raquel nahm vorsichtig das Handtuch zur Seite und stellte fest, dass die Wunde immer noch nicht aufgehört hatte zu bluten. Ängstlich sah sie Mark an.

„Ich bin sicher, dass der Arzt gleich kommen wird,“ sagte er tröstend.

Raquel schloss ihre Hand fester um seine. Sie war froh, dass sie in dieser Situation jemanden bei sich hatte, der ihr beistand.

Beide schauten hoch, als der Arzt den Raum betrat. Mark erklärte ihm in kurzen Worten, was geschehen war.

„Ich werde ihnen eine Spritze geben, und dann werde ich den Splitter entfernen,“ erklärte er Raquel, nachdem er die Wunde untersucht hatte. „Möchten Sie, dass Ihr Freund hier bleibt?“

Raquel nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Sie legte sich auf die Liege und schloss die Augen. Sie spürte, wie Mark sie leicht an der Wange berührte.

Der Arzt gab Raquel eine Spritze und begann mit der Versorgung der Wunde.

„So, ich bin fertig,“ sagte er, nachdem er den Splitter entfernt, die Wunde gereinigt, desinfiziert und verbunden hatte.

Vorsichtig setzte Raquel sich auf. Sie fühlte sich leicht schwindelig. „Kann ... darf ich laufen?“ fragte sie leise.

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Sie sollten das Knie in der nächsten Zeit möglichst schonen,“ antwortete er. Er wandte sich an Mark. „Sie können sie jetzt mit nach Hause nehmen, aber in zwei Tagen kommen Sie bitte zum Verbandwechsel wieder,“ ordnete er an. Er lächelte Raquel noch einmal aufmunternd zu und verließ dann den Behandlungsraum.

„Ich bin erst eine Woche hier,“ sagte sie seufzend,“ aber seitdem hatte ich wirklich nur Pech!“

Mark lächelte. „Sieh es positiv,“ sagte er,“ es kann nur noch besser werden.“

Raquel lächelte gequält. „Oder noch schlimmer!“ Sie dachte an ihre Unterhaltung mit Madame Carmen und verspürte plötzlich ein dumpfes Gefühl in ihrem Magen. Diese Angelegenheit war noch nicht erledigt.

„Kannst Du gehen, wenn ich Dich stütze?“ fragte Mark in ihre Gedanken hinein.

„Es wird schon gehen,“ sagte Raquel. Bittend sah sie ihn an. „Kannst Du mich nach Hause bringen?“

Mark nickte. „Wir teilen uns einfach wieder das Taxi.“

Er half Raquel aufzustehen und nahm ihren Arm. Gemeinsam mit ihm humpelte sie zum Ausgang.




"When the moon rises early just as the Santa Ana winds kick up out of nowhere and the sun is just dropping out of sight, whoever you meet at the far side of the pier is who you're destined to be with."

(Elaine Stevens, January 6, 1997)



"Schatten der Vergangenheit" - FF


Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zuletzt von Mona am 08.09.2019 - 13:27.
Beitrag vom 08.09.2019 - 13:26
Diesen Beitrag melden   nach weiteren Posts von Mona suchen Mona`s Profil ansehen Mona eine E-Mail senden Mona eine private Nachricht senden Mona zu Ihren Freunden hinzufügen zum Anfang der Seite
Baumstruktur - Signaturen verstecken
Seiten (2): < zurück 1 (2) vorheriges Thema   nächstes Thema

Gehe zu:  
Es ist / sind gerade 0 registrierte(r) Benutzer und 56 Gäste online. Neuester Benutzer: doroty666
Mit 4090 Besuchern waren am 31.03.2019 - 03:18 die meisten Besucher gleichzeitig online.
Aktive Themen der letzten 24 Stunden | Foren-Topuser
 
  • ::Status

  • Besucher
    Heute:
    79
    Gestern:
    330
    Gesamt:
    854.074
  • Benutzer & Gäste
    272 Benutzer registriert, davon online: 56 Gäste
 
Alle Inhalte, sofern nicht anders angegeben, wurden von uns selber geschrieben.
Dadurch liegt das Copyright bei http://www.sunset-beach.de und den jeweiligen Autoren. © 2000 - 2009
ACHTUNG: Dieser Urheberhinweis (Copyrighthinweis) darf ohne eine schriftliche Erlaubnis des Autors Marcus "maXus" Merchel von http://www.KitDesign.de nicht entfernt werden. Sollte es zu einer nicht genehmigten Entfernung kommen, so wird dieses vergehen zur Anzeige gebracht und rechtlich Schritte eingeleitet!

:: Style erstellt von Kitdesign.de ::

ACHTUNG: Dieser Urheberhinweis (Copyrighthinweis) darf ohne eine schriftliche Erlaubnis des Autors Marcus "maXus" Merchel von http://www.KitDesign.de nicht entfernt werden. Sollte es zu einer nicht genehmigten Entfernung kommen, so wird dieses vergehen zur Anzeige gebracht und rechtlich Schritte eingeleitet!
  Seite in 0.10255 Sekunden generiert  


Diese Website wurde mit PHPKIT WCMS erstellt
PHPKIT ist eine eingetragene Marke der mxbyte GbR © 2002-2012